Erziehung beginnt an der Krippe

Was wir vom Jesuskind lernen können

von Peter Lippert SJ

Da Gott ein Mensch werden wollte, um unter uns zu wohnen, da wollte er auch die ganze Entwicklung eines Menschenwesens durchmachen und mit dem Kindsein beginnen. Und er hat diese lange Entwicklung gar nicht als zeitraubenden Umweg betrachtet und die Zeit der Kindheit und Jugend nicht als Wartezeit, deren Abfluss man mit Ungeduld erwartet. Seine Kindheit war ihm ebenso wichtig wie sein Mannestum, die Unmündigkeit so bedeutungsvoll wie die Reife, das erste unsichere Tasten seiner Kinderhändchen war ihm so wertvoll und leistungsfähig wie die Hilflosigkeit dieser selben Hände, da sie an das Holz des Kreuzes genagelt wurden.
So ist denn auch das Fest seiner armen Geburt, Weihnachten, ein ebenso großes Fest geworden wie der Tag seiner glorreichen Auferstehung; denn in jedem seiner Feste ist die ganze Fülle seiner Geheimnisse, in jedem Augenblick seines Lebens ist die ganze Größe dieses gottmenschlichen Lebens, in jeder Regung seiner Seele wie seines Leibes ist die ganze erlösende Kraft seines Opferwillens: in jedem Teilchen von ihm ist er ganz.
Das Jesuskind ist also ein ebenso guter Lehrer, ein ebenso passendes Vorbild, ein ebenso mächtiger Erlöser, wie der Mann Jesus und wie der sterbende, geopferte Christus. Und das lachende Christkind ist ebenso ergreifend, ja erschütternd wie der weinende und blutende Christus; ja, man kann dieses Lachen ebenso erschreckend finden wie das spätere Bluten und Weinen. Gleich im ersten Psalm der Weihnachtsliturgie heißt es: „Was toben die Heiden und was sinnen die Völker auf Torheit? Die Könige der Erde stehen auf und die Fürsten verabreden sich wider den Herrn und seinen Gesalbten… Aber der in den Himmeln wohnt, verlacht sie, der Herr spottet ihrer nur“ (Ps. 2). Müssen wir wirklich denken, dass Gott lache über uns? Ein ironisches, ein spottendes, ein mitleidiges Lachen? Und war das vielleicht der Sinn des Kinderlachens, mit dem der Gottmensch sein Leben unter uns begann?

Liebende Ironie

Man möchte ein  solches göttliches Lachen vermuten, wenn man sieht, wie wenig vor Gott selbst unsere stolzesten Werte bedeuten. Da haben die Kulturvölker einmal an einem Turm gebaut, der bis über die Wolken reichen sollte. Und der Herr sprach wie in lächelnder Ironie: „Wir wollen hinabsteigen und ihre Sprache verwirren.“ Es braucht ja so herzlich wenig, ihre Sprache zu verwirren und sie uneins zu machen; dann scheitern ihre gewaltigen Unternehmungen von selbst.
Wenn aber Gott wirklich Ironie äußert, dann ist die nicht grausam, herzlos und bitter. Es ist die feine, unendlich milde Ironie der Liebe. Sein Lächeln ist wie das Lächeln der Mutter, wenn die ungestüme Kinderfaust an ihrem Kleide zerrt; sie gibt dem kleinen Dränger eine Weile nach, sie lässt sich ziehen und schieben, sie stellt sich schwach und hilflos, sie gönnt ihm einen vollen Triumph und – lächelt dazu.
Jene uralte Geschichte vom babylonischen Turmbau und dem ironischen Lächeln Gottes ist bis heute noch nicht zu Ende gekommen; sie wurde immer wieder gespielt, nur mit dem Unterschied, dass die Menschheit noch trotzigere Türme aufrichten wollte, und dass Gott nicht einmal mehr das wenige aufwenden wollte, das es brauchte, um jenen ersten törichten Bau zu zerstören; er ließ die Menschen immer mehr gewähren, er ließ sie hingehen auf den Wegen, die sie sich in den Kopf gesetzt; da wurden sie schon von selber uneins; er selbst aber hat sich immer schwächer und nachgiebiger gestellt – bis er endlich in einen engen Stall vor dem Tore eines orientalischen Städtchens und in die Krippe geduldiger Tiere gedrängt wurde, bis er von einem schwachen und wehrlosen Kinde sich in nichts mehr unterschied. Gibt es wohl eine entzückendere und holdere Ironie als diese? Von der trotzigen Kinderfaust der eingebildeten Menschenwelt gedrängt, geht er auf den Kampf ein, als wäre es ein Spiel, und macht sich gleich selber zum Kind, denn, sagt er, als Erwachsener spielt es sich nicht so gut mit Kindern, und die kleinen großen Kinder der Erde sollen einen vollen Triumph haben.
Es ist aber doch nicht zum bloßen Zeitvertreib, wenn die Weisheit Gottes also spielt. Dass wir aus dem Spiele lernen und vielleicht doch einmal hinter den ernsten Sinn desselben kommen, das ist seine Erwartung. Dass wir uns getrauen sollen, Kinder zu werden und zu sein und sogar in unserem Leben, in dem furchtbar harten und ernsten Leben, ein Spiel, ein Kinderspiel zu sehen und zu spielen, das möchte das holde Kinderspiel von Bethlehem uns lehren.
 
Gott hat sich die Zeit genommen, ein Kind zu sein. Ein Kind aber hat keine Eile und lässt sich nicht hetzen, denn es will ja nichts erjagen. Es will nur spielen, und Spielen ist die zeitraubendste aller Beschäftigungen. Auch das sogenannte erwachsene Leben darf nicht gehetzt, nicht atemlos werden, auch dieses Leben muss sich Zeit lassen können; denn es hat offenbar auch damit keine Eile, wenn selbst Jesus sich mit dem Großwerden nicht beeilt hat.
Eine solche Gemächlichkeit ist aber doch wohl nur erlaubt und ratsam, wenn unser Leben in jedem beliebigen Augenblick am Ziel ist oder am Ziel sein kann. Wenn in jeder Regung einer Menschenseele so viel Licht und Kraft sein kann wie in irgendeiner anderen; wenn in dem Spiel eines begnadeten Kindes so viel Heiligkeit möglich ist wie in dem Martyrium eines Bekenners. Und dieser Überzeugung war offenbar das Jesuskind und der Knabe und Jüngling Jesus; denn er hat sich nicht beeilt, weder seine Kindheit noch seine langen und scheinbar ganz leeren Jahre in Nazareth abzukürzen.

Spielender Lehrer

War nicht auch sein Spiel ebenso groß und göttlich wunderbar wie das spätere Leben des Wundertäters?
Ist das Leben eines Kriegsherrn, der ein Land erobert, weniger richtig als das eines Kaufmanns, der einen Anbau an sein Geschäft aufführt? Und ein Bauernleben, ist es weniger richtig als die Spielstunde eines Knaben, der ein Ballspiel gewinnt? Wenn das Jesuskind mit Sandhaufen oder mit Holzstücken in seines Pflegevaters Werkstatt spielte, war dieses Tun nicht größer und weltbewegender als alle Schaustücke menschlicher Kulturleistungen? Ist dieses Kind etwa schwächer und ärmer gewesen als Herodes, sein mächtiger Verfolger? Haben denn etwa die Wirte von Bethlehem und die Könige und Priester von Jerusalem ihn hinausgedrängt vor das Tor? Wer hätte ihn, den Starken, den Ratgeber, den Vater der Zukunft, zwingen können, wenn er nicht selber und aus Gründen erzieherischer Weisheit hinausgegangen wäre?
So mögen seine großmächtigen Feinde auch nicht allzu laut triumphieren, wenn er einmal auch vor das Tor der Hauptstadt hinausgeschleift und das Kreuz hinausgedrängt wird, als wäre es gelungen, ihn von dem letzten Plätzchen auf Erden wegzustoßen. Niemand raubt ihm sein Leben wider seinen Willen; er selbst hat die Macht, es hinzugeben und es wieder an sich zu nehmen.
Dass auch wir nicht allzu früh triumphieren, wenn wir im Leben und in der Geschichte unsere Menschengedanken durchgesetzt haben, wenn unsere Macht und Kultur so hoch gestiegen sind, dass wir ohne Gott auszukommen scheinen! Haben wir, noch eben vor dem Weltkrieg, nicht allzu laut triumphiert, wir brauchten Gott und seine Weltregierung eigentlich kaum mehr, unsere Diplomaten verkünden es schier ebenso gut; wir brauchten kein Erntegebet und keinen Wettersegen, unsere Wissenschaft mache es ganz allein; wir brauchten auch keinen Himmel und kein jenseitiges besseres Leben, denn auch auf Erden lasse es sich ganz hübsch und wohnlich einrichten; selbst unsere Friedhöfe seien bereits künstlerische und zauberhafte Gärten der Wonne, Waldgärten von traumhafter Schönheit. Unsere fortgeschrittene Kultur lasse es auch nicht mehr zu so barbarischen Kriegen kommen, wie sie auf niederer Stufe möglich gewesen seien. Dass wir doch nicht allzu früh triumphiert hätten, wir seien nunmehr stark wie Gott und hätten schon die Lichter ausgelöscht, die er am Himmel entzündet; denn unser eigen Licht strahle nunmehr hell genug, um uns die Himmelslichter leicht entbehren und vergessen zu lassen!
Nun scheint es, dass Gott dem Trotz der Kinder nachgegeben und die Himmelslichter habe verdunkeln lassen; denn die stolzen Kulturvölker gehen alle im Dunkeln und fassen erbärmlich hin und wissen nicht, wie wieder aufstehen und dem Unheil ein Ende machen. Es scheint, dass Gott vor uns zurückweicht und uns gewähren lässt, gerade dann, wenn wir am meisten auf uns vertrauen und uns auflehnen, wenn wir in unreifem Stolze und kindischer Ungeduld schwelgen; wenn unsere Wortführer sprechen, man solle uns nicht am Gängelband moralischer Gesetze führen, es könne Gottes Wille nicht sein, unsere Wünsche und Interessen, unsern Besitz und unsere Geltung zu schmälern.
Sind das nicht in der Tat kindliche Reden und Ansprüche? Und ist es also nicht echt erzieherische Weisheit, wenn Gott uns für eine Weile dahinstürmen lässt, bis wir am Ende unserer Bahn doch wieder unsere Kinderohnmacht erfahren; wenn er von unseren kindischen Händen sich drängen und hinausdrängen lässt, bis wir merken, dass wir uns den eigenen Halt weggezogen haben? Ja, es ist die überraschendste Erzieherweisheit, wenn er vor unserem Übermenschentrotz, vor unserer Habsucht und Begehrlichkeit, vor unserer Ungerechtigkeit und Härte, vor unserer Verstellung und Lüge sind bis zur Kindesgestalt und Kindesschwäche zurückflüchtet.

Heilsame Beschämung

Jedes wiederkehrende Weihnachten mit seiner Krippe und seinem Gotteskind scheint uns ja zu sagen, dass Gott uns verlache und zu verstehen gebe, je höher wir hinauswachsen wollten, um so kleiner und schwächer wolle er werden. Wie ein Kind, das sich leicht in jede Ecke drücken lässt. So sicher ist er seiner Sache, so wenig braucht es, um des Menschenstolzes Meister zu werden, dass er jahrtausendelang immer wieder als hilfloses Kind hinzutreten wagt vor die Armee der Titanen. Wann und wo ist das stolze Babylon so gedemütigt worden wie im Ereignis und Fest von Bethlehem?
Ja, unsere Beschämung hat noch kein Ende. Den Allmächtigen im Himmel droben glaubten wir zu treffen mit unserem stolzen Streitruf, und siehe, wir haben ein armes Kind, in einer Krippe liegend und in Windeln gehüllt, verfolgt und geängstigt. Muss da nicht die Scham aufwachen in uns? Was die Allmacht des Schöpfers nicht vermochte, das hat die schwache Kindheit des Erlösers zuwege gebracht: sie hat immer mehr und mehr Menschen die Augen geöffnet, dass sie das Unkindliche und darum Kindische ihrer eingebildeten Größe einsahen und von sich taten, dass sie es über sich brachten, Kinder zu sein vor Gott, dass sie irre wurden an ihrer eigenen Vortrefflichkeit und Unfehlbarkeit, dass sie es endlich einmal peinlich empfanden, immer nur sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen, immer nur die andern und sogar auch Gott an sich selber zu messen, immer nur sich bedienen zu lassen, statt anderen zu dienen.
Und das hat das Kind von Bethlehem vollbracht! Es hat Herzen verwandelt, es hat ins Innere und ins Lebendige hinein gewirkt. Wer hat das sonst noch vermocht? Die Menschen pflegen mit Klugheit und Diplomatie, mit schlauen Lockungen und Drohungen oder, am liebsten, mit Gewalt und Zwang gegeneinander vorzugehen; ja versuchen sie die Welt umzugestalten. Aber ihre Herzen bleiben immer die gleichen und alles, was sie schaffen, sind eigentlich nur Erdwälle und Steinhaufen, Eisengerüste und – nach kürzerer oder längerer Frist – Ruinen. Jesus aber hat das Innere der Menschen, ihre Triebe und Instinkte verwandelt, er hat ihren Geist erleuchtet und ihr Wollen gehoben, wenigstens in einigen Menschen, und es sind ihrer nicht einmal so wenige. Und er hat es in seiner kindlichen Schwäche und gerade durch sie getan.
Ist das nicht ein tatsächlicher Erweis jenes unglaublich anmutenden Wortes des heiligen Paulus von der „Kraft, die in der Schwäche wirksam wird“? „Wenn Gott sich unweise gibt, ist er immer noch weiser als die Menschen; und wenn er sich schwach gibt, ist er immer noch stärker als die Menschen…
Und so hat er das, was der Welt als töricht gilt, erwählt, um die Weisen zu beschämen; und was der Welt als schwach gilt, hat er erwählt, um die Starken zu beschämen; und was der Welt gering und verächtlich ist und was nichts bedeutet, hat er erwählt, um das, was gilt, abzutun.“ Wir glauben nur sehr schwer an diese Sätze. Es will uns nicht eingehen, dass die Sanftmut zu ihrem Recht kommen könne, dass die Anspruchslosigkeit es zu etwas bringen könne, dass der Geist, die Güte und das selbstlose Opfer nicht zu völliger Ohnmacht in dieser Welt verurteilt seien. Das will uns gar nicht eingehen.

Macht in der Ohnmacht

Und doch ist es so. Üben nicht schon die Kinder, die schwachen, wehrlosen und ahnungslosen, einen gewaltigen Einfluss auf unsere Herzen aus? So dass wir um ihres Daseins willen die Arbeit und die Mühsal segnen, dass wir in ihrem Lächeln einen Sonnenschein erblicken. Darum ist es eigentlich nicht so verwunderlich, dass von Bethlehem, vom Gotteskinde aus eine Erneuerung der Herzen und damit eine wirkliche Aufhellung der Welt gekommen ist.
Freilich, sooft auch Weihnachten schon gefeiert wurde, gibt es doch immer noch Stolze und Trotzige genug, die das Weihnachtskind mit seiner rührenden Stille und freiwilligen Schwäche erst noch verstehen müssen. Sie glauben immer noch ausschließlich an die Gewalt und das Geld, an das eigene selbstherrliche Gelten und Sich-Durchsetzen – selbst Gott gegenüber wollen sie Herren und Gewaltmenschen sein.
Sie erheben auch jetzt noch selbstbewusste Forderungen vor Gott; ihr Bittgebet ist herrisch und ihr Vertrauen selbstgerecht; so feststehend und ausschlaggebend sind ihre Rechte, dass Gott sie unverzüglich wahrnehmen muss, ohne Säumen und sichtbarlich. Wenn es einen Gott gäbe, dann könnte er nicht zusehen, nicht geschehen lassen. So schlägt der Titanentrotz leicht um in Verzagtheit, wie denn überhaupt die Kinder vom Übermut leicht ins Weinen verfallen.
Und was tut nun Gott dawider? Er kommt als Kind zu den weinenden Kindern! Seltsame Weisheit seiner Erziehung! Sieht es denn nun nicht gerade so aus, als hätte Gott das Feld geräumt vor den Hartherzigen Bethlehems, vor den Königen und Priestern Jerusalems? Wie soll er so andern helfen können in ihrer Not? Sehen wir da nicht ganz deutlich, dass die Weltregierung in der Hand eines armen Kindes ruht? Scheint nicht Gott selbst ohnmächtig gegenüber dem unermesslichen Leid seiner Geschöpfe? Wo ist unser Gott, und wo ist seine Rechte?, so schreit es angstvoll auf in zahllosen Seelen. Dass doch die Wolken brächen und herabregneten den Gerechten, dass die Erde sich auftäte und hervorsprosste den Friedenbringer! Aber siehe, während wir so klagen, ist er schon gekommen und kommt immer wieder – aber als Kind! Was soll aber das Kind inmitten der Weltgreuel? Ist denn Gott angesichts der Weltverwirrung wirklich so schwach geworden wie ein Kind, teilnahmslos wie ein Kind, das von dem Ernst und den Schrecken der Lage nichts weiß und begreift?
Was hat also Bethlehem und das Kindlein in der Krippe uns noch zu bedeuten? Gerade dieses: Dass wir nicht allzuschnell und zu leicht verzagen sollen!

Trostvolles Erbarmen

„So spielt die Hand Gottes doch nur eine Zeit“, meinte einst eine heilige Dulderin des Schwabenlandes. Spielt! In dem Tiefsinn ihres einfältigen Glaubens hat sie das rechte Wort gefunden. Ja, ein lächelnd Spiel ist es, das der allmächtige und allweise Gott spielt. Ist es aber nicht ein grausames Spiel? Es ist uns doch wahrlich nicht scherzhaft zumute, am wenigsten in der gegenwärtigen Not. Bitter ernst ist es uns mit unserem Leid. Wie mag sich also Gott in Kindesgestalt hüllen, als könnte er nichts verstehen von unserer Not und nichts dazu tun, wie mag er sich auch noch unter die Hilflosen begeben, als gäbe es nicht ohnedies der Hilflosen schon genug?
Es war dem stolzen und frevelmütigen Menschen heilsam, dass er sehen musste, wie seine Selbstüberschätzung und seine Auflehnung sich schließlich gegen das arme Kind von Bethlehem richtet: das hat ihn beschämt, seinen Größenwahn ernüchtert. Die Scham muss uns lehren, unsere eigenen Anliegen doch nicht gar so hoch einzuschätzen, und gerade darin wird unsere Hilfe und Heilung liegen. Das Leiden der Menschheit wird tatsächlich nirgends so gelindert und ihre Verzagtheit nirgends so aufgerichtet wie vor dieser Krippe mit dem weinenden Gotteskinde. Der Anblick dieses Kindes hat immer mehr und mehr Menschen das eigene Leid vergessen und überwinden lassen, indem sie lernten, sich mitfühlend und liebreich zu andern Leidenden zu neigen.
Glück und Liebe muss jeder in sich selber tragen und überallhin schon mitbringen. Eine aufgeschlossene, warme und nicht in sich selber erstarrte Seele strahlt ohne Unterlass und fast unbewusst Liebe nach allen Seiten aus und bedarf nicht für jeden einzelnen Fall eines eigenen Motivs, um liebreich zu sein. Eine solche Seele überwindet auch das Leid; sie ist nämlich der einengenden und einschnürenden Selbstsucht entgangen und hat einen weiten, licht- und lufterfüllten Raum gewonnen: das Glück. Erst da, wo der Blick der Seele sich öffnet, um fremdes Glück und Leid aufzunehmen, erst da beginnt die Erlösung vom eigenen Leid sich zu vollziehen. Indem wir gar anderer Leid zu heben und zu heilen suchen, werden wir selbst innerlich erweitert und damit auch befreit. Und so beginnt wie ein sonniger heiterer Kinderreigen, den das Kind von Bethlehem eröffnet hat, jener wundersame Wetterkampf, in dem die Mühlseligen und Beladenen auch noch die Last der anderen tragen und die Trauernden auch noch die Trauer der anderen auf sich nehmen wollen, und siehe, da geschieht das Wunder: Indem Trauer mit Trauer sich eint, wird sie zur ungeahnten Freude; indem Bürde auf Bürde sich häuft, wird sie leicht und süß. Diese wundervolle Entdeckung haben wir erst in Bethlehem gemacht: Das Jesuskind kam und tat auch noch seine Kindertränen zu all den vielen Tränen, die schon die Erde benetzen, als wären ihrer nicht ohnedies genug. Aber siehe, um dieser rührendsten aller Kindertränen willen lernten immer mehr Menschen die Tränen anderer stillen, und dabei begannen ihre eigenen Tränen zu versiegen und zu trocknen. Unter Tränen lernten sie lächeln, und es gibt wahrlich kein seliger Lächeln als dieses, das wahre Kinderlächeln.
O du unbegreifliche Erziehungsweisheit des Christkindes, wie fein und mild hast du unser kindisches Prahlen beschämt, wie fein und klug hast du unser selbstsüchtiges Weinen gestillt!
Früher hat Gott zürnende Propheten gesandt, jetzt ein liebes Kind; früher hat er in Donnersprache und Schrecken geredet, jetzt hat er einen schweigenden Mahner gesandt; durch die Weisheit der Ältesten und der heiligen Greise haben sich die Menschen nicht belehren lassen, so werden sie jetzt erzogen von einem Unmündigen, von einem Säugling. Früher bedurfte es vieler Gebote und Verbote, die das äußere Leben der Heiligen Gottes absonderten vom Unreinen; der neue Erzieher aber ist ein Kind.

Tränen und Jubel

Wie dieses Kind gelacht hat, so möchten auch wir lachen lernen: das Lachen in Unbesorgtheit und Selbstvergessenheit, in kindlichem Vertrauen zum Vater. Das Lachen mit den Lachenden, das Teilnehmenkönnen an allem, was schön und hell und froh ist, an allem, was Menschenherzen erfreut und fremde Augen strahlen lässt. Das Lachen auch der weisen Überlegenheit über alle kleinen und geringen Dinge, über alles, was vorübergeht und unsere Herzen mit eitlen Täuschungen locken und verführen möchte. Das wäre das Lachen von wahren Gotteskindern, die bei aller Kindlichkeit doch reif sind und ernst und weise, die bei allem Lachen doch wissend sind und unbestechlich, die in aller Sorglosigkeit doch helle Augen haben und einen wachen Sinn, um auf der Hut zu sein vor jedem bösen Feind, ob er im eigenen Herzen sich versteckt oder wie Herodes großmächtig thront in den Städten dieser Welt.
Und das Weinen! Ja, weinen müssen wir auch lernen, damit wir nicht hart und eisig werden. Weinen müssen wir können ob jeder Schuld, damit wir nicht böse und verstockt seien und nicht mit der Sünde einen bösen Frieden schließen. Unsere Tränen dürfen nicht versiegen im Anblick des Bösen, das auf der Erde ist, im Anblick irgendeiner Verblendung eines Menschenherzens: O, dass du es doch erkannt hättest, was dir zum Frieden dient! Jesus weinte dazu; wer könnte da nicht mit ihm weinen?
Ja, weinen müssen wir auch lernen vor Freude, vor Dank und Staunen über die Wunder Gottes und die Erbarmungen seiner Wege. Seine Welt kann so schön sein im Morgenlicht, auf den Bergen und am Meere, dass uns die Tränen der Ergriffenheit in die Augen treten. Und seine Gnadenführungen und seine Hirtenwege können so ergreifend sein, dass Priester und Mütter und Schwestern immer wieder weinen müssen vor freudiger Erschütterung, weil Gott so gut ist. Wehe dem, der nicht mehr weinen kann über die Schönheit der Liebe Gottes! Der müsste doch wohl erstorben und ganz tot sein, vielleicht erstorben im zweiten Tode, der nimmer aufhört.
Ja, lasst uns lachen und weinen, lasst uns jubilieren und schluchzen zugleich vor dem Kind, das uns geboren wurde, das lachend und weinend in unsere Arme und an unser Herz gekommen ist!
 
Jubilemus Deo salutari nostro!
Ploremus coram Domino,
qui fecit nos!*
 
* Lasst uns Gott zujubeln, unserem Erlöser! Lasst uns weinen vor dem Herrn, der uns erschaffen hat!

Von

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