Editorial über den Umgang mit Angst, Sorge und Schuld

Nicht die Angst, sondern die Dank­barkeit ist das Motiv christlichen Philosophierens: Ich entdecke mich im Vaterhause Gottes, und davon kann ich nicht schweigen.
Karl Kindt

Liebe Mitchristen,

Unsere Zeit wird von Dichtern und Philosophen die „Epoche der Angst“ genannt, und die all­gemeine Beschleunigung des Lebens zur Krankheit des Jahrhunderts erklärt. Unruhe, Vereinsamung und Entwurzelung seien die Töchter der Angst. Aus ihren Quellen fließen sich weit ausbreitende Krankheiten, auch Infarkte, Depressionen und zahlreiche Erschöpfungssyndrome.
Wie ist das möglich, obwohl wir heute im Vergleich zu noch vor 70 Jahren eine viel größere wirtschaftliche Sicherheit haben? Wo die Entwicklungen der Medizin uns ein viel längeres und ­gesünderes Leben ermög­lichen – und die unausweichliche Stunde des Todes für die meisten von uns weit hinausgezögert wird?
„Wenn bei uns der Geist erlischt, ob im Westen oder im Osten, werden wir allmählich verfallen, ob unter Bedingungen des Komforts oder der ­Armut“. Diese Dia­gnose stammt von Alexander W. Men, einem hochgebildeten russisch-orthodoxen Priester. Rund 30 Jahre lang lebte er in ein Dorf verbannt unter ständiger Beobachtung durch das KGB, schikaniert mit Hausdurchsuchungen und gerichtlichen Vorladungen. 1990 wurde er auf dem Weg zum Gottesdienst ermordet. Keines seiner rund 30 Bücher durfte in der Sowjetunion gedruckt oder verkauft werden. Doch für Tausende von Zeitgenossen wurde er zum „Licht“, zum Hoffnungsträger und Zeugen einer anderen Welt, denn er betonte unermüdlich, dass der Geist frei macht, dass wir uns unter allen, auch den niederdrückendsten Lebensumständen, zu diesem Geist hin orientieren dürfen und können, dass Gottes Geist uns leitet und auch durch die Dunkelheit trägt. Men, der in großer Armut sein Leben fristete, lebte im Vertrauen auf die Gegenwart Gottes. Die Erfahrung, dass ein Mensch so lebt, dass der Geist weder in ­seinem eigenen Herzen noch in seiner Umwelt erlischt, können auch wir in unserem eigenen Leben nachvollziehen. Sagt Jesus das nicht auch in seinem etwas lapidaren Vergleich:  „Fürchtet euch nicht! Ihr seid doch viel mehr wert als viele Spatzen!“ (Mt 10, 29-31)
Doch ebenso machen wir die Erfahrung: Wo wir Gott vergessen und seinen Geist aus unserem Alltag ausklammern, schwinden die Kraft und die Inspiration, die wir brauchen, um die Lebensauf­gaben samt der damit verbundenen Schwierigkeiten anzugehen und zu meistern. Stattdessen breiten sich Sorgen, Ängste, Niedergeschlagenheit aus. Wir finden uns im Klammergriff von Dingen, die der Dieb wegtragen und die Motte zerfressen kann (Mt 6, 19f). Jesus selbst, sowie die Männer und Frauen, die ihm seither nachfolgen, leben aus Gottvertrauen: der Vater im Himmel ist gut und will mir nur Gutes zukommen lassen. „Er ruft niemals Furcht, Angst oder Elend hervor. Er teilt den Schmerz derer, die durch unbegreifliche Drangsale gehen. Und er lässt uns wiederum die Schmerzen anderer lindern“– ermutigt uns Fr. Roger Schütz.
Die Beiträge dieser Brennpunktausgabe richten den Scheinwerfer auf Dinge, die unseren Alltag besonders belasten, die uns niederschlagen und oft auch krankmachen können. Ängste, Sorgen und unerkannte Schuld, die uns quälen, gefangennehmen und das Gottvertrauen zerstören. Wir bleiben zur Umkehr herausgefordert, wie es ein heutiger Beter sagt: „Bei Gott bin ich geborgen, still wie ein Kind. Bei ihm ist Trost und Heil. Ja, hin zu Gott verzehrt sich meine Seele, kehrt Frieden ein.“ (Taize)
In diesem Geist grüße ich Sie auch im Namen des ganzen Redaktionsteams und verbleibe
Ihre dankbare
 
Maria Kaißling

Von

  • Maria Kaißling

    Religionspädagogin. Sie lebt in der OJC-Auspflanzung in Greifswald und ist vorwiegend als Seelsorgerin tätig.

    Alle Artikel von Maria Kaißling

Den Brennpunkt Seelsorge im Abonnement

Jede Ausgabe dieser Zeitschrift können Sie kostenfrei bestellen.

Auch künftige Ausgaben von Brennpunkt Seelsorge (erscheint zweimal im Jahr) senden wir Ihnen gerne zu. Hier können Sie den Brennpunkt Seelsorge abonnieren »

Unsere Veröffentlichungen unterstützen

Helfen Sie uns mit Ihrer Spende, christliche Werte und eine kritisch-konstruktive Auseinandersetzung mit Strömungen der Zeit auf der Grundlage des Evangeliums an nachfolgende Generation zu vermitteln.

So können Sie spenden:

» Bankverbindung
» Spendenformular
» PayPal