Quälende Schuldgefühle und unerkannte Schuld

von Rudi Böhm

1. Eine Richtungsangabe zur klareren Unterscheidung

Gott hat uns nach seinem Ebenbild geschaffen. Unsere Bestimmung ist es, zu der Person zu werden, die er gemeint hatte. Das ist der Kern unserer Identität. Die Verbundenheit mit der Liebe Gottes ist der Nährboden für ein erfülltes und zur Entfaltung kommendes Leben. Darin liegt auch die Sehnsucht nach gelingenden Beziehungen begründet. Unser Reifen ist abhängig von der Achtung und Wertschätzung der Umwelt – und letztendlich davon, ob wir lernen, uns selbst zu achten und wertzuschätzen. Doch erste Priorität bleibt die Wertschätzung durch Gott. Sie gibt uns den Mut, das Leben nicht unter allen Umständen nach den Erwartungen anderer zu richten, sondern unserer Bestimmung treu zu bleiben und unseren Willen nach Gottes Vorgaben zu formen, ihm zu vertrauen und zu gehorchen.
Ein eindrückliches Beispiel für diese Treue ist die Geschichte von Johannes dem Täufer und Herodes (Mk 6,17-29). Johannes scheute sich nicht, Herodes zu sagen, dass er in Sünde lebt, selbst dann nicht, als Herodes ihn deshalb ins Gefängnis werfen ließ. Er stand bis zum Ende zu seinen Überzeugungen – und zahlte dafür mit seinem Leben. Johannes blieb konsequent bei dem, wozu er berufen war: den Weg für den Messias zu bahnen. Wie Jesus war auch er davon bestimmt, den Willen Gottes zu tun (vgl. Joh. 5, 30). Seine Liebe zu Jesus und sein ­Gehorsam gegenüber Gott bewahrte ihn vor Schuld und Verrat.
Schuld könnten wir also als das Vorbeigehen des Menschen an seinem Wesen definieren, als die Weigerung, sein Leben am Anspruch Gottes auszurichten. Wer es allen Recht machen will, wer es auf die Anerkennung der Menschen anlegt, wird zerrissen werden wie Herodes. Er wollte die Leute ­zufriedenstellen, populär handeln, berühmt sein. Er ist ein extremes Beispiel, aber auch in den kleinen Dingen des täglichen Lebens können wir in die Falle geraten, allzu schnell falsche Kompromisse einzugehen und unserem Gewissen Schaden zuzufügen. In der Folge kommt es zu komplizierten Störungen in unseren Beziehungen – wie bei Herodes, der zwar etwas auf die Warnungen des Täufers gab, aber vor seinen Gästen das leichtfertige Versprechen an die tanzende Salome nicht brechen wollte (Mk 6, 26). Wer versucht, die innere Spannung vor dem Anspruch Gottes zu lösen, indem er der Entscheidung ausweicht, gerät in heillose Verstrickungen, die sich später häufig in quälenden Schuldgefühlen zeigen, aber den Blick auf die eigentliche Schuld eher verdecken.

2. Was versteht man unter Schuld und Schuldgefühlen?

Wir haben das Gefühl, jemandem Unrecht getan zu haben. In unserer Sprache finden wir Redewendungen wie: „Ich stehe in deiner Schuld“; aber auch „Ich bin mir keiner Schuld bewusst“. Das zeigt, dass wir ein Unrechtsbewusstsein haben, also rechtes Verhalten von unrechtem unterscheiden können. Es gibt Menschen, die fühlen sich für alles und jedes schuldig, obwohl sie keine Schuld trifft, andere wiederum sehen gar nicht ein, dass sie sich schuldig gemacht haben könnten.
An dieser Stelle erscheint es sinnvoll, zwischen Schuld- und Reuegefühlen zu unterscheiden. Wir verspüren Schuldgefühle, wenn wir unser Denken, Fühlen und Verhalten als falsch ansehen und uns deswegen als schlecht verurteilen. Reue hingegen ver­spüren wir, wenn wir unser Denken, Fühlen und Verhalten als falsch erkennen, es bedauern, bereit sind, uns diesen Fehler vergeben zu lassen und anschließend auch uns selbst zu vergeben. Damit übernehmen wir Verantwortung für unser Verhalten und suchen nach Wegen der Wiedergutmachung.
Ein junger Mann litt unter starken Konzentrationsstörungen. Im Gespräch zeigte sich, dass er seit ­einiger Zeit versuchte, Ansprüchen seiner Mitwelt, die sich nicht vereinbaren ließen, gerecht zu werden. Das kostete ihn soviel Kraft und nahm sein Denken, Fühlen und Handeln so in Beschlag, dass er sich den Lernstoff nicht mehr merken konnte. Im Gespräch wurde ihm klar, dass er sich überschätzt hatte und dass er eine Entscheidung treffen musste. Das hieß zwangs­läufig, einen Menschen, der ihm nahe war, zu enttäuschen. Er ging zu der Person, bei der er Hoffnungen geweckt hatte, und entschuldigte sich dafür, ihr mit seiner Entscheidung weh tun zu müssen. Obwohl es ihm nicht leicht fiel, fühlte er sich dabei nicht als schlechter Mensch, denn er nahm sein Gegenüber ernst und erwies ihm die gebotene Achtung. So konnte er nach einer Zeit der Trauer in Zuversicht und Klarheit weiter­gehen, ohne sich mit einem schlechten Gewissen herumplagen zu müssen. Es macht hilflos, sich mit lähmenden Schuldgefühlen herumzuquälen – statt die Schuld zu bekennen. Hingegen versetzen uns Reuegefühle in die Lage, aktiv zu werden. Wir übernehmen Verantwortung für das eigene Handeln, stehen dafür gerade und können versuchen, angerichteten Schaden, soweit dies möglich ist, wiedergutzumachen.

3. Wie äußern sich Schuldgefühle?

Schuldgefühle werden zumeist umschrieben mit der Redewendung „ein schlechtes Gewissen ­haben“. Manchmal spricht man von einem „nagenden Gewissen“ oder von „Gewissensbissen“. Schuldgefühle können für einen Menschen so quälend sein, dass er seine Lebensfreude und sein Interesse an der Umwelt vollkommen verliert oder sogar sein Leben wegwirft.
Jeder Mensch hat spezifische Signale, die ihn auf Schuldgefühle aufmerksam machen. Das können seelische Zustände sein wie Unruhe, Gereiztheit, wenn jemand mürrisch, hasserfüllt, ängstlich, resig­niert, verzweifelt, niedergeschlagen ist oder sich wie gelähmt, einsam und verlassen fühlt. Im körperlichen Befinden können sich Schuldgefühle in Form von Magenbeschwerden äußern, als Schlaf-, Konzentrations- und Merkfähigkeitsstörungen, Durchfall oder Verstopfung, Heißhunger oder ­Appetitlosigkeit, Herzstechen, niedrigem oder hohem Blutdruck, Atembeschwerden, Kopfschmerzen, Nachlassen des sexuellen Verlangens, usw. Langfristig können sich auch psychosomatische Erkrankungen wie etwa Magengeschwüre, Asthma und Ekzeme entwickeln. Schuld­gefühle zeigen sich auch im Verhalten: Der Betreffende leugnet die Schuld, schiebt sie auf andere, zieht sich zurück, entschuldigt sich ausschweifend, beginnt zu ­trinken, zu rauchen, übermäßig zu essen, Tabletten zu nehmen; er überhäuft sich mit Arbeit, schiebt notwendige Arbeiten auf, stürzt sich in Aktivitäten, entwickelt zwanghafte Verhaltensmuster, nimmt sich im Extremfall das Leben. All diese Symptome sind als Beispiele gemeint, sie können selbstverständlich auch in anderen Zusammenhängen auftreten. Und ich möchte betonen, dass sie nicht notwendig in Erscheinung treten müssen, wenn jemand sich mit Schuldgefühlen plagt. Erst recht darf niemand sie als Indizien nehmen, um das Verhalten anderer einzustufen.
Insgesamt gilt: Schuldgefühle sind keine „Gefühle“ wie Angst, Ärger, Trauer oder Freude, sondern eher die Vorstellung, etwas falsch gemacht zu haben. Die jedoch kann sich in Gefühlen und körperlichen Reaktionen äußern. Das macht es oft schwierig, Schuldgefühle zu erkennen.
Natürlich variieren Schuldgefühle auch in Stärke und Dauer. Wenn wir einen Geburtstag vergessen haben, werden wir uns vielleicht nur kurz mit Schuldgefühlen beschäftigen. Haben wir unsere Mutter im Pflegeheim untergebracht, können uns Schuldgefühle bis zum Tod der Mutter und sogar darüber hinaus begleiten. Wurde bei einem Autounfall jemand schwer verletzt, können die damit verbundenen Schuldgefühle den Unfallverursacher bis zum Selbstmord treiben.
Schuldgefühle können auch in Begleitung von Depressionen und Zwangserkrankungen auftreten. Menschen, die über etwas grübeln oder zwanghaft handeln, haben oft eine Einstellung, die sie für Schuldgefühle empfänglich macht. Zum Beispiel, wenn sie denken, sie müssten alles perfekt machen oder ihre Gefühle vollkommen unter Kontrolle ­haben. Wenn sie versagen, verspüren sie Schuld­gefühle und laden sich nur noch mehr Verantwortung auf, um nicht wieder zu versagen. Das zwanghafte Verhalten hilft ihnen dabei, ihre Schuld­gefühle möglichst gering zu halten. Menschen, die sich schuldig fühlen, werden häufig depressiv, verur­teilen sich für ihr Verhalten und glauben nicht daran, dass sie ihr Fehlverhalten jemals korrigieren könnten.

4. Wie entwickeln sich unsere Schuldgefühle?

Die Suche nach der Quelle unserer Schuldgefühle führt uns zurück in die Kindheit. Wir werden nicht mit Schuldgefühlen geboren, sondern lernen, sie zu entwickeln. Im Laufe der Jahre hören wir Botschaften wie: „So etwas macht man nicht; du solltest dich schämen.“ – „Wegen dir hat Vater die ganze Nacht kein ­Auge zu getan.“ – „Du bist ein schlechter Junge, deiner Mutter so weh zu tun.“ – „Du bringst mich noch ins Grab.“
Wir können uns einige solcher Botschaften ins Gedächtnis rufen und uns fragen: Wie habe ich mich gefühlt, als ich sie zu hören bekam? Sie haben nicht verhindert, dass ich unartig war, aber ich hatte ein schlechtes Gewissen. Oder ich habe Not­lügen erfunden, um dem Tadel aus dem Weg zu gehen. Da ich um die Liebe unserer Eltern wusste und sie nicht verletzen wollte, fühlte ich mich insgeheim schlecht und schuldig.
Eltern geben meist weiter, was sie selber in ihrem Elternhaus erfahren und erlitten haben. Dazu gehören auch die inneren Einstellungen zum Leben und zu sich selbst, unbewusste Haltungen und unausgesprochene Erwartungen. Und sie setzen Schuldgefühle als ein Mittel der Erziehung ein und vermitteln uns: „Wenn du nicht tust, was wir wollen, lehnen wir dich ab. Du gewinnst unsere Liebe, wenn du dich nach unseren Vorstellungen verhältst. Dann bist du ein liebes Kind und von aller Schuld befreit.“ Auch wenn es nie formuliert wurde, kam die Botschaft bei uns an. Es genügte, wenn Papa uns nicht mehr beachtete, Mama nur noch das Nötigste mit uns sprach, keinen Gute-Nacht-Kuss gab oder sich ans Herz fasste. Für nonverbale Signale wie Mimik, Gestik und den Klang der Stimme sind ­Kinder sehr empfänglich.
Es geht mir nicht darum, Eltern anzuklagen. Als Vater von sechs Kindern könnte ich mich selbst an der Nase fassen. Eltern handeln meistens in guter ­Absicht, um aus ihren Kindern reife, verantwortungsvolle Erwachsene zu formen. Kinder müssen ja eine Unmenge an Regeln und Geboten lernen, um als lebenstüchtige Erwachsene ihren Platz in der Gesellschaft zu finden und einzunehmen. Dennoch muss uns klar sein: Wann immer ein Kind sich abgelehnt fühlt, entsteht in ihm der Eindruck, etwas verkehrt gemacht zu haben. Aus Angst vor den negativen Reaktionen der Erwachsenen lernt es, eigene Wünsche zurückzustellen, ja sogar zu vergessen, oder sich mit Schuldgefühlen zu be­strafen, wenn es das Unerwünschte dennoch tut. Es lernt rasch: Tue ich etwas Unerwünschtes, Verbotenes oder Schlechtes, dann bin ich ein schlechter bzw. nicht liebenswerter Mensch und ich muss mich schämen. Da ein Kind noch nicht in der Lage ist, die Worte der Erwachsenen kritisch zu hören, übernimmt es deren vernich­tendes Urteil.

5. Auswirkungen auf das eigene Leben

Verdeckte Schuldgefühle beeinträchtigen das Wachstum einer Persönlichkeit enorm und flammen im Erwachsenenleben auf, sobald das Gefühl, zu recht oder zu unrecht, entsteht, andere Menschen enttäuscht zu haben. Damit kommt ein Mechanismus der Selbstverurteilung in Gang, der auf dem Grundempfinden basiert, klein und nichtig, schlechter als andere zu sein. Im seelsorgerlichen Gespräch hören wir Äußerungen wie: „Ich bin nicht erwünscht.“ – „Ich werde nicht für voll genommen.“ – „Ich bin für andere eine Zumutung.“ – „Ich passe nicht dazu.“ – „Was werden andere über mich denken?“ – „Am besten wäre es, wenn es mich überhaupt nicht gäbe.“ Hinter jeder Äußerung steckt die tiefe Angst, beschämt zu werden, verbunden mit dem Zweifel an der Lebens­berechtigung.
Ich begleite einen gut aussehenden jungen Mann, zudem noch höflich, humorvoll und charmant – der Traum vieler Frauen. Umso erstaunlicher ist, dass er immer wieder in Situationen gerät, in denen er sich völlig hilflos erlebt. Das ging so weit, dass er nichts unternahm, als ihm sein bester Freund seine Frau ausspannte. Im Gespräch trat ein Zusammenhang mit einer wiederkehrenden Ohnmachtserfahrung aus der Kindheit zutage. Er hatte oft gehört: „Du kannst machen, was du willst, du kriegst eine aufs Maul, wenn du nicht parierst“. Bis heute bleibt ihm der Mund offen stehen, wenn ihm ­jemand zusetzt; er ist vollkommen handlungs­unfähig. Sein tiefstes Empfinden ist: „Ich kann ja doch nichts machen, ich habe kein Recht dazu.“
Schuldgefühle beeinträchtigen also das Selbstwertgefühl eines Menschen. Er wird bereit für die Sündenbockrolle. Das macht ihn manipulierbar und lässt ihn Dinge tun, die er im Grunde nicht will. Verdeckte Schuldgefühle können zu Depressionen oder psychosomatisch bedingten Krankheiten und nicht selten in Süchte führen. Sie rauben dem Menschen viel Lebensenergie, weil er ständig damit beschäftigt ist, alles unter Kontrolle zu bringen. Doch während er versucht, die Risiken zu vermeiden, wird er immer wieder neu verletzt und muss die alten Erfahrungen wiederholen. Der Mensch mit Schuldgefühlen neigt dazu, seine Schwächen zu verstecken, statt sie anzuschauen und vielleicht zu ändern. Wer aber nicht bereit ist, sich zu erinnern, ist dazu verdonnert, seine Vergangenheit zu ­wiederholen.

6. Wie gehen wir mit Schuldgefühlen um?

Jeder Mensch entwickelt Strategien, um mit Schuldgefühlen fertig zu werden. Manche, indem sie sie als gerechte Strafe empfinden und sich selbst ablehnen. Andere können Schuld schwer zugeben, leugnen sie mit allen Mitteln oder gehen zum Gegenangriff über: die anderen sind schuld, oder die Umstände, das Schicksal, etc. Menschen dieser ­Kategorie reagieren oft hochempfindlich auf jede Art von Infragestellung oder Kritik, auf der anderen Seite können sie wiederum ohne Bedenken andere hart kritisieren. Wieder andere versuchen, ihre Schuldgefühle herunter zu schlucken und zu be­täuben. Manche reagieren mit einer Mischung aus Selbstmitleid und Ironie. Schließlich gibt es Menschen, die sich damit entlasten, dass sie feststellen: „Andere haben auch Schuld oder noch mehr Schuld.“ Sie nivellieren ihre Schuld oder deuten sie um. Das kann so weit gehen, dass sie sie komplett verdrängen und sich so verhalten, als ob gar nichts Schuldhaftes stattgefunden hätte.
Jeder Mensch wird mit der Fähigkeit geboren, Schuldgefühle zu entwickeln. (Nur bei sehr wenigen Menschen, Kriminellen oder Psychopathen, ist ein Bewusstsein für gut und böse gar nicht entwickelt und folglich auch nicht vorhanden, selbst wenn sie sich schwerer Vergehen schuldig gemacht haben.) Andererseits hat nicht jedes Schuldgefühl mit tatsächlicher Schuld zu tun. Hier kann nur klar unterscheiden, wer tief in Gottes Liebe verwurzelt und sich der Gottesebenbildlichkeit gewiss ist. Das befähigt zum nüchternen Umgang mit der Schuld, zur Bereitschaft, eigene Fehler einzusehen ohne sich als ganze Person zu verurteilen oder abzu­lehnen. Menschen, die das können, sind in der ­Lage, die sündhafte Tat von ihrer Würde als Person trennen – die Sünde vom Sünder.
Oft sind gerade Christen besonders empfänglich für Schuldgefühle. Sie fühlen sich für alles und jedes verantwortlich und streben nach Perfektion. Sie halten sich niemals für gut genug, sondern eher für als von Grund auf schlecht. Diese Haltung wird noch von der einseitigen Lehre von der Erbsünde ­genährt, derzufolge unsere menschliche Natur in ihrer Wurzel vergiftet und von Grund auf verdorben ist: „Des Menschen Herz ist böse von Jugend auf“. Lange Zeit habe ich das selbst so geglaubt und einen verzweifelten Kampf um mein Ansehen bei Gott gekämpft. Ich ­habe versucht, aus der Not eine Tugend zu machen und meine angeblichen Sünden offen ans Licht zu bringen. Dahinter verbarg sich der Wunsch, mir die Anerkennung bei Gott zu sichern. Wie ein Schlag traf mich die Bemerkung eines weisen älteren Mannes, der mir sagte: „Rudi, das waren alles nur Puppensünden.“
Das Buch des englischen Geistlichen Daniel Considine SJ „Gott liebt uns“ war mir ein Augenöffner. Ich wurde ganz neu und sehr tief von der Liebe Gottes ergriffen. Heute fühle ich mich mehr als je mit meinem ganzen Sein von Gott geliebt. Ich glaube durchaus, dass der Sündenfall großen Schaden in uns Menschen angerichtet hat. Doch ist dadurch unsere Natur keineswegs vollständig, bis in ihr innerstes Wesen hinein, verdorben worden. Sie hat nur ihren Schutz, der im kindlichen Gehorsam ­gegenüber Gott begründet liegt, verloren. Seither ist das Gleichgewicht zwischen Wissen und Empfinden, zwischen Vernunft und unseren Gefühlen empfindlich gestört. Oft werden wir Christen vor Gefühlen gewarnt, weil sie gefährliche Leidenschaften hervorrufen könnten. Das hieße aber in letzter Konsequenz, im Glaubens­leben möglichst ohne Gefühle auszukommen. Im Nachhinein bin ich heilfroh, von diesem kalten ­Glauben Abstand gefunden zu haben. Anstatt die Gefühle arg­wöhnisch zu bekämpfen, konnte ich lernen, sie bewusst einzusetzen, um Gott von ganzem Herzen und von ganzer Seele zu lieben.
Ein Mensch, der sich für von Grund auf schlecht hält, hat die Tendenz, sich für Dinge verantwortlich zu fühlen, die gar nicht seine Sache sind. Er ist auch nicht frei, sorgfältig zu erwägen, welche anderen Faktoren zu der Situation beigetragen haben. Sensibel erspürt er selbst unausgesprochene Erwartungen anderer und glaubt, deren Gefühle durch sein Verhalten steuern zu können. Mit sich selbst nicht im reinen, neigt er dazu, sich als Verursacher für das Fehlverhalten oder Unwohlsein anderer zu sehen.

7. Der Weg der Heilung

Quälende Schuldgefühle beeinträchtigen unser ­Leben und rauben uns die Kraft, unser Leben nach Gottes Absicht zur Entfaltung zu bringen. Stellen wir uns einmal vor, wie es wäre, wenn wir Schuld von Schuldgefühlen unterscheiden und unser ­Leben frei gestalten könnten: Wir bräuchten uns selbst und anderen nichts mehr vorzumachen. – Wir könnten unsere Fehler aufrichtig bereuen, ohne uns selbst dafür verurteilen zu müssen. – Wir könnten die Barmherzigkeit Gottes erfahren, indem wir ihm unsere wahre Schuld bekennen, uns vergeben lassen und uns selbst vergeben. – Mit dieser ­Erfahrung könnten wir aufrecht zu uns selbst stehen mit allem, was zu uns gehört. – Wir würden auch andere mit ihren Eigenarten achten und mehr schätzen. – Wir würden eigene Bedürfnisse besser wahrnehmen und berück­sichtigen können. – Wir würden darauf verzichten können, andere zu manipulieren. – Wir würden ohne die (Über-)Forderung  leben, perfekt sein zu müssen. – Wir könnten es ertragen, schmerzlich missverstanden zu werden. – Wir könnten damit ­leben, unsere Mitmenschen manchmal enttäuschen zu müssen. – Wir würden uns erlauben, über­nommene Wertvorstellungen zu überprüfen und gegebenenfalls zu korrigieren.
Urteile der Erwachsenen haben sich, wie bereits ausgeführt, früh in unsere Seele eingeprägt und sind zu inneren Grundüberzeugungen geworden, die unsere Wahrnehmung von uns selbst und von der Welt – bewusst oder unbewusst – leiten. Ein klassisches Beispiel: „Ich bin nichts wert“. Würde man einem Menschen mit dieser Einstellung morgen den Nobelpreis verleihen und übermorgen eine Königskrone auf­setzen, wäre die Wirkung von kurzer Dauer, und die alte, tief verinnerlichte Überzeugung bald wieder zurückkommen.
Sind solche Grundüberzeugungen überhaupt ver­änderbar? Der erste Schritt ist immer die Wahr­nehmung, der Blick hinter die Fassade: „Ich habe ein Problem, ich bin von einer destruktiven Einstellung geleitet“.
Tief eingeprägte Denk-, Verhaltens- und Einstellungsabläufe lassen sich nicht auf der Verhaltens- bzw. Handlungsebene lösen. Wer glaubt, sich durch Anstrengung neues anzugewöhnen, wird enttäuscht: Die alten Muster werden sich in Varia­tionen immer wiederholen. Der Versuch, jemanden, der sich selber für wertlos hält, zu überzeugen, dass er in Gottes ­Augen kostbar und wertvoll ist, ist nutzlos. Prägungen entstehen immer unter einem hohen Druck. Zu den Gefühlen, die mit großen Schmerzen verbunden sind (Ablehnung, Verlassenheit, Verzweiflung u. a.) und die sich sehr früh in die Seele eingegraben haben, hat der erwachsene Mensch keinen direkten Zugang mehr. Sie melden sich indirekt, wenn er denkt: „Ich bin wertlos“. Umgekehrt gilt auch, dass freudige Erlebnisse, Jubel sich tief in der Seele verankern können. An dieser Stelle müssen wir ansetzen.
Daraus folgt der nächste Schritt, die Wendung des Herzens. Die Bibel ist ein ununterbrochener Aufruf zur inneren Umkehr. Eine Wendung des Herzens geschieht nicht durch äußere Einflüsse oder eigene Willensanstrengung. In Psalm 51,18-19 heißt es: „Schlachtopfer willst du nicht, ich wollte sie dir sonst geben ... Die Opfer, die Gott gefallen, sind ein ge­ängsteter Geist, ein geängstigtes, zerschlagenes Herz wirst du Gott, nicht verachten.“ Nur äußere Werke sind Gott nichts wert. Unser Herr in der Höhe erwartet, dass wir unser Herz von ihm verändern lassen.
Jesus ermutigt immer wieder zur Umkehr und dazu, sich selbst zu verleugnen (Mt 16,219. Nicht, das zu verleugnen, „was wir sind“, sondern das, „was wir geworden sind“. Wir sind Ebenbild Gottes und somit „sehr gut “, wie Gott unmittelbar nach der Erschaffung von Mann und Frau sagte. Was wir verleugnen ­müssen, ist nicht das, was Gott getan hat, sondern das, was wir getan haben, indem wir schlechten Gebrauch von unserer Freiheit gemacht haben – mit anderen Worten: die schlechten Neigungen, die Sünde, alle späteren Verkrustungen, die sich über das Original gelegt haben. (R. Cantalamessa).
Damit sind wir wieder am Ausgangspunkt der ­Er­örterung: bei der Ebenbildlichkeit Gottes in uns, die wir wieder entdecken können, weil Jesus Christus sie uns wieder zugänglich gemacht hat. Öffnen wir uns für die Implantation einer neuen, von Christus durchwirkten Grundüberzeugung, die da heißt: „Gott liebt mich!“
Wird diese Wahrheit befeuert, kann sie sich gegen unsere gewohnten Denkschemata durchsetzen. Wenn wir unser Herz der Liebe Gottes täglich aussetzen, wird es mit dem neuen Gefühl aufgeladen und kommt mehr und mehr zu der Überzeugung, dass wir seine geliebten Kinder sind.
Unsere größte und wirkliche Schuld liegt darin, dass wir uns dem uneingeschränkten Ja Gottes ver­schließen und stattdessen den quälenden Schuldgefühlen folgen, die uns die Wahrheit verdunkeln. Ein Christ hat den Auftrag, der Welt ein positives Bild von Menschsein zu zeigen. Christ zu sein, heißt Mensch zu sein. Ein Mensch, der aus der ­innersten Mitte heraus das Richtige entscheiden und das Gute tun kann. Daraus fließt die Lebensfreude, mit der unsere Sehnsucht gestillt wird. Das ist der Weg, der aus der Enge in die Freiheit und Weite führt, in der der Mensch aufrecht gehen kann.

Von

  • Rudolf M. J. Böhm

    Sozialpädagoge, gehört mit seiner Frau Renate zur OJC-Auspflanzung in Greifswald, wo er u.a. als Seelsorger aktiv ist.

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