Adam, wo bist du?

Das Versteckspiel des Lebens

von Rudi Böhm

Unser Leben ist von Anfang an eine Geschichte des Sichversteckens und Verlorengehens, des ­Gesucht- und Gefundenwerdens. Die Menschen schämen sich voreinander und vor Gott (vgl. Genesis 3). Die Folgen davon sind Trennung, Spaltung, Angst. Diese Zwiespältigkeit prägt jedes Menschenleben. Ja, sie wächst mit den Möglichkeiten, die dem Menschen im Laufe der Jahr­tausende gewachsen sind.
Wenn wir an unsere Kindheitstage zurückdenken, erinnern wir uns vielleicht noch an aufregende Versteckspiele, die uns in Atem gehalten haben. Dieses Versteckspiel setzen wir auf andere Weise bis ins späte Erwachsenenleben fort. Im Laufe seines Lebens entwickelt ein Mensch ihm je eigene, mehr oder weniger ausgefeilte Methoden, sich zu verstecken. Sie dienen einer Art Überlebensstra­tegie, die es ihm ermöglichen soll, im Leben (vermeintlich!) besser zurechtzukommen. Vielfach entstehen dabei innere Komplikationen, selbst dann, wenn das Leben nach außen hin gut zu laufen scheint. Hinter einer äußerlich glänzenden Fassade kauert manchmal ein vor Einsamkeit verkümmerter Mensch, der sich nichts sehnlicher wünscht als gefunden zu werden, ohne es be­reuen zu müssen. Diese Situation erinnert mich an die Geschichte eines kleinen Jungen, der sich so gut versteckt hatte, dass er von dem Suchenden aufgegeben wurde. Stunden wartete er noch in seinem Versteck bis er es schließlich bitter enttäuscht verließ und weinend nach Hause lief... Es ist offenbar sehr kränkend, wenn man von niemandem mehr gesucht wird. Es hinterlässt das ­Gefühl, überflüssig, ja wertlos zu sein.
In der Regel möchte man sich lieber verstecken als zu suchen, weil man so das Gefühl hat, die Kontrolle zu behalten. Wenn man sich versteckt, dann entscheidet man selbst, wohin man geht. Man hält die Augen offen nach einem guten Platz, wo man sich einigermaßen sicher fühlt. In der Regel ist beim Versteckspiel niemand gerne „dran“; kaum jemand will freiwillig suchen. Darum wird zu Beginn des Spiels ausgezählt bis es heißt: „... und du bist dran!“ Suchen ist offensichtlich die schwerere Aufgabe. Wer sucht, kommt in die demütigende Lage, ­jemandem auf die Schliche kommen zu müssen, der ihm ganz bewusst entkommen will. Vielleicht macht sich der Gesuchte aus seinem heimlichen Versteck heraus noch über den Suchenden lustig. Die Suche kann mitunter lange dauern und anstrengend sein. Darum muss der Suchende viel Geduld mitbringen. Er muss sich sogar darauf einstellen, dass der, der sich versteckt hält, sein Versteck während seiner Suche noch einmal wechselt; sich dann vielleicht sogar an einem Ort versteckt, wo er bereits gesucht hat und deshalb dort nicht mehr nachschaut. Der Suchende kann also auch noch ausgetrickst werden. Wenn sich jemand zu gut versteckt hat, dann schreibt die Spielregel vor, das Spiel zu beenden mit dem Ruf: „Du kannst raus kommen! Die Jagd ist zu Ende. Es passiert dir nichts!“
 
In Bezug auf unser Leben mit Gott ist es manchmal nicht ganz klar, wer eigentlich mit dem Suchen dran ist. Die einen sagen, „ich habe Gott gefunden“, die anderen sagen „Gott hat mich gefunden“. Einen, der auf eine geistliche Reise geht, nennt man häufig einen Suchenden, einen Gott-Sucher. In meiner Jugendzeit gab es die Rock-Oper „Quadrophenia“ – von der Gruppe „The Who“. Mit einem Titel auf diesem Album habe ich mich besonders identifiziert, nämlich: „The Seeker“. Da heißt es: „They call me The Seeker, I‘ve been searching low and high, I won‘t get to get what I‘m after till the day I die.“ Dieses Lied holte mich damals in einem Lebensgefühl ab, in dem ich mich als ein Suchender vorfand, der sich nach Antworten auf brennende Lebensfragen ausstreckte.

Fahnden nach der Wahrheit

Jemand, der nach Gott sucht, stellt viele Fragen, liest Bücher, bereist vielleicht die Welt, besucht ­Seminare und nimmt manches auf sich, um Antworten zu bekommen. Sucher sind „Fahnder nach der Wahrheit“ – Menschen, die vielfältige Wege konsequent abgehen, um ans Ziel ihrer Sehnsucht zu gelangen. In unsere Gemeinde kommt seit einigen Jahren Sonntag für Sonntag ein Mann in den Gottesdienst in einer Treue, die manchen Kirchenchristen abgeht. Er ist noch nicht einmal getauft und stellt immer wieder eine Menge Fragen: Wenn Gott die Welt und den Menschen gut geschaffen hat, warum diese Zwiespältigkeit im Menschenleben, warum das Leiden, warum der Tod? Er sagt auch, dass er dieses zur Ruhekommen einmal in der Woche in der Kirche einfach braucht. Eine Entscheidung, sein Leben Gott anzuvertrauen, hat er bisher noch nicht getroffen. Er will – wie er sich ausdrückt – „auf Nummer sicher gehen“ und sich noch Zeit lassen. Trotz seiner ernsthaften Suche bleibt er auf Distanz, auf einem Beobachterposten. Er hat Angst, sich einzulassen, zu vertrauen­...
Gott sagt in Jeremia 29:  „Ihr werdet mich suchen und ihr werdet mich finden, denn wenn ihr mich von ganzem Herzen sucht, werde ich mich von euch finden lassen.“ Aber das ist nur ein Teil der Geschichte eines jeden Menschen. Der Mensch ist nicht nur ein Suchender, sondern auch jemand, den Gott sucht. Die Geschichte Gottes mit dem Menschen ist eine Geschichte des Suchens nach seinen weggelaufenen, verlorengegangenen Geschöpfen, die sich vor ihm versteckt haben.
 
Was kann mir eigentlich passieren, wenn ich gefunden werde? – Ich erinnere mich, dass ich mich als Kind, wenn meine Mutter nach mir gerufen oder mein Vater gepfiffen hat, manchmal einfach taub gestellt habe. Ich bin quasi  „noch tiefer in mein Versteck“ hineingegangen, habe so getan, als ob ich nichts gehört hätte. Ich wollte nicht entdeckt werden, sei es, weil ich etwas angestellt hatte, oder einfach deshalb, weil ich nicht gestört oder in meiner Beschäftigung unterbrochen werden wollte. So ist jedes Versteckspiel letztlich der Versuch, Beziehung zu vermeiden – manchmal aus Unlust, oft auch aus Scham – ich möchte niemanden an mich heranlassen, mich nicht zu erkennen- bzw. preis­geben müssen, sei es aus Angst vor „Schimpfe“, Verurteilung, Strafe oder anderen negativen Konsequenzen. Am stärksten ist wohl die Angst, nicht mehr geliebt zu werden, wenn etwas Bestimmtes über mich „rauskommt“, sprich: die Wahrheit über mich bekannt wird. Gehen wir noch einmal zurück zu den Anfängen der Menschheitsgeschichte. In Genesis (vgl. Kap. 3, 9-10) lesen wir:  „Am Abend, als es kühler wurde, hörten sie, wie Gott durch den Garten ging. Da versteckten sich Adam und seine Frau vor Gott unter den Bäumen. Gott, der Herr, rief Adam und sprach: Wo bist du? Er antwortete: Ich hörte deine Stimme im Garten; da geriet ich in Furcht, weil ich nackt bin, da habe ich mich ­versteckt.“

Suchen nach dem Einen

In der Mitte des Lukasevangeliums gibt es drei aufeinanderfolgende Gleichnisse der Suche Gottes nach dem Menschen: Das Gleichnis vom verlorenen Schaf, von der verlorenen Münze und vom verlorenen Sohn. Hier zeigt sich Gott jeweils als ein Suchender, der alles einsetzt, um das Verlorene wiederzufinden. In dem Buch „Ein ganz anderer Vater“ von Ken Bailey wird dem Leser ein tiefes Verständnis der leidenschaftlichen Suche Gottes nach dem Menschen erschlossen – ein Portrait von Gott als Vater, der bei der Suche nach seinen beiden verlorenen Söhnen jeden nur erdenklichen Preis bezahlt. Der Verfasser hat das Neue Testament mit dem kulturellen Hintergrund des Nahen Ostens studiert. Jahrzehntelang hat er mit Menschen aus dieser Region zusammengelebt und dabei faszinierende Einblicke in deren soziokulturelles Umfeld bekommen, die in seine tiefschürfende Auslegung einfließen. Zum Gleichnis vom verlorenen Schaf schreibt er:  „War es wirklich vernünftig, die neunundneunzig zurückzulassen und das eine suchen zu gehen? Zählt der verlorene Einzelne, oder zählt alleine das Volk? In der Tat ist es gerade diese Bereitschaft des Hirten, das eine zu suchen, die den neunundneunzig anderen erst echte Sicherheit gibt. Wenn der Einzelne für das Wohl der ganzen ­Gruppe geopfert wird, werden alle verunsichert, weil sie dann wissen, dass sie von wenig Wert sind. Falls sie verloren gehen, werden sie im Stich ge­lassen und dem Tod preisgegeben. Wenn der Hirte jedoch einen hohen Preis dafür bezahlt, das einzelne Schaf zu suchen, dann beinhaltet das zugleich die größtmögliche Sicherheit für alle. Wir wissen nicht, wie lange der Hirte suchte. Aber in der libanesischen oder palästinensischen Landbevölkerung würde jeder sofort wissen, dass es gut einen oder mehrere Tage dauern könnte, an denen ein Hirte in der zerklüfteten Wüste herumklettern muss, um ein verlorenes Schaf zu suchen. Wenn Geld – unser Geld – in Gefahr ist, verloren zu gehen, dann sind wir bereit, einen hohen Preis dafür zu bezahlen, um es zurückzubekommen. Verlorene Menschen werden oft als weniger wertvoll eingeschätzt. Wenn der Hirte das Schaf gefunden hatte, lag der schwerste Teil der Arbeit noch vor ihm, denn er musste das schwere Tier erst noch zur Herde zurücktragen. Er legte es sich um die Schultern. Die Hirten des ­Nahen Ostens trugen ihre Schafe schon immer über beiden Schultern, den Bauch des Tieres gegen den Nacken und die vier Beine vor dem Gesicht zusammengebunden. So hat ein Hirte das Tier unter Kontrolle und noch immer eine Hand zum Klettern frei... Es wäre verständlich, wenn sich ein Hirte heimlich wünschen würde, das Tier tot oder von einem Löwen verschlungen anzutreffen. Doch der Hirte nimmt seine schwere Last voller Freude auf den Rücken und diese zermürbende Arbeit fröhlich auf sich.“1
 
Diese Ausführungen geben vielleicht eine kleine Ahnung davon: Gott setzt alles daran, den einzelnen zu finden. Auch der Geringste ist für Gott noch ein Besitz, den er nicht missen will, um den er die Arbeit und Sorge des Suchens aufwendet und über den der ganze Himmel sich freut, wenn er gefunden wird. Wir sprechen gelegentlich vom „unendlichen Wert jeder einzelnen Menschenseele“ und denken dabei vielleicht zuerst einmal an Edles und Schönes, das wir ihr abgewinnen können. Aber es trifft nicht das, was Jesus hier im Blick hat, nämlich das Verirrte, Unansehnliche, was in den Augen der Welt keinen Wert mehr besitzt und nutzlos erscheint. „Der Menschensohn ist gekommen zu ­suchen und zu retten, was verloren ist“ (Lk 19, 10). Diese Arbeit der Heimholung gipfelt in der Passion Christi. Der ganze Kreuzweg Christi ist nichts anderes als die Heimholung des verlorenen Schafes: Mein Leben für dich. Mit diesen Gleichnissen vom Verlorenen will Jesus das Gottesbild der Pharisäer korrigieren. Gott freut sich nicht über die Sünde des Sünders, sondern über seine Umkehr, und zwar über jeden einzelnen. Nur ein Sünder ist fähig, ihm diese Freude zu bereiten.

Mein Versteck aufgeben

Gott strengt sich so sehr an, uns zu finden, denn wer sonst könnte es in dieser Weise? Dennoch fällt es vielen Menschen schwer, Gottes bedingungslose Liebe anzunehmen, und sie ziehen es vor, sich vor ihm zu verstecken. Vermutlich ist der Grund dafür, dass sie Jesus noch nicht wirklich als „den guten Hirten“ erfahren haben, so wie er in den drei genannten Gleichnissen in Erscheinung tritt als die Erfüllung des 23. Psalms. In einem Lied heißt es: „Du selbst willst die Schafe weiden, der gute Hirte bist du, denn du suchst die verlorenen Menschen und führst sie zurück. Du willst das Verwundete heilen, das Schwache richtest du auf und nur du kannst das Joch zerbrechen, nur du setzest frei. Jesus, Friedefürst, füll’ mein Leben vollständig aus, sei mein Hirte, ich will nah’ bei Dir sein.“ Obwohl ich dieses Lied schon lange kenne und oft gesungen habe, verstecke ich mich immer noch vor Gott – voller Zweifel, ob ich so wie ich bin von ihm wirklich uneingeschränkt geliebt werde. An dieser Stelle erinnere ich mich an ein Beichtgespräch, das ich nie vergessen werde. Ich ging zu meinem geistlichen Begleiter, um zu beichten. Ich hatte mich gut vorbereitet – hatte alle meine Sünden sorgfältig auf­geschrieben. Und während ich meine Liste vortrug, erläuterte ich zu jeder einzelnen Sünde auch die Gründe, die dazu geführt haben. Als ich mit dem Gefühl, alles gut gemacht zu haben, zu Ende gekommen war, kam von der anderen Seite erst einmal ein längeres Schweigen. Zuerst vermutete ich, dass mein Gegenüber von meinen Ausführungen sehr beeindruckt ist, was ich letztlich ja auch er­reichen wollte. Doch dann sagte er etwas, was mich tief erschütterte: „Und was soll ich dir jetzt vergeben? Du hast alles wunderbar erklärt und begründet. Da gibt es nichts, was vergeben werden müsste.“ Ich war zunächst irritiert über dieses Missverständnis und wiederholte die eine und andere Sünde noch einmal. „Gut“, sagte er, „meinetwegen, in Gottes Namen spreche ich dir die Vergebung zu. Aber für das nächste Mal merke dir: du beichtest nicht wirklich, wenn du nicht auch ein Sünder sein willst. Dann genügt es, wenn du deine Sünden einfach sagst. Gott braucht nur ganz einfache Worte, er braucht deine komplizierten Erklärungen nicht. Bis du wiederkommst, bitte Gott täglich um Demut und Einfachheit...“ Ich trabte davon wie ein be­gossener Pudel. Ich fühlte mich wirklich sehr gedemütigt. Auf dem Nachhauseweg gingen mir immer wieder die Worte nach: „Du erklärst vieles. Bei Gott bedarf es nur ganz einfacher Worte. Bitte um Demut und Einfachheit.“ Während ich weiterging lichtete sich plötzlich meine Seele und ich musste fürchterlich über mich lachen. Ich dachte, was bist du doch für ein Narr; du willst immer noch ein braver Junge sein und letztlich nur vor deinem Seel­sorger gut da stehen, sogar wenn du beichtest.
 
Das ist meine Geschichte. Ich verstecke mich, weil ich nicht in meinem Gefallensein, in meiner Dunkelheit entlarvt werden möchte. Ich verstecke mich, weil ich Angst habe, dass ich nicht mehr geliebt werde, wenn die Wahrheit über mich bekannt wird. Ich verstecke mich vor anderen Menschen. Ich verstecke mich vor Gott. Ich verstecke mich vor der Wahrheit – und in gewisser Weise verstecke ich mich auch vor mir selbst.
In unserer Gemeinschaft gibt es ein Wort, das mir auf meinem Weg immer wieder in Erinnerung kommt. Es heißt: Nicht richtig, sondern auf-richtig! Es geht nicht ums Richtigmachen, sondern ums Aufrichtigsein. Der Weg der Umkehr zu Gott ist das rückhaltlose Wahrhaftigwerden. Zu einer echten Beichte gehören Ehrlichkeit und Demut, d. h. der Mut, die Dinge beim Namen zu nennen und Alibis und Ausflüchte nicht zuzulassen. Wenn ich nur mit dem Herzen begreifen könnte, dass Gott mich gerade da am tiefsten liebt, wo ich selber nichts Gutes mehr an mir finde. Darum will ich mich weiter in der Beichte üben, die schon in der alten Kirche als das Heilmittel galt, das unser Arzt Jesus für uns bereitet hat – vor allem gegen den Stolz, besser und anders sein zu wollen als ich in Wirklichkeit bin. In der Beichte laufe ich jeweils in die Arme des barmherzigen Vaters, der unentwegt Ausschau nach mir gehalten hat und mir mit seiner ganzen Liebe entgegenkommt. Und im Verzeihen meiner Sünden erfahre ich immer wieder die Erfüllung meiner tief­sten Sehnsucht: so geliebt zu werden wie ich bin.
 
Als meine Großmutter 1981 in meinem Beisein starb, fand ich in ihrem Nachtschränkchen ein Gebet, das mich sehr berührte. Es war überschrieben mit: „Liebe mich wie du bist“. (Ermutigende Worte Jesu an dich.) Einen kleinen Ausschnitt davon möchte ich hier wiedergeben: „Ich kenne dein Elend, die Kämpfe, die Drangsale deiner Seele, die Schwächen deines Leibes. Ich weiß auch um deine Feigheit, deine Sünden und trotzdem sage ich dir: Gib mir dein Herz, liebe mich, so wie du bist! Wenn du darauf wartest, ein Engel zu werden, um dich der Liebe hinzugeben, wirst du mich nie lieben. Wenn du auch feige bist in der Erfüllung deiner Pflichten und in der Übung der Tugenden, wenn du auch oft in jene Sünden zurückfällst, die du nicht mehr begehen möchtest, ich erlaube dir nicht, mich nicht zu lieben! Liebe mich, so wie du bist! In jedem Augenblick und in welcher Situation du dich auch befindest, im Eifer oder in der
Trockenheit, in der Treue oder Untreue, liebe mich, so wie du bist! – Ich will die Liebe deines armen Herzens; denn wenn du wartest, bis du vollkommen bist, wirst du mich nie lieben!“ Demnach liebt mich Gott also nicht nur, so wie ich bin; er selbst will unter allen Umständen auch von mir geliebt werden, so wie ich bin. Diese Erkenntnis ist mir mit der Zeit immer wichtiger geworden und hat mir wesentlich dabei geholfen, die Liebe Gottes noch tiefer zu erfahren.
 
Gott ruft mich immer wieder heraus aus meinem Versteck: Mensch, wo bist du? Wo bist du hin­geraten? Wo hast du dich diesmal hingebracht? Ich bin daran interessiert, dass du dich mir zeigst, in welchem Zustand du dich auch befinden magst. Ich möchte mit dir zu tun haben und kann es nicht gebrauchen, dass du dich mir vorenthältst. Du versauerst in deinem Versteck, weil du ohne mich nicht leben kannst...

Mich dem Anruf stellen

Wenn ich auf diesen Anruf aufrichtig antworten könnte und mich ihm stellen würde, so wie ich bin, hätte das elende Versteckspiel ein Ende. Aber seit dem Sündenfall ist der Mensch auf der Flucht. Doch der Mensch ist nicht dazu geschaffen, sich zu verstecken. Seine Sehnsucht, den anderen zu erkennen und selbst erkannt zu werden, ist geblieben. Erkennen ist hier im ursprünglichen Sinne zu verstehen als „ein inniges Vertrautsein ohne Furcht voreinander“. Das gibt die ursprüngliche Qualität des Miteinanders von Adam und Eva (vor dem Sündenfall) wieder, von dem in der Genesis gesprochen wird. Die beiden waren ursprünglich nackt und schämten sich nicht voreinander. Sie hatten keinerlei Angst, kein Misstrauen, keine Vorbehalte voreinander. Sie vertrauten sich ganz, lieferten sich einander aus mit Haut und Haaren. Sie standen noch in enger Beziehung, sie waren sich liebend vertraut. Auch nach dem Sündenfall bleibt die Sehnsucht des Menschen nach diesem liebenden Vertrautsein bestehen, doch es ist nur durch die Gnade Gottes in Jesus Christus wiederherstellbar.
 
Die ganze Tragik des Versteckspiels wird deutlich, wenn ich mir bewusst mache, dass alles, was ich verberge – sei es vor Gott, vor mir selbst oder anderen – nicht geliebt werden kann. Ich kann nur in dem Maß geliebt werden, wie ich bereit bin, mich zu erkennen zu geben – mit mir in Beziehung zu treten. Und ich kann also nicht geliebt werden, wenn ich mich nicht zu erkennen gebe. Mein tief­ster Wunsch ist es aber, völlig geliebt zu werden. Ich sehne mich danach, geliebt zu werden, so wie ich wirklich bin, wie wir in dem bekannten Lied singen: „Jesus, zu dir kann ich so kommen wie ich bin.“ Aber ich komme nicht zu ihm wie ich bin. Ich komme ja nicht völlig zu ihm, ich schneide immer ein bisschen was ab. Oder ich habe immer die Vorstellung, erst wenn ich etwas erfüllt habe oder ­etwas besser geworden bin oder etwas zurecht­gebracht habe, dann kann ich kommen. Viele leiden darunter, dass sie die Liebe Gottes nicht erfahren. Das ist der Grund dafür, dass sie sich vorenthalten, vor Gott verbergen. Weil sie sich nicht trauen, sich zu zeigen wie sie sind. Das hat viel mit unserem Gottesbild zu tun.
 
Was verborgen ist, kann nicht geliebt werden. Ich kann nur in dem Maß geliebt werden, wie man mich kennt. Und ich kann nur völlig geliebt werden, wenn man mich völlig kennt. Wenn ich Teile von mir vor anderen verberge, versuche ich sie davon zu überzeugen, dass ich besser bin, als ich wirklich bin. Wenn ich geschickt darin bin, kann ich damit durchkommen. Vielleicht liebt mich der andere auch wegen meiner guten Seiten. Aber im Grunde bleibe ich einsam. Da ist so eine Stimme in mir, die sagt: „Ja, aber wenn du die Wahrheit über mich wüsstest, wenn du die verborgenen Orte kennen würdest, dann würdest du mich nicht lieben. Du liebst den Menschen, der ich deiner Ansicht nach bin. Aber du liebst nicht mein wahres Ich, weil du mein wahres Ich nicht kennst.“
Ein Mensch will vollkommen geliebt werden. Darüber lässt er sich nicht täuschen, sobald er mit sich alleine ist, leidet er.

Keiner kann mich lieben

Ein großer Teil der Beziehungsprobleme des heutigen Menschen liegt in der Angst begründet, abgewiesen und abgelehnt zu werden, wenn ihm jemand zu nahe kommt. Es kann sein, dass ein junger Mann wie verrückt um eine Frau wirbt, aber nachdem sie „ja“ gesagt hat, zieht er sich zurück. Was passiert da? Die Befürchtung ist, zurückge­stoßen, im Stich gelassen, alleingelassen, verlassen zu werden. Ich bin mir meiner nicht sicher; ich denke nicht, dass ich jemand bin, den man mit Haut und Haaren lieben könnte. Ich bin darum überzeugt: In Wirklichkeit bin ich gar nicht liebenswert, ich bin eine Niete. Der Film „Good Will Hunting“ erzählt von einem jungen Mann, der eine ganz schwierige Geschichte hat: keine Eltern, in einem Heim aufgewachsen, etc... Durch seine überdurchschnittliche Intelligenz schafft er es, diesen Mangel an Liebe mit seinem „Superhirn“ auszugleichen. Er schafft es wirklich, seine Umgebung zu beeindrucken und schlägt sich erfolgreich durch. Doch dann lernt er eine junge Frau kennen, zu der er sich sehr hingezogen fühlt und umgekehrt. Eine Weile geht es mittels mancher Täuschungsmanöver ganz gut zwischen den beiden, doch dann kommt der Tag, an dem ihre Beziehung auf den Prüfstand gestellt wird. Die Frau (Skylar) wünscht sich von ihm, dass er mit ihr nach Los Angeles kommt. Sie rechnet mit seiner Liebe und fragt ihn:
„Will, kommst du mit mir nach Kalifornien?“
„Das ist eine schwerwiegende Sache, die du da ansprichst. Ich könnte schon, aber plötzlich entdeckst du etwas an mir, was dich stört – möglicherweise bereust du deine Worte und wirst dich von mir trennen, wirst alles wieder rückgängig machen ...“
Skylar versteht nicht und weist diese Bedenken weit von sich. Es entwickelt sich ein immer turbulenter werdendes Gespräch, in dem er ihr sein tiefes Misstrauen in immer weitergehenden Unterstellungen und in einer immer aggressiveren Weise an den Kopf knallt. Dies alles ergießt sich aus ihm wie ein bitterer See voller Selbstzweifel, ja Selbsthass. Sie versucht ihm verzweifelt verständlich zu machen, dass sie wirklich ihn als Person liebt und es ganz ehrlich und sehr ernst mit ihm meint, egal was er für eine Geschichte hat. Aber Will fühlt sich durch ihre Beteuerungen nur noch mehr von ihr verachtet. Er argumentiert mit Erfahrungen erlebter Brutalität in seiner Kindheit, um ihr ihre Verachtung ihm gegenüber zu beweisen. Am Ende stößt er sie von sich mit einer Lüge: „Ich liebe dich nicht...“ An dieser Stelle bricht die bis dahin noch glänzende ­Fassade ein und die ganze Verlorenheit eines hochgradig verletzten Menschen tritt zu Tage: Ausgelöst durch eine harmlose Frage bricht der Seelenpanzer auf und die Erfahrungen des Ungeliebtseins, der Ungeborgenheit, Verlassenheit, Ablehnung und Verachtung ergießen sich über sein Gegenüber, das echte Zuneigung und Liebe für ihn empfindet. Der junge Mann kann das weder hören noch an­nehmen; er verweigert sich ihrem Mitgefühl, weil er zutiefst davon überzeugt ist, dass er es in Wirklichkeit nicht wert ist.
 
Wer mich erkennt, wie ich wirklich bin, der kann nichts mehr mit mir zu tun haben wollen. Das gehört zu den tiefsten Ängsten eines Menschen. Und so bleibt er auf dem Beobachterposten, in sicherer Distanz und gerät dabei zwangsläufig in eine innere Isolation. Aber in diesem scheinbar sicheren Versteck manövriert er sich von einer Enttäuschung in die andere. Der Selbsthass wird auf die Mitmenschen projiziert und das Lebensgefühl ist bestimmt von dem Empfinden: Die anderen sind schuld, böse, unaufrichtig, nicht wirklich interessiert, geben nicht genug ...

Zur Freiheit berufen

Adam macht es im Prinzip genauso. Als Gott wieder eine Beziehung mit ihm aufnehmen möchte, indem er ihn ruft: „Adam, wo bist du?“, schiebt der die Schuld von sich: „Die Frau, die du mir gegeben hast, ist schuld!“ Dieses mörderische Spiel im Auf und Ab zwischen der Sehnsucht nach Zuwendung und der Angst vor Ablehnung wiederholt sich solange, bis die Frage, die Gott an den Menschen richtet („Adam, wo bist du? Wo hast du dich hin­gebracht? In was bist du verstrickt?“) endlich aufrichtig beantwortet wird.
 
Gott gesteht Adam zu, dass er sich vor ihm verbirgt. Gott bietet sich an, aber er drängt sich nicht auf. Gott ruft uns heraus, aber er zwingt uns nicht zu unserem Glück. Die Antwort und damit die Entscheidung für das Leben kann Gott uns nicht abnehmen. Zur Freiheit hat Gott uns berufen; wir sind frei, Ja zu sagen oder Nein. Gott gibt seinen Geschöpfen die Freiheit, sich von ihm finden zu lassen oder im Versteck zu bleiben. Die Verstecke, in ­denen wir uns eingerichtet haben, sind vielfältiger Natur:
Da ist Adam, den Gott anruft, seine Prioritäten zu verändern: dessen Kinder ihn nicht wirklich aus der Nähe kennen; der nicht weiß, wann er zum letzten Mal gebetet hat; der alles, was er tut, nur am Erfolg misst und sich andauernd hinter seiner Arbeit versteckt; der für seine Familie nicht mehr ansprechbar ist und sich auch sonst weigert, sich etwas (auf das Leben Hinweisendes!) sagen zu lassen.
Oder Adam, den Gott anruft, die Maske seiner Wohlanständigkeit herunterzunehmen: der sich brav und anständig gibt und jahraus jahrein seine Gemeinde treu besucht; dessen Leben nach außen hin geordnet und recht passabel aussieht, der aber zu seiner Frau schon lange keine emotionale Bindung mehr hat und sich stattdessen nachts heimlich Pornographie reinzieht.
Oder Adam, den Gott anruft, sich dem Leben zu stellen: der keine Verantwortung übernimmt, weil nichts wirklich gut genug ist. Der sich hinter der Behauptung versteckt, sich nur auf Dinge einzu­lassen, die wirklich was bringen.
 Oder der Mann, der seinen Ehebruch nach der Devise rechtfertigt, seine Frau noch nie richtig geliebt zu haben.
Wir verstecken uns häufig auch hinter einer Ausdrucksweise, um die Wahrheit bzw. die Wirklichkeit zu verschleiern.
Menschen, die ihre Kinder schlagen, sind einfach „ungeduldig“ geworden, weil die Kinder sie zum Wahnsinn getrieben haben.
Selbstgerechte Schmeichelei läuft unter „Bestätigung”.
Klatsch wird unter dem Deckmantel verbreitet, „Gebetsanliegen weiterzutragen”.
Häufiger Wechsel der Sexpartner, so lange es immer nur ein Partner zur Zeit ist, wird als „serielle Monogamie” verharmlost.
Finanzentscheidungen, die aus reiner Habgier getroffen werden, werden als „Absicherung für die Familie” gerechtfertigt.
Faule Menschen bekommen das Etikett „motiva­tionslos”.
Prostituierte nennt man „Anbieter sexueller Zuwendung”.
Abtreibung schließlich rangiert unter „soziale Indikation“.
 
Gott gibt nicht auf, nach uns zu suchen und uns in unserem Versteck aufzustöbern. Gott erlaubt Adam, sich zu verstecken. Aber Gott kommt auch, um ihn zu suchen. Er kommt dann, nachdem alles andere versagt hat, in seinem Sohn Jesus Christus, um diese Suche zur Vollendung zu bringen. Gott ergreift eine unglaubliche Initiative, um die vertraute Beziehung wiederherzustellen. In Jesaja 53, 6 heißt es: „Wir alle waren wie Schafe, die sich verlaufen ­haben, jeder ging seinen eigenen Weg.“

Nach Hause kommen

Gott ist derjenige, der mich sucht, ohne Eile, ohne sich ablenken zu lassen, ohne müde zu werden. Es wird ihm nicht zu viel. Er weiß, ich kann mich aus meiner Lage nicht selbst befreien. Denken wir an das Schaf, das verlorengegangen ist, das sich im Dornengestrüpp verfangen hat. Es kommt nicht mehr selber heraus, jede Bewegung tut weh und vertieft die Einschnitte nur noch. Es muss jemand von außen kommen. In dieser Situation sind wir. Wir haben uns in diesem Dornengestrüpp verfangen. Ich kann mich aus meiner Lage nicht befreien, ich muss mich suchen lassen. Und meistens sieht das so aus, dass mich jemand im Namen Gottes liebt, selbst wenn er die Abgründe sieht, die ich zu verbergen versuche.
 
Der Philosoph Josef Pieper sagt in seinem Buch über die Liebe: „Freundschaft entzündet sich normalerweise nicht einfach hin am Anblick des anderen, sondern an der Überraschung, dass da jemand ist, der die Dinge genauso sieht wie man selbst und von dem man dann beglückt sagt, ‚gut, dass du da bist‘“.
 
So verloren wie wir sind oder sein mögen, wir sind immer nur ein aufrichtiges Bekenntnis der Vertrautheit von Gott, von der Intimität mit ihm, entfernt. So einfach macht es uns Gott.
 
Komm heraus, komm heraus, wo immer du dich verbirgst. Die Zeit des Versteckspiels ist vorbei. Jetzt ist die Zeit, nach Hause zu kommen. Keine Strafen, keine negativen Folgen, komm einfach nach Haus, vertrau mir! Das sagt Gott zu allen, die sich zu lange und zu gut versteckt haben: Lass dich finden, mein Kind, komm nach Haus!

Anmerkungen

1. Kenneth Bailey, Der ganz andere Vater, Neufeld-Verlag 2006, S. 38/39

Von

  • Rudolf M. J. Böhm

    Sozialpädagoge, gehört mit seiner Frau Renate zur OJC-Auspflanzung in Greifswald, wo er u.a. als Seelsorger aktiv ist.

    Alle Artikel von Rudolf M. J. Böhm

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