Du Wort des Vaters

von Johann Albrecht Bengel, 1738

Du Wort des Vaters, rede du
und stille meine Sinnen;
sag an, ich höre willig zu,
ja, lehre frei von innen!
So schweigt Vernunft mit ihrem Tand,
und du bekommst die Oberhand
nach deinem Recht und Willen.
Dir räum ich all mein Innres ein,
das wollest du, ja du allein
mit deinem Geist erfüllen.

 Um eins mein Jesu, bitt´ ich dich,
um das lass dich erbitten:
dein Herz, dein Herz, das gib in mich,
ein Herz von guten Sitten,
ein Herz, das wie ein kleines Kind
einfältig, gütig, rein, gelind,
unschuldig und bedächtig,
ein Herz, das heimlich Leiden trägt
und sich in Staub und Asche legt,
ein Herz, in Liebe mächtig.
 
Ein Herz, das Gott in Lauterkeit
und Gottes Kinder liebe,
ein Herz, das sanfte Folgsamkeit
und wahre Demut übe,
ein Herz, das mäßig, wachsam, klug,
das ohne Murren, ohne Trug,
mit dem wohl auszukommen,
ein Herz, das allenthalben frei
und ganz von nichts gefangen sei,
die Liebe ausgenommen.
 
Nur dies bitt´ ich, o Herr, von dir
Und bitt es deinetwegen.
Ach, siehe, diese Bitt´ ist mir
vor allem angelegen!
Du bist mein Schöpfer – steh mir bei;
Du bist mein Heiland, voller Treu;
auf dich bin ich getaufet.
Du hast mich dir, o höchster Ruhm,
zu deinem Erb und Eigentum
mit eignem Blut erkaufet.
 
Du bist der Bürg und Bräutigam;
zu deinen Mitgenossen
bin ich gezählt, aus deinem Stamm,
aus dir bin ich entsprossen.
Ich bin zu deinem Bild gemacht
und als dein Kind bei dir geacht´t,
ein Werk, das ewig bleibet,
an dem du Wohlgefallen trägst,
zu dem du zarte Neigung hegst,
das sich vom Himmel schreibet.
 
Du bist, mein Jesu, mir zugut
vom Vater ausgegangen
und, wie man sonst den Mördern tut,
für mich am Holz gehangen.
Nun denn, so überwind in mir
des Satans Werk, der Welt Begier
und meines Fleisches Pochen!
Führ dein Gericht hinaus zum Sieg
Bring mich zur Ruhe nach dem Krieg
Du hast mir´s ja versprochen.
 
O Leben, Arbeit, Leiden, Not
des Heilands meiner Seelen,
o meines Jesu Angst und Tod,
euch will ich mich befehlen!
Geht in mich ein und lasst mich sehn
das Leben aus dem Tod erstehn
in allen meinen Kräften!
Hilf mir, o du erwürgtes Lamm,
an deines heil´gen Kreuzes Stamm
den Leib des Todes heften!
 
Ach präge deinen Tod in mich,
der all mein böses Wesen
in mir ertöte kräftiglich,
so werd´ ich recht genesen!
Gieß aus dir selber in mich ein
dein Leben, das so heilig, rein,
holdselig, ohne Tadel!
Mach mich von aller Heuchelei,
ja allen Missetaten frei,
und schenk mir deinen Adel!
 
Alsdann wird deine Majestät
mich ganz zum Tempel haben,
darin sie ihren Ruhm erhöht
durch ihre hohen Gaben.
Es wird an solchem stillen Ort
die Weisheit ihr geheimes Wort
nach ihrem Willen führen
und ihren Sitz je mehr und mehr
mit ihren Wundern, Pracht und Ehr
und großen Taten zieren.
 
Wohlan, so lebe Gott in mir!
In ihm ich leb´ und webe,
damit mein Herz ihn für und für
nach Würden hoch erhebe,
und meine Liebe ganz allein
in Lieb´ und Leid, in Lust und Pein
an seiner Liebe hange,
bis ich nach ausgestandner Prob´
in vollem Licht zu Gottes Lob,
die Gottesschau erlange.

Von

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