Die Freiheit zu sein, der ich bin

Vom "richtig leben" zum "aufrichtig leben"

von Ralph Pechmann

In einer Erzählung von Martin Buber heißt es:
Als Rabbi Schnëur Salman wegen einer Verleumdung im St. Petersburger Gefängnis saß, kam zu ihm der Oberste der Gendarmerie in die Zelle. Sie kamen ins Gespräch über die Schrift und der Oberste fragte ihn: „Wie ist es zu verstehen, dass Gott der Allwissende zu Adam spricht: ‚Wo bist du?’“ „Glaubt ihr daran“, entgegnete der Raw, „dass die Schrift ewig ist und jede Zeit, jedes Geschlecht und jeder Mensch in ihr beschlossen sind?“ „Ich glaube daran“, sagte er. „Nun wohl“, sprach der Zaddik1, „in jeder Zeit ruft Gott ­jeden Menschen an: ‚Wo bist du in deiner Welt? So viele Jahre und Tage von den dir zugemessenen sind vergangen, wie weit bist du derweilen in deiner Welt gekommen?’ So etwa spricht Gott: ‚Sechsundvierzig Jahre hast du gelebt, wo hältst du?‘“ Als der Oberst die Zahl seiner Lebensjahre nennen hörte, raffte er sich ­zusammen, legte dem Rabbi die Hand auf die Schulter und rief: „Bravo!“ Aber sein Herz flatterte.2
Adam hatte sich in seiner Welt verlaufen. Mit dem Griff nach den Früchten der Erkenntnis des Guten und Bösen hatte er zwar eine mächtige Geisteserweiterung erfahren, aber zugleich erlebt er einen vierfachen Beziehungsabbruch: Ihm ging das Gespür für seine Identität und der Sinn für die Identität der Frau verloren. Die Schöpfung wurde ihm feindlich fremd und er erlebte sich zugleich von Gott entfremdet – eben gottlos.

Adam, wo bist du?

Gott wollte mit seiner Frage nicht etwas erfahren, was er noch nicht wusste. Er wollte also nicht erfahren, wo Adam sich befand. Aber mit seiner Frage wollte er bewirken, dass sich Adam seiner Vertrauenskrise und ­ihrer Folgen bewusst wurde. So tönt Gottes Ruf durch die Generationen, und er ergeht auch an uns. Durch alle Begegnungen und Worte Jesu klang diese grundlegende Frage hindurch: Mensch, wo bist du? Wer die Frage gehört hat, erkennt seine Not. Der blinde Bartimäus wusste um seine Lage, denn er schrie die Not seines Lebens Jesus entgegen und ließ sich nicht von der Menge davon abhalten, in seine Nähe zu gelangen (Mk 10, 46-52). Die blutflüssige Frau setzte alles auf eine Karte, denn sie war sich ihrer aussichtslosen Situation bewusst und war nach ihrer Heilung sogar bereit, in der Öffentlichkeit zuzugeben, welches Elend hinter ihr lag (Lk 8, 40-48). Keiner von den beiden beschönigte seinen Zustand. Sie wurden zu neuen Menschen und Jesus bestätigte ihnen: Dein Glaube hat dir geholfen. Auch mit der Erzählung vom verlorenen Sohn stellt Jesus an die Hörer die Frage Gottes: Wo bist du in deiner momentanen Verfassung?
 
Eine Erzählung, die ohne erklärende Vorgeschichte beginnt und mit einer offenen Dramatik abrupt endet – so ist uns die „Erzählung vom verlorenen Sohn“ durch Lukas überliefert. Heute wird sie auch als die „Erzählung von den ver­lorenen Söhnen“ bezeichnet oder gar als das „Gleichnis vom wiedergefundenen Vater“. Dabei wird das Gleichnis jeweils von einem besonderen Blickwinkel aus betrachtet. Die Charaktere, welche uns Jesus vor Augen malt, sind derart provozierend und so plakativ in ihrem Verhalten, dass der psychologieverwöhnte Leser und Hörer sie am liebsten ergänzen, entschuldigen oder gar verwerfen möchte. Anderen wiederum ist die Erzählung so vertraut, dass sie sich schon beim ­ersten Stichwort innerlich zurücklehnen und genau zu wissen meinen, was kommt. Beide Reak­tionen können dazu verleiten, der Frage an uns auszuweichen. Es kommt darauf an, dass wir uns durch diese Erzählung befragen lassen durch eben jene Frage, die seit Adam an uns ergeht: Mensch, wo bist du in deiner Welt?
 
In den dörflichen Regionen des Nahen Ostens hört man die Parabel noch mit anderen Ohren. Das Verständnis von der Rolle des Vaters und des Sohnes in der Sippe, die die Zeitgenossen Jesu geprägt hatte, ist als kulturelles Wissen noch lebendig. Dort „weiß jeder, dass es viel wichtiger ist, seinem Vater mit Ehrerbietung zu begegnen, als ihm zu gehorchen.“3 Jesus wusste wohl um dieses angepasste Spiel und hielt ihm u. a. im Gleichnis von den ungleichen Söhnen (Mt 21, 28-32) einen Spiegel entgegen. Die zentrale Parabel vom verlorenen Sohn ist also in diese Auseinandersetzung Jesu mit den eingefahrenen Denkstrukturen eingebettet. Das Gleichnis ist bei Lukas von anderen Gleichnissen umgeben, die sich gegenseitig erhellen und verstärken. Der Erzählung vom verlorenen Sohn gehen zwei andere voraus, in denen Jesus ebenfalls das Motiv des Verlierens und Wiederfindens entfaltet. Die eine leitet zur anderen über, die Dramatik wird mit jeder Erzählung gesteigert und erreicht ihren Höhepunkt im Vater-Sohn-Konflikt. „Ein Mensch hatte zwei Söhne“ (Lk 15, 11) – so beginnt Jesus seine Erzählung. Welcher Jude dachte da nicht spontan an Adam, denn vom Menschen (hebr. adama = Erdling/Mensch) und nicht vom Mann ist hier die Rede. Adam hatte zwei Söhne und ihre Beziehung verlief dramatisch. So werden wir in Jesu Erzählung immer wieder an die Urgeschichte erinnert und zugleich verwundert wahrnehmen, dass sie einen anderen Ausgang nahm, wenn auch kein Happyend.

Väter und Söhne auf Distanz

Ohne viele Worte packte der Sohn seine Sachen und verließ die elterliche Umgebung. Vielleicht hatte ihn die Hoffnung getrieben, in der Ferne endlich zu sich zu kommen, indem er tat, wonach sein Sinn schon seit langem stand. Vielleicht wollte er nicht mehr der kleine Bruder sein, sondern auch einmal groß herauskommen. Ein überstürzter Aufbruch, der zugleich eine beschämende Beleidigung und öffentliche Blamage für den Vater war. Denn keine Familie lebte damals zurückgezogen auf ihrem Landgut, wie wir es uns vielleicht aus heutiger Sicht vorstellen. Nein, sie waren ein Familienclan in einer Dorfgemeinschaft, ortsansässig und bodenständig. Da kannte ­jeder jeden und wurde zur Sicherung des Lebensunterhalts gebraucht. Weggehen, ohne Auftrag des ­Familienoberhauptes, war undenkbar. Nicht einmal der ältere Bruder, der damals wie heute im Orient die stellvertretende Aufgabe des Familienoberhaupts innehatte, stellte sich schützend vor seinen Vater, um die Beschämung vor den anderen Dorfbewohnern abzuwenden. Er taucht am Anfang seltsamerweise gar nicht auf. Der Ehrenkodex hätte es verlangt.
Genauso seltsam ist es, dass der Sohn die Übergabe seines „Erbteils“ verlangte. Ein dramatischer Auftakt einer Familienkrise, deren Vorgeschichte wir nur ­ahnen können. Wie lange schwelen Krisen im Verborgenen, ehe wir sie – von der Wut übermannt – nicht länger ertragen können und das „Tischtuch durchschneiden“? Weggehen ist dann nur das sichtbare Ende eines langen und verschwiegenen Konflikts, der vielleicht nie angesprochen wurde, aber um den unsere Seele Jahre kreisen kann. Die Auszahlung an den Jüngeren meinte nicht das Erbe im umfassenden Sinn, sondern den Anteil an Reichtum, der ihm nach dem Tod des Vaters zustand. Das waren damals vorwiegend Ländereien und materielle Güter („Hab und Gut“), die der Sohn zu Geld machte. Und spätestens dadurch wurde öffentlich bekannt, dass da etwas Ungehöriges vor sich ging. Der Sohn brach ­alle Beziehungen hinter sich ab. Für ihn war sein Vater gestorben. „Und er teilte Hab und Gut unter sie.“ (Lk 15,12) Durch den jüngeren Sohn genötigt, regelt der Vater auch die Erbschaft mit dem älteren. Und dieser war der „Erbe“, denn er übernahm als Erbe nicht allein die Güter, sondern auch die Führungs­verantwortung für die Großfamilie. Diese Verant­wortung hatte der jüngere Sohn gar nicht im Sinn.
 
Wir Männer sind Söhne und Väter zugleich, beziehungsweise werden es. Denken wir an unsere Väter, erleben wir uns als Söhne. Was hat uns in diesem Verhältnis geprägt? Schauen wir auf unsere Kinder, so nehmen wir uns zugleich als Väter wahr. Ist uns wohl in unserem Vatersein? Die wortkarge Begegnung zwischen Vater und Sohn scheint als Phänomen nicht nur der Vergangenheit anzugehören. Selbst heute kennen wir die Verlegenheiten zwischen Vätern und Söhnen, die nicht wissen, wie sie einander begegnen sollen. Steve Biddulph, der Bindungsforscher, be­richtet von folgendem Telefonat: „Vater und Sohn haben in den vergangenen Jahren kaum Kontakt gehabt, und der Sohn hat über ihr Verhältnis nachgedacht. Als der Vater den Telefonhörer abnimmt, versucht der Sohn mit ihm ins Gespräch zu kommen ... ‚Hallo, ­Papa, ich bin’s.’ – ‚Ach ja, hallo Sohnemann. Ich hol gleich mal deine Mutter …’ – ‚Du brauchst Mama nicht zu holen. Ich will mit dir sprechen…’ Es entsteht eine Pause … und dann… ‚Wieso, brauchst du Geld?’ – ‚Nein, ich brauche kein Geld.’ – Der Sohn beginnt dann mit seinem vorher überlegten Text: ‚Ich habe in letzter Zeit oft an dich gedacht, Papa, und an alles, was du für mich getan hast. All die vergangenen Jahre, die du gearbeitet hast, damit ich aufs College gehen konnte und damit wir was zum Leben hatten. Ich führe jetzt ein ganz angenehmes Leben, und das verdanke ich deiner Starthilfe. …’ – Schweigen am anderen Ende der Leitung. Der Sohn fährt fort: ‚Ich wollte dir eigentlich nur sagen,  dass ich dir danke … und  dass ich dich liebe.’ – ‚Hast du ge­trunken???’“
 
Mir sind ähnliche Verlegenheiten, innere Distanz, ja die alte verächtliche Einstellung meinem Vater gegenüber bekannt. Und es ist leichter zu gehen, als auf Freiheit zu hoffen. Die prägenden und schmerzhaften Elternerfahrungen nehmen wir jedoch mit auf diese Reise. Auch in der Ferne können wir unsere Ver­legenheiten, die Distanz zu Menschen, zu uns selbst und die verachtenden Gefühle nicht einfach ablegen. Trotz der verborgenen Sehnsucht und des Vater­hungers, die viele von uns mit sich tragen, wird sich die Rückkehr wesentlich schwerer gestalten als die Flucht.

Seine Identität verprassen

Noch heute ist es im Nahen Osten eine tödliche Beleidigung, einen Mann einen wurzellosen Gesellen zu nennen. „Und nicht lange danach sammelte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land“ (Lk 15, 13). Es war auf jeden Fall die erste Reise des jüngeren Sohnes – in die Welt des Erfolgs und der Anerkennung. Nicht das nächste Dorf, in dem ihn jeder kannte; ein fernes Land musste es sein, wo er ein unbeschriebenes Blatt für die Menschen war und sich zeigen konnte, wie er gerne gesehen werden wollte und wo sich die Chance bot, Neues einzuüben. Von der Abenteuerlust getragen, zog er los in die neue Welt der Beziehungen und brachte „sein Erbteil durch mit Prassen“. Kurz und lapidar ist die Bemerkung, doch ebenso zielsicher in der Betonung des Wesentlichen. Die wenigen Worte lassen ahnen, welch steile und rauschhafte Lebensführung er pflegte. Er verstand es, andere durch seinen Wohlstand an sich zu binden. Und viele ließen sich diesen Liebesdienst gefallen, weil auch sie zwar nicht seine Freundschaft, so doch die Abwechslung suchten.
Was ist mit Prassen gemeint? Der berühmteste Prasser der Geschichte war Lukullus. Als reicher ­römischer Bürger lud er immer wieder zu Gelagen ein, bei denen es zum guten Ton gehörte, mehr zu essen als man verkraftete. Damit dies möglich war, halfen die Sklaven hier und da mit Federkielen nach, den Magen recht schnell wieder zu leeren.
Mehr zu sich zu nehmen, als man verkraftet und sich keine Zeit zum Verdauen einzuräumen, sind Merkmale des Prassens. Damit ist nicht nur das Essen gemeint. Dieses Verhalten betrifft ebenso Beziehungen, die Arbeit und die Freizeit. „Prassen“ wird hier zum Bild für einen betäubenden Lebensstil, bei dem man innerlich getrieben sich mehr zumutet und abverlangt, als angemessen ist – allein aus dem Bedürfnis, sich endlich selbst zu spüren. Der Sohn kannte sich nicht und überfuhr alle seine Grenzen, vielleicht auch die der anderen, zugunsten der Anerkennung, nach der es ihn verlangte. Die Gier nach erfüllendem Leben ist Hinweis auf eine tiefsitzende seelische ­Leere, die sich gerade nicht mit solch gierigem Verhalten füllen lässt. Der Therapeut Horst Eberhard Richter, scharfsichtiger Beobachter unserer Kultur, schreibt dazu: „Damit ist … gemeint,  dass Menschen, die in der Tiefe unglücklich sind, sich regelmäßig dadurch zu entschädigen versuchen,  dass sie sich so viele Befriedigungen wie möglich in dem oberflächlichen Bereich verschaffen, in dem man ­allein Befriedigung willkürlich herstellen kann. Wo überall man es selbst in der Hand hat, sich durch Machen irgendeinen Genuss zu arrangieren, nützt man diese Gelegenheit zwanghaft aus, um einen leidlichen Ausgleich dafür zu finden, dass man im Kern seiner Person verzweifelt ist.“5
Als das Geld zur Neige ging, blieben auch die Nutznießer aus. Das Land der Sunnyboys, der Frauenlieblinge, der Blender geriet in eine wirtschaftliche Depression und der Sohn in eine Persönlichkeitskrise. „Als er nun das Seine verbraucht hatte, kam eine große Hungersnot über jenes Land“ (Lk 15, 14). Der Sohn hatte nicht nur seinen Reichtum verbraucht, er hatte auch sich selbst verbraucht, denn „das Seine“ betraf auch die eigene Person. Er musste von einem Tag auf den anderen um sein Überleben bangen. Und wie er zuvor an erkaufter Anerkennung hing, hängte er sich nun an einen Bürger des Landes. Der verwies ihn zu den Säuen auf den Acker. Er bot ihm keine standesgemäße Arbeit, die einem freien Bürger des römischen Imperiums zukam, sondern den Dienst eines Sklaven und zugleich die ehrver­letzende Aufgabe, sich als Jude mit Schweinen abzugeben. Schweine galten nicht nur als „unrein“ wie manch anderes Tier auch, sie waren das Sinnbild für die Demütigung Israels durch die brutale heidnische Fremdherrschaft. Jesu Zeitgenossen fühlten sich an den unvergesslichen hasmonäischen Befreiungskrieg gegen die griechischen Besatzer erinnert. Damals hatte der griechische Fürst in Jerusalem ein Schwein im Tempel geopfert, was den gesamten Tempelbezirk, Gottes Wohnstatt, verunreinigte, und die Juden aus politischem Kalkül gezwungen, dort anzubeten.
 
So saß er nun, der Sohn, in der Fremde bei den Schweinen, ohne Beziehung, ohne Nahrung, seiner jüdischen Herkunft entfremdet und darin erniedrigt, bar jeder Anerkennung, ein Gespött der Heiden, ein Niemand für seine Familie. Nun „wanderte er im finsteren Tal“ – preisgegeben der Scham und angekommen am Tiefpunkt seines Lebens, das kurz zuvor noch von willensstarker Ausbruchsstimmung strotzte. In diesem Zustand bemerkte der junge Mann wohl, dass er zwar von zuhause hatte Abstand nehmen, aber nicht vor sich selbst hatte fliehen können.

Vom Beliebtsein zum Geliebt-Sein

Und im Angesicht des Schweinefraßes, in seinem eigenem Zerbruch, dämmerte ihm: „Da war keine Hand, die ihm gab von den Schoten, die die Schweine fraßen“ (Lk 15, 16). Bisher war er der Gönner gewesen, der austeilte in der Hoffnung zu bekommen, wonach er hungerte. Wir sind heute eine Konsumgesellschaft, in der sich jeder selbst bedienen kann. Aber das „Brot“, das meinen Lebenshunger stillt, kann ich mir nicht selbst geben.
„Da ging er in sich …“ Er hätte auch völlig außer sich sein können und die Umstände, die Gesellschaft, die Eltern für seine Lage verantwortlich machen. Aber er verdrängte den schmerzlichen ­Lebenshunger nicht mehr, richtete sich nicht in seiner Klage ein, sondern hörte – vielleicht zum ersten Mal wirklich – auf seine innere Stimme. Die Maske des allseits beliebten, netten Jungen hielt dieser Notlage nicht mehr stand. Und sein ausgelebtes Wohlstandsverlangen dämmerte ihm als Lebenslüge. In der Depression sehnte er sich nach einem aufrichtigen Leben, einem Leben, das aufrichtet. Ein Leben, bei dem er sich nicht mehr zum Sklaven ­seiner Gier nach Anerkennung machen müsste.
Nachdem sich der Sohn durch alle Scham hindurch die Wirklichkeit seiner persönlichen Lage vorgesagt hatte, machte er sich auf den Weg zurück zum ­Vater. Ein kolossal befreiender und zugleich schmerzhafter Schritt in die eigene Wirklichkeit, denn jetzt wird es richtig schwierig. Wer einmal in solcher Weise seinen Vater verlassen hatte, der war völlig entehrt, tot für seine Familie und das gesamte Dorf, denn er hatte eine Beziehung zerstört, nicht bloß ein Gesetz übertreten.“6 Der Weg zum Vater führte unmittelbar durch die Dorfgemeinschaft hindurch. Wer es unter diesen Bedingungen wagte, nach Hause zu kommen, dem lief das ganze Dorf mit einem Krug entgegen, der vor den Füßen des Heimkehrers zerschmettert wurde. Kezazah hieß diese Zeremonie: das Abschneiden. Mit diesem Unhold hätte sich keiner mehr abgegeben. Jeder normale Sozialkontakt war von da an undenkbar. Was hatte den Sohn ergriffen, dass er in dieses Schicksal umkehren wollte?
John Eldredge schreibt zu einer ähnlichen Gemütsverfassung: „Ich hätte niemals bereitwillig den Weg zum tiefsten Schmerz meines Herzens unter die Füße genommen. Wir sperren uns gegen diesen Teil der Reise. Das ganze falsche Selbst, unser ‚Lebensmuster’, ist ein ausgeklügeltes Verteidigungssystem und soll genau diese Auseinandersetzung mit der Wunde verhindern.“7 Ich selbst habe die Erfahrung gemacht, dass Gott sogar Krisen und Krankheiten nutzen kann, um mich aus meinem Versteck hervorzulocken. So schmerzlich sie auch waren und ich sie mir nicht wieder wünsche, muss ich sagen, dass ich die geschenkte Erfahrung der Heilung und der Gottesbegegnung nicht mehr missen möchte. So erhalten auch diese Seiten des Lebens einen Sinn und ich erkenne hinter ihnen das Antlitz des Vaters Jesu.
„Als er noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater, und es jammerte ihn; er lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn.“ (Lk 15, 20) Ist das Verhalten des Vaters, der seit Jahren mit seinem Herzen den Sohn in der Ferne suchte, nicht seltsam? Einem orien­talischen Patriarchen wäre es nie in den Sinn gekommen, seinem Sohn entgegenzugehen, schon gar nicht zu laufen, selbst wenn er den gleichen Schmerz um seinen Sohn getragen hätte. Aber der Ehrverlust vor den anderen wog schwerer und das soziale Todesurteil konnte nicht wieder aufgehoben werden. So erzählt Shaada Ibn Thazir, ein christ­licher Palästinenser, im Sommer 2006 von der unerwarteten Versöhnung mit seinem Vater. Seit er im Ausland zum christlichen Glauben gefunden hatte, war ihm von seinem Vater die Tötung angedroht worden, sofern er es wagte, nach Gaza zurückzukehren. Als er vor zwei Jahren dennoch diesen Rückweg wagte, sah er in der Empfangshalle des Flughafens seinen jüngeren Bruder im weißen Kaftan, an der Seite die ausgebeulte Tasche mit der ­Pistole. Kurz entschlossen lief er auf seinen Bruder zu, fiel ihm um den Hals und küsste ihn. Dies galt jedoch nicht als Begrüßung, sondern war Ausdruck der Unterwerfung.8 Nicht der Vater kam, sondern er schickte nach muslimischer Sitte seinen Sohn.
In Jesu Erzählung wurde nicht der ältere Sohn vorgeschickt, nicht der jüngere im Dorf festgehalten. Vielmehr lief der Vater, der alte Mann, seinem Sohn spontan entgegen. Wer in diesen heißen Gegenden mit seinem Kaftan eilt, der muss ihn anheben, um nicht zu stolpern. Der zeigt seine Füße, entblößt sich auf unziemliche Weise. Ungeachtet der Ehrenkodices fiel der Vater dem Sohn auch noch vor den Augen aller um den Hals und küsste ihn. Ist es nicht verwirrend, dass Jesus seinen Hörern und uns ­seinen himmlischen Vater in dieser Geste der ­Unterwerfung vor Augen malt?
Der Vater, der alle Konventionen bricht, wenn er seinen verloren Sohn wiederfindet, der eilt, ihn zu empfangen und ihm um den Hals zu fallen, handelt aus einem Motiv: aus Liebe. Die Liebe zu dem Verlorenen lässt ihn närrisch erscheinen. Ja, er han­delte närrisch und nahm alle Scham und Schande samt der drohenden Erniedrigung, die den Sohn ­erwarteten, vor den Augen der Öffentlichkeit auf sich, weil er als Liebender sich nicht um die Meinung der anderen schert – damals nicht und heute nicht. Friedrich Nietzsche hat es treffend so formuliert: „Lieben heißt, jemandem eine Scham er­sparen.“9 Dieses unerwartete Verhalten des Vaters ließ beim Sohn „den Groschen“ fallen, dass er nicht ein Gesetz übertreten, sondern eine Beziehung zerstört hatte.10 Und allein die Autorität des Erbarmens, die alle Scham und Strafe auf sich nahm, ließ den Vater so handeln. „Diese Autorität rührt daher, dass er die Sünden seiner Kinder sein Herz durchbohren lässt.“11

Anmerkungen

1. Führer einer chassidischen Gemeinde
2. Martin Buber: Der Weg des Menschen nach der chassidischen Lehre, Heidelberg 1986, 9.A., S. 7
3. Kenneth E. Bailey: Der ganz andere Vater, Schwarzenfeld 2006, S. 22
4. Steve Biddulph: Männer auf der Suche, München 2001, S. 50
5. Horst Eberhard Richter: Der Gotteskomplex, Reinbek bei Hamburg 1979, S. 166
6. Kenneth E. Bailey, a. a. O., S.54
7. John Eldredge: Der ungezähmte Mann, Gießen 2003, S.164
8. Shaada Ibn Thazirs Geschichte: Forbidden Peace, The Story behind the Headlines 2004
9. Friedrich Nietzsche in: Eugen Rosenstock-Huessy: Soziologie Bd I, S. 320
10. Ich möchte an dieser Stelle wärmstens auf das oben erwähnte Buch von Kenneth E. Bailey hinweisen. Seine Einsichten aus sieben Jahrzehnten Mitlebens im Nahen Osten flossen in seine Auslegungen ein.
11. Henry J. M. Nouwen: Nimm sein Bild in dein Herz, Freiburg 1991, S. 115
12. a. a. O., Nimm sein Bild in dein Herz, Freiburg 1991, S. 105

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