Gib mir ein Wort des Lebens

Zwischen Selbsterkenntnis und Gottesbegegnung

von Ralph Pechmann

Zwei ältere Männer sitzen gestikulierend einander gegenüber. Sie sind in ein persönliches Gespräch vertieft: der eine, ein Stadtmensch, edel gekleidet, der andere eher alternativ, in einem aus Bast geflochtenen Gewand. Selbstvergessen verhandeln sie miteinander. Auf einer Tafel des Isenheimer Altars von Matthias Grünewald finden wir diese Darstellung. In diesem alten Gemälde wird uns ein Menschentypus der Gegenwart vor Augen geführt: der ausgebrannte Erfolgsmensch, vom Erfolg überrannt. Einer der auszog, gut zu sein und nun mit verwüsteter Seele ankommt und Rat sucht. Ein Mann, dem die Sinnlosigkeit ins Gesicht gezeichnet ist. Als einen solchen malte einst Grünewald den Heiligen Antonius, den ersten christlichen Eremiten in der ägyptischen Wüste, der (ca. 260 n. Chr.) Gott in der Einsamkeit suchte. Er gilt als Begründer der Bewegung, in deren Folge sich christliche Hesychasten (Gottsuchende) in die ägyptische und syrische Wüste zurückzogen. Sie suchten Gott und lernten auf diesem Weg sich selbst kennen. Ihre Erfahrungen gaben sie an Ratsuchende weiter.
Die Faszination, die die spätantike Gestalt des Antonius auf den Renaissancemaler Grünewald ausübt, strahlt über das Bild hinaus bis in die Neuzeit und in unsere Moderne hinein.  
Als die „Sansculotten“, die Soldaten der Französischen Revolution, um 1790 durch das Elsass ­zogen, um auch dort kirchliche „Sinnbilder der Unterdrückung“ zu beseitigen, trafen sie in der verlassenen Kirche zu Isenheim auf den Altar des Mathis Neidhardt, genannt Grünewald. Anstatt ihn in Flammen aufgehen zu lassen, hielten sie be­troffen inne vor der ungewöhnlichen Darstellungskraft der Tafelbilder, vor allem der des Gekreuzigten. Sie verließen die Kirche, ohne das Altargemälde zu verwüsten. Grünewald hatte in den fünf Jahren, in denen er am Altar arbeitete, mit seinen Auftraggebern, den Mönchen des Antoniterklosters zusammengelebt. Seine intensiven Gespräche mit dem Abt über geistliche und politische Fragen der Zeit sind in seine Darstellungen einflossen. 1515 schloss er den Auftrag ab und zog weiter. Zwei Jahre vor Luthers Thesenanschlag in Wittenberg, am
Vorabend der Reformation hinterließ Grünewald eine ungewöhnliche Predigt in Bildern, die im ­Betrachter noch heute Sehnsucht nach echtem ­Leben ­weckt.

Zwischen Erstarrung und Beseelung

Der Mann auf der linken Bildhälfte ist Antonius, der Patron des Antoniterordens, hier in prachtvollem Gewand, in der Würde des Kirchenvaters dargestellt. Gebeugt vom Gewicht des Amtes und des ­Alters stützt er sich auf einen Gehstock. (Grüne­wald hat ihm die Gesichtszüge des Abtes von Isenheim verliehen und die Anspielung durch dessen Wappen zu Füßen der Gestalt verstärkt.) Im Gesichtsausdruck des Antonius spiegeln sich Skepsis und Ratlosigkeit. Hilfe sucht er bei seinem Gegenüber, dem Heiligen Paulus Eremita, einem anderen
Wüstenvater. Jener sitzt zu Antonius’ Füßen und scheint den Zustand, in dem sein Besucher gefangen ist, wahrzunehmen.
 
Der Maler hat es verstanden, die seelische Ver­fassung beider Männer aufs genaueste darzustellen. Antonius ist die Erschöpfungsdepression nicht nur ins Gesicht geschrieben; die kahle Ausstrahlung der Bäume und Sträucher in seinem Rücken steigert sie zu einem Hilfeschrei. Ohne grünendes Lebens­zeichen, ohne erblühende Hoffnung ragen verdorrte Äste klagend in die Luft. Der Antonius des 3. Jahrhunderts hatte einst allen Reichtum seines Elternhauses in Ägypten zurückgelassen und sich in die Wüste zurückgezogen. Er lebte etwa 20 Jahre im Rückzug, ehe er sich nur unwillig auf die Hilfegesuche anderer einließ. Wer seinen Rat erbat, der suchte „ein Wort des Lebens“. Hier nun sehen wir einen ratlosen Ratgeber mit verhärmten Gesichts­zügen, seelisch so erstarrt wie die Landschaft um ihn herum. Welch einen Kontrast bilden hier Kleidung und innere Verfassung! Nach außen der Erfolgreiche, doch im Verborgenen quält ihn der ungestillte Lebenshunger, die stille Verzweiflung. Abgekämpft von der Mühsal des Lebens und von der Bürde des Amtes gezeichnet, hat er den Zugang zur Quelle des Lebens verloren – den Zugang zu sich selbst und zu Gott. Wir sind Gott so nahe, wie wir uns selbst und unseren Nächsten nahe sind. Und wie die dürren Äste hinter ihm verloren in die Luft ragen, so streckt der Kirchenvater seine Hand, um zu empfangen, was er sich selbst nicht geben kann. Die Landschaft um Antonius zeigt wie in einem Vergrößerungsglas seine seelische und geistige Verfassung überdeutlich.
 
Welch einen Kontrast bilden dazu die gelösten, strahlenden Gesichtszüge des Paulus Eremita! (Man fand später das Gesicht in zahlreichen Studien ­Grünewalds zu Männerköpfen und nimmt heute an, dass es sich um ein Selbstbildnis des Künstlers handelt.) Paulus, durch seine gelassene und erwartungsvolle Kopfhaltung gekennzeichnet, ist nicht das „bessere“ Gegenmodell. Dass er anteilnehmend zu Füßen des Antonius sitzt, betont „humilitas“, seine „Erdverbundenheit“. Aus dieser lateinischen Wurzel leitet sich das Wort Demut ab. Sein Mut zur Erdverbundenheit kommt hier unaufdringlich als Lebenshaltung zum Ausdruck. Sie steht in Spannung zur steif aufragenden Gestalt des Anto­nius, der mit seinem Amt die Bodenhaftung verloren zu haben scheint. Paulus ist seinem Gegenüber ganz zugewandt, aber mit Blick und Geste weist er über den Hilfesuchenden hinaus. Durch seine entspannte Haltung wirkt er mit der Umgebung verbunden. Er ruht an einer Quelle, dem Lebenswasser, auf deren Steinumrandung er sich mit seinem linken Arm aufstützt, während er die Rechte zu einer ruhigen Geste erhoben hat. Zu seinen Füßen lagert eine Hirschkuh, die mit ihrer Haltung die atmosphärische Gelassenheit noch verstärkt. Wir ­sehen zugleich blühende Kräuter und Blumen, die im Antoniterorden der Pflege der Kranken dienten.
Gleicht Antonius in Kleidung und Haltung eher einem landschaftlichen Fremdkörper, so ist Paulus Sinnbild der Verbundenheit – mit der Schöpfung und mit sich. Ein malerischer Ausdruck des Ver­trauens. Der Künstler gestaltet die Natur als einen Resonanzkörper, der die fruchtbare Lebensfreude des Paulus aufnimmt und verstärkt. Paulus, Inbegriff des Menschen, der zu sich und zu Gott gefunden hat, teilt seine Erfahrung mit Antonius. Dem ist diese innere Beheimatung abhandengekommen. Im Widerspruch zwischen der von Zweifeln erschütterten Gemütsverfassung der Person und seiner standesgemäßen Kleidung klingt die Frage nach: Bin ich überhaupt das, was ich leiste und was ich kann? An diesem Widerspruch ist er zerbrochen. Leiten wir nicht heute mehr denn je unser Selbstverständnis aus unserem Leistungsvermögen und Erfolgreichsein ab?
 
Paulus dagegen scheint von diesem Ballast frei zu sein. Nicht den Erfolg, sondern die Frucht sucht er. Entscheidend ist, ob unsere Selbstgewissheit auf dem beruht, was wir leisten und uns verdienen oder ob sie durch die Beziehung zu Gott genährt wird, die immer Geschenk ist. Was wir hier aus dem Bild herauslesen können, beschreibt Magnus Malm aus eigenem Erleben so: „Berufung ist die Wiederherstellung der Beziehung zwischen Gott und Mensch, auf dass der Mensch heil werde und zu seiner wahren Identität finde. … In der Berufung gibt Jesus meiner Identität ihre ewige Verankerung und beginnt, meine Persönlichkeit nach der seinigen umzugestalten. In der Sendung fließt meine Berufung gleichsam zu meinen Mitmenschen über, so dass auch sie ihre Früchte genießen können. Die Berufung ist das große und ewige Projekt meines Lebens, die Sendung ist zeitlich begrenzt und sehr flexibel. Die Berufung gibt meinem Selbstgefühl und meiner Menschenwürde das Fundament; die Sendung hat damit nichts zu tun, sie ist eine Arbeit, die meinen Wert weder mehrt noch mindert. In der Berufung prägt Gott mein ‚Ich’ in der Begegnung mit seinem ‚Du’; in der Sendung muss sich die Tragkraft dieser Beziehung bewähren. Ich gebe mich nicht meiner Aufgabe hin, sondern ich gebe mich Gott hin, so dass er mir Aufgaben geben kann.“1

Zwischen Erfolg und Frucht

Erfolg macht uns kaputt, wo wir ihn als das Maß für unseren Wert nehmen. Die innere Leere, die wir mit Anerkennung für unsere Leistung zu füllen ­hoffen, wird gerade dadurch noch quälend zunehmen. Wir maßen uns in der trügerischen Hoffnung an, befriedeter und glücklicher zu werden. Das kann durchaus einige Jahre funktionieren. Die vordergründige Sicherheit wird jedoch immer wieder von der inneren unsteten Empfindung gestört, dass wir noch nicht die rechte Anerkennung erfahren haben, weil wir wohl noch nicht genug leisten. Den Durst nach Anerkennung und Geliebtsein ­suchen wir an diesen Quellen zu stillen. Doch ­bringen sie uns der inneren Verbundenheit nicht näher, vermögen unser Bedürfnis nach Selbst­gewissheit nicht zu sättigen.
 
 „Zwischen Erfolgreichsein und Fruchtbarsein besteht ein großer Unterschied“, schreibt Henry Nouwen. „Erfolg kommt von Stärke, von Machtaus­übung und Ansehen. Ein erfolgreicher Mensch besitzt die Energie, etwas zu schaffen, seine Entwicklung zu beeinflussen und es in großen Mengen verfügbar zu machen. Erfolg bringt Preise, Auszeichnungen und oft Berühmtheit ein. Früchte hingegen erwachsen aus Schwachheit und Verwundbarkeit. Es sind einzigartige Früchte.“2 Erst mit der Annahme unserer schwachen, bedürftigen Seiten, die wir gar nicht gerne zeigen, finden wir heraus aus dem Getriebensein, der Furcht, vor den Augen der anderen nicht zu bestehen. Sie erhöht unsere Achtsamkeit, weil wir mit unseren Stärken und Schwächen sein dürfen und daher auch andere in ihren Stärken und Schwächen schätzen lernen.
 
Hier kehren wir zum Gespräch zwischen Antonius und Paulus zurück. Bei aller sichtbaren und spürbaren Not wird Antonius uns als mutiger Mann vor Augen geführt, der sich seine zerrüttete Verfassung eingesteht und nicht der Versuchung erliegt, noch mehr zu leisten, als würde alle bisherige Anstrengung nicht ausreichen. Im Bild sehen wir ihn als ­einen, der die Grenzen seines Tuns ausgelotet hat und weiß, dass er alleine nicht aus der Sackgasse herausfindet. „Gib mir ein Wort des Lebens“ lautet seine Bitte an Paulus. Wir könnten auch sagen: Hilf mir zu meiner Lebenswahrheit!
 
Auf der Höhe von Antonius skeptisch blickenden Augen sehen wir im Hintergrund einen Hirsch, der mit gesenktem Haupt einer Fährte folgt, die ihn entlang des Baches zur Quelle führt. Er hat die Witterung der Hirschkuh, die zu Füßen des Paulus kauert, aufgenommen. Das Hirschmotiv weist auf das Gesprächsthema der beiden Männer hin: „Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir. Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott“ (Ps 42, 2-3). Diesen Notschrei der Seele – kein verhaltenes Gebet – decken wir oft mit Selbstanklagen und Stoßseufzern zu. Gerade wir Männer stehen in Gefahr, sprachlos zu werden, wenn wir unserer Bedürftigkeit begegnen, und erliegen der Versuchung, den Schmerz der Seele im geschäftigen Tun betäuben zu wollen. Der Durst danach, sein zu dürfen, ohne sich ­laufend beweisen zu müssen, kann zur quälenden Seelennot werden. Aber die Scham, sich so zu er­leben, macht stumm, da kein Mann eine Memme sein will. „Hab’ dich nicht so! Reiß dich zu­sammen! Was sollen die anderen von dir denken!“, sind einige der inneren Stimmen, von denen wir uns gefangen erleben – oft über Jahre hinweg.

Zwischen Lebenshunger und Brot des Lebens

Wie der Psalmbeter seine Not herausschreit, so hat sich Antonius der wirklichen Bedürftigkeit seiner Lage nicht länger verschlossen. Er wagt es, nicht heroisch in seiner Sackgasse zu verharren, sondern sucht den Ausweg – und der heißt hier: umkehren. Seine Erlösung beginnt mit der Einsicht in die ­lebensgeschichtliche Not, der er sich stellt. Dabei wird er nicht vermeiden können, den Abgründen seines Herzens zu begegnen, den starren und eingefahrenen Gewohnheiten eines falschen Selbst, an denen er über Jahre mit viel Sorgfalt gearbeitet hat. Antonius ist auf die Begegnung mit Paulus ange­wiesen, findet in ihm einen Gefährten auf dem Weg in die eigene Wirklichkeit. Paulus, der sein wahres Selbst in der Begegnung mit Gott gefunden hat, weiß um dieses Abenteuer. Männer suchen zu bestimmten Zeiten ihres Lebens die abenteuerliche Herausforderung. Doch das größte Abenteuer ist, nicht vor der Erkenntnis meines Selbst zu fliehen, sondern ihr standzuhalten. Davon wissen die ­Wüstenväter zu berichten. Auf diesem Weg finden wir zum Sinn unseres Daseins und erleben uns zugleich beheimatet im Vater Jesu Christi. Antonius, der Seelsorger, begibt sich also in die Seelsorge. Das lädt den Betrachter ein, es ihm gleichzutun.
 
Auf den Schrei von Antonius’ Seele gibt es im Bild eine erstaunliche Antwort. Ist die Sehnsucht der menschlichen Seele in der Spannung von Hirsch und Hirschkuh als horizontale Tiefe dargestellt, so steigert der Maler die Spannung noch dadurch, dass er die Antwort Gottes diagonal aus der Höhe ­kommen lässt. Das Gesicht und die erhobene Hand von Paulus sind erwartungsvoll nach oben gerichtet, von woher er Hilfe erwartet. Noch unbemerkt von Antonius fliegt ein Rabe über seinem Haupt herbei und bringt zwei Stück Brot – für beide ­Männer! Damit greift Grünewald ein Motiv aus dem Bericht über Elia in der Wüste auf. Mitten aus dem „Land seines Elends“ lässt Gott Antonius Hilfe erwachsen. Die Bildsymbolik wird rund: zum Lebenswasser kommt das Brot des Lebens hinzu. ­Paulus, der es selbst von Gott empfangen hat, wird es Antonius reichen und ihm damit wieder Anschluss an seine Lebenswurzeln in Christus geben.
 
Die Erfahrung der beiden Männer kann unserer ­Generation ein Anstoß sein und dazu ermutigen, uns auf das Abenteuer des Aufbruchs ins wahre ­Leben einzulassen. Gemalt vor Jahrhunderten, strahlt die Botschaft des Bildes auch in unsere ­lebenshungrige Zeit.

Anmerkungen

1. Magnus Malm: Gott braucht keine Helden, Wuppertal 1997, S. 48, 144-145
2. Henry Nouwen: Für jeden Tag ein gutes Wort, Freiburg 2002, S. 307

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