Mich sehen lernen, wie Gott mich sieht

Rudi Böhm

Einleitung

Im vertrauten (Haus-)Kreis habe ich einmal nachgefragt, was uns bei dem Wort Identität spontan einfällt:
– bei mir selbst angekommen sein,
– bei mir zuhause sein,
– mit mir vertraut sein,
– in mir selber ruhen,
– meine Mitte finden,
– meinem Wesen entsprechend leben,
– wissen, wer ich bin,
– wissen, was ich will,
– mich selbst bejahen können,
– im Reden und Tun übereinstimmen,
   authentisch sein...

"Das kleine Ich Bin Ich"

Ein Kinderbuch, das ich meinen sechs Kindern vorgelesen habe, erzählt die Geschichte eines kleinen, buntgescheckten Wesens, das sich auf die Suche nach seiner Identität begibt. Es zieht durch die Welt und will von den anderen Tieren wissen, wie es heißt, denn es weiß nicht, wer es ist:
„Denn ich bin, ich weiß nicht, wer, dreh mich hin und dreh mich her, dreh mich her und dreh mich hin, möchte wissen, wer ich bin.“
 
Die  verschiedenen Tiere können zwar einzelne Teile des fremden Wesens zuordnen, aber niemand kennt es wirklich. Am Ende kommt es zu dem Schluss, „ich bin ich“ und „du bist du“ und so wie ich bin, bin ich wertvoll und liebenswert. Nach dieser genialen Selbsterkenntnis „ich bin ich“ verändern die Tiere ihr Verhalten. Sie wenden sich nicht mehr schulterzuckend ab, sondern zeigen ihm, was am Ende der Laubfrosch stellvertretend für die anderen ausdrückt: „Du bist du! Und wer das nicht weiß ist dumm. Bumm!“ (Mira Lobe, Das kleine Ich-bin-ich, Jungbrunnen-Verlag)
 
Inzwischen sind alle unsere Kinder erwachsen. Eines unserer wenigen noch zu Hause lebenden Kinder ist vor kurzem ausgezogen mit der Begründung: „Ich möchte mein eigenes Leben finden, das Leben, das zu mir passt.“

Zur Wortwurzel

Von seiner Wortwurzel her kommt das Wort ‚Identität’ vom lateini­schen Wort ‚idem’, was „derselbe“ oder „dasselbe“ bedeutet. Identität ist folglich das, was völlig gleich bzw. wesensgleich mit etwas oder jemandem ist. Man könnte sagen: In seiner Identität lebt derjenige Mensch, der mit sich selbst eins ist – eine echte Persönlichkeit, jemand, der weiß, was er will und dafür geradesteht.
 
Eine nationale Identität erhalte ich, weil ich so bin wie mei­ne Landsleute. Als Deutscher bin ich wie viele andere Deutsche auch, ich bin also mit ihnen identisch. Und wenn ich von meiner geschlechtlichen Identität spreche, dann mei­ne ich damit, dass ich die männlichen Züge habe, die in meiner Kul­tur üblich sind. Es gibt aber eine weitergehende Identität, eine einzigartige Identität. Die Echtheit meines Seins bedeutet, dass ich mir selbst, das heißt meinem tiefsten Sein gleiche. Ein Individuum ist Individuum, weil es unteilbar ist. Darum hat ­jeder von uns eine einzigartige Identität, die keiner anderen Person gleicht.

Die Frage aller Fragen - vom Vergleichen

Rabbi Susja sagte am Ende seines Lebens: „In der kommenden Welt wird man mich nicht fragen: ‚Warum bist du nicht Mose gewesen?’ Man wird mich fragen: ‚Warum bist du nicht Susja gewesen?’“
Der jüdische Philosoph Martin Buber hat dieser kurzen aber vielsagenden Legende in seinen ­„Erzählungen der Chassidim“ die Überschrift „Die Frage aller Fragen“ gegeben.
Wie antworte ich auf die Grundfragen des Menschseins: Wer bin ich? Wem gehöre ich? Was soll ich hier? Was wird aus mir?
 
Diese Fragen ziehen sich durch unser ganzes Leben hindurch. Sie laufen im Hintergrund unseres ­Lebens wie ein Antivirusprogramm im Betriebssystem eines Computers. Erst wenn es zu gefährlichen Störungen kommt oder das Programm abzustürzen droht, ­treten sie hervor und fordern uns zur Antwort heraus. Der Apostel Petrus lehrt uns, dass diese Fragen nur aus dem Zentrum unseres Dasein heraus zufriedenstellend beantwortet werden können: Christus, der Herr, soll der Mittelpunkt eures Lebens sein! Seid immer dazu bereit, denen Rede und Antwort zu stehen, die euch nach eurem Glauben und eurer Hoffnung fragen.1
Fragen haben wir viele, aber keine ist so gewichtig wie diese: „Was ist der Sinn meines Daseins?“  ­Besonders auf dem Sterbebett, wenn die meisten Fragen schon verstummt sind, wollen wir wissen: „Habe ich mein Leben recht gelebt? Hat mein ­Leben Sinn gehabt?“ Wenn ich mir vorstelle, dass meine Todesstunde gekommen ist und ich diese Welt verlassen muss, dann erkenne ich leichter den Teil in mir, der nur Schein oder Stolz ist und dereinst nackt und ungeschminkt vor Christus – dem authentischen Wesen schlechthin – offen­bar wird.
Wenn ich Gottes Partner sein soll, dann muss ich wissen, wer ich bin. Um einen Dialog zu beginnen, muss ich einen Standpunkt haben. Ich besitze daher eine äußere Identität und eine innere, tief­gehende Identität – eine sichtbare und eine unsichtbare. Ich besitze eine Identität, die man in einem Foto fest­halten kann, die meinen Ausweis beglau­bigt, und ich besitze eine Identität, die vor mir selbst verborgen ist. So wie ich einen menschlichen und einen göttlichen Stammbaum habe, so besitze ich auch eine doppelte Staatsbürgerschaft als Erden­bewohner und als Bewohner des Himmels, als Menschenkind und Kind Gottes.

Wer bin ich?

Die Antwort auf diese Fragen finden wir nicht, ­indem wir angestrengt über uns nachsinnen und uns in zermürbenden Selbstanalysen ergehen. Das führt lediglich dazu, dass wir ständig um uns selbst kreisen. Um zum Kern unseres Seins vorzudringen, dieses einmalige Etwas zu entdecken, das uns ­unsere Identität verleiht, unsere ureige­nen Gedanken, unsere Reaktionen, brauchen wir die Begegnung mit dem ande­ren. „Ich werde am Du; Ich werdend spreche ich Du. Alles wirkliche Leben ist Begegnung“ – so sagt es Mar­tin Buber.
 
Wer ich bin, kann ich mir nicht selbst sagen. Ich bekomme es zugesprochen, zuerst von den Eltern. Jeder Mensch ist das Kind seiner Eltern, eines bestimmten Vaters und einer bestimmten Mutter. Wie ich mich sehe, lese ich zuerst aus ihrem Blick. Was ich über mich denke, höre ich zuerst aus ihrem Mund. Das Kleinkind, das Kind, der Jugendliche kennt von der Welt nur das, was andere ihm zeigen und sagen.
 
„Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“, sagt ein Sprichwort. Meine Geschichte mit meinen Eltern hat mich zu dem geformt, wie ich heute bin. Sie ist Grundlage meiner Identität, ob es mir passt oder nicht.
Als Heranwachsender wollte ich unter keinen Umständen sein wie meine Eltern. Ich wähnte mich besser als sie und wollte alles ganz anders machen: ein besserer Vater sein, eine liebevollere Ehe führen, Neuem gegenüber aufgeschlossener sein... Ideale verwirklichen zu wollen, ist an sich nichts Schlechtes. Unangemessen wird es jedoch, wenn man noch im späteren Erwachsenenleben einem Traumbild folgt, das man für die Wirklichkeit hält. Jedenfalls wollte ich weit über das Jugendalter ­hinaus unter keinen Umständen der sein, der ich nun einmal war. Dahinter stand, wie ich erst viel später merkte, eine unbewusste Auflehnung gegen meinen Vater.

So will ich nicht sein

Dieses Nicht-sein-wollen-wie-die-Eltern ist immer ein verzweifelter Kampf gegen sich selbst. Oft wird dieser Kampf bis weit ins Erwachsenenleben hinein geführt und dauert manchmal an bis ans Lebens­ende. Vergeblich ist dieser Kampf, weil man seiner Geschichte nicht entkommen kann. Wann immer ich es versuche, wiederhole ich das, was ich nicht gut finde oder worunter ich gelitten habe, lediglich in einer Variation. Ich habe es meinem Vater lange Zeit beweisen wollen, dass ich besser bin als er. Doch im Widerstand gegen ihn tat ich nur das ­Gegenteil, nichts wirklich Neues. Es kann sehr lange dauern bis man einsieht und anerkennt: Ich bin zunächst das Produkt meiner Geschichte, auch wenn ich letztlich nicht darauf beschränkt bleibe. Was ich werden kann, erschließt sich mir jedoch erst, wenn ich meine Erbschaft angenommen habe.
Auf meine Bemerkung, dass mein Vater mich nicht genug geliebt hätte, antwortete mir vor einigen ­Jahren ein guter Freund: „Woher willst du das wissen? Ohne deinen Vater wärst du heute nicht der, der du bist. Wahrscheinlich hättest du dich ohne ihn nicht auf den Weg gemacht, Gott so leidenschaftlich zu suchen. Vieles Gute in deinem Leben ist ja vielleicht gerade aus dem erwachsen, was dir bei deinem Vater so schmerzlich gefehlt hat. Hat sich in deinem Leben nicht gezeigt: Gott kann – weil er gütig ist – aus jedem Mangel das noch Bessere machen als das Gute gewesen wäre? Wenn du glaubst, dass Gott immer gut ist, gehen dir die Augen auf für Gottes grenzenlose Barmherzigkeit. Deshalb ist es eine Lüge des Teufels, der dir ein­zureden versucht, dass dein Vater dich nicht oder nicht genug geliebt hat! Wenn du das glaubst, dann begibst du dich unweigerlich auf den Standpunkt, dass Gott dich letztlich auch nicht genug liebt! Der Teufel ist – wie die Schrift sagt – ein Lügner und Verkläger von Anfang an. Er versucht dir weiszu­machen, dass dein Vater eine Schande ist, für die du dich schämen musst! Damit verklagst du auch Gott: ‚Du hast nicht genug auf mich aufgepasst, ­hast nicht genug für mich gesorgt usw...’ Das sind alles Lügen, die deinem Misstrauen Nahrung ­geben! Wahr ist: ‚Um einen teuren Preis seid ihr ­erkauft worden’ (Vgl. 1. Kor 6,20; 7,23). Mach dir klar: Jeder Tropfen Blut, den Jesus für dich ver­gossen hat, schreit in dein Herz hinein: Rudi, ich liebe dich! Glaub mir, deine Geschichte ist deine Rettung! Sie ist Gottes persönlicher Weg seiner ­Liebe mit dir. Vielleicht hast du die Art deines ­Vaters, dich zu lieben, nur noch nicht verstanden. Auch wenn er dir tatsächlich manches schuldig geblieben ist und zuleide getan hat, wie man sicher auch von dir in Bezug auf deine Kinder sagen kann, dann hat er dir doch sein Bestes gegeben. Nicht zuletzt hat er dir das Leben geschenkt und dafür darfst du dankbar sein.“

Unverwechselbar

Martin Buber übersetzte einmal den zweiten Teil des doppelten Liebesgebotes Jesu mit ‚Liebe deinen Nächsten, denn er ist wie du!’  Den Sinngehalt dieses Wortes  habe ich nach diesem Gespräch ­existentiell erfahren. Kurz danach hörte ich eine Referentin2 zum Thema „Versöhnung mit den ­Eltern“. Sie sagte: „Es ist wichtig, dass wir unseren Eltern zustimmend begegnen und sagen: ‚Ich nehme dich so wie du bist, weil du mir das Leben geschenkt hast.’ Eine Unversöhntheit bewirkt, dass ich innerlich nicht wirklich im Frieden und Übereinstimmung mit mir sein kann. Versöhnt mit seinen Eltern sein heißt, dass ich mein Leben von denen annehme, die es mir geschenkt haben – das Gute ebenso wie das Schlechte“. Solange ich unversöhnt lebe, nehme ich quasi alles aus mir heraus. Doch das ist einfach falsch. Letztlich geben wir nur das weiter, was wir genommen haben. Bei den Eltern fällt es uns oft schwer, auch das Schlechte anzunehmen, was sie uns vorgelebt haben, was sie uns mitgegeben haben. Wir können jedoch nicht das Gute nehmen und das Schlechte ablehnen. Das Leben ist nur als Ganzes zu bekommen. Menschen, die nicht ausgesöhnt sind mit ihren Eltern, können sich ihr Lebensglück nicht gönnen. Wenn wir versöhnt sind, sind wir in einer ganz tiefen Verbindung – nicht so sehr auf einer objektiven Ebene, vielmehr in der Verbindung mit der Seele. Wir sind immer Kinder unserer Geschichte und es wird niemals ausbleiben, dass wir Fehler machen.“
 
Es setzt eine Menge Energie frei und schafft eine große innere Freiheit, mit seinem Leben versöhnt zu sein, zufrieden zu sein, nicht mehr zu wünschen, anders, reicher, talentierter, hübscher, etc. sein zu wollen. Im Frieden mit sich ist ein Mensch dann, wenn er entdeckt und nimmt, was zu ihm gehört, was ihn einzigartig und unverwechselbar macht.
 
Damit wir unsere Identität besser fassen können, ist es demnach notwendig, all das anzunehmen, was uns von Genera­tion zu Generation durch die ­Vermittlung unserer Eltern weitergegeben wurde. Jedoch sind wir nicht nur Söhne oder Töchter aus Fleisch und Blut und wir sind nicht durch unsere Erbschaft vorherbestimmt. Wir sind viel mehr! Doch zuvor möchte ich noch auf zwei Hindernisse hinweisen.

Nur eine ausgeliehene Persönlichkeit?

Der Mensch erhält seine Identität als Person zunächst durch die Eltern. Das ist unausweichlich. Doch leider versuchen Eltern häufig ihrem Kind die Identität aufzudrücken, die sie sich wünschen. Wer wie ich alles nur anders machen will, wird nicht die eigene Identität entdecken, sondern in verschiedene Rollen ausweichen. Doch unser Leben ist kein vorgezeichnetes Rollenstück! Es ist ein Lebensgesetz: Solange man im Widerstand zu jemandem, z. B. durch Trotz, Vergeltungs- oder Rachegedanken bis hin zum Hass, vorwärts zu gehen versucht, bleibt man an ihn gebunden.
 
Im Gespräch sagte mir einmal jemand: „Ich fühle mich an meine Eltern gefesselt wie mit unsichtbaren Gummibändern. Einerseits kann ich mich von ihnen entfernen, aber je weiter ich mich entferne, desto mühsamer wird das Vorwärtsgehen. Schließlich trete ich auf der Stelle und muss ohnmächtig hinnehmen, dass ich wieder in ihren Machtbereich zurückgezogen werde. Das alles geschieht unter dem Vorzeichen der Liebenswürdigkeit und Hilfsbereitschaft: ‚Wir meinen es nur gut; wir wollen doch nur dein Bestes...’. Doch in mir kocht eine unbändige Wut darüber, kein eigenes Leben leben zu dürfen.“
 
Das erklärt viele Persönlichkeitsprobleme. Unsere wahre Identität darf sich nicht im Blick der anderen verlieren; sie ist nicht durch die Erwartungen anderer festgelegt und darf sich nicht durch ihre Urteile ein­sperren lassen. Und doch ist es das Los vieler Menschen, ein sozusagen vorgezeichnetes Leben zu führen. Wir werden unsere Identität nicht im anderen finden. Sie hier zu suchen lähmt und verhindert, dass wir wir selbst sein können. Wir versuchen dann, diesen Identitätsmangel zu kompensieren, indem wir uns im anderen suchen, einem anderen Menschen, einem Idol, einem Guru oder durch die Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Gerade hierin liegt die Wurzel des Götzendienstes: die Anbetung, die alleine Gott gebührt, wird auf einen Menschen oder einen Gegenstand gelenkt.
Nicht weniger problematisch auf diesem Weg zu seiner Identität ist die sterile Selbst­betrachtung, die letztlich nicht zum Ziel führt. Ein erfahrener ­Novizenmeister bemerkt kritisch: „Viele brechen nur scheinbar auf. Sie tragen nur ein Gespenst ihrer selbst mit sich fort, eine abstrakte Puppe. Sich selber bringen sie vor dem Aufbruch in Sicherheit... Sie ­bilden sich eine künst­liche Persönlichkeit, eine ausgeliehene, nach Büchern zurechtgemachte, und diesen Roboter, diesen Schatten ihrer selbst ­schicken sie auf die Suche nach Gott. Nie treten sie mit ihrem ganzen Wesen in die Erfahrung ein.“3
 
Weder die Selbst­betrachtung bringt uns weiter, noch die Suche nach unserer Identität im anderen führt zu einem Ziel, sondern einzig, wenn wir uns unserem Vater im Himmel zuwenden, können wir in seinem Blick uns selbst entdecken.

Wer bin ich, wenn mich niemand anschaut?

Es ist ein Grundbedürfnis des Menschen, anerkannt zu werden, einer Gemeinschaft anzugehören, Menschen um sich zu haben, die ihn in seinem Wesen bestätigen. Wir alle brauchen jemanden, der uns Ansehen gibt, damit wir uns selbst gerne ansehen.
Wie sehr wünschen wir uns ein Gegenüber, das uns freundlich gesinnt bleibt und sich nicht abwendet, das nicht wegläuft, wenn es uns so zu Gesicht bekommt, wie wir wirklich sind.
 
Wer hält mich aus, auch wenn ich unmöglich bin?
Wer steht noch zu mir, wenn andere nichts Gutes mehr an mir finden?
 
Wer bleibt bei mir, wenn ich mich selber verlassen möchte? Manchmal möchte ich vor mir selber weglaufen. Ich kann nicht sein, der ich bin und muss heucheln.
 Ich brauche ein Gegenüber, dessen Blick freundlich auf mich gerichtet bleibt, wenn meine Schwächen zum Vorschein kommen.
Zu meinen tiefsten Erfahrungen gehört es, dass ich mich selbst empfange, indem ich mich in der Stille bewusst dem liebevollen Blick Gottes aussetze.
Dazu hilft mir auch immer wieder die Auslegung des Aaronitischen Segens, wie er mit Ohren ­jüdischer Gläubiger aufgenommen wird:
 
DER ICH BIN, DER ICH WAR
und DER ICH SEIN WERDE
sei Dein Segen;
ER sei DEIN HAUS, in dem du seist,
wo du wohnst und wo du lebst.
ER schaue dich mit liebevoll leuchtenden Augen an
und beschenke dich mit Seinen Gaben,
für die keinerlei Vorleistungen zu erbringen sind
und die sich durch keine eigene Anstrengung
verdienen lassen.
DER ICH BIN, DER ICH WAR
und DER ICH SEIN WERDE
neige sein Angesicht dir wohlwollend zu
und schenke dir alles nur Erdenkliche,
was zu deinem Frieden im Ganzsein deiner Person beiträgt und hilft.
Diesen SCHALOM lege ich auf dich
wie eine wärmende, schützende Decke.
 
Auf jedem von uns ruht eine solche göttliche Segnung. Es liegt an uns, von dieser Segnung im vertrauenden Gebet Besitz zu ergreifen. Immer wenn wir zu Gott gehen und vor sein Angesicht treten, begegnen wir unserem tief­sten „Ich“. Derjenige, der sich Moses als „Ich bin“ offenbarte, offenbart auch uns unser wah­res Sein. In dieser Offenbarung können wir selbst wiederum „Ich“ sagen und uns als einzig­artige und geliebte Wesen entdecken.

Mein Name - Leuchtspur für die Ewigkeit

Wir sind gerufen, aufrecht vor Gott und den Menschen zu stehen. Jesus ruft jede Person bei ihrem wahren Namen. Die Liebe ruft uns beim Namen – wir können ihr folgen oder in unserer Rolle ­bleiben.
 
Ein zeitgenössischer Jude, Gad Granach, sagt in der Einleitung seines Buches4: „Ich weiß gar nicht, ­warum Menschen immer ihre Identität suchen müssen. Mir haben sie gesagt, wie ich heiße, das hat mir vollkommen gereicht.“
Für Juden spielt der Name eine große Rolle. Wenn einem Kind sein Name gegeben wurde, so wollte man damit an­deuten, was dieser Mensch künftig sein sollte. Eine Person, deren Namen man nicht kannte, existierte praktisch nicht. Einen Namen ausstreichen, hieß ein Leben auslöschen, und einen Namen verändern bedeutete, dem Ge­schick der betreffenden Person eine andere Richtung geben.5 Der Name sollte den Wesens­kern eines Menschen ausdrücken.
 
Im ersten Bund weigert sich Gott, seinen Namen zu offenbaren. Als Moses ihn danach fragt, antwortet er mit der Umschreibung: „Ich bin der Ich bin“, was man auch mit „Ich bin mit dir“ (denn ich habe den Schrei deines Volkes gehört) übersetzen könn­te. Gott sagt, dass er Leben und Beziehung ist. Seinen Namen enthüllt er uns seinem Wesen nach, als er sich in seinem Sohn Jesus Christus offenbart, um mit uns Menschen in unserem Fleisch zu leben und uns zu retten.
 
Der Name, den uns unsere Eltern geben, bedeutet eine oft unbewusste, manchmal aber auch bewusste Programmierung.6 Meine Frau und ich haben allen unseren sechs Kindern biblische Namen gegeben, weil wir unseren Kindern etwas von der Bedeutung des Namens, dem Charakter oder dem Schicksal des Trägers weitergeben wollten.  An ihrem Tauftag erzählen wir unseren Kindern auch die Geschichte ihres Namensvorbildes in der Bibel. Inzwischen sind alle unsere Kinder erwachsen, und es ist erstaunlich, mitanzusehen, wie ihr Namensvorbild Gestalt in ihrem Leben angenommen hat. Die Macht des Wortes ist so groß, dass wir un­bewusst versuchen, ihm zu entsprechen, denn jedes Wort strebt danach, sich zu inkarnieren (fleischzuwerden, sich zu verkörpern).
 
In einer Rede7 des Rabbiners Leo Baeck heißt es: „Der Name, den Gott nennt, den er mir von Anfang gegeben hat, der Anruf, der mich mein ganzes Le­ben begleitet und in dem er mich in den Tod rufen wird, ist Berufung und Sinn meines Daseins, ist Leuchtspur für die Ewigkeit, Ausdruck meiner ­Gotteskindschaft. Bei Jesaja heißt es: ‚Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein’ (Jes. 43,1)“.

Gott ist ein guter Archäologe

Für mich persönlich gehört zu meinem Ausdruck des Glaubens, dass ich mich über Bilder, die etwas vom Wesen Gottes ausdrücken, selber verstehen lerne. Bei meinen letzten Exerzitien bekam ich von meinem geistlichen Begleiter eine Fotografie als Antwort auf eine brennende Frage, die mich in den vergangenen sieben Jahren immer wieder in Un­ruhe und große innere Spannung versetzt hatte. Es war das Bild eines Archäologen, der an der Frei­legung eines Christusbildes arbeitet. Dazu sagte mein Begleiter: „Jesus ist dabei, Sein Bild in dir freizulegen, Schicht um Schicht. Er nimmt deine Heilsgeschichte sehr ernst und tut alles dafür, dass du sie als deine persönliche Heilungsgeschichte erfährst. Die Behandlung zur Ablösung der über deinem wirklichen Wesen liegenden Schichten und Verkrustungen ist mühevoll und kann schmerzhaft sein. Das ist der Preis für die Verwandlung in sein Bild.“
 
Der Ordenspriester Ives Raguin beschreibt diesen Prozess folgendermaßen:
„Beim Auszug muss man seinen ganzen Besitz auf seinen Esel packen, mit allem emigrieren, was man ist, mit seinen Kno­chen, seinem Geist, seiner Seele, alles muss mit, das Er­habene und das Erbärmliche, die Sündenvergangenheit, die großen Hoffnungen, die gemeinsten und heftigsten Triebe... Alles, alles, denn alles muss durch das Feuer hin­durch. Alles muss schließlich integriert werden, damit ein Mensch herauskommt, der mit Leib und Seele in die Er­kenntnis Gottes eingehen kann. Gott will ein leibhaftiges Wesen vor sich sehen, das weinen kann, schreien unter den Wirkungen seiner läuternden Gnade; er will ein Wesen, das um den Wert menschlicher Liebe weiß und die Anziehung des andern Geschlechts kennt. Er will ein Wesen, das den heftigsten Wunsch verspürt, ihm zu widerstehen, warum nicht? ... Gott will ein menschliches Wesen vor sich sehen, sonst hätte seine Gnade nichts zu verwandeln; das wirk­liche Wesen wäre entwischt. Hier aber pflegt das Unglück zu geschehen: zu viele unter denen, die sich Gott geben, ­ha­ben seinem Wirken nur eine ausgeliehene Persönlichkeit ausgesetzt... Kein Wunder, wenn sie ­eines Tages entdecken, dass sie für etwas anderes gemacht sind.“8

In Beziehung sein

Als kleines Kind hatte ich mich beim Baden einmal zu weit von meinem Vater entfernt und in dem angrenzenden Waldstück die Orientierung verloren. Beim Umherirren stieß ich weinend auf zwei Spaziergänger. Bis heute klingt mir ihre Frage im Ohr: „Wem gehörst du denn?“ Diese Frage enthält eine Erkundigung nach der Identität und meint: Wer steht für dich gerade? Wer kommt für dich zuerst? Bei wem bist du zuhause? Alles Fragen, die auf die Beziehung abzielen. Identität ist wesentlich eine Frage von Beziehung.  Glaube vollzieht sich nicht im abstrakten Raum des Denkens, sondern in der konkreten Begegnung mit einem Gegenüber. In einem Psalm heißt es: „Darum suche ich, Herr, dein Antlitz!“ (Ps. 27,8) Die völlige Enthüllung unserer Identität wird erst dann geschehen, wenn wir eines Tages vor Gott hintreten werden. Wenn wir ihn so sehen, wie er ist, dann werden wir uns in seinem Licht und im Blick seiner Liebe erkennen, so wie es der Apostel Johannes beschreibt: „Liebe Brüder, jetzt sind wir Kinder Gottes. Aber was wir sein werden, ist noch nicht offen­bar geworden. Wir wissen, dass wir ihm ähnlich sein werden, wenn er offenbar wird; denn wir werden ihn sehen, wie er ist.“ (1 Joh 3,2)

Anmerkungen

1. 1. Petrus 3,15 in Albert Kammermeyer, Eine Übersetzung, die unsere Sprache spricht, Rom 2005
2. Sr. Maria Illich, Steyler Missionsschwester, St. Pius-Kolleg, München
3. Ives Raguin, Wege der Kontemplation in der Begegnung mit China, Einsiedeln 1972, 31 f.
4. Gad Granach, Heimat los, Ölbaum Verlag 1998
5. Ein jüdisches Gesetz sah einen Namenswechsel vor, um einer Krankheit oder einem schweren Schicksal zu entkommen. Auch in der Bibel findet man zahlreiche Namensänderungen, welche die Änderung eines Schicksals ankündigen; Abram wird zum Beispiel zu Abraham, Sarai zu Sarah und Jakob zu Israel.
6. Im Falle von Rachel ist es sogar eine unbedachte, denn sie will ihrem Sohn die Last der eigenen Trauer vererben. Rachel, die nicht getrö­stet werden möchte, nimmt es auf sich, die eigene Verweigerung des Trostes an ihren Nachkommen weiterzugeben. „Während ihr (Rachel) das Leben entfloh – sie musste nämlich sterben –, gab sie ihm den Namen Ben-Oni (Unheilskind); sein Vater Jakob aber nannte ihn Benjamin (Erfolgs­kind).“ (Gen 35,18).
7. Dreifach wird der Mensch genannt. Mit dem einen Namen nannten ihn Vater und Mutter, mit dem anderen Namen nennt ihn die Welt, und mit dem letzten nennt ihn der Ewige, sein Gott. Der Name, mit dem die Eltern ihr Kind nennen, ist ein vertrauter Name. Der Name, mit dem die Welt den Menschen nennt, spricht von seinem Können, von seinen Leistungen, seiner Stellung, seinem Besitz und Beruf. Der Name aber, mit dem Gott den Menschen ruft, ist der Name seines innersten Wesens, der Name seiner Berufung, den der Gerufene nur selbst kennt. Der wahre Name umfasst die einmalige, unvertauschbare, einzigartige Existenz, in die Gott den Menschen gestellt hat.
8. Ives Raguin, Wege der Kontemplation in der Begegnung mit China, Einsiedeln 1972, 31 f.

Von

  • Rudolf M. J. Böhm

    Sozialpädagoge, gehört mit seiner Frau Renate zur OJC-Auspflanzung in Greifswald, wo er u.a. als Seelsorger aktiv ist.

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