Was ich will

Zum Unterschied zwischen echtem und falschem Leiden

Alex LeFrank SJ

Die überraschende Ausgangsfrage

Das Ziel der Geistlichen Übungen, wie sie ­Ignatius in seinem Exerzitienbuch darlegt, ist eindeutig: „…den göttlichen Willen in der Einstellung des ­eigenen Lebens zum Heil der Seele zu suchen und zu finden.“ Bei dieser klaren, das ganze Exerzitien­buch wie ein roter Faden durchziehenden Ausrichtung auf den Willen Gottes kann es einen in Erstaunen setzen, wie wichtig Ignatius das Wollen und Wünschen des Exerzitanten nimmt. Als Vor­übung durchziehen die ganzen Exerzitien die ­Anweisung: „... um das bitten, was ich will und wünsche.“ Wenn es darum geht, mein Leben nach dem Willen Gottes auszurichten, ist es dann noch wichtig, was ich will und wünsche? Wäre es nicht besser, das so schnell wie möglich zu vergessen oder – noch besser – sich diese Frage erst gar nicht zu stellen? Sollten wir dann nicht unser ganzes Bemühen darauf richten, „dass wir uns gegenüber allen geschaffenen Dingen … indifferent ­machen“?
Tatsächlich erfährt man als Begleiter inner- und ­außerhalb von Exerzitien immer wieder, dass Menschen auf die Frage: „Was wünschest und ersehnst du dir jetzt von Gott?“ keine Antwort haben. Es entsteht dann im Gespräch ein Schweigen, in dem Ratlosigkeit oder Verlegenheit spürbar wird. Manchmal kommt dann nach einer Weile eine Antwort, die nicht die spontane Frische von Sehnsucht und Wunsch hat. Es scheint eher etwas Erdachtes zu sein, das da laut wird. Mancher scheint nicht zu wissen, was er will, wohl aber was er wollen sollte.
Ich glaube, dass Ignatius damit nicht zufrieden ­gewesen wäre. Seine Exerzitien hängen zu sehr ­daran, dass der Exerzitant mit seinem existentiellen Wollen und Verlangen ins Spiel kommt. Nur dann greift diese Dynamik. Ist hier der Grund zu suchen, wenn es in Exerzitien nur zögernd zu inneren ­Bewegungen kommt, diese Bewegungen nicht zu tieferen Erschütterungen führen und wenn so eine anhaltende Erneuerung des Lebens ausbleibt?
 
Um was es hier geht, kann man nüchtern mit dem Wort Konfliktfähigkeit benennen. Wo zwei Willen aufeinander treffen, kann es zum Konflikt zwischen den beiden kommen. Ignatius scheint diesen Konflikt zwischen dem Willen Gottes und dem Wollen des Exerzitanten nicht zu scheuen. Er scheint vielmehr davon auszugehen, dass dieser Konflikt da ist und offengelegt werden muss. Indem er ständig danach fragt, was der Exerzitant sucht und will, hilft er ihm dazu, sich sein Wünschen und Wollen einzugestehen und zum Gebet zu machen. Das Gebet rückt so immer mehr von der Oberfläche in die Mitte seines Lebens. Es wird zum Ort existentieller Auseinandersetzung.

Scheinlösungen

Die ersten Erfahrungen mit dem Konflikt zwischen dem eigenen Wollen und dem Willen eines anderen haben wir alle als kleine Kinder gemacht. Sie haben unser späteres Konfliktverhalten vorgeprägt. Für manche Menschen waren diese Ersterfahrungen schmerzlich. Sie waren so schmerzlich, dass eine panische Angst mit ins Leben genommen wurde, dass sich dieselben Erfahrungen wiederholen könnten. Instinktiv wurde eine neue Strategie entworfen, die den Konflikt zwischen eigenem und fremdem Wollen vermeidet. Wie kann das geschehen? Eine Weise ist, auf das eigene Wollen und Wünschen einfach zu verzichten. Man weiß dann nicht mehr, was man will. Auf diese Weise entgeht man dem Schmerz, der dann entsteht, wenn ein geäußerter Wunsch nicht erfüllt, ein eingebrachter Vorschlag abgelehnt, ein gezeigtes Bedürfnis übergangen und einer vorgetragenen Meinung die ­Zustimmung verweigert wird.
Diese Strategie versucht das Problem dadurch zu bewältigen, dass sie es erst gar nicht entstehen lässt. Sie nimmt die Lösung sozusagen vorweg. Um dem von außen, von anderen durch ihr Nein zugefügten Schmerz zu entgehen, fügt man sich selbst Schmerz zu, indem man sich selbst das Nein sagt. Das entspricht unserem Machtbedürfnis: Ich bestimme. Ich kann dann an der Vorstellung festhalten, dass ich mir meine Wünsche erfüllen könnte. Die Kontrolle an der Realität aber wird vermieden.
 
Vielleicht hat uns diese Weise, mit unserem Wünschen umzugehen, in einer bestimmten Situation unserer Kindheit tatsächlich geholfen zu überleben. Aber wenn wir auf Dauer so mit unserem Wünschen und Wollen umgehen, bleibt unser Leben arg eingeengt. Unsere Wünsche können wir nicht ­töten, wir können sie nur verleugnen. In ihnen regt sich unsere Lebensenergie selbst. Wenn wir sie nicht zulassen, blockieren wir unser Leben. Der Konflikt mit der Umwelt, den wir vermieden haben, hat sich nach innen verlagert. Das macht uns krank. Wir erfahren das als Lähmung, Lustlosigkeit, ­Antriebsschwäche, unbestimmte Traurigkeit, Mangel an Lebenskraft und Ausdauer, und wie die ­Symptome depressiver Art alle heißen. Es kann auch die Form von allgemeinem Ärger, Misstrauen, Groll ohne Anlass, Missmut, Neid bis hin zu Hass auf alle, die fröhlich und lebendig scheinen, annehmen. Oft kommt es dabei zu leiblichen Beeinträchtigungen. Es hilft dann nicht viel, diese zu behandeln. Solange die Ursache nicht angegangen wird, ist keine Heilung zu erwarten.
In der Form von Wünschen und Bedürfnissen, Sehnsüchten und Verlangen drängt das Leben in unser Bewusstsein hinein und will gehört und angenommen werden. Schon die verschiedenen Worte deuten darauf hin, dass es sich dabei um ­eine große Vielfalt handelt, die aus verschiedenen Schichten unseres Wesens kommt. Unsere Wünsche widersprechen einander oft. Es ist nicht nur ein Konflikt mit den anderen, der uns Schwierigkeiten macht, sondern der Konflikt, den wir in uns selbst tragen.
 
Eine weitere Weise, dieses Problem zu erledigen, besteht darin, zwar die Wunschregungen zuzu­lassen, aber die Klärung und Entscheidung hin zu einem eindeutigen, zielstrebigen Wollen zu ver­weigern.
Auch das ist eine Form des Nicht-Wissens, was ich will. Unser Wünschen und Sehnen wird ja hervorgelockt und gespeist von den vielen Möglichkeiten, die uns die Welt zeigt. Der Mensch ist nicht wie das Tier von seinen Bedürfnissen und Instinkten eindeutig bestimmt, sondern er hat einen Spielraum, der ihm zur Gestaltung aufgegeben ist. Er muss sich entscheiden, welche der Möglichkeiten, die sich ihm bieten, er verwirklichen will. Er muss unter seinen vielen sich gewiss oft widersprechenden Wünschen den auswählen, den er dann zum zielstrebigen Wollen macht.
Auch dieser Schritt hat eine schmerzliche Seite. Indem ich eine Möglichkeit auswähle, muss ich auf alle anderen verzichten. Im Laufe meines Lebens verabschiede ich mich so immer mehr von vielem, was ich hätte tun und werden können, was ich aber rechts und links meines Weges liegenlassen musste. Ich werde so immer mehr der Mensch, der ich jetzt bin, – auch nur ein Mensch, gewiss einmalig, aber begrenzt. Ich merke, dass es auch mir nicht ge­lungen ist, alles zu verändern, keine Fehler zu ­machen und den großen Beitrag zu leisten, von dem ich geträumt hatte.

Wirklichkeit gewinnen

All das vollzieht sich, indem ich entscheide und das, wozu ich mich entschieden habe, entschlossen verwirkliche. Ich gewinne dadurch Wirklichkeit. Aus der Vorläufigkeit der Ideen und Phantasien wird Endgültigkeit des Lebens. Aus dem Spiel mit vielen Wünschen und Möglichkeiten wird der Ernst der einen, unwiderruflichen Realität. Am deutlichsten ist das in der Wahl von Lebenspartner und Beruf. Nur in der Bindung an einen Menschen wächst Tiefe und Treue zur Beziehung. Nur in der Einschränkung auf ein konkretes Arbeitsfeld kann ich etwas bewirken.
Um dem Schmerz dieser eingrenzenden Einschränkung zu entgehen, versuchen manche auch noch als Erwachsene, an den vielen Wünschen und ­Möglichkeiten festzuhalten, indem sie keine Entscheidungen treffen. Sie halten damit fest an den Allmachtsträumen, mit denen das Kind seine Ohnmacht kompensiert. Sie leben ein Stück weit in ­einer illusionären Welt und merken zunächst nicht, dass sie dadurch die begrenzte wirkliche Macht, die sie haben, gar nicht in Besitz nehmen. Es wird über sie entschieden. Weil sie nicht wissen, was sie wollen, merken sie hinterher, dass sie oft tun, was sie nicht wollten.
Das schürt je länger desto mehr Unzufriedenheit. Diese Unzufriedenheit wird dann auf die anderen projiziert, die mich angeblich in diese Lage gebracht haben. Ein Untergrund von Groll durchzieht das Leben. Das mag sich auch leiblich auswirken. Auch das ist ein Zustand inneren Krankseins. Gesundes Leben heißt entscheiden, heißt Abschiede leben, heißt sich in seinen Grenzen verwirklichen.

Manipulation oder Freiheit?

Wir leben mit anderen Menschen zusammen. Wir können zwar den offenen Konflikt vermeiden; nicht aus der Welt schaffen können wir die Tatsache, dass wir bisweilen etwas anderes brauchen und suchen – wenn auch vielleicht unbewusst – als die anderen uns geben wollen oder können. Wie werden solche Situationen bewältigt, wenn es nicht zum offenen Konflikt kommen darf?
Wir versuchen dann die anderen zu dem zu zwingen, was wir wollen. Manipulieren nennt man das heute. Wenn ich jemanden ins Angesicht schaue und ihn in ruhigem Ton frage, ob er mit mir einen Spaziergang machen möchte, teile ich ihm zweierlei mit: Einmal, dass ich gerne mit ihm einen ­Spaziergang machen möchte; zum anderen, dass ich akzeptiere, wenn er nein sagt. Das mag zwar schmerzlich für mich sein; aber ich bin bereit, diesen Schmerz zu leiden. Mir ist wichtiger, dass er frei entscheidet, als dass ich meinen Spaziergang mit ihm bekomme. Das ist frei gelebte Beziehung. Sie ist voller Überraschungen. Ich kann nicht vorhersagen, ob und wie der andere auf mich eingeht. Aus meiner Einladung zum Spaziergang kann eine freudige oder eine schmerzliche Erfahrung werden.
Manipulieren heißt, den Ausgang zu bestimmen versuchen. Meine Anfrage ist dann im Ton, im Gesichtsausdruck und der Gestik so, dass ich auf den andern Druck ausübe. Ich lasse ihn nicht mehr frei. Ich lasse ihn im voraus fühlen, was passieren wird, wenn er meinem Wunsch nicht entspricht. Die Worte mögen zwar eine Frage sein. Die Botschaft aber enthält zwei Aussagen: Erstens: Ich will, dass du mit mir einen Spaziergang machst. Und ­zweitens: Wenn du nicht tust, was ich will, bestrafe ich dich. Dieser Unterschied zwischen Wort und Botschaft kennzeichnet die Manipulation.
 
Die Bestrafung kann dabei mehr depressiver Art sein: Ich werde krank, ziehe mich zurück, werde traurig usw., d. h. ich appelliere an das Mitleid und die Helferrolle des anderen. Sie kann aber auch eher aggressiv sein: Ich werde ärgerlich, missmutig und ungemütlich, d. h. ich appelliere an das Harmoniebedürfnis und die Schwäche des anderen. In jedem Fall versuche ich, an der freien Entscheidung vorbei die Gefühlsregungen im anderen zu mobi­lisieren, die ich jetzt brauche.
 
Vielfach finden sich in menschlichen Beziehungen Personen zusammen, die einander in der Art, wie sie manipulieren und auf Manipulation reagieren, genau ergänzen. Der depressiv manipulierende sucht und findet meist einen Helfer, der aggressiv manipulierende sucht und findet meist einen, der mit Aggression nicht umgehen kann und nachgibt, oder jemanden, der Aggression mit noch stärkerer Aggression beantwortet und so den andern be­stätigt, dass er nichts wert ist.
 
Ein wichtiges Kennzeichen dieser Art Beziehungen besteht darin, dass sich immer wieder das Gleiche abspielt. Das ist ja auch der Sinn der Manipulation: Sicherheit zu gewinnen. Das wirkliche Leben ist unsicher. Es ist voller Überraschungen, ein Abenteuer. Das Scheinleben ohne Auseinandersetzung und Entscheidung bietet Sicherheit, weil es vorhersehbar und bestimmbar ist.

Falsches und echtes Leid

Jetzt können wir auch den Unterschied zwischen echtem und falschen Leiden erkennen: Das echte Leiden entsteht daraus, dass meine Bedürfnisse, Wünsche und Sehnsüchte von meinen ­Mitmenschen und von Gott nicht immer erfüllt werden.
Ich verlange nach etwas und bekomme es nicht.
Ich liebe einen Menschen, und er antwortet nicht auf meine Liebe.
Ich möchte etwas erzählen, aber die Menschen um mich haben keine Zeit, mir zuzuhören.
Ich sage die Wahrheit, aber meine Bekannten ­glauben mir nicht.
In meinem Wunsch oder Bedürfnis öffne ich mich. Ich werde dadurch verwundbar. Die Ablehnung oder Verweigerung trifft mich. Das schmerzt. ­Zunächst möchte ich vielleicht gar nicht wahr­haben, wie sehr es mich getroffen hat. Dann ­bäume ich mich auf. Ich ärgere mich über mich, dass ich so verletzt bin: über den oder die anderen, dass sie so hart oder böse oder untreu gewesen sind. Vielleicht kämpfe ich so eine Weile, bis ich dem Schmerz richtig Raum geben kann. Dann ist Trauer in mir. Ich weine. Dafür brauche ich, je nach Tiefe der Verwundung, Zeit. Auf diesem Weg geschieht Heilung. Wenn ich so mit meinen Wunden um­gehe, lebe ich gesund. Gott, der Schöpfer meines Lebens, geht mit mir diesen Weg. Im Gespräch mit Ihm taste ich mich dabei voran, lasse mich Schritt für Schritt führen.
 
Das faIsche Leiden ist dagegen der Versuch, das echte Leiden zu vermeiden: Es wird mir nicht von außen, von anderen Menschen, von den Ereignissen des Lebens zugefügt, sondern ich füge es mir selbst zu. Am Ursprung steht zwar ein echtes Leiden, eine wirkliche Wunde. Wahrscheinlich ist sie nie geheilt. In der Reaktion darauf habe ich wesentliche Lebensregungen verleugnet und mich dadurch leiden gemacht.
Dieses Ersatzleiden hat seinen Ursprung nicht in der jetzigen Situation. Diese mag zwar Anlass dafür sein, ist aber nicht die eigentliche Ursache. Deshalb werde ich von falschen Leiden auch nicht dadurch geheilt, dass sich die Situation ändert. Wie wir gesehen haben, hat das falsche Leiden ja gerade den Sinn, die Situation bzw. die darin handelnden Menschen unter Druck zu setzen. Ich versuche, sie verantwortlich zu machen für meine schlechte Lage. Indem sie sich von mir die Verantwortung zuschieben lassen, helfen sie mir im Sinne einer echten Heilung gerade nicht.
Ignatius legt den Finger auf die entscheidende ­Stelle, wenn er darauf besteht, dass ich „um das bitte, was ich will und wünsche“. Er sagt mir damit ganz klar: Du bist verantwortlich dafür, wie du mit deinen Wünschen und deinem Wollen umgehst. Niemand kann dir diese Verantwortung abnehmen.

Ein Weg der Reinigung und Klärung

Wenn diese Selbständigkeit und Eigenverantwortung so weit entwickelt ist, dass derjenige zu ­seinem Wünschen und Wollen stehen kann, kann er sich der Frage stellen, wie er damit vor Gott steht. Oder anders gesagt: Er sieht sich dann vor die Entscheidung gestellt, welchem Verlangen er folgen will: dem Verlangen nach allen möglichen Befriedigungen – langes Leben, Reichtum, Ehre usw. oder dem Verlangen, mit Gott in Gemeinschaft zu leben.
Wenn ich den Willen Gottes tun will, muss ich zu echtem Leiden bereit sein. Ignatius ist sogar der Meinung, dass ich nur dann den Willen Gottes­ ­finden kann – jedenfalls in dem, was über die allgemeingültigen Normen hinaus für meinen ein­maligen Weg gilt –, wenn ich leidensfähig werde. Echte Leidensfähigkeit schließt Konfliktfähigkeit ein. Ich muss so viel Selbststand gewinnen, dass ich ­anderen Menschen widersprechen kann. In der geistlichen Tradition heißt das: Ich darf nicht mehr von Menschenfurcht beherrscht werden, damit ich für die Wahrheit Zeugnis ablegen kann.
In bezug auf mein Wünschen und Wollen enthält die Pädagogik der Exerzitien drei Punkte, die zu diesem Ziel hin beachtet werden sollen:
 
1. Der Exerzitant wird bei jedem Schritt gefragt: Was willst du?
Dieses ständige Nachfragen hilft dem Exerzitanten dazu, in sich hineinzuhorchen und mit seinem ­inneren Sehnen und Suchen in Berührung zu kommen. Dabei wird er immer mehr die Vielschichtigkeit dieser inneren Wunschwelt entdecken. Er wird von den mehr oberflächlichen Wünschen zu tiefen Bedürfnissen und zum ursprünglichen Sehnen ­seiner Seele finden.
Übrigens hat auch Jesus nach dem Zeugnis der Evangelien – gerade im Zusammenhang mit ­Heilung – die Menschen danach gefragt, was sie wollen.
 
2. Der Exerzitant soll das, was er will und wünscht, zum Gebet machen.
Es ist eine falsche Alternative: Entweder ich bekomme, was ich will, oder ich will gar nicht. Es gibt die dritte Möglichkeit: Ich will und lebe in der Offenheit, ob mein Wunsch erfüllt wird oder nicht. ­Falsches Leiden entsteht aus dem – versuchten – Verzicht auf den Wunsch statt auf das Gewünschte. Echtes Leiden ist das Ja zum Wunsch und führt zum Verzicht auf das Gewünschte.
Das Glück des Menschen besteht letztlich nicht darin, dass ihm Bedürfnisse und Wünsche erfüllt werden, sondern darin, in und mit einem Du – letztlich dem unendlichen Du Gottes – in Austausch und Vereinigung zu leben. Alles andere ist darauf bezogen und relativiert.
Wir glauben, dass Gott uns liebt. Dann sind Ihm unsere Sehnsüchte und Wünsche nicht gleichgültig. Deshalb vermögen wir uns mit ihnen Ihm anzuvertrauen. Es ist wichtig, dass wir nicht nur Wünsche anmelden und uns selber aus dem Spiel lassen, sondern dass wir uns selbst in und mit unserer Sehnsucht Ihm anvertrauen. Nur so wird unser Gebet existentiell.
Wenn wir so mit Gott ins Gespräch kommen, klärt sich dabei auch, welcher von den vielen Wünschen, die wir in uns entdecken, jetzt wichtiger ist. Die heilige Schrift ermutigt uns, viel zu erbitten. Gott „gibt uns in seiner Güte mehr, als wir verdienen, und Größeres, als wir erbitten“. Wir dürfen ­also mit all unseren Wünschen zu ihm kommen. Er führt uns auf einen Weg der Klärung, Ordnung und Reinigung. So wächst unser Wollen und unsere Freiheit allmählich zur Einheit mit dem Willen Gottes, der uns unendlich liebt und das Beste für uns will.
 
3. Der Exerzitant soll wachsam und ehrlich die ­Widersprüchlichkeit und Inkonsequenz in seinem Wollen wahrnehmen und nicht im Halbdunkel ­liegen lassen.
Ignatius ist in diesem Punkt unnachsichtig. Es ist dabei wichtig, genau zu sehen, womit er unnach­sichtig ist. Nicht damit, dass wir Widersprüchliches wollen und miteinander unvereinbare Wünsche haben und festzuhalten suchen. Nein, das ist sozu­sagen normal für den Menschen. Unerbittlich ist er in bezug auf die Vernebelung und Lügentendenz, mit der wir darüber hinweggehen. Wir sollen uns ehrlich eingestehen, dass wir Widersprüchliches wollen und damit vor Gott hintreten. Nur dann kann Klärung, Reinigung und Heilung erfolgen. Meist schimpfen wir uns selbst, wenn wir so etwas in uns entdecken, wollen es selber möglichst heimlich in Ordnung bringen und erleiden dabei Schiffbruch. Dann bleibt alles beim Alten. Wir glauben eben Gott nicht recht, dass er mit uns Erbarmen hat.

Copyright: Alex Lefrank, Bühl, mit freundlicher Genehmigung von gcl, Augsburg

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