Der Lernweg der Liebe zu uns selbst

Ein Plädoyer für die Kindschaft

von Rudi Böhm

Jeder von uns kennt vermutlich Seiten, die er an sich nicht leiden kann. Oft verbinden sie sich mit dem Urteil: „Ich kann das nicht, ich werde niemals damit fertig, ich bin unfähig, und das wird immer so sein...“ Diese einengenden Auffassungen sind Folge der Verletzungen in unserer Geschichte, eine Fehlentwicklung unserer Wahrnehmungs- und Gefühlswelt, die der Heilung bedürftig ist, denn sie verhindert die Entfaltung der Seele. Natürlich schmerzt es, mit ihnen konfrontiert zu sein, und wir versuchen dem im Alltag aus dem Weg zu gehen, z.B. durch dauernde Geschäftigkeit. Ein anderes Ausweichmanöver ist die Betäubung durch Suchtmittel. Mit solchen Vermeidungsstrategien  übergehen wir unsere Seele, geben ihr nicht, was sie braucht, und verfestigen dadurch all das, was ihr nicht gut tut. Eine Seele wird krank, wenn sie nicht mehr vertraut; wenn sie sich verschließt und aus Angst vor Enttäuschung nicht bereit ist zu empfangen.
Erfahrungsgemäß verwenden wir erstaunlich viel Energie auf das, was nicht dem Wachstum und der Entwicklung unseres Lebens dient. Es sind Muster, die wir ausgebildet haben, um mit dem Leben zurechtzukommen. Sie bestimmen unser Denken, Fühlen und Wollen. Jeder von uns hat sein eigenes, aus seiner persönlichen Lebensgeschichte gewachsenes Wirklichkeitsverständnis, eine Art inneren Wirklichkeitssimulator. Je nach Ausprägung kann das uns helfen, unser Leben zur Entfaltung zu bringen, oder es kann die Ursache dafür sein, Wachstum zu vermeiden und Entwicklung zu verhindern.
Das Wort des Herrn „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder...“ (Mt 18,3) ist wohlbekannt. Aber wir hätten schon Mühe, genau anzugeben, auf welchen Charakterzug der Herr hinaus will. Dass wir wieder von Schule oder Beruf in den Sandkasten zurückkehren sollen, ist nicht gemeint. Hier kommt uns ein anderes Wort zu Hilfe: „Wer das Reich Gottes nicht annimmt wie ein Kind, wird nicht hineingelangen“ (Mk 10,15). Ein Kind nimmt ein Geschenk von seinem Vater freudestrahlend und ohne Zögern an, weil es ihm vertraut. Sein Blick ist rein, noch ungetrübt von Falschheit, Argwohn und Misstrauen. Es hat es nicht nötig, das Geschenk vorher zu überprüfen.
Ein Hindernis, die Liebe Gottes zu empfangen, ist die schlechte Meinung, die wir von uns selbst und anderen haben.

Rote Ampeln

Im Willen Gottes zu leben, erfordert die Umkehr zu einem Wirklichkeitsverständnis, das dem eines Kindes entspricht. Die Seiten an uns, die wir nicht gut finden, können wichtige Signale sein. Die abgelehnte Seite kann ein Anruf sein, in eine größere Freiheit einzutreten, auf dem Grund unserer Seele den Vater im Himmel zu uns sprechen zu hören.
Unserer Seele nicht mehr zuzuhören ist wie dauernd rote Ampeln überfahren. Das bleibt nicht ohne Folgen, selbst wenn es einige Male gut gehen mag. Erfahrungsgemäß wird uns eines Tages die Polizei stellen. Sollten wir dann mit quietschenden Reifen die Flucht zu ergreifen versuchen, wird es einen Schuss in den Reifen geben. Im übertragenen Sinne sind das die Schicksalsschläge, die uns zum Aufwachen bringen. Ich selbst habe das vor acht Jahren so erlebt und es hätte mich das Leben kosten können. Durch Gottes Gnade bin ich nach einem schweren Schlaganfall durch eine ganze Reihe von Wundern noch einmal mit heiler Haut davongekommen. Mit seiner Hilfe habe ich gelernt, in ein vertieftes Kindschaftsverhältnis zu ihm hineinzuwachsen.
Diesen Weg nenne ich das allmähliche Erlernen der Liebe zu mir selbst. Das ist nicht zu verwechseln mit jener Egozentrik, die lediglich um das eigene Ich kreist. Das wäre genau das Gegenteil des Gemeinten. Die Menschen unserer Zeit leiden sehr unter dem Mangel an Selbstwertgefühl. Trotz einer ausgeprägten Ichbezogenheit und der Suche nach dem eigenen Vergnügen lieben wir uns selbst nicht wirklich, sondern denken schlecht von uns wegen unserer körperlichen und moralischen Fehler. Wir dürfen uns jedoch nicht selbst verachten, weil wir Söhne und Töchter Gottes sind, die mit einem unvergleichlich teuren Preis erkauft worden sind, mit dem Blut Jesu Christi. Wir haben nicht das Recht, uns selbst und andere geringzuschätzen, denn wir haben einen absoluten, unverlierbaren Wert in den Augen Gottes.
Der Blick des leiblichen Vaters schreibt sich tief in die Seele eines Kindes ein. Diesen Blick verinnerlichen wir im Laufe unserer Entwicklung, projizieren das Bild, das er uns vorgibt, in den Blick der anderen, und fühlen uns infolgedessen oft wertlos in deren Augen. Schließlich ist es nicht unser Urteil, das zählt, sondern allein der liebende Blick, der uns sagt: „In meinen Augen bist du vollkommen!“ Vollkommenheit im biblischen Sinne hat nichts zu tun mit Perfektsein oder Unverletztheit, sondern damit, Freude daran zu finden, in allen Dingen vollkommen auf  Gott angewiesen zu sein. Es bedeutet, unter allen Umständen und in jeder Verfassung in der Gegenwart Gottes, des liebenden Vaters zu bleiben und in eine Vertrautheit mit ihm zu wachsen, die uns die Unschuld wiederschenkt. Es bedeutet, seine Identität und Würde ganz durch den liebenden Blick des Vaters im Himmel zu empfangen.

Into The Wild

Vor einigen Wochen habe ich einen Film angeschaut, der den Weg der Liebe zu sich selbst zeigt. Es ist die Geschichte eines Menschen auf dem schwierigen Weg von der Auflehnung gegen das Leben zur Zustimmung. Der Film trägt den Titel „Into The Wild“ und beruht auf einer wahren Begebenheit. Es geht um einen jungen Mann auf der Suche nach der ultimativen Freiheit. Dieser Wunsch lässt ihn verzweifelt versuchen, seine eigenen Grenzen zu überschreiten.Der Traum von Ursprünglichkeit und Unverfälschtheit ist alt. Je komplizierter unser Leben sich entwickelt, desto größer die Sehnsucht nach der Einfachheit. „Into The Wild“ ist die Geschichte einer Suche nach dem Wahren, Absoluten, nach dem eigenen Ich und dem richtigen Lebensentwurf. Es ist aber auch die Geschichte vom tragischen Ende eines Idealisten. Christopher Johnson McCandless alias „Alex Supertramp“ ist ein Aussteiger par excellence. Mit dem, was die Gesellschaft zu bieten hat, gibt er sich nicht zufrieden und versucht in die Natur auszubrechen, hin zum „wirklichen“ Leben. Weil er die hundertprozentige Erfüllung seiner Wünsche sucht, kehrt er jedem, der sich mit ihm anfreunden will, nach einiger Zeit wieder den Rücken zu. Was treibt ihn? Er fühlt sich von seinen Eltern betrogen und von ihrem verlogenen Leben angewidert. Sein tiefes Verletztsein macht aus ihm einen Idealisten, der sich verzweifelt dem Leben in seiner Zerbrochenheit entwinden möchte. Er lebt nach dem Motto: „Wenn du etwas im Leben willst, dann nimm es dir!“ Trotz der Risiken muss er unbedingt das extreme Erlebnis haben. Als Alex Supertramp erreicht er sein Ziel und lebt sein Ideal aus bis zum bitteren Ende. Er hat die Wichtigkeit jener Dinge unterschätzt, denen er entkommen wollte: menschliche Beziehungen.In seinem letzten Gespräch mit einem alternden Witwer fühlt sich McCandless seiner Wahl und Denkweise noch ganz sicher: „Sie haben Unrecht, wenn Sie denken, die Freude im Leben werde hauptsächlich aus menschlichen Beziehungen erwachsen. Gott hat sie überall um uns herum angelegt. Sie steckt überall drin, in allen Dingen, die wir fähig sind zu erfahren. Die Menschen müssen nur ihre Sichtweise auf diese Dinge verändern.“ Aber, das muss Supertramp erfahren, der Mensch kann nicht für sich existieren, in der Natur und in sich selbst findet er die Freiheit nicht. Die Flucht vor den Enttäuschungen, die Beziehungen mit sich bringen, führt in die Sackgasse.

Kein zweites Eden

Mit seiner verneinenden Haltung baut sich Supertramp unmerklich ein Gefängnis. Christopher McCandless ist ausgezogen, die Freiheit zu suchen, doch am Ende findet er sich in ihr eingesperrt: „Bin buchstäblich in der Wildnis gefangen.“ Zu spät begreift er, dass die Natur kein Garten Eden, sondern grausam ist, wenn man ihr ausgeliefert ist. Christopher war blauäugig, überambitioniert, und blind für die Wirklichkeit. Es erwies sich als eine Illusion, aus der Gefangenschaft seiner Vergangenheit ausbrechen und sich die Rückkehr ins Paradies selber verschaffen zu können.
Obwohl der Film auf den ersten Blick tragisch endet, geht er bei genauerem Hinsehen letztlich gut aus. Am Ende bringt Christopher es fertig, das zu wählen, was er nicht gewählt hat. Die schlichte Erkenntnis, dass nicht das Leben in der romantisch verklärten Wildnis, sondern allein ein Dasein, in dem man lieben und geliebt werden kann, lohnenswert ist, setzt sich durch. Bei einer Lektüre von Pasternaks Doktor Schiwago stößt er auf eine tiefe Erkenntnis, die ihm zu einer neuen Sicht hilft. Er war hier auf der Welt um ... „jedes Ding bei seinem wahren Namen zu nennen.“ „Glück ist nur echt, wenn man es teilt“ lautet eine seiner letzten Aufzeichnungen. Den Tod vor Augen macht Christopher die tiefe Gotteserfahrung seines Angenommenseins. Was ihm der Witwer als Denkanstoß mit auf den Weg gegeben hatte, erlebt er jetzt im Sterben: „Weißt du, wenn du vergibst, dann liebst du. Und wenn du liebst, dann scheint das Licht Gottes auf dich.“ Christopher findet am Ende ein Ja auch zu jenen Aspekten seiner Existenz, zu denen er bis dahin in einer Haltung der inneren Verweigerung gelebt hat. Jetzt kann Gott in sein Leben eingreifen. Im letzten Augenblick verändert sich alles unter dem liebenden Blick Gottes. Christopher stirbt versöhnt mit sich, seinen Eltern und seiner Geschichte. Auf einer Holztafel hinterlässt der bereits vom Tod Gezeichnete sein Vermächtnis: „Ich habe ein glückliches Leben gehabt und danke dem Herrn. Auf Wiedersehen. Gott segne alle!“ Zwei Wochen später wird er von Elchjägern tot aufgefunden.

Gott ist Realist

Was an oder in mir nicht sein darf, kann ich selbst nicht lieben. Ebenso kann ich nur in dem Maß geliebt werden, wie man mich kennt. Und ich kann nur völlig geliebt werden, wenn man mich völlig kennt. Wenn ich Teile von mir vor anderen verberge, versuche ich sie davon zu überzeugen, dass ich besser bin, als ich wirklich bin. Die Person, die von Gott mit der Zärtlichkeit eines Vaters geliebt wird, der er begegnen und die er durch seine Liebe verwandeln will, ist nicht die Person, die ich gerne sein möchte oder die ich einmal werden soll. Es ist ganz einfach die, die ich bin. Gott ist ein Realist. Er liebt die wirklichen, konkreten Menschen.
Das große Geheimnis allen geistlichen Wachstums besteht darin, Gott handeln zu lassen: „Ohne mich könnt ihr nichts tun“( Joh 15,5), sagt Jesus. Aber die göttliche Gnade wirkt nicht im Imaginären, nicht im blutleeren Ideal oder im Erträumten. Gott wirkt in der ganz konkreten Existenz. Selbst wenn die Routine des alltäglichen Lebens mir nicht sehr ruhmvoll vorkommt, so ist es hier und nirgendwo sonst, wo ich mich von der Gnade Gottes berühren lassen kann.
Eines meiner Lieblingsworte in diesem Zusammenhang stammt von dem französischen Trappistenpriester André Louf: „Die Gnade knüpft nur an unsere Schwachheit an. Es ist also ganz und gar falsch, von einem Ideal der Stärke und Überlegenheit her zu leben. Wir müssen lernen, aus unserer tiefsten Sehnsucht, aus unseren Bedürfnissen und Nöten zu leben. Die müssen nach oben kommen, die müssen zu ihrem Recht kommen. Denn in ihnen strömt unser wirkliches menschliches Leben in seiner ganzen Tiefe. Auch wenn es sich anfangs mit Gefühlen des Schmerzes und der Angst anmeldet, so werden wir doch lernen müssen, aus dieser äußersten Verwundbarkeit zu leben, aus unserer eigenen Schwachheit. Auf den ersten Blick mag das gefährlich erscheinen. Aber allmählich kommen wir zu der Erkenntnis, dass es eigentlich nicht gefährlich ist, dass gerade dort unsere tiefste Kraft verborgen liegt, die Quelle unseres Wachsens und all unserer Wachstumsmöglichkeiten. Darum kann Paulus sagen: „Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark. Denn aus unserer Schwachheit leben heißt aus der Gnade leben. Denn die Gnade knüpft ja nur an unsere Schwachheit an.“1

Aus der Enge des Herzens

Sehr oft ist das, was das Wirken der göttlichen Gnade in unserem Leben blockiert, weniger unsere Fehlerhaftigkeit oder unsere Sünde, als vielmehr die mangelnde Zustimmung zu unserer Schwachheit. Um tiefe und radikale Änderungen zu ermöglichen, genügt es manchmal, ganz einfach Ja zu sagen (ein vom Vertrauen in Gott inspiriertes Ja) zu jenen Aspekten unserer Existenz, bei denen wir noch immer in einer Haltung der inneren Verweigerung leben. Ich wehre mich gegen diese oder jene Schwäche, von diesem oder jenem Ereignis meiner Vergangenheit geprägt worden zu sein, diese oder jene Sünde begangen zu haben und so fort. Und ohne dass es mir zum Bewusstsein kommt, behindere ich damit das Wirken des Heiligen Geistes. Dieser kann nur so weit in mein Leben eingreifen, wie ich damit einverstanden bin: Der Heilige Geist handelt niemals ohne meine Mitarbeit in Freiheit. Wenn ich mich selbst nicht annehme, so wie ich bin, erlaube ich dem Heiligen Geist nicht, mich besser zu machen!
 
Ist die Freiheit am Ende nichts weiter als ein Traum, und ist es nicht besser, gar nicht mehr daran zu denken und zufrieden zu sein mit einem trübseligen und mittelmäßigen Dasein?
Sehr oft fühlen wir uns in unserer Situation, in unserer Familie und in unserer Umgebung beengt. Vielleicht liegt jedoch das wahre Problem anderswo: Wir sind beengt in unserem Herzen. Je mehr es unserem inneren Leben an Intensität fehlt, desto mehr suchen wir äußere Sensationen für ein befriedigendes Lebensgefühl. Wenn wir mehr lieben würden, dann würde die Liebe unser Leben in unendliche Weiten führen. Unser Mangel an Freiheit kommt von einem Mangel an Liebe: Wir halten uns für Opfer ungünstiger Verhältnisse, während das wahre Problem und dessen Lösung in uns selbst gefunden werden muss. Unser Herz, das in seinen Ängsten gefangen ist, muss sich durch den Heiligen Geist umwandeln lassen. Wer nicht zu lieben versteht, der wird sich immer benachteiligt und überall beengt fühlen; wer aber zu lieben weiß, dem wird es nirgendwo zu eng sein.

... zur Freiheit, die Gott meint

Die wahre Freiheit muss man in sich selbst und in einer innigen Beziehung zu Gott entdecken.
„Gott spricht: O Seele, suche dich in mir, und, Seele, suche mich in dir!“ (Teresa von Avila 1515 – 1582) Es ist das gleiche Drama, das einst der heilige Augustinus gekannt hat: „Du wohntest im Innersten meiner selbst, während ich mich außerhalb befand und dich außerhalb suchte!“2
Die Liebe versieht die alltäglichsten Dinge mit einem Hauch von Unendlichkeit. Aus „wenn du etwas im Leben willst, dann nimm es dir!“ wird „wenn du etwas im Leben willst, dann öffne dich dafür.“ Es braucht die Demut eines Kindes, um zu akzeptieren, dass wir uns nicht durch unsere eigenen Kräfte zu ändern vermögen, sondern dass jeder Fortschritt, jeder Sieg über uns selbst ein Geschenk der göttlichen Gnade ist. Nur dann wird mir diese Gnade zur Veränderung geschenkt, wenn ich sie ersehne; und um diese mich verändernde Gnade zu empfangen, ist es nötig, mich selbst zu bejahen und mich zu akzeptieren, so wie ich bin.
Das allmähliche Erlernen der Liebe zu mir selbst ist eine notwendige Arbeit, um mich ganz und gar annehmen zu können, so wie ich bin, – also nicht so wie ich gerne sein möchte oder wie andere denken, dass ich ihrer Vorstellung nach sein müsste.
Ähnlich ist es, wenn ich andere nicht so akzeptiere, wie sie sind und meine Zeit damit verbringe, ärgerlich auf sie zu sein, weil sie meinen Erwartungen nicht entsprechen. Auch hier gebe ich dem Heiligen Geist nicht die Möglichkeit, Änderung zu bewirken. Eine Haltung, deren Ursache im mangelnden Glauben an Gott und in fehlender Hoffnung zu suchen ist, erzeugt diesen Mangel an Liebe. All das verschließt uns für die Gnade und begrenzt das göttliche Handeln.

Vollkommen wie der Vater im Himmel

Für unsere Entwicklung und unser Wachstum ist es eine unbedingte Notwendigkeit, dem zuzustimmen, was wir sind, all unseren Armseligkeiten und Begrenzungen. Man könnte hier den Einwand vorbringen, dass das doch Passivität, Trägheit sei? Wie steht es dann mit dem Wunsch zu wachsen, sich zu ändern, sich selbst zu überschreiten, um besser zu werden? Lädt uns das Evangelium nicht ein, uns zu bekehren: Ihr sollt vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist. (Mt 5,48)
Das Verlangen, sich zu bessern, unaufhörlich danach zu streben, um an Vollkommenheit zuzunehmen, ist unerlässlich: Wenn man aufhört fortzuschreiten, hört man auf zu leben. Wer nicht heilig werden will, der wird es auch nicht. Mutter Teresa forderte es geradezu von jedem Christen: Heiligkeit ist kein Luxus der wenigen. Sie ist eine einfache Pflicht für jeden von uns3. Gott gibt uns letzten Endes das, was wir haben wollen, nicht mehr und nicht weniger.
Diese beiden Haltungen stehen nur scheinbar im Widerspruch zueinander; beide sind notwendig, sie vervollständigen sich und halten das Gleichgewicht: Wir müssen zu unseren Begrenzungen stehen, aber das darf keine Resignation in die Mittelmäßigkeit sein. Wir sollen nach Änderung streben, aber dazu ist es zunächst notwendig, unsere Begrenzungen bewusst anzuerkennen und das, was wir sind, anzunehmen.
Um die Wirklichkeit zu akzeptieren, braucht es kindliche Demut. Das setzt selbstverständlich voraus, dass wir uns Zeit nehmen, darüber nachzusinnen, wie wir in den Augen Gottes dastehen.
Das Bemühen um die Bejahung unserer selbst ist weitaus schwieriger als es den Anschein hat. Der Stolz oder die Angst, nicht geliebt zu sein, die Überzeugung, nicht viel wert zu sein, sind tief eingewurzelt in uns. Wie schlecht kommen wir mit unseren Niederlagen, Irrtümern und Misserfolgen zurecht, wie sehr entmutigen sie uns, flößen uns Schuldgefühle ein oder beunruhigen uns.
Mir half einmal sehr eine Geschichte der Wüstenväter, um mich mit den Augen Gottes neu sehen zu lernen. Da wird von einem Mönch erzählt, „der des Nachts häufig der Sünde des Fleisches verfiel, aber darum hörte er nicht auf, nach jedem Fall zu beten und zu stöhnen. Einmal, als er unmittelbar nach begangener Schuld aufgestanden war, um das Offizium zu rezitieren, erschien ihm der Dämon, ‚erstaunt über sein Vertrauen’, und fragte ihn, ob er sich nicht schäme, in diesem Zustand vor Gott zu erscheinen. Der Mönch antwortete: ‚Ich schwöre, dass ich nicht müde werde, Gott um Hilfe gegen dich zu bitten, solange du nicht aufhörst, mich zu bekämpfen, und wir werden sehen, wer gewinnt, ob du oder Gott.’ Der Dämon hörte augenblicklich auf, ihn zu versuchen, um seinen Siegeskranz nicht zu vergrößern.“4
Für Gott ist es offensichtlich kein Problem, wenn wir sündigen. Er verurteilt uns nicht für unsere Schwächen. Er wird uns aber einmal zur Rechenschaft ziehen, wenn wir ihm nicht die Möglichkeit geben, in unserem Leben wirksam zu werden.
Ich bin der Überzeugung, dass es nicht gelingen kann, zu sich zu stehen und sich selbst voll und ganz anzunehmen ohne den liebenden Blick Gottes. Um uns selbst zu lieben, ist manchmal eine Vermittlung nötig, jemand, der uns sagt, wie der Herr uns anschaut. So hören wir durch den Mund des Propheten Jesaja: Teuer und wertvoll bist du in meinen Augen, und ich liebe dich. (Jes 43,4).

"Wie geht es dir?"

Vor einigen Wochen machte ich eine sehr bewegende Erfahrung mit einem jungen Mann, den ich seit zwei Jahren begleite. Ich hatte niemals zuvor jemanden erlebt, der so stumm war. Woche für Woche habe ich ihm sprichwörtlich alles aus der Nase herausgezogen. Durch mein nachdrückliches Nachfragen habe ich ihn dazu gebracht, sich so konkret wie er es eben vermochte auszudrücken. Währenddessen hatte ich manchmal das Empfinden, mühsam und unter großer Anstrengung die Wände eines engen Raumes zu dehnen. Wenn nicht die Geduld Jesu in mir wirksam gewesen wäre, hätte ich die Begleitung schon bald abgebrochen. Nach fast zwei Jahren kam dann ein völlig überraschender Durchbruch. Am Ende eines Gesprächs sagte er wie aus heiterem Himmel klar und deutlich: „Ich fühle mich von meinen Eltern nicht beachtet, übersehen, nicht ernst genommen, nicht geliebt.“ Er äußerte das ganz von sich aus, wie ein Kind, das sich lange geweigert hat, zu sprechen, und mit einem Mal entschlossen demonstriert: Ich kann es aber doch. Es erschien mir wie ein Signal für den Rückweg dieses Mannes zu sich selbst. Ich konnte nicht anders als ihn zu umarmen. Im darauf folgenden Gespräch sagte er den bemerkenswerten Satz: „Wenn man lange Zeit nur gewohnt war, nicht über sich zu reden, ist es ein Schock, wenn man plötzlich gefragt wird: Wie geht es dir?“
Wir haben ein vitales Bedürfnis, dass ein anderer uns seinen Blick schenkt, damit wir uns selbst lieben und akzeptieren. Dieser Blick kann der eines Angehörigen sein, eines Freundes, eines Seelsorgers, aber mehr als alles andere ist es der Blick Gottes, unseres Vaters. Denn dieser Blick ist der reinste, der wahrhaftigste, der zärtlichste und der hoffnungsvollste auf der ganzen Welt. Und ich glaube, dass das größte Geschenk für den, der das Antlitz Gottes im ausdauernden Gebet sucht, darin besteht, eines Tages etwas von dem auf ihm ruhenden göttlichen Blick zu verspüren, und er wird sich dadurch so zärtlich geliebt wissen, dass er die Gnade empfängt, sich selbst zutiefst anzunehmen.

Setzen auf die erste Liebe

Wenn der Mensch sich von Gott trennt, beraubt er sich jeder echten Möglichkeit, sich selbst zu lieben. Umgekehrt stimmt es auch, dass derjenige, der sich selbst nicht liebt, sich auch von Gott trennt. George Bernanos lässt in seinem „Dialogue des Carmelites“, eine alte Priorin folgende Worte an die junge Blanche de la Force richten: „Vor allem, verachten Sie niemals sich selbst. Es ist kaum möglich, sich selbst zu verachten, ohne Gott in uns zu beleidigen.“
In dem wundervollen Buch von H. Nouwen „Nimm sein Bild in dein Herz“5 heißt es: „Lange Zeit hindurch habe ich geglaubt, dass es eine Tugend sei, ein negatives Bild von mir selbst zu haben. Man hatte mich so oft vor dem Stolz und der Eitelkeit gewarnt, dass ich schließlich dahin gelangt bin zu glauben, es sei gut, sich selbst gering zu achten. Jetzt aber stelle ich fest, dass die wirkliche Sünde darin besteht, zu leugnen, dass Gott mich zuerst geliebt hat, und zu ignorieren, dass ich ursprünglich gut bin. Denn wenn ich mich nicht auf diese erste Liebe und diese ursprüngliche Güte stütze, dann verliere ich den Kontakt zu meinem wahren Ich und zerstöre mich selbst.“
Unter Gottes Blick können wir ein völlig entspanntes Leben führen. Der Blick, mit dem Gott uns betrachtet, gibt uns uneingeschränkt das Recht, wir selbst zu sein mit unseren Grenzen und unserem Ungenügen, das Recht, uns zu irren, könnte man sagen, denn der Blick Gottes befreit uns von all dem Zwang und den Verpflichtungen, in denen wir uns manchmal gefangen fühlen (Verpflichtungen, die ihren Ursprung nicht im Willen Gottes haben, sondern in unserem verwundeten Seelenleben) und die uns nötigen wollen, anders zu werden als wir es sind. Es gibt keine bessere Entspannung als die, uns wie schwache kleine Kinder in der Zärtlichkeit des himmlischen Vaters auszuruhen, der uns so liebt, wie wir sind.
Unter den Augen Gottes lebend begreifen wir nach und nach, dass die Liebe ein freies Geschenk ist, das man sich nicht verdienen kann. Unsere Armseligkeiten hindern Gott in keiner Weise, uns zu lieben, ganz im Gegenteil! So sind wir von dieser drückenden und zur Verzweiflung führenden Pflicht befreit: Jemand werden zu müssen, der ganz und gar gut ist, um es endlich zu verdienen, geliebt zu werden.
Ein Geistlicher hat solche Leidenschaft Gottes für den Menschen beschrieben, indem er Gott folgende Worte in den Mund gelegt hat: „Ich kenne dich. Ich habe dich geschaffen. Ich habe dich von Mutterleib an geliebt. Du bist – wie du jetzt weißt – vor meiner Liebe davongelaufen, aber ich liebe dich dennoch und nicht weniger, wie weit du auch fliehen magst. Ich bin es, der dir sogar die Kraft zu fliehen gibt, und ich werde dich niemals endgültig loslassen. Ich akzeptiere dich, wie du bist. Dir ist vergeben. Ich kenne all deine Leiden. Ich habe sie immer gekannt. Es übersteigt dein Verstehen bei weitem, aber wenn du leidest, leide ich. Ich kenne auch all die kleinen Tricks, mit denen du versuchst, das Hässliche, das du aus deinem Leben gemacht hast, vor dir und vor anderen zu verbergen. Aber du bist schön. Tief in dir ist eine innere Schönheit, die du nicht sehen kannst. Du bist schön, weil du in dir selbst, in der einzigartigen Person, die du bist, schon jetzt etwas von der Schönheit meiner Heiligkeit widerspiegelst - auf eine Art, die niemals enden wird. Du bist auch schön, weil ich, und ich allein, die Schönheit sehe, die du werden wirst. Durch die verwandelnde Kraft meiner Liebe, die in Schwachheit vollendet wird, wirst du vollkommen schön werden. Du wirst auf eine einmalige und unwiderrufliche Art schön werden, die keiner von uns beiden allein vollbringen kann; aber wir werden sie gemeinsam vollbringen.“6

Fußnoten

1) Augustinus, Bekenntnisse, Buch 10
2) Andre Louf ‚Demut und Gehorsam’, Vier Türme, Münsterschwarzach 1990, S. 24f.
3) Mutter Teresa, aus: Roswitha Kornpropst (Hg.): Glauben mit Mutter Teresa, Butzon und Bercker, Kevelaar 2007
4) Raniero Cantalamessa in: Komm Schöpfer Geist, Herder, Freiburg 1999/2007, S. 341
5) H. Nouwen ‚Nimm sein Bild in Dein Herz’, Herder, Freiburg 2007 (NA)
6) Scott Peck, Die Lügner, Claudius, München 1990, S. 301

Von

  • Rudolf M. J. Böhm

    Sozialpädagoge, gehört mit seiner Frau Renate zur OJC-Auspflanzung in Greifswald, wo er u.a. als Seelsorger aktiv ist.

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