Wenn Du einen Vater hast...

Interview mit Ulrich Kaiser von Rudi Böhm

Bis zu seinem Ruhestand war der Uhrmachermeister Ulrich Kaiser ein erfolgreicher und geachteter Geschäftsmann in Greifswald. Man kennt ihn als einen überzeugten und unerschrockenen Christen, der nicht nur gerne vom „Vater im Himmel spricht“, sondern seinen Glauben – selbst in der allem Religiösen gegenüber restriktiven DDR – stets konsequent gelebt und die damit einhergehenden Sanktionen und gesellschaftlichen Einschränkungen in Kauf genommen hatte. Keine Provokation und keine Diffamierung hat seiner Zuversicht und seinem Vertrauen in die Fürsorge Gottes etwas anhaben können. Was ihm die Gewissheit der Gotteskindschaft bedeutet hat und noch bedeutet, darüber berichtet er in folgendem Interview.

Rudi Böhm: Ulrich, so lange ich dich kenne, sprichst du sehr gerne von deinem Vater im Himmel. Unser Vater im Himmel sorgt für uns, so oder ähnlich hast du es immer wieder auf den Lippen. Was hat dir diese Gewissheit gegeben?
 
Ulrich Kaiser: Schon vor meiner Geburt hat einer über mir gewacht. Meine Mutter hatte nach einem Motorradunfall starke Blutungen. Der Arzt riet zur Abtreibung. Mein Vater war in dieser Zeit im Krieg als Feldpostbote, meine Mutter musste also alles ganz alleine entscheiden. Dann kam ich im Juli 1941 auf die Welt. Von Anfang an hat Gott für mein Leben wie ein Vater Sorge getragen, bis heute.

Eine fromme Kindheit in der DDR – darunter kann sich jemand, dem diese Welt fremd geblieben ist, zunächst nur wenig vorstellen.
 
Von 1947 bis 1957 besuchte ich die Schule in Altentreptow. Nach der Uhrmacherlehre 1960 besuchte ich für vier Monate die neu gegründete Bibelschule der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinden in Burgstädt. Während meiner „Wanderjahre“ in Rostock und Leipzig machte ich die Meisterprüfung. Danach fragte ich in den Nordbezirken der DDR, ob es möglich wäre mich dort selbständig zu machen. Greifswald bot an, dass ich im Dienstleistungskombinat eine Uhrenwerkstatt einrichten und ausbauen könnte. Als die Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde davon hörte, bekam ich noch ein Angebot. Ich sollte für sie ein Grundstück kaufen, um dort ein Gemeindehaus zu bauen. Deshalb kam ich am 1. Januar 1968 nach Greifswald. Meine Frau konnte hier ihr Studium nach unserer Hochzeit fortsetzen. Wir haben damals dafür gesorgt, dass unsere Gemeinde ein Haus bauen konnte. Das Haus lief auf meinen Namen. Eine Gemeinde konnte in der DDR erst viel später ein Grundstück erwerben. Als dieses „viel später“ gekommen war, hatten wir fünf Kinder und lebten in einer kleinen Wohnung mit zweieinhalb Zimmern. Dann bekamen wir von der Stadt ein großes Haus. Es hatte fünf Zimmer, eine riesige Terrasse und lag mitten in der Stadt. Die Monatsmiete betrug 33,25 Mark der DDR. Das war für uns ein deutliches Zeichen, dass Gott auch da für uns sorgt, wo wir nicht selber aktiv werden können.

Was meinst du mit „aktiv“?
 
Irgendwann davor hatten wir von einer Großfamilie gehört, deren Vater erkrankt war. Wir entschlossen uns, ihnen monatlich anonym 100,- Mark zu schenken. Nach zwei Jahren ging es ihnen wieder besser und wir stellten die Hilfe ein. Dann flog ich – von einem Tag zum anderen – aus meiner Stelle als Leiter einer Abteilung mit 30 Angestellten, die ich aufgebaut hatte. Etwa gleichzeitig ermutigten uns Geschwister aus der Gemeinde, dass meine Frau aufhören sollte, im Beruf zu arbeiten. Sie meinten, die damals vier Kinder bräuchten die Mutter zu Hause. „Wir geben euch 200,- Mark dazu.“ Inzwischen hatte ich sogar eine besser entlohnte Tätigkeit und wir haben es akzeptiert. Solche Bestätigungen sind es, durch die man begreift, dass der Vater im Himmel tatsächlich keine theoretische Größe ist, sondern dass es ein ganz praktisches Erleben mit ihm gibt. Das haben wir versucht, auch unseren Kindern nahe zu bringen. Wir konnten durchaus gut leben: Einmal im Jahr konnten wir einen Urlaub machen, meistens in einem kirchlichen Haus, ganz selten auch mal in einem FDGB-Heim. So war für uns in allem immer wieder gesorgt. Natürlich gab es auch Auseinandersetzungen. Da kam man nicht dran vorbei, die Haltung als Christ und sozialistischer Leiter, wie ich als Abteilungsleiter genannt wurde, gerieten immer irgendwo mal aneinander. Doch als ich aus dieser Stelle flog, hat sich mein damaliger Chef, der nicht dafür verantwortlich war, hingesetzt und noch in der Nacht, bevor er zur Kur fuhr, einen Arbeitsvertrag für mich ausgearbeitet, der mich etwas schützte.

Ulrich, dein Vater ist gestorben als du noch ein Junge warst. Was hat dich veranlasst, an einen Vater im Himmel zu glauben, der dir alles gibt, was du brauchst?
 
Unsere Mutter hat viel dazu beigetragen. Sie betete nach dem Tod meines Vaters: „Gott, ich kann nicht Vater und Mutter zugleich sein, der Vater musst du sein.“ In der Gewissheit, dass Gott das auch ist, hat sie meine Schwester und mich erzogen. Sie war zugleich ein praktisch veranlagter Mensch, der die Dinge beherzt anzupacken wusste. Sie hat uns mit ihrer Lebensführung vermitteln können, dass wir uns nicht unnötig Sorgen machen sollen, aber auch, dass uns die gebratenen Tauben nicht von selbst in den Mund fliegen werden. Als junge Frau hatte sie selbst die Rezession miterlebt, aber trotz der Armut  ihrer Familie die Ausbildung zur Hebamme abgeschlossen und sich selbständig gemacht. 6000 Kindern hat sie auf die Welt geholfen – das ist schon eine Kleinstadt. Wo ihre Kräfte nicht mehr ausreichten, konnte sie aber darauf vertrauen, dass Gott handelte. Meine Schwester und ich haben von ihr die Freude am Beruf und an der Arbeit geerbt. Meine Schwester wurde Apothekerin, ich wurde Uhrmacher und habe später in Greifswald die Infrastruktur für das Kernkraftwerk Lubmin und die Nachrichtenelektronik in der Stadt mit aufbauen dürfen.

Wie war deine Beziehung zu eurem Vater?
 
Ich hatte nicht viel Gelegenheit, ihn kennenzulernen, denn er kam sehr krank aus der Kriegsgefangenschaft, als ich schon sechs war. Er verbrachte viel Zeit im Krankenhaus und verstarb 1952, da war ich elf. Das wenige aber, das ich von ihm weiß, war umso prägender. Als er auf seinem Sterbebett lag, sagte er zu meiner Mutter: „Erna, sorg dafür, dass unsere beiden Kinder auch zu Christus kommen.“ – Ein Satz, der mich zeitlebens immer wieder tief bewegt hat.

Konntest du von ihm Abschied nehmen?
 
Leider nein, denn als Kinder durften wir nicht zu ihm ins Krankenhaus, und als er im Sterben lag, war auch ich gerade in der Klinik. Meine Mutter kam mich besuchen und trug schwarz. Als ich sie fragte, warum, erzählte sie vom Tod des Vaters.

Gab es andere Vaterfiguren in deiner Jugend?
 
Ja, es gab eine Reihe von Männern, die mir auch im Glauben wegweisend wurden. In unserer freikirchlichen Gemeinde dienten oft reisende Pastoren, viele von ihnen waren in meinem Elternhaus zu Gast und es ergaben sich immer wieder gute Gespräche in diesem schützenden Rahmen. Die Fragen, die mich als Heranwachsenden beschäftigten, konnte ich auch auf Bibelfreizeiten diskutieren. 1959 lernte ich den Pfarrerkreis von Pastor Polzin kennen. Dort habe ich in meinem jungen Erwachsenenleben viele entscheidende Impulse für meinen Glauben und später für unser Familienleben erhalten.

Du bist nun selbst Vater von 5 Kindern und dreifacher Großvater. Welche innere Vorstellung von Vaterschaft hat dich geleitet?
 
Mein Selbstverständnis als Vater hat sich auch an dem gebildet, was meine Frau aus ihrem Elternhaus mitgebracht hatte. Wesentlich aber für mein Verständnis von Vaterschaft wurde unser gemeinsamer Glaube, unser lebendiges Verhältnis zum Vater im Himmel, das wir den Kindern vermitteln wollten. Ich selbst komme aus einer ziemlich strengen Gemeindetradition, auch in Glaubensfragen. Später gewann ich aber die Überzeugung, dass die Freiheit des Einzelnen zum Glauben gewahrt bleiben muss. Für mich bedeutet Vaterschaft: Die Kinder brauchen eine warme Atmosphäre, sie brauchen Fröhlichkeit, aber sie brauchen auch Grenzen und Halt.
Bei der Erziehung war es uns sehr wichtig, mit den Kindern, schon im Säuglingsalter, morgens und abends zu singen. Als sie älter wurden, haben wir abends Geschichten aus der Bibel erzählt, aber auch Missions- und Lebensberichte von Christen vorgelesen. Wir haben gehofft, ihnen damit den Vater im Himmel mit seiner Fürsorge nahezubringen.

Ihr habt euren Kindern aber auch Entbehrungen zugemutet, die nicht immer leicht nachzuvollziehen waren. Mit deinem Talent und den Möglichkeiten hättet ihr es zu größerem Wohlstand bringen können.
 
Sicher hätte ich es zu mehr Wohlstand bringen können, aber ich habe mich immer gefragt, wozu? Salopp gesagt: Nahrung, Kleidung, Wohnung – hab ich. Schlafen kann ich, Verdauung klappt, Urlaub können wir machen – mehr brauchen wir nicht! Der Dichter Matthias Claudius bringt das in einem bekannten Lied auf den Punkt: „Denn Geld und Reichtum treibt und bläht, hat mancherlei Gefahren und vielen hat‘s das Herz verdreht, die weiland wacker waren.“ Die Unterscheidung zwischen falscher und angemessener Bescheidenheit ist nicht so einfach. Da war mir zum einen die nüchtern-praktische Einstellung meiner Frau eine gute Hilfe. Auch durch die tägliche Bibellektüre habe ich gute Hinweise für anstehende Entscheidungen bekommen, gerade im geschäftlichen Auf und Ab, wenn die fetten und die mageren Zeiten sich abwechselten. 1992 wurde mir das Geschäft zur Übernahme angeboten, das ich bis dahin nach der Wende aufgebaut hatte. Fünf Jahre später ging es uns mit unserem Laden in ungünstiger Lage ganz mies. Das änderte sich, als mir ein Laden mitten in der Fußgängerzone angeboten wurde. Nach einigen stabilen Jahren mussten wir leider dennoch Mitarbeiter entlassen und meine Frau arbeitslos melden. Nach unserm geschenkten Trabant fuhren wir 13 Jahre lang einen gebrauchten Passat. Inzwischen fahren wir einen Audi A6 – auch ein Beweis für die Fürsorge unseres Vaters im Himmel. Er erspart uns keine Schwierigkeiten, aber er lässt uns niemals im Stich. Er sorgt auch manchmal für etwas Luxus.

Gab es Situationen, in denen sich nichts so fügte, wie ihr es euch gewünscht hättet?
 
Natürlich. Oft kommt das Unglück ja auch gehäuft. Eines morgens sagte meine Frau zu mir: „Ich hab geträumt, ich hätte meine Prüfung zum Facharzt nicht bestanden und du hättest deine Stelle verloren.“ So kam es auch nach ein paar Jahren, alles innerhalb von 14 Tagen. Aber wir wussten, als es eintraf, dass es kein Zufall ist und dass Gott nun ganz persönlich und unmittelbar für uns sorgen will. Solche Ereignisse sind innerlich sehr aufwühlend und es ist schwer, Vertrauen aufzubringen. Aber es wächst im Nachhinein, wenn wir im Rückblick sehen, wie wir getragen wurden.

Ihr habt auch unter schwierigen Umständen keine Mühe und Kosten gescheut, um diakonische Projekte voranzubringen und anderen zu helfen. Welche Kriterien hattet ihr für eure Entscheidungen? Wann wart ihr bescheiden, wann großzügig?
 
Der Boden, auf dem wir stehen, ist die Frage, was Gott für unser Leben vorsieht – bis heute.
Manchmal haben sich riesige Widerstände aufgebaut und gar nichts wollte mehr gehen. Für das neue Geschäft brauchten wir Kredite, Handwerker und die Innenraumgestaltung. Diesen Schritt hätten wir nie gewagt, wenn nicht auch für uns nachvollziehbar die Bestätigung Gottes dagewesen wäre. Die haben wir oft darin gesehen, wenn diese Widerstände überwunden werden konnten, z. B. durch einen jungen Architekten, der gerade erst nach Greifswald gekommen war oder durch günstige Kreditangebote, die wir überschauen konnten. Meine Frau und ich haben uns gegenseitig ermutigt: „Wenn es so ist, dann wollen wir es auch entschlossen wagen.“ Solche Entscheidungen sind ja lebensprägend. Die kann man nicht selbstherrlich alleine treffen.
In der Regel bin ich derjenige, der mutig voranmarschiert. Aber es gab auch Zeiten, wo ich schon aufgeben wollte und sagte: „Jetzt geht es hier nicht weiter. Ich will mir im Westen eine Stelle als Uhrmachermeister suchen, um die Familie ernähren zu können.“ Meine Frau war überzeugt, dass das nicht sein könne. Ich habe auf sie gehört und wir sind geblieben – zum Glück. Andererseits hat sie mich auch vor Höhenflügen bewahrt. Ich mache schnell auch unbedachte, große Sprünge, während sie mit Geldausgaben viel vorsichtiger ist. So hat es immer eine Wechselwirkung gegeben. Miteinander haben wir die erforderliche Einsatzbereitschaft aber auch die notwendige Bodenhaftung, was auch für unsere Glaubwürdigkeit und Zuverlässigkeit unerlässlich ist. Miteinander haben wir oft erlebt, wie Gott unsere Geschäfte und auch das Leben gelingen lässt.

Kannst du uns ein Beispiel nennen, wo ihr im Vertrauen auf Gottes Fürsorge einen „großen Sprung“ gewagt habt?
 
Wir reden ungern darüber, aber auch die Gelegenheit, anderen zu helfen, ist ja ein Geschenk Gottes und wir möchten dazu auch andere ermutigen. Wir haben uns immer bemüht über den „DDR-konformen“ Tellerrand hinauszusehen und lasen Berichte von Missionaren in der ganzen Welt. In den wenigen Möglichkeiten, die es gab, haben wir die Mission weltweit unterstützt. Ein sehr besonderer Anlass dazu bot sich uns nach der Wende. Eines Tages las ich von einem Missionar in Südamerika, dass ein Indianerhäuptling gestorben war. Seine Familie blieb verwaist zurück und verlor ein halbes Jahr später auch noch ihr Haus durch einen Brand. Ich habe mich mit dem Missionar in Verbindung gesetzt und gefragt, wie man helfen könne. Er hat mir die Kosten für neue Dachziegel genannt. Eine einfache Geldüberweisung und Menschen konnte gezielt geholfen werden. Das Unglück der Familie ist nicht zur Katastrophe geworden.

Würdest du sagen, dass dieses Gottvertrauen euch zu zufriedenen Menschen hat werden lassen?
 
Wir ließen einmal ein Wort von Dietrich Bonhoeffer auf einen Kugelschreiber drucken: „Es gibt erfülltes Leben trotz vieler unerfüllter Wünsche.“ Wir wollten dazu ermutigen, dass man nicht alles haben muss, um zufrieden sein zu können. Ich kann aufrichtig sagen, dass ich für meine Lebensumstände dankbar bin. Wir feierten in diesem Jahr den 40. Hochzeitstag und sind immer noch, ja mehr denn je, gerne verheiratet und fröhlich zusammen. Wir haben gesunde Kinder und drei Enkelkinder. Nicht, dass es keine Schwierigkeiten gäbe. Meine Schwester sorgt zum Beispiel seit über 10 Jahren für unsere von Parkinson sehr schwer gezeichnete Mutter. Aber auch angesichts dieser Bürde und Not würden wir nicht daran zweifeln, dass Gott es mit der Mutter und auch mit uns gut meint.

Also läuft nicht alles glatt, aber du bist dankbar?
 
Ja, wir fühlen uns innerlich geborgen. Mit der Liedstrophe „Was sind wir doch, was haben wir auf dieser ganzen Erd, das uns, oh Vater, nicht von Dir allein gegeben wird“ habe ich in meinem Arbeitskollektiv einmal eine starke Diskussion ausgelöst. Meine Kollegen wollten nicht anerkennen, dass wir etwas besitzen, was wir nicht selbst erworben haben. Das Leben widerlegte ihre Einwände, als Gott uns das Leben unserer Tochter Katharina schenkte. Meine Frau wurde mit Kortison behandelt und der Frauenarzt riet ihr zum Schwangerschaftsabbruch, obwohl er wusste, dass wir nie darauf eingehen werden. Wenn man dann ein so gefährdetes und doch gesundes Neugeborenes in Händen hält, wird einem erst recht klar, dass dies nicht zu „erarbeiten“ ist – das Leben ist ein Geschenk, das wir empfangen.

Lieder scheinen dir viel zu bedeuten?
 
Ja, unbedingt. Im Singen drücken wir unsere Dankbarkeit aus und das prägt und nährt auch das eigene Lebensgefühl. Unsere Kinder singen bis heute sehr gern. Zwei haben daraus auch einen Beruf gemacht, der eine als Kirchenmusiker, der andere als Ton- und Bildingenieur. Meine Frau und ich singen jeden Morgen miteinander zuhause und unterwegs. Auch in unserem Auto liegt ein Liederbuch.
Seit einiger Zeit ist mein Lieblingslied der Vers aus dem Vaterunser: „Bist zu uns wie ein Vater, der sein Kind nie vergisst, der trotz all seiner Größe immer ansprechbar bist. Gib uns das, was wir brauchen, gib uns heut unser Brot und vergib uns unseren Aufstand gegen dich und dein Gebot.“ Diese zwei Dinge gehören zusammen: die tägliche Bitte um Nahrung, Wohnung, Kleidung und die tägliche Bitte um Vergebung. Wenn man ehrlich ist, gibt es keinen Tag, an dem man nicht sagen muss, das hätte anders sein müssen, da hättest du anders reagieren und anders reden können. „Und vergib uns unsere Schuld“ – auch darum bitten zu dürfen ist ein Geschenk, eine gewaltige Befreiung für das eigene Leben und Gewissen.

Was würdest du einem jemandem antworten, der mit der Frage, wie werde ich zu einem zufriedenen oder dankbaren Menschen, zu dir kommt?
 
Ich würde wieder einfach das Lied „Ich danke Gott und freue mich“ von Matthais Claudius zitieren: „Denn all das Geld und all das Gut gewährt zwar viele Sachen. Gesundheit, Schlaf und guten Mut kann´s aber doch nicht machen. Und die sind doch bei Ja und Nein ein rechter Lohn und Segen, drum will ich mich nicht groß kastein des vielen Geldes wegen.“
Wir können doch in aller Bescheidenheit zugeben, dass Gott uns ein gutes Leben geben will und kann, selbst in diesen wirren Zeiten mit den irren Finanzproblemen in unserer Gesellschaft. Und wir haben die Hoffnung im Herzen, dass das, was wir hier erleben, nicht das Letzte ist. Gott hat noch eine Zukunft vorbereitet, von der die Bibel an mancher Stelle nur zu sagen vermag, was in ihr nicht mehr sein wird – Leid, Schmerz, Geschrei und Tränen wird es nicht mehr geben. Mit dieser Hoffnung dürfen wir doch auch gegenwärtig gelassen sein. Wir vertrauen darauf, dass er es gut gemacht hat. Wenn wir um etwas Bestimmtes bitten, aber es anders eintrifft, als wir es uns wünschen, haben wir uns gesagt: „So hat also unser Vater unser Gebet erhört“. Bei aller Vorfreude auf die zukünftige Welt legen wir aber nicht die Hände in den Schoß, sondern packen die Dinge entschlossen an und gestalten das Leben. Beides gehört zusammen: den Turmbau gut zu planen und zu berechnen, dann aber auch mutig drauflosbauen, selbst dann, wenn wir das Ende nicht ganz absehen können. So ist es mir oft im Leben gegangen. Ich habe einen Anfangsschritt gemacht und wusste nicht, ob nach dem nächsten Kilometer noch eine Straße da ist, auf der man gehen kann. Doch dann haben wir immer wieder erlebt, dass Wege gebahnt wurden. Das macht mich inzwischen gelassen. Allerdings war ich nicht immer ein Gelassener, sondern oft auch ein sehr Aufgeregter.
 
Vielen Dank.

Von

  • Rudolf M. J. Böhm

    Sozialpädagoge, gehört mit seiner Frau Renate zur OJC-Auspflanzung in Greifswald, wo er u.a. als Seelsorger aktiv ist.

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