Angst - Trost - Mut

...seid getrost, ich habe die Welt überwunden (Joh 16,33)

Bibelstudie von Maria Kaißling

Unsere Nachbarin hat Angst. Seit Jahren verlässt sie ihr Haus nicht mehr. Sie fürchtet, sich bei den fremden Menschen auf der Straße oder in Geschäften mit gefährlichen Krankheiten anzustecken. Deshalb lebt sie sehr isoliert, aber sie hat auch Glück: ihr Mann kauft ein, und ab und zu kommen gute ­Bekannte zu Besuch.
Die junge Studentin hat Angst vor dem Winter. Verschneite oder vereiste Straßen und Gehwege ­beschwören Bilder von Unfällen herauf. Schon die Vorstellung, dass sie ausrutschen, hinstürzen, sich ein Bein brechen könnte… Der Winter ist für sie ein ­Horrortrip.
Er habe nur noch schlaflose Nächte, berichtet ein junger Vater. Sorgen um seine Ehe und seine kleinen Kinder, Ängste vor einer möglichen Scheidung treiben ihn Tag und Nacht um. „Ich lenke mich mit sehr viel Arbeit ein bisschen ab.“
Freunde berichten von ihren Ängsten: Die Zeitungen schreiben schon nicht mehr frei. Was wird aus uns werden in einem neuen Kalten Krieg? Viele fürchten, dass die Lebenssituation wieder wird wie zur Zeit der Sowjetherrschaft – „oder schlimmer“.
Die Liste von Ängsten und menschlichen Befürchtungen ist fast endlos fortzusetzen. Es gibt nichts, was uns nicht eines Tages in Angst versetzen oder sogar an Angst erkranken lassen könnte.
Die Vereinigung zur Förderung der Selbsthilfe für Menschen mit Angst, Panik und Depression (S.M.A.P.) veröffentlicht, dass von 100 Erwachsenen, die Ängste und Stress bei nicht schnell vor­übergehenden Belastungen erleben, 10 Erwachsene eine Angsterkrankung entwickeln.
Das Wort Angst stammt aus dem indogermanischen ANGH – das bedeutet soviel wie einengen, zusammenschnüren. Genauso zeigen sich auch die körperlichen Auswirkungen von Ängsten: Es drückt einem die Luft ab, man bekommt Atembeklemmungen; Hände und Füße werden kalt (denn bei großer Anspannung wird das Blut in alle Muskeln und Organe gepumpt, die für eine schnelle Flucht benötigt werden!); man kann spüren, wie einem das Herz abgeschnürt wird…
Angina pectoris ist eine Krankheit, die sich durch eine andauernde Überreizung entwickeln kann.
Eine Ärztin erzählt: „Ich muss an einen Patienten denken, der mit Verdacht auf Herzinfarkt gekommen war, so geht das schon seit fünf Jahren. Er ­habe immer wieder diese Brustenge, wenn es ganz schlimm wird, wird er vom Notarzt ins Krankenhaus gebracht. Organisch ist der Herzinfarkt ausgeschlossen. Er hat schon viele Untersuchungen durchgemacht und berichtet dann, dass es wieder weggeht, wenn er Beruhigungstabletten nimmt. Er erzählt, dass er vor fünf Jahren ein Autohaus ge­leitet hat, das in Konkurs gegangen ist. Seitdem hat er die Schulden am Hals. Die Geldforderungen treiben ihn immer um, gerade nachts ­erdrückt ihn die Angst.
Die körperlichen Symptome sind wirklich wie ­Angina pectoris, doch hier wird die ‚Brustenge‘ ­verursacht durch Unglück und Sorgen, die ihn in ihrer empfundenen Ausweglosigkeit in ‚Ängste‘, in die Enge treiben.“
Die Angst, die wir empfinden, ist jedenfalls zunächst ein Warnsignal. Sie macht uns auf eine Bedrohung aufmerksam. Eine Gefahr, auch eine mögliche Gefahr, soll erkannt werden. Nur wenn wir sie erkennen, können wir entsprechend reagieren und sie bewältigen. Darum ist die Angst geradezu lebensnotwendig.
Viele Menschen erleben ihre Ängste nur als schlecht, unerwünscht, oder als peinlich. Ein Zeichen von Schwäche eben. Bleiben wir dabei stehen, kann die Angst schnell zu einer zerstörerischen Kraft werden. Doch wenn wir einen Moment innehalten und beginnen, die Anspannung als Hinweis oder Alarm­signal zu sehen, dann kann uns die Angst und ihr Aufforderungscharakter helfen, uns den Fehlhaltungen oder signalisierten Forderungen zu stellen. Wir können über die jeweilige Situation hinauswachsen und eine neue Freiheit ­gewinnen. Darin liegt der eigentlich ­positive Aspekt der Angst; sie gibt uns den Anstoß zur notwendigen Verwandlung.
Der Psychoanalytiker Fritz Riemann schreibt in ­seinem Klassiker Grundformen der Angst: „Es bleibt wohl eine Illusion zu glauben, ein Leben ohne Angst leben zu können. Sie gehört zu unserer Existenz und ist ein Spiegel unserer Abhängigkeit und das Wissen um unsere Sterblichkeit. Wir können nur versuchen, Gegenkräfte zu entwickeln: Mut, Vertrauen, Erkenntnis, Macht, Hoffnung, Demut, Glaube, Liebe. Diese können uns helfen, Angst ­anzunehmen, um uns mit ihr auseinanderzusetzen. Methoden, welcher Art auch immer, die uns Angstfreiheit versprechen, sollten wir mit Skepsis betrachten. Sie werden der Wirklichkeit menschlichen Seins nicht gerecht und erwecken illusorische ­Erwartungen.“

In der Welt habt ihr Angst

Die Fachleute der Seelenheilkunde geben Jesus recht: In dieser Welt haben alle Menschen Angst. In dieser Welt (griech. kosmos) herrscht ein großer Druck. Unser Leben ist an allen Ecken und Enden bedroht. Wo gerade Kriege und kriegsähnliche Zustände herrschen, werden Menschen in die Enge getrieben, bedroht und bedrängt an Leib und ­Leben. Jenseits der Fragen, wer Schuld am Flüchtlingselend, an Folter und Mord hat, steht erst einmal diese Wahrheit von der Wirklichkeit der Ängste und Bedrohungen, der zerstörerischen Kräfte, die in dieser Welt wirken.
Das hat auch Jesus so erlebt. Unmittelbar an dem Abschiedsabend, an dem er diese Worte sprach, begann die Nacht des Verratenseins, Alleingelassenwerdens, der Folter und des Mordes. Auch die ersten zwölf ­Jünger bekamen die Angst vor Verfolgung und Tod zu spüren – genauso ist die „Bedrängnis“ bis in unsere Tage überall möglich.
Solange wir nicht selbst in unmittelbarer Bedrohung leben, kann Angst uns in Bewegung setzen und zur Fürsorge mobilisieren für die, die dem Druck und der Bedrohung zum Opfer fielen: Flüchtlinge, Straßenkinder, Kriegswaisen. Die Furcht um das bedrohte Leben dient uns als Weckruf und macht uns aufmerksam, mobilisiert unsere Hilfsbereitschaft und kommt vielen zugute!
Doch geraten wir selbst in die Enge, dann können auch wir vor Angst gelähmt sein, vor Hilflosigkeit ­erstarrt wie ein Tier, das nachts in grellem Scheinwerferlicht in einen Totstellreflex fällt.
Ein Freund, dessen gerade erwachsener Sohn ermordet worden war, sagte: „Ich rede nie über Andi. Wenn ich nicht an ihn denke und an die Kata­strophe, dann – so hoffe ich – passiert den anderen Kindern nichts Schlimmes.“  Er ist erstarrt im ­Unglück und alle Mitglieder der Familie leben wie Gefangene in dieser Sackgasse des Totstellens.

"Ich sitze hier und warte, dass das Zeitalter der Angst der Schlag trifft."

Dieses Zeitalter der Angst wurde philosophisch und psychotherapeutisch ausgerufen nach dem 1. Weltkrieg. Der Schlag hat es leider noch nicht getroffen oder gar beseitigt. Einige postulieren sogar seine Verschärfung ins „Zeitalter der Depression“ hinein.
Depressionen nehmen zu. Ihr Leidensbild ist quälend: Schwermut, Freudlosigkeit, Elendigkeits­gefühl, Kraftlosigkeit, innere Unruhe, Mutlosigkeit, Interesselosigkeit, Gedächtnisstörungen, Minderwertigkeitsgefühle, Entscheidungsunfähigkeit, ­Grübelneigung, Schuldgefühle, zwischenmenschliche Beziehungsstörungen, depressiv-wahnhafte Ideen, dazu körperliche Störungen wie Schlaf- und Appetitstörungen.
Zu den schlimmsten Beeinträchtigungen aber ­gehört die Angst. Sie begleitet eine Depression so gut wie immer und reicht von nachvollziehbaren Befürchtungen (nie mehr gesund werden, Familie, Arbeitsplatz, finanzielle Sicherheit usw.) bis zu bisweilen fast wahnhaften Ängsten. Manchmal weiß man nicht, was schlimmer peinigt: Depression oder Angst.  (www.thieme.de)
Wenn Jesus an seinem Abschiedsabend seinen zwölf Freunden sagt:  „In der Welt habt ihr Angst“, dann fordert er sie damit auch geradezu auf, die Angst nicht „auszusitzen“, ihr nicht auszuweichen, die Ohnmacht nicht zu verleugnen. Lass zu, was ist! Lass Schwäche, lass Hilflosigkeit, lass Nicht-mehr-weiterwissen, lass Zorn und Leid und Trauer zu – doch bleib nicht damit allein. Mach einen ersten Schritt heraus aus dieser Scham und deinem Versteck.
Nicht im Vermeiden von ängstigenden Situationen, sondern im Daraufzugehen und sich damit Auseinandersetzen wachsen Mut und Kraft, um ange­messen mit der Situation und den unangenehmen Gefühlen umzugehen.
Jesus wusste genau, wovon er an jenem Abschiedsabend sprach: in dieser Welt haben wir Bedrängnis (die Elberfelder Übersetzung trifft damit den Sinn der Aussage genauer). Bedrängnis, das bedeutet Verfolgung, Verleumdung, Unterdrückung, Unrecht erleiden und tragen, aber auch Krankheit, Ver­sagens- und Verlusterfahrungen. Jeden konfrontieren diese Ereignisse mit der „Zerbrechlichkeit“ des Lebens.
Selbst Gott nimmt uns nicht einfach aus den Gefährdungen heraus. Jesus musste alles selbst erleben in der Nacht in Gethsemane, als er Blut und Wasser schwitzte in seiner Angst. Ganz menschlich-pragmatisch gesprochen – die Flucht über die nahe Stadtgrenze wäre so einfach gewesen, er hätte sich allem weiteren entziehen können! Doch er blieb – und im Evangelium heißt es in einem Satz: „Es ­erschien ihm ein Engel vom Himmel und stärkte ihn.“ Der Bote des Vaters im Himmel, dem er ­unbedingt seine Liebe und Güte glaubte, brachte ihm Kraft, Frieden und Vertrauen für die vor ihm liegenden Leiden.

Perspektivwechsel

„Seid getrost, ich habe die Welt überwunden“, sagt jesus zu seinen Jüngern.
Was dem einen oder anderen als allzu vertrautes (und darum eher billiges) Vertröstetwerden klingt, ist für Leute wie mich immer wieder eine echte ­Herausforderung und „Hausaufgabe“. Jesus fordert mit diesem Satz zur Umkehr auf!
Zum Perspektivwechsel, zum Umwenden des Kopfes, er fordert uns heraus, etwas anderes als die Welt und ihre Enge in den Blick zu nehmen. „Sieh nicht an, was du selber bist in deiner Schuld und Schwäche. Sieh den an, der gekommen ist, damit er für dich spreche.“ Damit ermutigt auch der Dichter Jochen Klepper zum Blickwechsel.
Die Bibel erzählt einige markante Geschichten vom Blickwechsel, der lebensrettend wurde.
Erinnert sei an Isaaks Opferung: Abraham und sein Sohn steigen zum Höhepunkt ihrer größten Not. Gleich wird ihr Leben zerstört sein. Da fällt ihm ein Engel in den Arm: „Da hob Abraham seine Augen auf und sah einen Widder in der Hecke hängen.“ Er opferte den Schafbock, so blieben Abraham und Isaak am Leben als Gesegnete Gottes, sie und ihre Nach­kommen für alle Zeit.
Erinnert sei an jene Geschichte der feurigen Schlangen. Noch war das Volk Israel unterwegs in der Wüste. Sie durchlebten wieder einmal eine Zeit des Unmuts, der Not und des Sterbens vieler am Biss der Schlangen. Nach ihrem notvollen und aufrichtigen Schuldeingeständnis sagt Gott zu Mose: „Mache dir eine eherne Schlange und richte sie an ­einer Stange hoch auf. Wer gebissen ist und sieht sie an, der soll leben.“ Wer nach einem todbringenden Biss mit seinem Blick die erhöhte Schlange des Mose suchte und ansah, der blieb am Leben. (4. Mose 21, 4 ff).
Oder denken wir an diese Episode aus dem Leben des Petrus: „Als er aber den starken Wind sah, ­erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, hilf mir!“ Diese Miniatur aus dem Matthäusevangelium (Mt 14, 22ff) erzählt, wie Petrus auf dem ­Wasser auf Jesus zugeht. Der Schreck lässt ihn ­untergehen als er Jesus aus dem Blick verliert und er nur noch die ­Gefährdung wahrnimmt.
Sie alle sehen nach ihrem Perspektivwechsel mitten in einer lebensbedrohlichen Situation die Zeichen der lebendigen Gegenwart Gottes: Ich bin da - wie es sein Name verspricht.

Seid getrost, ich habe die Welt überwunden

Das Johannesevangelium setzt dieses Wort ganz an den Schluss der sogenannten Abschiedsreden Jesu (Joh 13,3-16,33). Danach betet er für die Jünger und wird dann im Garten Gethsemane gefangen­genommen.
Das wirft gleich eine ganze Menge Fragen auf: Wieso soll die Welt überwunden sein? Wie soll man das glauben können angesichts der Krisen, ­Katastrophen, Ungereimtheiten, den damit einhergehenden Ängsten und Depressionen, dem ­Unglück, dem die Menschen ausgesetzt sind? Wer könnte dabei „getrost sein“?
Vielleicht helfen uns zunächst andere Übersetzungen bzw. Übertragungen dieses Trostwortes: Fasst Mut! Seid zuversichtlich! Atmet auf! Hebt eure Augen auf! Diese Welt und diese Zeit sind nicht das Letzte und alles Entscheidende. Sie sind nicht endgültig. Diese Wirklichkeit ist nicht das Ganze! Bei Gott ist die Welt mit ihrem Leid und ihrer ­Ungerechtigkeit nicht das Letzte!
Dieses so bekannte Wort Jesu an seine Freunde sollte nicht losgelöst gelesen werden von den anderen Worten aus seiner letzten Rede an sie: Euer Herz soll sich freuen; meinen Frieden gebe ich ­euch; ich lebe und ihr sollt auch leben; der heilige Geist wird bei euch­ sein in Ewigkeit; ich habe euch erwählt und bestimmt, dass ihr Frucht bringt und eure Frucht bleibt; eure Traurigkeit soll in Freude verwandelt werden.
Dazu sagt er den zwölf Männern das schöne und ­einleuchtende Beispiel: Eine Frau leidet im Moment der Geburt Schmerzen. Ist das Kind dann geboren, sind Angst und Schmerz vergessen um der Freude willen (Joh 16, 21).
Das ist die Perspektive der Hoffnung, die Jesus seinen Freunden mitgibt. Für sie gilt beides: Angst und gleichzeitig Freude, Trauer und gleichzeitig Frieden, sich fürchten und gleichzeitig zuversichtlich sein. Er umschreibt die Spannungsfelder unseres Lebens, die uns sehr in Nöte bringen können, aus denen er uns nicht einfach herausnimmt. Er gibt uns aber sehr wohl Kenntnis von seiner Gegenwart, mitten in der Anspannung.
Auf den Punkt bringt es Olaf Kormannshaus:  „Das Gebet ‚Herr, nimm mir diese Angst‘ sollte nicht ­unterstützt werden. Die Freiheit von Angst ist uns in der ­Bibel nicht zugesagt. Der Beter in Psalm 71,20 bekennt sogar:  ‚Du ließest mich viel Angst und Not erfahren!‘ Nicht die Abwesenheit von Angst ist ein erstrebenswertes Ziel, sondern die Erfahrung, dass Gott in der Angst beisteht. So könnte ein Gebet schlicht lauten: ‚Herr, mit dir möchte ich auch ­diese schwere Angst aushalten.‘ Oder ganz mutig: ‚Angst, komm nur her. Christus ist bei mir. Mit ihm zu­sammen bin ich dir gewachsen‘.

Wie kann das praktisch werden?

Ehrlich hinschauen bzw. hinhören:
Was sagt mir die Angst?
Sie spricht in Sätzen wie: Der andere will mir nichts Gutes! Was wird aus mir werden? Dem glaub ich nichts! Wieso gerade ich? Ich fürchte, ich kann das nicht. Ich fürchte die Schmerzen, das Hilflossein! Was kann ich denn schon tun! usw.
• Dinge, die mir Angst machen, anpacken und sei es mit Furcht und Zittern.
• Nicht allein damit bleiben, sich Hilfe, Helfer suchen, Entscheidungen, die anstehen, durchsprechen oder mit jemandem durchspielen und dann fällen.
• Nicht beim Grübeln bleiben – die Tätigkeit wechseln, z. B. sich erst mal an der frischen Luft bewegen. Eine Freundin geht erst mal eine halbe Stunde joggen, ich ziehe einen kleinen Spaziergang oder Unkrautjäten vor!
Es ist eine alte erprobte Erfahrung: Körperliche ­Bewegung bewirkt Entspannung und diese löst die Beklemmung!
In diesem Frühjahr erlebte ich zum ersten Mal selbst einen Hörsturz. Das Dröhnen wurde zum Terror im Ohr. Es brachte mich nicht nur nachts um den Schlaf, es raubte mir auch tagsüber die Konzentrationsfähigkeit und es löste wahre Horror­vorstellungen in mir aus: Was ist, wenn das bleibt? Die Ohrenärztin riet mir: „Lenken Sie sich ab, ­hören Sie Musik, gehen Sie spazieren, besuchen Sie Freunde, nehmen Sie Entspannungsbäder, horchen Sie nicht in sich hinein!“ Dabei fiel mir ein Satz ein, der von Thomas von Aquin zugeschreiben wird: „Wenn ich niedergedrückt bin, nehme ich zuerst ein heißes Bad, danach sorge ich für ausreichenden Schlaf. Am nächsten Morgen meditiere ich Leben und Leiden Christi.“
Ein guter Rat: Ehe wir die nächste Belastung an­gehen, bevor wir versuchen, den nächsten Tag „mit seiner Plage“ zu schultern, für Entspannung sorgen! Da darf jeder seine Wege der Entspannung finden.

Danken

Oft werden Ängste und Ohnmachtsgefühle in uns geweckt, weil wir Erinnerungen und Wunden von geschehenen Verletzungen in uns vergraben haben. So wie für Angst und schmerzhafte Erinnerung gilt „Lass zu, was ist“, so ist es auch gültig für die Erinnerung an alle Hilfe und Helfer, an alles Gute und Frohe, das wir auch erfahren haben. Dafür zu danken bewirkt of überhaupt erst die Fähigkeit zum Blickwechsel.
Verena Kast, eine Schweizer Psychotherapeutin, ermutigt zum Sich-Erinnern an die „Freudenbiografie“! Hoffen und danken können wir nicht einfach, sondern beides haben wir zu lernen im täglichen Üben. (siehe auch Anthony de Mello, Seite 83)
Astrid Sack (BPS Heft 6/93) schreibt, wie dieses Üben bei ihr aussieht:
Die Gewohnheit, in der „Stillen Zeit“ Dankpunkte aufzuschreiben, half mir zu entdecken, dass Gott auch ganz konkret in meinem Alltag an mir handelt. Das machte mich mutiger. Ich traute Gott mehr zu. Es ­änderte auch meine Blickrichtung. Statt ständig auf meine Angst zu schauen, schaute ich nun mehr auf Gott. Meine Beziehung zu ihm wurde lebendiger. Das wirkte sich auf meinen Alltag aus. Ich traute mir mehr zu und wurde aktiver. Ich konnte Neues ausprobieren, obwohl meine Gefühle mir Angst signalisierten. Ich machte die Erfahrung, dass es gut geht.
Meine Angst war oft unbegründet. Jede positive ­Erfahrung gab mir den Mut zum Weitermachen, aber ich musste auch lernen, Rückschläge auszuhalten, sie nicht in den Mittelpunkt meines Lebens zu stellen, sondern ihnen den Raum zuzuweisen, wo sie hingehörten. Gott sorgt doch für mich! Auch heute ist mein Leben nicht angstfrei. Aber es ist bunter und vielfältiger geworden. In meinem Leben gibt es mehr Raum für Farbe, Freude und Freunde.

Literaturempfehlungen

Psychotherapie und Seelsorge Nr. 1/2006, Titelthema: Angst und Mut
Verena Kast: Vom Sinn der Angst, u.a.
Anselm Grün: Wege durch die Depression
Jochen Klepper: Kyrie

Von

  • Maria Kaißling

    Religionspädagogin. Sie lebt in der OJC-Auspflanzung in Greifswald und ist vorwiegend als Seelsorgerin tätig.

    Alle Artikel von Maria Kaißling

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