Mehr als ein frommes Pflaster

Was, wenn die Depression wiederkommt?

Anselm Grün

Ich treffe immer wieder gläubige Christen, die sich ständig Vorwürfe machen, weil sie von ihrer Depression nicht loskommen, und andere, die Gott anklagend fragen, warum er sie denn nicht von ihrer Depression befreie. Sie hätten doch schon so viel gebetet. Und alles sei letztlich nutzlos gewesen.
Diese Frage berücksichtigt nicht, was Gottes Wille ist. Der Wille der Betroffenen ist es, von der ­Depression frei zu werden. Aber vielleicht ist es ­gerade Gottes Wille, dass sie in aller Demut ihre Krankheit an­nehmen und dass sie durch die ­Depression ihren Weg zu Gott finden.
Es ist nicht einfach, sich einzugestehen, dass man an der Krankheit Depression leidet und dass diese Depression möglicherweise lebenslang eine Begleiterin bleiben wird. Es wird Phasen geben, in denen es einem gut geht. Und es werden Zeiten kommen, da die Depression einen wieder fest im Griff hat. Es verlangt Demut, sich mit der Krankheit auszu­söhnen.
Und es ist ein Zeichen der Demut, zu akzeptieren, dass man täglich Medikamente einnehmen muss, damit die Krankheit nicht wieder Herrschaft über einen erlangt. Ich erlebe immer wieder Menschen, die die Medikamente absetzen, wenn es ihnen ­etwas besser geht. Sie meinen, sie hätten ihre Depression im Griff. Andere weigern sich, überhaupt Medikamente zu nehmen. Sie wollen nicht eingestehen, dass sie krank sind und medikamentöser Hilfe bedürfen. Es kostet Überwindung, sich zu sagen: „Ja, ich bin krank, ich bin depressiv. Ich brauche Medikamente. Ich werde zumindest eine Zeit lang damit leben müssen.“ Diese Art der Demut ist etwas anderes als die Einstellung, die die Depression als rein biologische Krankheit ­betrachtet, die man nur mit Medikamenten behandeln kann.
Eine Depression, die medikamentöser Behandlung bedarf, ist eine Krankheit, die den ganzen Menschen betrifft und die eine Herausforderung an ihn bleibt, sich mit seinem depressiven Erleben auszusöhnen. Wenn ein Mensch von einer schweren Depression heimgesucht wird, dann ist er nicht in der Lage, seine gewohnte Leistung zu bringen. „Die Bremse ist angezogen, die zentrale Exekutive, irgendetwas, das in unserem Gehirn plant, entscheidet und agiert, ist ausgebremst.“ (Josuran/Hoehne/Hell. Mittendrin und nicht dabei. Mit Depressionen leben lernen, München 2001, S. 235) Daniel Hell plädiert dafür, auch die schwere Depression nicht „aus dem Leben zu nehmen und gleichsam nur als isolierte Erkrankung zu sehen“ (ebd. S. 235).
Vielmehr geht es darum, auch die schwere De­pression in das Leben zu integrieren, als Teil meines Lebens zu sehen, der mich prägt und mich sowohl menschlich als auch spirituell herausfordert.

Demut statt Auflehnung

Demut ist etwas anderes als Resignation. Die Demut muss immer mit Hoffnung verbunden sein. Da ist einmal die Hoffnung, dass die Depression sich durchaus so therapieren lässt, dass man damit leben kann. Wir dürfen dem Kranken immer die Hoffnung vermitteln, dass sich die Bremse, die in der Depression angezogen ist, auch wieder lösen kann und dass er Zeiten durchleben darf, in denen die Depression keine Rolle spielt. Wenn die Depression therapieresistent zu sein scheint, dann ist es umso wichtiger, an der Hoffnung festzuhalten. Denn die Erfahrung zeigt, dass sogenannte chronifizierte Depressionen oft unterbehandelt sind. Oder es kommen körperliche Krankheiten, etwa der Missbrauch von Suchtmitteln oder schwierige soziale Umstände hinzu, die die Heilung oder Linderung der Depression erschweren. Kanadische Depressionsforscher sind überzeugt, dass es keine wirklich therapieresistenten Depressionen gibt: „Es ist eine therapeutische Tragik, dass Depressionen so ungenügend behandelt werden.“ (Zit. nach Hell 238) Manchmal machen Depressive so wenig Fortschritte, weil ihre familiäre Situation es nicht zulässt. Wenn die Familie allzu sehr auf Harmonie aus ist oder der Ehepartner die depressive Partnerin allzu ängstlich umsorgt, dann führt ­dies oft zu einem Festhalten an der Depression. In solchen Fällen müssten die familiären Verhältnisse genauer angeschaut werden. Es besteht immer Hoffnung, dass die Depression sich durch Medikamente und durch den Einbezug der sozialen Beziehungen in die ­Behandlung bessert.
Zur Demut gehört aber auch, sich einzugestehen, dass die Depression immer ein Thema bleiben wird. Demut meint den Mut, hinabzusteigen bis zur Erde (humilitas, das lateinische Wort für Demut, kommt von humus), hinabzusteigen bis in den tiefsten Grund der Seele. Für mich heißt das auch, die Depression nicht zu überspringen, auch nicht durch Frömmigkeit, sondern durch sie hindurch­zugelangen in den Bereich jenseits der Depression. Aber der Weg in diesen inneren Raum, in dem Gott in mir wohnt, führt durch die Depression hindurch.

Hoffnung statt Resignation

Ich habe eine Schwester begleitet, die an Depressionen litt. Sie hatte gehofft, durch Therapie und geistliche Begleitung, durch ihre meditative Praxis und ihren spirituellen Weg nun endlich von der Depression frei geworden zu sein. Doch auf eine kritische Bemerkung einer Mitschwester hin fiel sie erneut in ein dunkles Loch. Sie war zutiefst enttäuscht und meinte, alles, worauf sie ihre Hoffnung gesetzt habe, sei ihr zerbrochen. Anscheinend helfe gar nichts gegen die Depression. Ich sagte ihr: „Du denkst, du könntest an deiner Depression vorbei zu Gott kommen. Aber dein Weg zu Gott führt dich durch die Depression hindurch. Du musst dir eingestehen, dass du empfindlich bist und ohnmächtig gegen diese depressiven Stimmungen. Wenn du dich damit aussöhnst, dann kann dich die Depression daran erinnern, in deine Dunkelheit hinabzusteigen und auf dem Grund der Dunkelheit und der inneren Lähmung und Traurigkeit Gott zu finden als den, der in dir verborgen ist und sich vor deinem begierigen Besitzenwollen verbirgt. Die Depression zeigt dir ein anderes Gottesbild als das, was du vordergründig hast. Du möchtest Gott für dich vereinnahmen. Du möchtest Gott benutzen, damit es dir besser geht. Das kann ich gut verstehen. Aber Gott ist unverfügbar. Deine Depression erinnert dich immer wieder daran, dich diesem unverfügbaren und unbegreiflichen, diesem dunklen und unerkennbaren Gott zu ergeben. Dann wirst du mitten in deiner Depression Frieden spüren. Du wirst frei sein von allen egoistischen Wünschen Gott gegen­über. So kann dir gerade durch deine Depression Gott auf neue Weise aufgehen.“

Wenn Menschen mitten in der Depression sind, fühlen sie sich wie in einem dunklen Loch. Und dieses dunkle Loch kann auch nicht erhellt werden durch fromme Gedanken. Das Gebet dieser Menschen, ihr Gottvertrauen, ihre spirituelle Sehnsucht scheinen nicht bis in diesen Grund vorzudringen. Sie fühlen sich von Gott völlig abgeschnitten. Wie sollen sie also mit ihrer Depression spirituell um­gehen? Wenn sie im dunklen Loch sitzen, können sie nicht beten. Der einzige Weg, der ihnen bleibt, ist, sich daran zu erinnern, dass sie auch dort unten, wo nur Leere ist, von Gott gehalten sind. Die Theologin Ingrid Weber-Gast beschreibt, wie der Glaube im Erleiden ihrer Depression keine Rolle mehr spielte: „Mein Verstand und mein Wille mochten ihn wohl weiterhin bejahen, aber für mein Herz war er unerreichbar. Er war kein Trost, ­keine Antwort auf verzweifelnd quälende Fragen, keine Hilfe, wenn ich nicht weiter wusste. Ja, im Gegenteil: Nicht der Glaube trug mich, sondern ich musste noch den Glauben tragen.“ (Weber-Gast 32f) In dieser Situation helfen die Erfahrungen von Geborgenheit, die der Depressive früher gemacht hat, nicht weiter. Sie erreichen sein Herz nicht. Dem Kranken bleibt nichts übrig, als zumindest ­äußerlich am Glauben und den damit verbundenen Ritualen festzuhalten, in der Hoffnung, dass irgendwann ein Wort, ein Bild, eine Geste in seine innere Er­starrung eindringt und sie auflockert.

Passion statt Illusion

Falsche Versprechungen, dass Gebet und Meditation auch die schwere Depression heilen, helfen dem Kranken nicht weiter. Es geht vielmehr darum, sich in aller Demut mit seiner Depression aus­zusöhnen. Ich habe mir die Krankheit nicht aus­gesucht. Aber sie ist mir offensichtlich zugemutet. Wenn ich sie annehme, kann ich daran wachsen. Ich höre dann auf, mir Vorwürfe zu machen. Und ich verabschiede mich von der Illusion, dass ich die Depression völlig abstreifen werde und sie mich nie mehr heimsuchen wird. Ich nehme sie an als das Kreuz, das Gott mir auferlegt. Ich hätte gerne ein anderes Kreuz. Aber ich vertraue darauf, dass dieses Kreuz mich für Gott aufbricht und dass meine Depression mich auf dem geistlichen Weg zu dem unbegreiflichen Gott führt, der sich gerade am Kreuz Jesu, am Ort scheinbaren Scheiterns, als unendliche Liebe offenbart hat. Vielen depressiven Menschen hilft es, die Passion Jesu zu meditieren. Wenn sie etwa die Matthäuspassion oder Johannespassion von Johann Sebastian Bach hören, erleben sie sich zum Leben zugehörig. In der Musik wird das grausame Leid, das Jesus widerfährt, auf eine andere Ebene gehoben. So fühlen sich Depressive beim Hören der Musik verstanden und zugleich im Tiefsten angerührt. Indem ihre Depression in der ­Musik erklingt und zu schönen Tönen wird, kann Verwandlung geschehen. Im Hören und Meditieren der Passion spüren sie, dass ihre Depression ihnen ein tieferes Verständnis der Liebe ermöglicht, die in der Passion Jesu zum Ausdruck kommt.
 
Hilfreich kann auch sein, Zuflucht zu vorgeformten Gebeten zu nehmen. Die Psalmen bieten sich ­dafür an. Sie schildern in eindrucksvollen Bildern das depressive Erleben. So finden depressive Menschen einen Weg, ihre Erfahrung auszudrücken, für die sie keine Worte finden. Wenn sie vor Gott verstummt sind, wenn sie nichts mehr spüren, dann können die Worte der Psalmen sie mit ihrer Angst und Traurigkeit, ihrer Verzweiflung und Trostlosigkeit in Berührung bringen. Wenn die eigene Erfahrung ausgesprochen wird, kommt der Depressive mit sich selbst in Berührung. Und wenn er mit sich in Berührung ist, ist schon eine Bresche in die Depression geschlagen, die sich ja gerade dadurch auszeichnet, dass man gar nichts mehr spürt, weder sich selbst noch die anderen. Natürlich ist das Beten der Psalmen keine Garantie, dass die Depression sich aufhellt. Manchmal wird man diese Worte beten, ohne etwas zu spüren. Dann bleibt einem nur übrig, trotzdem die Psalmworte laut zu ­sprechen, in der Hoffnung, dass sie stimmen und dass sie eindringen in das Herz und noch tiefer in das Unbewusste, um im tiefsten Punkt der Dunkelheit ein Licht zu entzünden.

Klagen statt zu verstummen

Für depressive Menschen, die keine Worte mehr für ihre innere Situation finden, bietet sich Psalm 88 an, um das depressive Erleben zum Ausdruck zu bringen. Darin heißt es:
„Herr, mein Gott, am Tag rufe ich dich, ich klage vor dir in der Nacht. Es dringe zu dir mein Gebet, neige dein Ohr meinem Flehen! Denn meine Seele ist gesättigt mit Leid, dem Totenreich ist nahe mein Leben. Ich werde zu denen gezählt, die fahren zur Grube, ich bin ein Mensch ohne Kraft. Mein Lager ist bereitet unter den Toten, gleich den Erschlagenen, die ruhen im Grab: deren du nicht mehr gedenkst, die keinen Teil mehr haben an deiner Sorge. Du warfst mich in die unterste Grube, in die Finsternis, in den Abgrund. Schwer lastet auf mir dein Unmut, all deine Wogen brechen herein über mich.“ (Ps 88,2–8)
In diesen Worten wird kein frommes Pflaster auf die ausweglose Not des depressiven Menschen ­geklebt. Vielmehr bieten die Worte dem Depressiven die Möglichkeit, sein Gestimmtsein vor Gott zur Sprache zu bringen. Indem er solche Worte betet, bekommt seine Depression ein Gesicht. Die Strukturlosigkeit und das innere Chaos, das der Depressive in sich erlebt, werden durch die Worte ­geformt und gestaltet. Indem der Depressive Gott gegen­über klagt, dass sein Leben dem Totenreich nahe ist, dass er schon dabei ist, in den Abgrund, in die tiefe Grube zu sinken, bekommt er wieder ­Boden unter die Füße. Die Worte, die sein Chaos ausdrücken, tragen ihn aus dem Chaos heraus.

Mit Jesus am Ölberg

Der Psalm endet nicht in Worten des Vertrauens, sondern in der Klage: Und: „Elend bin ich von ­Jugend auf und vom Tod bedroht, ich trug deine Schrecken und siechte hin. Die Glut deines Zornes ging hinweg über mich, vernichtet haben mich deine Schrecken. Sie umringen mich immerfort wie flutende Wasser, von allen Seiten bedrängen sie mich. Entfremdet hast du mich dem Freund und Vertrauten, und nur das Dunkel ist mir vertraut.“ (Ps 88,16–19) Indem der Depressive diese Worte spricht, zwingt er sich nicht, seine Depression spirituell zu überwinden. Er gibt ihr nur Ausdruck vor Gott. Er bleibt in seinem dunklen Loch. Aber er schreit. Er hält an dem fest, dem er sein Leid klagen darf. Das entlastet ihn. Indem seine Stimmung stimmig ausgedrückt wird, kann sie sich wandeln.
 
Wir Mönche singen diesen Psalm als Kompletpsalm am Gründonnerstag nach der Eucharistiefeier. Dort wurde der Altar entblößt und die eucharistischen Gaben in die Krypta gebracht. Jetzt beten wir gleichsam mit Jesus am Ölberg. Wir versetzen uns in seine ausweglose Situation der Verlassenheit. Aber indem wir gemeinsam mit ihm beten, fühlen wir uns verbunden mit allen Menschen, die Ähnliches erleiden. Und wir spüren beim Singen, dass wir ja selbst in uns solche Erfahrungen machen, wo nichts uns tröstet, wo wir nur noch verzweifelt sagen können: „Mein Vertrauter ist nur noch die ­Finsternis.“ Kein Mensch versteht mich mehr. Ich lasse meine Verlassenheit und Depression zu. Ich leihe ihr Worte. Die Worte drücken die Depression aus und erhellen sie zugleich. Denn Worte sind von ihrem Wesen her immer Lichtbringer.

Aus: Anselm Grün, Wege durch die Depression. Spirituelle Impulse. Herder 2008

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