Editorial über Kindschaft

Die Heiligkeit besteht nicht in dieser oder jener Übung. Sie besteht in einer Herzensbereitschaft, die uns demütig und klein in den Armen Gottes macht, in der wir unserer Schwäche bewusst sind und bis zur Kühnheit auf die Güte des Vaters vertrauen.
Therese von Lisieux (1873 – 1897)

Liebe Mitchristen,

Jesus stellte ein Kind in ihre Mitte“. Ein Kind als Mittelpunkt, als Beispiel und Vorbild? Wir fühlen uns einem Kind spontan überlegen. Schließlich haben wir schon eine lange Entwicklung hinter uns und verfügen über Lebenserfahrung. Ein kleines Kind dagegen weiß, dass es abhängig ist; es sucht Orientierung, Anerkennung und Liebe. Ein Kind hat gelernt zu seinem Gegenüber aufzuschauen. Sein Blick ist nach oben gerichtet. Es vertraut.
Die Haltung eines vertrauenden Kindes ist unter den Menschen von heute sehr selten geworden. Wir verhalten uns eher kindisch als kindlich, können uns selbst nicht annehmen, weisen unsere Vergangenheit ab, gestehen unsere Schwächen nicht ein – das alles macht den Frieden, mit dem ein Kind in Gottes Armen ruht, unmöglich.
„Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder...“ Was Jesus verletzt, ihn zutiefst verwundet, ist der Mangel an Vertrauen. „Gott ist viel gütiger als du denkst“, sagte mein geistlicher Begleiter zu mir. Nichts braucht unsere erbarmungslose Zeit mehr als die Botschaft von der Barmherzigkeit Gottes. Barmherzigkeit in seiner ursprünglichen Bedeutung meint die unbeirrbare Mutterliebe, die nichts auf ihre Kinder kommen lässt. Sie rührt von dem unwiderstehlichen Wunsch Gottes her, seine Kinder zu retten, wieder aufzurichten und zu erhalten. Barmherzigkeit ist die göttliche Regung, der Gott niemals widersteht, wenn und so oft wir sie anrufen (Ps 145, 8.9.14.18-20a). „Sein Erbarmen hört niemals auf“ (Lukas 1,55).
Im gesellschaftlichen Leben befinden wir uns in ständiger Anspannung, um dem zu entsprechen, was die anderen von uns erwarten. Unsere Welt hat sich vom Christentum unter dem Vorwand, diese Religion erzeuge Schuldgefühle, abgewandt. Aber man war nie zuvor so sehr von Schuldgefühlen geplagt wie in der heutigen Zeit: Wie viele Mädchen fühlen sich zum Beispiel schuldig, weil sie nicht so schön sind wie das letzte Topmodell, und viele Männer, weil sie keinen ebenso großen Erfolg haben wie der Chef von Microsoft. Die Erfolgsmodelle, die für unsere heutige Kultur bestimmend sind, erweisen sich als sehr viel schwieriger zu realisieren als die Einladung zur Vollkommenheit, von der Jesus im Evangelium spricht: „Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele. Denn mein Joch drückt nicht, und meine Last ist leicht.“
Unter Gottes liebendem Blick sind wir von dem Zwang befreit, immer die Besten sein zu müssen. Wir können ein völlig entspanntes Leben führen, denn wir haben es nicht nötig, in ständiger Anstrengung zu leben und uns in ein günstiges Licht zu stellen; wir brauchen nicht riesige Energien zu verschwenden, um so zu tun, als ob wir die wären, die wir gar nicht sind; wir können ganz einfach wir selber sein. Es gibt keine bessere Entspannung als die, uns wie kleine Kinder in der Zärtlichkeit des himmlischen Vaters auszuruhen, der uns so liebt, wie wir sind.
Die Beiträge dieser Brennpunktausgabe wollen dazu helfen, all das neu zu verstehen: dass vollkommenes Glück einzig davon abhängt, alles von Gott zu erwarten, so wie ein kleines Kind alles von seinem Vater erwartet.
In einer Zusammenfassung des Büchleins von Peter Lippert „Ein Kind ist uns geboren“ spricht der Jesuitenpater als ein feinsinniger Kenner des menschlichen Herzens von der „heilsamen Beschämung“ unseres kindischen Wesens durch das Kind in der Krippe. Mit seelsorgerlichem Feingespür mag dieser auserlesene Essay vollkommener Menschlichkeit jeden Leser ermutigen, „das, was in der Welt als töricht gilt“, neu und beherzt zu erwählen. (Die den Text illustrierenden Bilder entstammen einer neu erschienenen Kinderbibel, die in einer Buchbesprechung in diesem Heft empfohlen wird.)
Mit der kindlich-tiefen Bitte um das Herz eines kleinen Kindes kann das meditative Gebet des Pietistenvaters Johann Albrecht Bengel (1738) unser eigenes Wachsen in ein größeres Vertrauen hinein fördern. Dieses unvergleichliche Gebet, das ich selbst seit über 15 Jahren nahezu täglich bete, hat mir persönlich immer wieder geholfen, auf dem schmalen Grat zwischen meinen eigenen Abgründen das innere Gleichgewicht wiederzufinden bzw. zu halten.
Ein persönliches Glaubenszeugnis im Rahmen eines Interviews, wie die Treue und Fürsorge des himmlischen Vaters das eigene Leben geprägt hat, gibt uns Ulrich Kaiser, ein Freund und Nachbar unserer Greifswalder OJC-Gemeinschaft von Anfang an.
Die gerade neu erschienene erste vollständige Übersetzung einer der bekanntesten Essaysammlungen G. K. Chestertons aus dem Jahr 1909 bewog uns dazu, unsere Leser in den Genuss einer seiner geistvollen Abhandlungen „Das Puppentheater“ zu bringen. Auf unterhaltsame Weise versteht er es, uns auch die kompliziertesten weltanschaulichen Fragen nahezubringen. Dabei gelingt es ihm – ganz nach Art des Evangeliums – eine Sicht zu erschließen, im Kleinen das Große zu entdecken.
Machen wir selbst unsere Erfahrungen. Weihnachten steht vor der Tür. Ein liebevoller Blick auf die Krippe in Bethlehem kann uns dieses wunderbare Evangelium neu erschließen helfen: Jesus ist ganz klein. Der ewige Sohn des Vaters, den die Himmel nicht fassen können, passt in eine Krippe. Der allmächtige Gott hat sich so menschlich gemacht, dass er in Windeln gewickelt werden muss. Der erhabene Gott hat sich so armselig gemacht, dass Ochs und Esel, lumpige Hirten und Schafe seine Gesellschaft sind. Das Geheimnis von Weihnachten lehrt uns, dass wir die unfassliche Größe der Liebe Gottes nur in seinem Kleinwerden für uns erfassen können. Sorgen wie also dafür, dass das Christkind eine Herberge in unserem Herzen findet. Hören wir auf damit, uns selbst größer zu machen als wir sind; ertragen wir uns, mit all unseren Unvollkommenheiten; lassen wir uns wegen unserer Fehler nicht entmutigen; hören wir auf, uns Sorgen zu machen; schreiben wir uns unsere Tugenden nicht selbst zu, sondern erkennen wir an, dass Gott diesen Reichtum in die Hände seines Kindes legt.
In diesem Geist der Kindschaft wünsche ich Ihnen – auch im Namen des Redaktionsteams – eine besinnliche Adventszeit, ein lichtvolles Christfest und Gottes Segen im Neuen Jahr.
Ihr für alle äußere und innere Unterstützung dankbarer
 
Rudi Böhm

Von

  • Rudolf M. J. Böhm

    Sozialpädagoge, gehört mit seiner Frau Renate zur OJC-Auspflanzung in Greifswald, wo er u.a. als Seelsorger aktiv ist.

    Alle Artikel von Rudolf M. J. Böhm

Den Brennpunkt Seelsorge im Abonnement

Jede Ausgabe dieser Zeitschrift können Sie kostenfrei bestellen.

Auch künftige Ausgaben von Brennpunkt Seelsorge (erscheint zweimal im Jahr) senden wir Ihnen gerne zu. Hier können Sie den Brennpunkt Seelsorge abonnieren »

Unsere Veröffentlichungen unterstützen

Helfen Sie uns mit Ihrer Spende, christliche Werte und eine kritisch-konstruktive Auseinandersetzung mit Strömungen der Zeit auf der Grundlage des Evangeliums an nachfolgende Generation zu vermitteln.

So können Sie spenden:

» Bankverbindung
» Spendenformular
» PayPal