In Deinem Mosaik ein Stein

Die wirksame Sorgentherapie Jesu

von Rolf Sons

I. Der in seiner Sorge gefangene Mensch

Die Tatsache, dass Gott sich um seine Welt kümmert, liegt nicht einfach auf der Hand. Eher lässt sich das Gegenteil erkennen. Betrachten wir unser Leben und die Welt, in der wir zu Hause sind, so entdecken wir nicht nur, dass vieles im ­Argen liegt. Wir beginnen auch an der Güte Gottes zu zweifeln. Ist Gott tatsächlich ein Gott für die Menschen? Sorgt und kümmert er sich um uns oder lässt er den Dingen freien Lauf? Sind wir Menschen von ihm verlassen? Sind wir einsame Wanderer im Weltall oder gibt es einen Vater im Himmel, der ­unsere Schritte lenkt und den unser Schicksal ­interessiert?
Der Hintergrund solcher Gedanken ist, dass der Einzelne Gottes Fürsorge nicht unmittelbar sehen kann. Schaut er sein Leben an, dann meint er, dass die Welt ihren eigenen Gesetzen folgt. Ein Eingreifen Gottes in das eigene Leben oder den Fortgang der Welt kann er sich einfach nicht vorstellen.
Die Konsequenz dieser Haltung ist, dass der Mensch beginnt, die Dinge selber zu erledigen. Er lebt, als ob es Gott nicht gäbe. Dies schließt zwar nicht aus, dass er sich in bestimmten Notsituationen an Gott wendet. Doch im praktischen Alltag spielt Gott für ihn meist keine Rolle.
Der Mensch aber, der lebt, als ob es Gott nicht gäbe, ist der Mensch der Sünde. Er verfehlt den Sinn und die Berufung seines Lebens, nämlich in der Gemeinschaft mit seinem Schöpfer zu leben, ihm zu ver­trauen und dankbar die Gabe des Lebens aus seiner Hand zu empfangen. Statt dass er auf Gottes Stimme hört, der ihm zusichert, dass er sich um ihn sorgen wird, will der Mensch für sich selbst sorgen. Statt dass er die Gemeinschaft mit seinem Schöpfer pflegt, zieht er sich zurück auf sich selbst. Statt dass er vertraut, dass Gott es gut mit ihm meint, entzieht er ihm das Vertrauen und misstraut seinen Zusagen und Versprechen.
Er wendet sich also komplett von seinem Schöpfer ab. Er entfernt sich vom Vaterhaus und kehrt seinem Gott den Rücken zu.
Die Folge ist, dass er nur noch sich selbst hat. Er ­redet nicht mehr mit seinem Schöpfer, sondern nur noch mit sich selbst. Er vertraut nicht mehr seinem Herrn, sondern nur noch seiner eigenen Leistung. Er glaubt es nicht mehr, dass Gott für ihn sorgt; daher ist er von eigener Sorge getrieben. Damit zieht er nicht nur seine eigene Existenz in Mitleidenschaft, sondern auch die seiner Mitgeschöpfe und Mitmenschen.
Wen wir hier skizziert haben, ist der Mensch der Sorge. Die Sorge um sein Dasein, sein Auskommen und Fortkommen, seine Karriere und seinen Erfolg lassen ihn nicht zur Ruhe kommen. Die Sorge ist sein Begleiter. Sie wohnt bei ihm und hat ihn fest im Griff.

In sich verkrümmt

Martin Luther hat diesen in seiner Selbstsorge gefangenen Menschen als den „in sich verkrümmten Menschen“ bezeichnet. Er hat sich sowohl von Gott als auch von seinen Mitmenschen isoliert. Statt ­Gaben, die Gott ihm geschenkt hat, an andere ­weiterzugeben, nennt er alles sein Eigen und behält es für sich.
Der in sich selbst Gefangene bzw. Verkrümmte ist undankbar und geizig. Zuerst wollte er so leben, als ob es Gott nicht gäbe. Nun muss er auch ohne ihn leben. Er wollte für sich selbst sorgen. Nun muss er es auch tun. Er, der für sich selbst sorgen wollte, ist nun zur Selbstsorge verdammt. Er, der sich von Gott und auch vom Mitmenschen isolierte, ist nun der Isolation preisgegeben. Die Sorge wird zu seinem Schicksal.
Ganz konkret zeigen sich die Sorge und das in sich selbst gekrümmte Dasein am Umgang mit dem Geld. Offensichtlich besitzt das Geld eine Macht, die uns Menschen die Hände bindet und die Herzen verschließt.
Interessant ist nun, dass beides, die Macht des Geldes und die menschlichen Sorgen, ganz eng zusammenhängen. Es ist daher wohl nicht zufällig, dass in dem großen Sorgenkapitel der Bergpredigt (Matthäus 6) zuerst der Götze Mammon beschrieben wird und daran anschließend die Macht der Sorge. Besitz und Geld auf der einen Seite und die Sorge auf der anderen Seite sind eng miteinander verbunden.
Martin Luther war dieser Zusammenhang zwischen Sorge und Geld offensichtlich bewusst. In einer ­seiner Auslegungen zu dem besagten Kapitel der Bergpredigt nimmt er den Geiz direkt aufs Korn:
„Denn solch Sorgen und Geizen gehört den Heiden zu, die von Gott nichts wissen noch nach ihm ­fragen, und ist ein rechter Götzendienst, wie Paulus sagt (Kol 3,5) und droben auch gesagt ist, da er‘s heißt dem Mammon gedient (Mt 6,24). Darum ist ein ­jeder Geizwanst kein Christ, ob er gleich getauft ist, sondern hat gewisslich Christus verloren und ist zum Heiden geworden. Denn die zwei leiden sich nicht miteinander: Geizen und Sorgen und Glauben; eines muss das andere ausbeißen.“

Der Götzendienst der Sorge

Geizen und Sorgen kennzeichnet er als heidnisch. Es hat mit dem Glauben und Vertrauen auf Jesus Christus nichts zu tun. Luther sieht darin den götzendienerischen Sorgengeist am Werk, der sein Leben aus eigenen Kräften zu sichern versucht. Dabei können auch getaufte Christen in diese Haltung zurückfallen. Sie verspielen damit nicht weniger als ihr Heil. Sie geben ihr Christsein auf. Aus diesem Grund gibt es für Luther nur die Alternative: Entweder leben wir aus dem Glauben, dass Gott für uns sorgt. Oder wir leben in der Sorge und im Geiz. Zwischen ­beidem, Vertrauen auf Gott auf der einen Seite und Sorge und Geiz auf der anderen Seite, gibt es keine Vermittlung. Eine friedliche Koexistenz ist nicht möglich. Oder, um es mit Luthers eigenen Worten zu ­sagen:  „Das eine muss das andere ausbeißen.“

II. Sorgen als Flucht aus der Gegenwart

Dass die Sorgen sich in erster Linie auf die Zukunft richten, haben wir weiter oben schon angedeutet. Weil die Zukunft als ungesichert gilt oder man Angst vor ihr hat, beschäftigt man sich wenigstens gedanklich mit ihr. Man grübelt und sorgt sich und hofft auf diese Weise, das Schlimmste zu verhüten. Das Problem dabei ist nur, dass die Sorgen um die Zukunft nichts nützen. Die Sorgen machen die Zukunft ­weder sicherer noch vorhersehbarer. Außerdem berauben sie einen der ­Gegenwart. Wer sich ständig mit seiner Zukunft beschäftigt, ist nie richtig präsent.
Immer wieder habe ich mich in Gesprächen dabei ertappt, wie ich in die Zukunft abschweifte. So ­erzählt mir bei einem Hausbesuch die hochbetagte Dame aus ihrem Leben, und schon nach kurzer Zeit stelle ich fest, wie ich mit meinen Gedanken bereits im Schulunterricht bin, der in Kürze beginnt, oder in der Sitzung am Abend. Richtig peinlich wird es, wenn mein Gegen­über diese geistigen Ausflüge ­bemerkt.

Sorgentherapie Jesu

Wir sind es gewohnt, uns auf die Zukunft vorzubereiten, uns um die Zukunft zu sorgen und sie fest in den Blick zu nehmen. Dabei verlieren wir jedoch das Hier und Heute.
Interessant ist es daher zu sehen, wie die Bibel das Heute betont. Die „Sorgentherapie“ von Jesus besteht darin, dass er unsere Konzentration auf das Heute, das Hier und Jetzt, lenkt. Am Ende seiner Predigt über die Sorgen sagt Jesus: „Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene ­Plage hat.“ (Matthäus 6,34)
An der Schöpfung lassen sich große und tiefe Dinge lernen. Jesus war mit der Schöpfung vertraut. Er lebte mit ihr. Somit kann er sie auch immer wieder heranziehen, um geistliche Sachverhalte zu verdeutlichen. Als er die Lilien auf dem Feld betrachtet, entdeckt er, wie sie ganz und gar in der Gegenwart leben. Sie sorgen sich nicht um den morgigen Tag. Ob es am nächsten Tag regnet, stürmt oder ob die Sonne scheint, bekümmert sie nicht. Sie leben im Heute und genießen es. Derjenige, der heute für sie sorgt, wird auch morgen für sie sorgen.
Die Blumen auf dem Feld werden somit zum Vorbild für uns Menschen. Die Sorge für morgen soll uns heute nicht belasten. So wie Gott heute für uns sorgt, so wird er es auch morgen tun. Er bleibt derselbe.
Das Problem dabei ist nur, dass uns diese unbekümmerte Lebenshaltung von Natur aus überhaupt nicht eigen ist. Viel näher liegt es uns, Vorräte an­zu­schaffen, für Sicherheiten zu sorgen und die Zukunftsrisiken so gering wie möglich zu halten.
Auch das Volk Israel dachte so. Während seiner vierzigjährigen Wüstenwanderung stand die Frage der täglichen Mahlzeiten ganz oben auf der Tagesordnung. Gott aber versorgte sein Volk regelmäßig mit Wachteln und Manna. Das Besondere dabei war, dass dieses Versorgungswunder Gottes sich Tag für Tag ereignete. Als die Israeliten einmal auf Vorrat einsammelten, wurde die Nahrung ungenießbar. Sie sollten lernen, täglich auf den Herrn zu vertrauen. Gott ist an jedem Tag derselbe. Jeder Tag ist sein Geschöpf. Einmalig und unwiederbringlich. Er sorgt für das Heute und auch für das Morgen (vgl. 2. Mo 16).

In die Haltung des Vertrauens

Die Herausforderung für uns Sorgenmenschen besteht nun darin, dass wir uns in diese Haltung des täglichen Vertrauens einüben. Dass wir es also lernen, nicht ständig an morgen zu denken, sondern mehr und mehr dahin kommen, heute mit Gott zu leben. Ein solches Einüben in die Gegenwart kann im Gebet stattfinden. Das folgende Gebet kann dazu eine Hilfe sein.
Zum ersten Mal ist es mir auf einer Einkehrfreizeit bei der Kommunität Casteller Ring auf dem Schwanberg bei Würzburg begegnet. In einer Zeit, in der ich von mancher Sorge um unsere Gemeinde umgetrieben wurde, war es für mich eine Hilfe, mich auf die Worte dieses Gebetes einzulassen. Seither ist es mir zum Begleiter geworden, sodass ich es immer ­wieder bete.
Als Verfasserin wird meistens Edith Stein genannt (1891–1942). Tatsächlich würde es auch sehr gut zu der zur katholischen Kirche konvertierten Jüdin und zu ihrer Art zu glauben passen. Leider wurde es bisher in keiner ihrer Schriften nachgewiesen. Wir ­lassen es daher offen, von wem das Gebet stammt, und konzentrieren uns lieber auf seinen Inhalt:
 
Ohne Vorbehalt und ohne Sorgen
leg‘ ich meinen Tag in Deine Hand.
Sei mein Heute, sei mein gläubig Morgen,
sei mein Gestern, das ich überwand.
Frag mich nicht nach meinen Sehnsuchtswegen,
bin in Deinem Mosaik ein Stein.
Wollst mich an die rechte Stelle legen,
Deinen Händen bette ich mich ein.
 
Ganz entschieden wenden sich die Worte dieses Gebetes der Gegenwart zu. Fragen, die heute nicht anstehen, müssen heute nicht bedacht, geschweige denn gelöst werden. Herausforderungen und Auf­gaben, welche die Zukunft bringen mag, stehen im Moment noch nicht zur Debatte. Sie haben ihre Zeit. Allein das Heute zählt, und so gilt es, den heutigen Tag ganz Gott zu überlassen.
Dieses Überlassen geschieht ohne Vorbehalt und ­ohne Sorgen. Es bedeutet, im Gebet die belastenden Dinge wirklich bei Gott ruhen zu lassen und nicht wieder auf die eigenen Schultern zu laden.
Gott, der ein Vater ist, soll das Heute bestimmen. Alles, was heute kommen mag, ist unter seinen Augen. Was mir begegnet, ist von ihm her schon bedacht.
Was von gestern noch nachhängt, soll das Heute nicht beschweren. Was morgen kommen mag, soll den Blick noch nicht trüben. Vielmehr heißt es, im Jetzt mit der Fürsorge Gottes und seiner Hilfe zu rechnen.
Das Geheimnis einer solchen Glaubenshaltung ist groß und herausfordernd zugleich. Denn wer vermag schon ganz und gar in der Gegenwart zu leben? Sind es nicht die Sorgen, die uns die Gegenwart versäumen lassen?
Wer es jedoch lernt, sich im Gebet auf den gegenwärtigen Gott auszurichten und sich ihm zu über­lassen, entdeckt eine Gegenkraft gegen das Sorgen. In der Ausrichtung auf den gegenwärtigen Gott kommen wir zur Ruhe. Wir gewinnen einen Blick für Gottes Möglichkeiten und entdecken, dass wir in seiner Gegenwart umsorgt sind. Einer solchen inneren Ausrichtung auf die Gegenwart Gottes bedarf es täglich und am besten sogar mehrmals täglich. Wir halten inne. Wir schauen auf ihn. Wir erinnern uns an seine Verheißungen.
Dies will freilich geübt werden, und wir werden wohl ein ganzes Leben lang nicht damit fertig, diese Haltung einzuüben.

Gott die Zukunft überlassen

Auch Sehnsuchtswege können von der Gegenwart ablenken. Menschliche Träume und Wünsche können einen bald hierhin und bald dorthin reißen. Zwar sind solche Sehnsuchtswege menschlich und besitzen auch ihre produktive Kraft. Dennoch wird derjenige, der seine Träume unentwegt pflegt, die Gegenwart verpassen. Deshalb heißt es hier auch folgerichtig: „Frag mich nicht nach meinen Sehnsuchtswegen.“ Sehnsuchtswege können zu Sorgenstraßen werden, die man immer und immer wieder begeht. Daher gilt es bisweilen entschlossen, diese Sorgenstraßen zu verlassen. Wer davon ausgeht, dass Gott den Weg kennt, braucht sich um seine eigene Zukunft keine allzu großen Sorgen zu machen.
Gott die Zukunft zu überlassen, bedeutet schließlich Demut einzuüben. In den Gebetsworten „bin in deinem Mosaik ein Stein“ findet diese Demut Ausdruck. Da Gott ohnehin besser die Zukunft kennt als man selbst, ist es gut, sich ihm zu überlassen. Solches Sich-Gott-Überlassen zeichnet eine Haltung der ­Demut aus.
Nun mag mancher einwenden, dass so ein Gebet uns Menschen entmündige. Gibt nicht derjenige, der sich Gott ganz überlässt, seine Verantwortung ab? Lebt er nicht gedankenlos? Verspielt er nicht seine Zukunft?
Wir müssen dazu sehen, in welcher Perspektive das Gebet geschrieben ist. Diese ist durchweg seel­sorgerlich. Das Gebet kann dazu beitragen, aus dem ständigen Kreisen um die Zukunft herauszufinden. Es will helfen, die volle Konzentration auf den gegenwärtigen Gott zu richten und eine Haltung des Vertrauens einzuüben. In diesem Sinne kann dieses Gebet nicht als Anleitung zur Verantwortungslosigkeit verstanden werden. Im Gegenteil: Es hilft uns, das Heute zu gewinnen und die Zukunft Gott zu übergeben. Was wir heute tun können, das sollen wir tun. Was morgen sein wird, wissen wir nicht, deshalb vertrauen wir es ihm an.
Das Edith Stein zugeschriebene Gebet fordert unsere Hingabe, unser Vertrauen und unsere ­Demut heraus. Doch liegt darin ein großer Schatz. Wir lernen, freier und gelassener zu werden. Wir ahnen mehr und mehr etwas davon, was es heißt, Kinder des fürsorgenden Vaters zu sein.

Aus: Rolf Sons: Lass die Sorgen nicht bei dir wohnen. Unbeschwert glauben mit Martin Luther, Brunnen-Verlag 2008

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