Gott schreibt auch heute Geschichte

Eine Predigt zum Israelsonntag

von Pfarrer Wolfgang Breithaupt, Weitenhagen

Ich will euch nicht verhehlen, liebe Brüder, dieses Geheimnis, auf dass ihr nicht auf eigene Klugheit verlasst: Blindheit ist Israel zum Teil widerfahren solange, bis die Fülle der Heiden eingegangen ist und alsdann wird das ganze Israel gerettet werden, wie geschrieben steht: „Es wird kommen aus Zion der Erlöser, der da abwende das gottlose Wesen von Jakob. Und dies ist mein Bund mit ihnen, wenn ich ihre Sünden werde wegnehmen.“ Nach dem Evangelium sind sie zwar Feinde um euretwillen; aber nach Gottes gnädiger Wahl sind sie Geliebte um der Väter willen. Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen. Gleicherweise wie ihr zuvor nicht habt geglaubt an Gott, nun aber Barmherzigkeit erlangt habt durch ihren Unglauben, so haben auch jene jetzt nicht wollen glauben an die Barmherzigkeit, die euch widerfahren ist, ­damit auch sie Barmherzigkeit erlangen. Denn Gott hat alle beschlossen unter den Unglauben, auf dass er sich aller erbarme. (Röm.11, 25- 32)

Liebe Gemeinde,

heute feiern wir einen Hoffnungssonntag, den Israelsonntag.
Der Israelsonntag erinnert uns Christen daran, dass wir eine Heilsgeschichte haben: Am Ende der Weltzeit ­erwartet uns eine Heilszeit, die Heilung für diese Welt, für die Völker und insbesondere für das Volk, an dem Gott durch die gesamte Weltgeschichte hindurch exemplarisch gehandelt hat und durch das er die ­Geschichte in besonderer Weise zur Vollendung bringen wird.
Dieses Volk ist Israel. Seit es die Kirche gibt, führt Gott auch die Geschichte des Volkes Israel weiter:  von der Schleifung des Tempels durch die Römer im Jahre 70, über die Vertreibung aus Palästina und ihre Zerstreuung in alle Völker durch die wechselvolle Geschichte der Diaspora – bis heute. Mit heute meine ich die Gründung des Staates Israel im Jahre 1948. Dieses Ereignis ist seit der Zerstörung Jerusalems das markanteste. Mit der Sammlung der Juden im eigenen Staat begann – biblisch gesprochen – der im Jahr 70 fast bis an die Wurzel zerstörte Ölbaum wieder auszuschlagen. (Der Ölbaum gilt als Symbol für das israelische Volk.)
Wir glauben nicht an die ewige Wiederkehr der Geschichte, an den Kreislauf, in dem Kulturen und ­Reiche aufsteigen und wieder vergehen, sondern daran, dass sich durch das Kommen und Gehen der Kulturen hindurch eine Linie klar abzeichnet: Israel bleibt, um Israel rankt sich die Heilsgeschichte und läuft ihrem Ziel entgegen.
Für diesen Sonntag des Kirchenjahres wird durch den Predigttext ein bestimmter Aspekt der Geschichte des Bundesvolkes hervorgehoben.
Erstens: Wir sollten keine falschen Schlüsse ziehen. Gott hat seinen Bund mit Israel nicht aufgelöst, es bleibt sein besonderes Bundesvolk, trotz aller ­Irrungen, trotz Auflehnung seitens der Menschen.
Zweitens: Das Zwischenspiel Gottes in der Heils­geschichte. Gott denkt in allem weiter, er denkt an mehr als nur an Israel.
Drittens: Bei Gott bleibt ein Ja ein Ja.

Keine falschen Schlüsse

Die Geschichte Gottes mit Israel ist ein Geheimnis.
Über Geheimnisse kann man spekulieren, man kann sie fehl- und neuinterpretieren. Aber ein Geheimnis löst man nicht wie ein Rätsel. Einem Geheimnis kann man sich vorsichtig nähern oder man kann es sich von jemandem erklären lassen. Das tut Paulus im Brief an die Gemeinde in Rom: „Ich möchte euch nicht im Unklaren lassen über das Geheimnis der Absichten Gottes mit Israel...“ Das tut er, damit die bekehrten Heiden keine falschen Schlüsse ziehen und das Volk ablehnen, weil es Jesus nicht als Messias anerkennen will. Natürlich schmerzt Gott die Zurückweisung und auch die schmerzvollen Umwege, aber ihn schmerzt noch mehr die Ablehnung, die ­seinem Volk seitdem entgegenschlug, die Pogrome, Anschuldigungen und der Hass der letzten 2000 Jahre, der Israel – leider Gottes – auch von Seiten der Christen entgegenschlug. Ihren grausigen Höhepunkt erreichte die Ablehnung, wie wir alle wissen, in der Shoah, in der Auslöschung von 6 Millionen Juden. Gott aber ist seinem Volk treu geblieben. Spätestens mit der Staatsgründung am 14. Mai 1948 wurde ­offensichtlich: Die Zeit der Zerstreuung ist vorbei. Der Baum, der fast bis in die Wurzeln zerstört worden war, beginnt wieder zu grünen, und zwar dort, wo er schon immer hingehörte: im Lande der Väter.
Der heutige Israelsonntag erinnert uns: Wir sind Zeugen, wie Gott inmitten der Weltgeschichte, allen ­Widerständen zum Trotz, Heilsgeschichte betreibt. Das müssen wir uns bewusst machen: Der lebendige Gott, den wir Vater nennen dürfen, der Himmel und Erde erschaffen, mit Abraham gesprochen, Mose berufen und ihn befähigt hat, ein Volk aus Ägypten durch die Wüste in das Land Kanaan zu führen, schreibt heute vor unseren Augen wieder Heils­geschichte! Das Volk Israel wohnt wieder in diesem Land, zusammen mit den Palästinensern, die ihrerseits Ansprüche auf das Land haben.
Gottes Heilsgeschichte bricht nicht ab, auch wenn die Welt ihren eigenen Weg geht.
Während dessen wird das, was Paulus im Jahre 56 aus den Schriften der Väter verstanden, prophetisch ­erschaut und nach Rom geschrieben hat, vor unseren Augen nachprüfbare, historische Wirklichkeit. Daran ­erinnert uns der Israelsonntag.

Das Zwischenspiel Gottes in der Heilsgeschichte

Dass Israel einst den Messias Jesus – aus verschiedenen Gründen – abgelehnt und damit den Zorn der Christenheit auf sich gezogen hatte, hatte verheerende Folgen. Aber ihre ablehnende Haltung hat im Laufe der Weltgeschichte der Völkerwelt eine ungeahnte Möglichkeit eröffnet. Der auferstandene Jesus sagt zu seinen Jüngern: „Mir ist alle Macht im Himmel und auf Erden gegeben. Darum gehet zu allen Völkern und macht die Menschen zu Jüngern; taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Und seid gewiss: Ich bin ­jeden Tag bei euch, bis zum Ende der Welt.“ (Mt 28, 18ff)
Gott hat das Nein seines Volkes genutzt, um die Völker zu erlösen. Wir würden heute nicht hier in der Kirche sitzen, wenn dieser Umweg nicht zustande gekommen wäre! Paulus beschreibt diesen Vorgang in dem Bild des edlen Ölbaums, den der Gärtner beschneidet, um Zweige eines wilden Ölbaums in den edlen zu pfropfen. Er macht Platz, um das Wertlosere in das Wertvolle zu heben! Wir als Christen schulden Israel also Dank für diese unerhörte Chance. Stattdessen haben unsere Institutionen durch den theologisch geschürten Anti­semitismus die Steilvorlage für die Shoah geliefert! Der Vorgang des Pfropfens ist zeitlich begrenzt: „Bis die volle Zahl aus den Völkern zum Glauben gekommen ist... Wenn diese Voraussetzung erfüllt ist, wird ganz Israel gerettet werden...“  (Röm 11,25-26)
Jetzt wird es spannend und manche Spekulation setzt ein, denn wir wissen etwas, aber anderes nicht. Wir kennen nur die Aussage, dass wenn die Vollzahl ­erreicht ist, ganz Israel gerettet wird. Aber wir kennen nicht die „volle Zahl“.
Voraussetzung für die Befreiung des Volkes ist die Existenz dieses Staates.  Noch sind nicht alle Juden in diesem Staat... das wird noch Zeit brauchen. Und mindestens so viel Zeit bleibt auch den Völkern, bis die „volle Zahl“ erreicht ist. Seit 2008 leben mehr ­jüdische Menschen in Israel als in einem anderen Land der Welt. (Bisher führte Amerika mit dem ­hohen Anteil jüdischen Lebens in New York.)  
Das Zwischenspiel, die Chance für die Völker, nähert sich also seinem Ende, und wir dürfen wieder Zeugen sein, wie Gottes Geschichte mit seinem Volk und mit den Völkern der Erde ihrem Ziel zustrebt.
 
Für uns Christen bleibt angesichts der dramatischen Situation in Israel, angesichts der vergeblich scheinenden politischen Bemühungen und militärischen Interventionen nur das Gebet: die Bitte darum, dass das Volk Israel sich, um Lösung ringend, seinem Gott anvertraut. Und wir können dafür beten, dass sich bald die Voraussetzungen für die Errettung Israels erfüllen – Rettung ist immer auch politisch! – dass die Gottlosigkeit in der Welt abnimmt und die „volle Zahl“ aus den Völkern erreicht wird. Dann kann die Bedrückung und die Last von Israel genommen werden. (Vers 26-27 )
 
Es gibt schon Hoffnungszeichen und die ersten Beweise von Errettung und Heilung im Volk; ein Anfang der Vollendung ist gemacht! Da ist die Versöhnungsbereitschaft zwischen Juden und Christen, die zum Beispiel das Laubhüttenfest miteinander feiern. Da gibt es auch jüdische Gemeinden, die sich messianisch nennen, weil sie Jesus folgen, aber an ihrer ­jüdischen Identität festhalten. Das alles ist noch in den Anfängen, aber gerade das Laubhüttenfest hat ­eine prophetische Verheißung: Alle Völker, so wird gesagt, werden nach Jerusalem zum Laubhüttenfest kommen und dort den lebendigen Gott anbeten.
Im gemeinsamen Feiern hat sich schon vieles atmosphärisch klären können: Juden dürfen erkennen und glauben, dass die Christen, die mit ihnen feiern, ihre Wertschätzung zum Ausdruck bringen und gegen den Widerstand aus den eigenen Nationen Israels Berufung bestätigen und die Nation unterstützen. Das ist für viele Juden ein wichtiges Zeichen und ein unglaublicher Trost!
Der Israelsonntag gibt deshalb berechtigten Anlass zur Hoffnung: Alles kommt zum Heil Gottes. Und auch wir haben unseren Platz darin.

Bei Gott bleibt das Ja ein Ja

Die Geschichte Gottes mit seinem Volk, das Zwischenspiel zum Heil für die Völker, die Rettung des Volkes, die begonnen hat, und die stete Annäherung an die „volle Zahl“ der Menschen in den Völkern, die zum Glauben an Gott kommen sollen, sind ein Beweis dafür, dass Gott seine Versprechen hält: jedes! Das gilt nicht nur für seine Verheißungen an die Völker, sondern auch für seine Zusicherungen, die uns persönlich betreffen.
Gottes Ja zu uns gilt!
Ganz gleich, unter welchen Umständen wir geworden sind, sein Wort gilt: Jeder einzelne Mensch ist wertvoll und passt zu mir! Gott wollte, dass wir in diese Welt kommen.
Er hat erneut Ja zu uns gesagt in der Taufe. Durch sie sagt er zu jedem von uns: „Du bist mein geliebtes Kind“.
Auch das dürfen wir persönlich nehmen: „Ich will dich segnen, du sollst ein Segen sein.“ Wenn wir uns entscheiden, uns als von Gott Bejahte selber zu bejahen, können wir ihm antworten mit einem Lebensstil, der der Bibel entspricht.
Falls wir, aus welchen Gründen auch immer, nicht zu dieser Antwort kommen, so bleibt doch Gottes Ja zu uns, auch wenn wir seine Liebe zu uns nur auf Um­wegen, manchmal sehr leidvollen, erkennen. Er führt uns diese Wege nicht im Zorn und nicht um uns zu strafen, sondern weil sie uns zum Nachdenken und zum Neuanfang leiten. Gott will nicht, dass unsere Berufung und Begabung zerbröselt, sondern dass wir dabei sind, wenn er seine Welt vollendet.
 
Sein Wort ist immer alles zugleich:
Zuspruch, Anspruch und Ermutigung.
Amen

Von

  • Wolfgang Breithaupt

    Landespfarrer für Seelsorge in der Pommerschen Evanglischen Kirche, seit 1987 Leiter des Friedrich-Wilhelm-Krummacher-Hauses und Pastor der Ortsgemeinde. Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft für Evangelische Einkehrtage im Bereich der EKD.

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