Das ewige Leben - nicht auszumalen!

von Reinhard Körner OCD

Vom „großen Geheimnis, das wir Gott nennen“ (Karl Rahner), kann ich nicht kleiner denken, als die von der biblischen Glaubenstradition und der Gottessicht Jesu erleuchtete Vernunft es fordert: das Göttliche muss ein personaler Gott sein und ein Gott, der nur lieben kann.
Diese Gottessicht, die Papst Benedikt mit seiner ­ersten Enzyklika wieder kirchenlehramtlich als „die Mitte des christlichen Glaubens“ in Erinnerung gebracht hat, ist der Grund, warum ich daran glaube, dass unser Leben einem Ziel, nicht einem Ende, entgegengeht, und dass wir einander im Tod nicht verlieren werden. Der einzige Grund.
Angesichts der heute nicht mehr in Frage stellbaren Endlichkeit des Daseins gäbe es für mich zu diesem Glauben nur eine Alternative: „Auge in Auge mit dem Nichts“ zu leben (Reiner Kunze), mit allen sich daraus ergebenden Konsequenzen.

Mein Grab wird leer sein

Jedes Lebewesen auf unserem Planeten ist vergänglich, so vergänglich wie die Erde selbst. Das weiß ich, und ich weiß auch, dass die Person, die von sich „ich, Reinhard“ sagt, nur so lange Bestand hat, wie die Billionen neuronaler Verschaltungen unter meiner Schädeldecke funktionieren. Als ein Mensch, der im Zeitalter der Evolutionsbiologie, der Neuro­physiologie und der Hirnforschung lebt, ist es mir nicht möglich zu glauben, dass etwas an mir oder in mir unsterblich sei. So sehr ich mir der Grenzen menschlicher Erkenntnis, auch der Grenzen modernster naturwissenschaftlicher Erkenntnismöglichkeiten bewusst bin – ich muss davon ausgehen, dass der Mensch, wenn er stirbt, als ganzer Mensch stirbt. Aus sich selbst heraus hat unsere menschliche Natur nicht die Kraft, unsterblich zu sein, auch nicht im psychisch-geistigen Teil ihres einen, unteilbaren ­Wesens.
Wenn aber diese unsere Natur sich einem liebenden, personalen Gott verdankt – nicht einer unpersonalen „göttlichen Kraft“ und nicht einem kühl ­urteilenden und verurteilenden Weltenlenker –, dann darf ich einem solchen Gott zutrauen, dass er uns nach dem Ende des sterblichen Lebens ein neues, nicht mehr an die sterbliche Natur gebundenes Leben geben wird. Er wird uns „verwandeln“, sagt Paulus (1. Kor 15,51), unseren „irdischen Leib“ in einen „überirdischen/himmlischen (wörtlich: geist­lichen) Leib“ (ebd. 15,44). Wir  sterben aus der Sterblichkeit in die unsterbliche Seinsweise Gottes hinein.
 
Dass ich in der neuen Seinsweise, die wir „Himmel“ nennen, derselbe Reinhard sein werde, der ich jetzt bin, das garantiert Gottes Liebe. Wenn es ihm um mich geht, wirklich um mich, dann werde ich in seiner Ewigkeit leben, ich in meiner personalen Identität.
Die Christen der Frühzeit haben das, wie Paulus, mit dem Wort „Leib“ (griech.: soma) zum Ausdruck gebracht. In ihrem Sprachempfinden war mit Leib nicht dasselbe wie Körper gemeint. Der Körper, das sind die Organe eines Lebewesens; der Körper endet an der äußeren Hautschicht. „Leib“ aber meint alles, was zu einem Menschen gehört und was einen Menschen ausmacht, was ihm von innen und was ihm von außen „unter die Haut gegangen“ ist: was er im Laufe seines Lebens erlebt und gelebt hat, was ihn geprägt und zur konkreten Person gemacht hat, was ihn unverwechselbar und einmalig macht unter allen Menschen.
Leib, das ist in der christlichen Glaubenssprache ein Ganzheitsbegriff. Der Leib, das bin ich in der Originalität und Identität meiner Persönlichkeit, mit meinem Denken und Fühlen, mit meiner Beziehungsfähigkeit, mit meiner Kreativität, mit meinem Lieben...
Wenn in der Geschichte des Christentums schon sehr bald auch von der „Seele“ gesprochen wird, die Gott in die Ewigkeit aufnimmt, so ist damit ebenfalls der Mensch in seiner Identität gemeint. „Der Begriff der Seele“, auch darauf hat Papst Benedikt im genannten Buch ausdrücklich hingewiesen, „ist ein streng christlicher Begriff“ (ebd. 124); die Seele dürfe nicht im Sinne des Leib-Seele-Dualismus als Teil des Menschen verstanden werden, und wenn von der „Unsterblichkeit der Seele“ die Rede ist, dann sei damit nicht gemeint, dass die menschliche Psyche aus sich heraus unsterblich wäre, sondern dass der von Gott zum ewigen Leben auferweckte Mensch unsterblich ist – weil Gott ihm dann unsterbliches Sein geschenkt haben wird (s. ebd. 90-132).
 
Deshalb darf ich sagen: Mein Grab wird leer sein! Auch wenn mein Körper, einschließlich der an ihn gebundenen Psyche, gestorben ist und im Grab verwest, so werde doch ich – in biblischer Sprache: mein Leib, in christlich-traditioneller Sprache: meine Seele – nicht im Grab, sondern bei Gott sein; und zwar nicht, weil ich unsterblich wäre, sondern weil Gott mich dann „aufgeweckt“ und unsterblich ­gemacht haben wird.
„Und werde ich dann bei Gott auch alle meine ­Lieben wiedersehen?“, fragte einmal eine Frau den alt gewordenen großen evangelischen Theologen Karl Barth (1886-1968). „Ja“, antwortete der, „Sie werden Ihre Lieben wiedersehen, und auch alle Ihre Nichtlieben.“ – Unser aller Gräber, Grüfte und ­Urnen werden leer sein.

Nicht auszumalen!

Schon zu Beginn des 1. Korintherbriefes hatte Paulus klargestellt: „Wir verkündigen, wie es in der Schrift heißt (er bezieht sich auf Jes 64,3), was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, was keinem Menschen in den Sinn gekommen ist: das Große, das Gott denen bereitet hat, die ihn lieben“ (1. Kor 2,9). Das gilt grundsätzlich, wie er an gleicher Stelle schreibt, für „das Geheimnis der verborgenen Weisheit Gottes“, das er und seine Gefährten denen, „die Gott lieben“, zu verkünden haben. Und das gilt erst recht für das, was uns nach dem Tod erwartet, für das, was „Gott vor allen Zeiten vorausbestimmt hat zu unserer Verherrlichung“ (1. Kor 2,7).
Dementsprechend sind Paulus, die Autoren der vier Evangelien und alle uns bekannten frühchristlichen Verkünder sehr zurückhaltend in diesen Dingen; ­keiner von ihnen hat uns das Jenseits ausgemalt, und auch Jesus selbst hat das, ihrer Überlieferung nach, nie getan.
Denen, die Jesus gehört hatten, genügte es zu wissen, dass Gott sie liebt wie ein Vater seine Töchter und Söhne, und dass ein Abba-Jahwe keines seiner „Kinder“ im Totsein lassen wird. Die Fragen nach dem Was und Wie, vor allem die ängstlichen und besorgten Fragen, wurden erst gestellt – und erst ­beantwortet –, als die Gottessicht Jesu in Vergessenheit geraten und immer mehr von der Vorstellung überlagert worden war, Gott sei nicht nur ein liebender, sondern zugleich auch ein strafender und ­rächender Gott. Wer mit einem solchen ambivalenten Gottesbild lebt, mit einem Gott mit zwei Seiten also, dem ist Gott freilich nicht ganz geheuer; der muss ängstlich fragen: Wie wird es sein, wenn ich einmal vor ihm stehe? Und dann sind natürlich nicht nur die Fragen „töricht“, sondern noch törichter die Antworten! So töricht, dass sie über Jahrhunderte hin in den Menschen die Angst vor der Begegnung mit Gott noch verstärkten und regelrecht schürten. ­Keines der Fächer der Theologie hat im Laufe der Jahrhunderte derart peinliche „Antworten“ hervor­gebracht wie die Eschatologie, die „Lehre von den letzten Dingen“, und kein Thema der Glaubens­verkündigung hat soviel Unheil in den Menschenherzen angerichtet wie die Predigten und Kate­chesen über das, was nach dem Tod kommt.
Das Neue Testament spricht, wenn es den Blick auf das „Danach“ richtet, von Himmel und Hölle, von Gericht und von ewigem Leben, und die Theologie schon recht früh vom Fegefeuer. Aber nichts davon wird ausgemalt. Das tun, in Wort und Bild, erst spätere Glaubensverkünder, und dann nicht selten so stark unter dem Einfluss des wiedererwachten ambivalenten Gottesbildes, dass wir heute genau hinschauen müssen, was davon christlich und was zwar abendländisch-religiös, aber letztlich unchristlich ist.

In die richtige Richtung glauben

Was mich persönlich betrifft, so kann ich ohne zu flunkern sagen: Auch mir genügt es, in der Gewiss­heit zu leben, dass Gott meinen Lieben, meinen „Nicht-Lieben“ und mir ewiges Leben schenken wird. Freilich, ich kenne nach wie vor auch die Momente, in denen sich mir die Frage aufdrängt: Wird es wirklich so sein? Das ist jene Portion Zweifel, der jeder Glaubende ausgesetzt bleibt auf der Bootsfahrt des Lebens, das „Salzwasser des Zweifels ..., das ihm der Ozean fortwährend in den Mund spült“, wie Joseph Ratzinger 1968 in seiner Einführung in das Christentum schrieb; es sei nun einmal „die Grundgestalt menschlichen ­Geschicks, ­nur in dieser unbeendbaren Gestalt von Zweifel und Glaube, von Anfechtung und Gewissheit die Endgültigkeit des Daseins finden zu dürfen“ (Neuausgabe: Kösel 2000, 39f). Dazu stehe ich, und ich verdränge diesen Zweifel nicht; ich nehme ihn zum Anlass, mich erneut mit Herz und Verstand meiner Gewissheit zu vergewissern. Dann aber braucht es nicht mehr.
Wie das menschlich Unvorstellbare, das „Verwandelt“-Werden in die „himmlische“ Seinsweise hinein, geschehen wird, das kann ich seelenruhig dem überlassen, der alles, was da ist, ins ­Dasein gesetzt hat. Wie sollte es dem „Schöpfer aller Dinge“ nicht möglich sein zu sagen: „Seht, ich schaffe alles neu“ (Offb 21,5)! Er, der in der einen Hand das hält und trägt, was er als Natur ins Dasein gesetzt hat, wird mich im Moment des Todes in die andere Hand nehmen, mit der er das Über-Natür­liche, „Himmlische“ erschafft, hält und trägt.  
Und was dann kommt, das kann, bei einem Gott, der liebt, ja doch nur Gutes sein, unausdenkbar Gutes. Auch einem Menschen, der mich mag und mir ein echter Freund ist, glaube ich doch, dass er ganz Schönes für mich vorbereitet hat, wenn er mich zu sich einlädt. Dass er mir Schlimmes antun könnte, brauche ich nicht zu befürchten; nicht mit Angst und Sorge, sondern mit freudiger Erwartung gehe ich zu ihm.
Warum also weitere Fragen? Warum will auch ich mir dennoch gern ausmalen, was sich niemand ausmalen kann? Weil ich in die richtige Richtung glauben möchte. Ich möchte mir – und anderen, für die ich Seelsorger bin – Klarheit darüber verschaffen, was im Sinne Jesu gemeint ist, wenn von Worten wie Gericht, Fegefeuer, Himmel und Hölle die Rede ist.
 
Es ist ja doch ein Unterschied, ob vor den Ziffern in der Haushaltsrechnung, für die ich in unserem Kloster zuständig bin, ein Plus oder ein Minus steht, zumal wenn es die Jahresendsumme betrifft: Ein Plus vor den Ziffern macht meine Mitbrüder und mich froh, ein Minus macht uns besorgt. Je nach „Vorzeichen“ können die Worte Gericht, Fegefeuer und Hölle Angst machen – furchtbare Angst – oder froh machen; und die Worte Himmel und ewiges Leben können abschreckende Langeweile hervorrufen oder eine Zuversicht wecken, die jetzt schon alles in ein neues Licht rückt. Als ich meinen Eltern am Tag ihrer Goldenen Hochzeit den Gottesdienst gehalten und in der Predigt über unsere Zukunft in Gottes Ewigkeit gesprochen hatte (ein bisschen „ausgemalt“ ­habe ich sie schon!), sagte mein Vater mit strahlenden Augen: „Junge, so wie du redest, da kann man ja richtig mit Freude aufs Sterben zugehen!“
Biblische Texte, so betont der Münchner katholische Religionsphilosoph Eugen Biser (geb. 1918) immer wieder, müssen „auf ihre Mitte hin gelesen werden ... Die aber bildet zweifellos die Gottesverkündigung Jesu“ (Die Entdeckung des Christentums, Herder 2001, 260). Nur das Gottes- und Menschenbild Jesu ist das legitime „Vorzeichen“ und der Schlüssel zum rechten Verständnis der Bibeltexte – und damit aller Glaubenslehren, auch der Worte und Bilder, mit ­denen wir von dem sprechen, was nach dem Tod kommt.
Dennoch: Paulus hat recht. Wenn ich frage: Was wird dann sein, und wie wird es dann sein?, frage ich nach etwas, „was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat“. Mit dieser „Unkenntnis“ sitzen wir alle im selben Boot. Alle. Vorsicht ist also geboten und Zurückhaltung. In die richtige Richtung denken wollen, nur darum darf es gehen.
Aber gerade das ist auch geboten! Weil nämlich die Vorstellungen, die wir vom Ziel unserer Lebensfahrt haben – solche wie solche –, für die Bootsfahrt selbst von Bedeutung sind! Für das Leben im Jetzt, für unser Miteinander an Bord, für das persönliche und das gemeinsame Erleben der Fahrt sowohl bei Seesturm wie bei blauem Himmel. Als Navigationshilfe gewissermaßen, für alle im Boot, die darauf bauen, dass hinter dem Horizont „die Welt“ nicht zu Ende ist …
Nur kurz will ich also die Richtung andeuten, in die wir vom Ziel unseres Lebens glauben dürfen.
 
Gericht. – Wenn Gott den Menschen liebt, wirklich liebt, dann gehen von vornherein alle Nach-Tod-Vorstellungen in die falsche Richtung, die mit einem göttlichen Strafgericht rechnen. Wenn das Neue Testament vom „Gericht“ Gottes spricht, meint es nicht etwas Schreckenerregendes, sondern etwas höchst Erfreuliches: Es gibt einen, wenigstens einen, vor dem die Wahrheit zählt! Wenigstens einen, vor dem die Wahrheit nicht verborgen bleiben und nicht parteiisch verbogen werden wird! Einen, der das ­himmelschreiende Unrecht, das Menschen einander antun, weder kalt und teilnahmslos verurteilen, noch mit „Liebe“ zudecken, sondern schonungslos-­liebend aufdecken wird; der zu Schulderkenntnis und Reue führt, bevor er vergibt! Einen, vor dessen Angesicht ich mich auch vor der Wahrheit meines eigenen Lebens nicht fürchten muss ... – Eine wirklich höchst erfreuliche Aussicht inmitten einer Welt voller Lüge und Ungerechtigkeit, voller abgrund­tiefer Bosheit und Verbohrtheit, voller Unwahrheit, die uns oft so hilflos macht!
 
Die Gerichts-Worte des Neuen Testaments gehören zur Frohbotschaft Jesu. Wer sie als Drohbotschaft empfindet (oder gar als solche verkündet), der hat sie nicht auf ihre Mitte hin gelesen. Der Gott, der, wie Paulus betont, der „Gott und Vater (Abba!) Jesu Christi“ (2. Kor 1,3) ist, wird in dem, was wir das Gericht nennen, nicht als Strafrichter und schon gar nicht als Scharfrichter fungieren. Er wird geraderichten, was wir angerichtet haben. Er wird aufrichten – Opfer und Täter: den, der niedergemacht wurde, und den, der sich selbst durch seine Taten entwürdigt hat. Er wird wiederherrichten, was schief und krumm geworden und durch unsere Schuld entzwei gegangen ist ... Das Gericht, schrieb der katholische Theologe Romano Guardini einmal einem Freund, „ist das letzte Werk der Liebe Gottes – Vollendung der ­Liebe“.
Seit mir das klar ist, ist für mich der Blick auf die Ewigkeit frei, und mehr noch als auf den Himmel freue ich mich auf Gottes Gericht. Nicht nur, weil dann geradegerichtet und geheilt werden wird, was an mir verbogen worden ist.
 
Fegefeuer. – Nicht einen einzigen Menschen wird Gott mit dem bestrafen, was wir das Fegefeuer nennen. Die Vorstellung, Gott lasse die Seele vor ihrer Aufnahme in den Himmel an einem jenseitigen Ort eine Zeitlang die Strafe für begangene Sünden er­leiden, hat ein unchristliches Gottesbild zur Voraussetzung. Was da wie Feuer brennen wird, ist Gottes Liebe!
 
Noch einmal Paulus: „Das Feuer wird prüfen, was das Werk eines jeden taugt“; wie Gold und Silber im Feuer gereinigt werden von Holz, Heu und Stroh, schreibt er den Korinthern, so werde auch der Mensch gereinigt „wie durch Feuer hindurch“ (1. Kor 3,12-15). Von diesem Paulus-Wort her haben die ­Vätertheologen die Fegefeuer-Lehre entwickelt.
Sie dachten dabei weder an einen jenseitigen Ort noch an eine Zeitspanne und schon gar nicht an eine Bestrafung durch Gott. Was sie mit dem lateinischen Wort purgatorium – zu deutsch: Reinigung (ein Reinigungsgeschehen, nicht ein Reinigungsort!) – benannten, ist ein Geschehen zwischen Gott und dem Menschen im Moment des Gerichts. „Fegefeuer“, das ist eine Beziehungserfahrung, eine Erfahrung, wie sie auch zwei Menschen im „Leben vor dem Tod“ in ihrer Beziehung zueinander machen können. Im Rückblick auf meine eigene Biografie habe ich sie zum erstenmal bewusst durchlitten, als ich mit vierzehn Jahren in ein kirchliches Internat gegangen war. Nach ein paar Wochen kam damals unerwartet von zu Hause ein Paket. Ich öffnete es und sah, dass mir meine Mutter meine Lieblingskekse ­gebacken hatte; alles war so sorgsam und wunderschön eingepackt, dass ich sofort Mutters große, tiefe Liebe zu mir spürte. In diesem Moment, der mir bis heute gegenwärtig ist, erkannte ich meine ganze ­Erbärmlichkeit: Überaus schmerzhaft stand mir blitzartig mein bisheriges liebloses Verhalten der Mutter gegenüber vor Augen ... Es war ein reinigendes, erlösendes Weinen, und seitdem ich mir damals die Tränen vom Gesicht gewischt habe, ist die Beziehung zu meiner Mutter zu einer aufrichtigen, dankbaren Sohnesliebe geworden. – Fegefeuer-Erfahrung. Sollte sie in der Begegnung mit Gott, dem großen Liebenden, anders sein?
 
Hölle. – Keine Rechnung. Kein strafender Blick. Kein Vorwurf. Und keine Verdammnis! Die Hölle, das ist der „Zustand der endgültigen Selbstausschließung aus der Gemeinschaft mit Gott und den Seligen“, heißt es in einem zusammenfassenden Leitsatz im Katechismus der Katholischen Kirche (Nr. 1033).
Selbstausschließung, ja, das wäre zumindest nicht ganz undenkbar. Aber Verdammnis, also von Gott – dem Gott, der nur lieben kann! – zu ewiger Marterqual verurteilt werden, das ist nun völlig in die ­falsche Richtung gedacht!
Wann und wo immer das Neue Testament von der „Hölle“ spricht: Diese Texte „dürfen nach weitgehend übereinstimmender Meinung heutiger Theologie“, so der katholische Theologe Herbert Vorgrimmler, „nicht als Informationen, als ‘antizipierende ­Reportagen’ verstanden werden, vielmehr wollen sie auf den Ernst der jeweiligen menschlichen Situationen ... aufmerksam machen. Sie warnen vor Leichtsinn und Oberflächlichkeit und stellen einen Ruf zur Besinnung dar“ (Neues Theologisches Wörterbuch, Herder 2000, Art.: Hölle, 298f.).
Einmal angenommen, es würde sich tatsächlich dann, in der Begegnung mit Gott nach dem Auf­gewecktwerden, ein Mensch, statt sich im Feuer der Liebe geraderichten zu lassen, lieber selbst hinrichten: Ein solcher Selbstausschluss bedeutete dann für ihn nicht ewiges Gequältwerden, sondern Selbstausschluss vom Leben, Trennung von dem göttlichen Urgrund, der ja die Quelle seiner Existenz ist, auf ­Erden wie im Himmel. Hölle, das wäre der selbst­gewählte Tod für immer. Das meint Paulus, wenn er den Römern schreibt: „Der Sold der Sünde ist der Tod“ (Röm 6,23). Ja, diese Möglichkeit ist durchaus real. Wohlgemerkt: die Möglichkeit! Doch ich traue Gott zu, dass er alles, aber auch alles tun wird, um auch den Verbohrtesten und Hasserfülltesten wieder zur Liebe zu bewegen.
Persönlich kann ich sagen, dass ich noch nie so abgrundtief verletzt worden bin, dass ich die Hölle – wie auch immer verstanden – je irgendeinem Menschen gewünscht hätte; um mein „Gerechtigkeits­gefühl“ zu stillen, genügt es mir, von manch einem zu denken: „Dein Fegefeuer möchte ich nicht ­haben!“
Dann und wann werde ich herausfordernd gefragt: „Sie glauben also nicht an die Hölle?!“ Ich antworte dann mit einer Gegenfrage: Haben Sie denn schon mal daran gedacht, was es für Gott – für Gott! – ­bedeuten würde, wenn er auch nur einen einzigen Menschen, einen von seinen geliebten Söhnen und Töchtern, mit vernichtendem Zorn überschütten, ja dem endgültigen Tod oder gar, wie Sie das wohl glauben, den Qualen in einer ewigen, nie endenden Folteranstalt ausliefern müsste?“ – Es wäre, dessen bin ich sicher, für Gott „die Hölle“.
  
Himmel. – In einem der Eucharistie-Gebete wird für die Verstorbenen an Gott die Bitte gerichtet: „Nimm sie ... in dein Reich auf, wo sie dich schauen von Angesicht zu Angesicht“ (II. Hochgebet). Sehr kurz und knapp wird hier zum Ausdruck gebracht, worin unsere Zukunft bei Gott, das ewige Leben im ­Himmel besteht. Zu kurz allerdings! Und diese Verkürzung, ähnlich in anderen Gebets- und Verkün­digungstexten, hat den Blick auf die Zukunft freudlos und den Himmel langweilig gemacht.
Augustinus (gest. 430) konnte noch, als er über die „himmlische Gottesstadt“ nachdachte, formulieren: „Wir werden frui Deo et invicem in Deo – wir werden uns an Gott und aneinander freuen!“ Zwei Worte also fehlen in unserem Hochgebet: „... wo sie dich und einander schauen von Angesicht zu Angesicht“. Seit langem schon bete ich es so in der Eucharistie­feier vor. Der Himmel wäre für mich nicht der ­Himmel, wäre ich „dort“ nur mit Gott allein!
 
Aber was bedeutet das: Gott und einander „schauen von Angesicht zu Angesicht“? Es ist wiederum Paulus, der uns die Richtung andeutet, in die wir ­glauben können: „Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht“ (1. Kor 13,12). Das „Angesicht“, das ist nicht die Partie von der Stirn bis zum Kinn; das ist in den biblischen Sprachen vielmehr die Person selbst in der ganzen Tiefe ihres Wesens. Und vom „erkennen“ und „erkannt werden“ spricht Paulus weiter; das ist der Ausdruck, mit dem die Bibel das Wort „lieben“ umschreibt: „Jetzt erkenne ich unvollkommen, dann aber werde ich durch und durch erkennen, so wie auch ich durch und durch erkannt worden bin“ (ebd.).
 Wie also auch immer das „schauen von Angesicht zu Angesicht“ geschehen wird, eines glaube ich fest: Ich – und zwar wirklich ich – werde dann „sehen“, wie wunderbar und herrlich und schön der Gott ist, auf den ich jetzt mein Leben baue. Undausdenkbar schön.
Aber auch darin bin ich mir sicher: Gott wird mich „anschauen“, mir zugewandt mit einer Liebe, wie ich mir das im schönsten Traum nicht vorstellen könnte. Und dann – werde ich weinen. Weinen, wie ich noch nie geweint habe. Nicht deshalb, weil Gott mir vorhalten würde, lückenlos, was ich „Böses ­getan und Gutes unterlassen habe“, sondern weil er es mir nicht vorhalten wird! Weil er mich einfach nur anschauen wird, einfach nur sagen wird: „Du, Reinhard ...“ In diesem Blick, in dieser Anrede wird alles gefragt und gesagt sein. Alles. Von ihm. Und von mir.
Im gleichen Moment werde ich meine Lieben und meine Nicht-Lieben „durch und durch erkennen, so wie auch ich durch und durch erkannt worden bin“; sie aber werden mich „durch und durch erkennen“, so wie auch sie „durch und durch erkannt“ worden sind. Und wir werden abermals weinen, weinen, wie wir voreinander und miteinander noch nie ­geweint haben. Dann wird Gott selbst uns die ­Tränen vom Angesicht wischen, den Schleier aus unseren Augen, und wir werden erkennen, wie sehr er unsere Liebe zueinander liebt.
Und der Himmel wird beginnen...
Er hat schon begonnen. Wenn der Tod nicht das ­Ende ist, dann leben wir ab jetzt schon ewig, und was wir als Ziel unseres Lebens vor Augen haben, prägt schon das Jetzt.

Ewig leben - ab jetzt

Alles, was wir tun und wofür wir uns engagieren, ist für immer! Nichts ist umsonst getan, was wir liebend tun; und was wir jetzt nicht-liebend tun, wird einmal geradegerichtet sein.
Auch unsere Liebe zueinander hat Zukunft für immer, ihre Ewigkeit hat schon begonnen. Jede Freundschaft, jede Liebe – alles, aber auch alles steht unter dem Stern der Ewigkeit.
Und die uns im Sterben vorausgegangen sind, bleiben uns nahe; sie sind uns nahe, so wie Gott uns nahe ist.
Ausmalen kann sich niemand, worauf wir zugehen. Aber jetzt schon leben, was dann einmal sein wird (Dietmar Mieth), das können wir: Einander anschauen, nicht von Gesicht zu Gesicht nur, sondern von Angesicht zu Angesicht. Einander erkennen, nicht abschätzig durchschauen. Geraderichten, was nur geradezurichten geht. Wiederherrichten und heilen, wo immer das Unheile quält. Einander aufrichten zum aufrechten Gang. Und weinen miteinander, in Schuld, im Schmerz und im Glück ...
In Vollkommenheit gelingt uns das nicht, ganz und gar nicht; „himmlisch“ sind wir noch nicht. Doch was uns in unserer Unvollkommenheit möglich ist, das bringt die Farben ins Leben, aus denen sich die Liebe – diese Urgewalt, die aufbegehrt gegen Vergänglichkeit und Tod – jetzt schon, ein wenig wenigstens, den vollendeten Himmel ausmalen darf.
 
Der erste Teil dieses Textes wurde in der Zeitschrift KarmelImpulse, Heft 1/08 veröffentlicht, der zweite folgt in der Ausgabe 3/08 (Juli). Ausführlicher schreibt der Autor darüber in seinem neuen Buch: Reinhard Körner, Warum ich an das ewige Leben glaube, Benno-Verlag. Leipzig 2008 (9,90 €); erscheint im Juli 2008

Von

  • Reinhard Körner

    Dr., ist Priester, Prior und Exerzitienleiter im Karmelitenkloster Birkenwerder. Er war sieben Jahre geistlicher Begleiter der OJC-Kommunität.

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