Editorial zu "Adam, wo bist du?"

Liebe Mitchristen

Der Parkplatz vor dem „Haus der Stille“ in Weitenhagen ist voll – Autokennzeichen aus Vorpommern, Hamburg, Kiel und Neubrandenburg. 25 Teilnehmer sind es, die dem Ruf zu einem Männer­seminar im November letzten Jahres gefolgt sind: Adam, wo bist du?...
 
Diese Frage richtet sich an jeden Menschen. Wir kennen alle die biblischen Erzählungen vom Sündenfall Adams. Dem Sinn nach handelt es sich bei Sünde wesentlich um eine Beziehungsstörung. Diese betrifft uns alle! Der Mensch versteckt sich, weil er in seinem Gefallensein nicht entlarvt werden möchte. Er versteckt sich vor Gott. Er versteckt sich vor der Wahrheit – und in gewisser Weise versteckt er sich auch vor sich selbst. Gott ruft den Menschen aus seinem Versteck heraus. Er wollte (und will) dem Menschen seine Nähe und Freundschaft schenken. Aber der Mensch wollte sein wie Gott und ist dadurch aus der heilen Ordnung des Paradieses herausgefallen. Doch Gott geht dem Menschen nach. Er verlangt danach, die Beziehung zu ihm wieder aufzunehmen, ihm gegen­überzutreten, ihm zu antworten.
 
Wenn wir uns verstecken, halten wir etwas zurück, was wir nicht gerne zeigen wollen. Erst kürzlich sagte ein Freund zu mir: „Wenn du wüsstest, wie ich wirklich bin, würdest du bestimmt nichts mehr mit mir zu tun haben wollen.“ Die größte Angst ist, von unseren Mitmenschen nicht mehr geliebt zu werden, wenn die Wahrheit ans Licht kommt. Vor ein paar Wochen hörte ich, dass sich jemand einmal einen üblen Scherz erlaubt hätte: Der Betreffende hatte anonyme Briefe an zahlreiche Prominente versandt. Einziger Wortlaut: „Es ist alles rausgekommen.“ Mehrere der Briefempfänger ergriffen daraufhin die Flucht ins Ausland, andere bezichtigten sich selbst bislang unbekannter Straftaten, einzelne begingen sogar Selbstmord. Alles wegen dieses einen Satzes: „Es ist alles rausgekommen.“
 
Viele Erkrankungen heute sind eine Folge der Beziehungslosigkeit, nicht zuletzt auch der fehlenden Beziehung zu sich selbst. „Ich verstehe mich selbst nicht“, gehört zum Grundgefühl vieler Menschen: Ich weiß nicht, warum ich so leicht in Wut gerate; ich verstehe nicht, warum ich so schnell eifer­süchtig bin, ich kann nicht begreifen, warum ich trotz guter Vorsätze immer wieder unversehens der Versuchung der Pornographie erliege... Solche Reaktionen, die tief aus dem Menschen herauskommen, gründen in realen, häufig weit zurück­liegenden verletzenden Erfahrungen, an die sich der einzelne in der Regel nicht mehr erinnert. Statt in gesunden Beziehungen zu leben, wählt man den Weg in die Abhängigkeit, die den Anruf Gottes „Adam, wo bist du?“ betäubt.
 
Menschen von heute definieren sich zunehmend mehr vom Erfolg her: Ich bin das, was ich tue, ich bin das, was ich leiste. Doch viele Menschen gehen dabei innerlich kaputt, weil ihre Seele mehr und mehr verhungert. Wenn Männer sich plötzlich aufmachen, um der Frage nachzugehen „Ist das, was ich tue, wirklich schon alles?“ entdecken viele dabei: Ich habe jahrelang den Erfolg genährt, an dem ich mich gemessen habe, aber ich habe die Beziehung zu mir verloren.
Martin Buber schreibt in seinem Büchlein „An den Menschen“: „Mag ein Mensch noch so viel Erfolg, noch so viel Genuss erfahren, mag er noch so große Macht erlangen und noch so Gewaltiges zustande bringen: sein Leben bleibt weglos, solang er sich der Stimme nicht stellt.“
 
Ein geistliches Lied, das ich selber sehr gerne singe, trägt den Titel: „Jesus, zu Dir kann ich so kommen wie ich bin.“ Meiner Beobachtung nach bleibt das ein reines Kopfwissen. Bei den meisten Christen ist es noch nicht zur Gewissheit des Herzens geworden. Gott liebt mich wie ich bin... Wenn das wahr ist – und es ist wahr! – dann darf ich ernst damit machen, selbst auch Gott zu lieben, wie ich bin – gerade so,  wie ich gerade jetzt in diesem Augenblick bin; also nicht so, wie ich gerne sein möchte oder andere denken, dass ich sein müsste, sondern wirklich so, wie ich bin. Auch wenn ich gerade gescheitert bin, nichts Gutes mehr an mir finde, mich vielleicht sogar verabscheue, erfahre ich Gott real, wenn ich es wage, mich ihm rückhaltlos zu offenbaren. Jesus sagt: „Die Wahrheit wird euch frei ­machen.“ (Joh. 8,32) Was wir verstecken, kann nicht geliebt werden. Was nicht geliebt wird, kann nicht heil werden. Was nicht heil wird, verdirbt die Lebenskraft und zehrt den Menschen innerlich auf.
 
Adam, wo bist du? Von der ehrlichen Bereitschaft, sich dieser Frage immer wieder zu stellen und Antwort darauf zu geben, hängt es ab, ob sich uns der Sinn unseres Lebens erschließt und ob es sich in ­einer lebendigen  Beziehung mit Jesus Christus entfaltet, sprich: zu dem wird, was Gott mit mir von Anfang an am Herzen lag.
 
Vor Gott darf alles rauskommen! Denn wir müssen alle unsere Hüllen und Masken vor Christus ablegen, wenn wir vor ihm stehen. (2. Kor 5, 10; Übertragung von J. Zink). Christus will uns lieber als erbarmender Retter nahe sein, denn als strenger Richter: Ich bin gekommen, zu suchen und zu retten, was verloren ist. Machen wir uns immer wieder klar: Was verborgen ist, kann nicht geliebt werden. Ich kann nur in dem Maß geliebt werden, wie man mich kennt. Und ich kann nur völlig geliebt werden, wenn man mich völlig kennt.
 
Das Seminar sollte ermutigen, Gott wieder vertrauensvoll unter die Augen zu treten. Mit Worten von Romano Guardini (aus dem Buch „Gedeutetes Dasein“) mag das Bestreben, auf Gottes heilende Nähe und Freundschaft wieder von Herzen einzu­gehen, bei uns allen neu gestärkt werden:
„Manchmal kann man etwas nicht ändern. So soll Er es wenigstens sehen. Manchmal kann man auch nicht in Ehrlichkeit bereuen. Aber sehen soll Er es – und dass wir es noch nicht bereuen können dazu! Alles Unzulängliche und alles Schlimme mag sein. Es ist noch nicht tödlich, so lange es sich vor seine Augen stellt. So lange noch das Hintreten vor die Augen Gottes geschieht, ist das wie ein unzerstörbarer Punkt der Erneuerung. Alles ist möglich von Gott her. Aber alles ist in Gefahr, sobald einer dieses nicht mehr will.“
 
Seien Sie herzlich gegrüßt von einem, der sich ­darin mit Ihnen unterwegs weiß,
 
Rudi Böhm

Von

  • Rudolf M. J. Böhm

    Sozialpädagoge, gehört mit seiner Frau Renate zur OJC-Auspflanzung in Greifswald, wo er u.a. als Seelsorger aktiv ist.

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