Editorial zu "Ein Gesicht bekommen"

Beiträge zur Frage der Identität

Liebe Mitchristen,

 „Was du bist ist Gottes Geschenk an dich, was du aus dir machst ist dein Geschenk an ihn“, sagt ein dänisches Sprichwort. In dem vorliegenden Heft geht es um die Frage: Was macht den Menschen zum Menschen? Wie findet er zu seiner wahren Bestimmung? Auf welchen Wegen findet der Mensch zu seiner Ganzheit? Was heute auf den Universitäten gedacht wird, wird morgen auf den Gassen gelebt – besagt ein Ausspruch des spanischen Philosophen Ortega y Gasset, zitiert von Christl Vonholdt in ihrem Artikel über Gender Mainstreaming. Gründlich beleuchtet werden darin die manipulativen Mechanismen der identitätszerstörenden Gender–Ideologie, welche die Auswechselbarkeit der Geschlechter anstrebt. Alles scheint frei kombinierbar. Abgeschnitten von Tradition und echter Transzendenz sind wir zurückgeworfen auf uns selbst und unsere Wünsche. Der amerikanische Soziologe David Brooks kommt zu dem Schluss: „Die größte Ver­suchung heute ist nicht das Böse, sondern Kurzsichtigkeit.“  Unser Gemeindepfarrer sagte kürzlich in seiner Predigt: „Wer nicht weiß, woher er kommt und was ihn geprägt hat, der hat gute Voraussetzungen, manipuliert zu werden.“ Die Beeinflussung durch die Medien ist groß. Speziell in der Werbung werden verschiedene Bilder von Männern und Frauen entworfen, die gezielt unsere Vorstellungswelt beeinflussen. Welcher Mann möchte nicht auch so ein waghalsiger Draufgänger sein, der jeder Situation spielend gewachsen ist und mit irgendwelchen Superfrauen jederzeit optimalen Sex haben kann? Solche Leitbilder wirken zunächst entlastend – wir brauchen nicht selbst zu überlegen, wer wir sein wollen. Aber früher oder später führen sie in eine Krise, weil das Leitbild perfekt ist, der konkrete Mensch nicht. (Ein typischer Vertreter unserer Zeit ist der erfolgreiche Geschäftsmann: selbstbewusst, gut ­gekleidet, geschliffene Umgangsformen, bis ins Detail organisiert. Nach außen ist er in jeder Hinsicht der Inbegriff von Leistungsfähigkeit und fotogener Dynamik. Das Pendant dazu die Karrierefrau: selbstsicher, aufstiegsorientiert, gut aussehend. Als besonders genial gilt, wenn sie dazu noch eine Familie managt, also Karriere und Familie verbindet. Der Schweizer Unternehmensberater Johannes Czwalina nennt diesen Typ jedoch ein potentielles Opfer von Depressionen. Er schreibt: „Diffuse Ängste vor dem beruflichen Abstieg, vor der Überforderung des anbrechenden Tages plagen ihn, Gedanken des Selbstzweifels, der Leere, der Angst, der totalen Minderwertigkeit. ... Dieser Lebensstil ist der hoffnungslose Versuch, mit ungeeigneten Mitteln die innere Verzweiflung und Unzufriedenheit selbst zu behandeln. ... Bei einer Überdosis an ­Beschäftigung erfolgt eines Tages dann der Zusammenbruch.“  Über den Unterschied von echtem und falschem ­Leiden geht es in dem Artikel von Alex Lefrank. Er ­beschreibt darin einen Weg, um von oberflächlichen Wünschen zum ursprünglichen Sehnen der Seele zu finden. Das Glück des Menschen besteht letztlich nicht darin, dass ihm Bedürfnisse und Wünsche erfüllt werden, sondern darin, mit einem Du im Austausch zu leben. Indem der Einzelne das, was er will und wünscht, zum Gebet macht, wachsen sein Wollen und seine Freiheit allmählich zur Einheit mit dem Willen Gottes, der uns unendlich liebt und das Beste für uns will. Gott will keine geschobenen, sondern innerlich freie Menschen. Gott kommt es auf den Einzelnen an, nicht auf das, was gerade „in“ ist, nicht ­darauf, was alle sagen, denken und tun. Ein Image nach einem vorgegebenen Muster kann man sich aufbauen. Man kann damit auch andere Menschen ­beeindrucken. Dagegen hat ein Mensch, der sich seiner selbst gewiss ist, eine persönliche Ausstrahlung. Wir leben auf, wenn wir einem solchen begegnen. Fragen Sie sich einmal selbst, wann Sie zuletzt ­empfunden haben: Es ist gut, einfach bei mir zu verweilen; ich bin bei mir selbst „angekommen“, und es ist gut, dass es mich gibt?   Ein Aufsatz von Fulbert Steffensky in diesem Heft klärt darüber auf, dass der Weg zu sich selbst nicht im ­Alleingang oder durch eine originalitätssüchtige Selbstbespiegelung zu finden ist. „ Wir müssen es wieder lernen, uns von außen zu verstehen, nicht nur von uns selbst her“, betont der Autor. Gut, dass du da bist! – das möchte Gott uns unentwegt sagen. „Du bist mein geliebter Sohn (meine geliebte Tochter), an dir habe ich Gefallen gefunden.“  Wann haben Sie sich zum letzten Mal persönlich davon angesprochen gefühlt? Haben Sie sich in der letzten Zeit mal eine Auszeit gegönnt, um wieder offen und hellhörig für Gottes persönliches Reden zu Ihnen, seinem Kind, zu werden? Manchmal helfen dazu ein paar Tage in einem ‚Haus der Stille’ oder einem Kloster oder einmal im Monat ein ‚Oasentag’ an einem Ort der Ruhe; nicht zuletzt eine tägliche Zeit zweckfreien Verweilens vor Gott. Ohne solche Zeiten werden wir den ­inneren und äußeren Druck der Anforderungen und der hohen Erwartungen an uns selbst nicht los.Eine Frau, der das Leben zu schwer geworden war, hat während Exerzitien Gottes Liebeserklärung an sich neu gehört:  Du, an dir habe ich Gefallen. Ich spreche dich mit deinem Namen an, sieh auf, sieh mich an, ich habe dir etwas zu sagen. Du, dich meine ich, dich selber, ohne Leistung und Intelligenz, ohne Kreativität und Engagement, ohne deine Kinder, ohne deinen Mann, ohne deine geistreichen Sprüche, ohne alles, auf was du stolz bist, auch wenn du schwach und krank bist, auch wenn du traurig und müde bist, auch wenn du gereizt und wütend bist, auch wenn du grundlose Angst hast, du bist du. Deine bloße Existenz ist genug, du bist mein Kind, du hast deine Wurzel in mir. Ich habe dich so gewollt und geschaffen und ich traue dir zu, dass du auf eigenen Füßen stehst. An dir habe ich Gefallen, an deinem innersten Wesen habe ich meine Freude, du gefällst mir so wie du bist.“  Diese Liebeserklärung Gottes gilt jeder und jedem von uns. Sie kann ihre Kraft in uns entfalten, wenn wir uns gleichsam mit den Augen Gottes sehen lernen, damit sein Bild von uns in uns wirksam ­werden kann. Von der ‚Gnade des Sein-Dürfens’ handelt auch der biographische Bericht von Editha Humburg.  Das ­Eigentliche, was wir Menschen lebenslang suchen, ist eine Person, der wir kostbar sind, für die wir unverwechselbar sind. Wir suchen eine Person, die bereit ist, sich für uns hinzugeben.Spüren wir für einen Augenblick dieser Sehnsucht nach und beten mit den Worten von Johannes vom Kreuz: Du hast mich angeblickt, deine Augen übermittelten mir deine Gnade; darum hast du mich geliebt... Wenn du in mir findest, was schwarz ist, so kannst du mich nun doch anblicken, weil du zuvor mich schon angeblickt und Gnade und Schönheit in mir zurückgelassen hast. In solchem Schauen, das uns uns selbst neu sehen lernt, mit Ihnen verbunden, grüßt Sie herzlich

Ihr Rudi Böhm

Von

  • Rudolf M. J. Böhm

    Sozialpädagoge, gehört mit seiner Frau Renate zur OJC-Auspflanzung in Greifswald, wo er u.a. als Seelsorger aktiv ist.

    Alle Artikel von Rudolf M. J. Böhm

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