Eigentlich wollte ich schon immer mehr

von Christa Kümmel

Irgendwie schaffe ich es, den Schlüssel im Zündschloss zu drehen. Ich stehe neben mir und wundere mich. Alles funktioniert wie von selbst. Gang einlegen, raus aus der Parklücke. Runter vom Parkplatz. Im Rückspiegel verschwindet das klotzige Krankenhaus wie ein Monster im Nebel.
„Eigentlich kannst du jetzt nicht Auto fahren.“ Wie vernünftig man sein kann, wenn einem gerade der Boden unter den Füßen weggezogen wurde. Die Tränen laufen. „Jetzt am Lenkrad sitzen? Das ist ­gefährlich, Christa.“ Bin ich das, die das gerade denkt? Aber ich will nur noch heim. Mit meinem Willi an der Seite. Zusammengesunken sitzt er auf dem Beifahrersitz.
Doch, ich habe Hoffnung gehabt. Eben noch. Gegen alle diffusen Ängste. Bis der Arzt kam. Es war der vierzehnte Arzt, bei dem wir vorhin saßen, Willi und ich. Hinter uns lag wieder eine Nacht, in der mein Mann stöhnend durch das Haus gelaufen war. Weil diese Schmerzen, diese wahnsinnigen Schmerzen ihn um den Schlaf  brachten. Dreizehn Mal wurde er in den letzten vier Monaten vertröstet: Sie haben eine Gelenkentzündung. Sie haben Zug bekommen. Ihr Mann hat schwere Depressionen. Hatten Sie nicht in letzter Zeit einen Zeckenbiss?
Es gibt viele Möglichkeiten, sich zu irren – und sich beruhigen zu lassen.
Noch einmal hat der Arzt einen Blick auf die Röntgenbilder geworfen. Und dann ohne Umschweife gesagt, was gesagt werden musste. Weil die Wahrheit sowieso brutal ist, egal ob in viele oder wenige Worthülsen verpackt. Dass Willis Krebserkrankung doch nicht geheilt ist, die Metastasen sich schon so ausgebreitet haben, dass keine Chance auf Heilung mehr besteht.
„Ein paar Monate noch, mehr Zeit wird Ihnen wohl nicht mehr bleiben.“
Lange schweigt Willi neben mir im Auto. Dann sagt er: „Ich würde so gern noch bei dir bleiben und dir alle Möbel der Welt kaufen!“ Und ich erwidere nur: „Ich brauche keine neuen Möbel. Ich möchte nur dich!“
Wie oft hatten wir uns in den Jahren darüber auseinandergesetzt. „Wir brauchen doch keine neuen ­Möbel. Ist doch Geldverschwendung. Die halten bis an unser Lebensende!“ Darauf hatte mein Mann immer gepocht, und nun sollte er tatsächlich recht behalten. Wie so oft in unserer Ehe. Bis an sein Lebensende würden diese Möbel tatsächlich noch halten. Aber jetzt wollte er nicht mehr recht behalten, sondern nur noch leben. Doch nichts konnte den Tod mehr aufhalten.
Wenn man das so erfährt, wird plötzlich vieles auf den Kopf gestellt. Vielleicht ist es ja das Geheimnis, warum wir doch noch so viel Freude aneinander hatten in diesen letzten Wochen. Weil wir nicht mehr so abgelenkt waren von all den unwichtigen Dingen. Wir haben viel gelacht. Wir haben uns ausgesprochen. Verziehen. Gesagt, wie lieb wir uns haben. Ich möchte diese intensivsten Wochen meines Lebens nicht missen. Auch unsere vier Töchter waren häufig da. Alle haben sich verabschiedet. In uns war ein tiefer Friede.
In diesem Moment im Auto ahnte ich jedoch nicht, dass ich mich wenige Jahre später von vielen unserer Möbel trennen würde. Nein, neue habe ich mir nicht gekauft. Neue Möbel bedeuten mir tatsächlich nichts mehr.
Ein Paar Wochen vor seinem Tod hatte Willi heimlich eine meiner Töchter gebeten, einen Ring für mich zu besorgen. Er schenkte ihn mir zum Geburtstag. Wenige Tage später starb er.
Manche wunderten sich, als ich schon zwei Wochen nach seinem Tod meinen Ehering auszog und ihn gegen sein Geschenk austauschte. Aber ich hatte ganz stark das Gefühl in mir: „Du hast keinen Mann mehr. Du bist jetzt keine Ehefrau mehr.“
Und noch ein Gefühl breitete sich mit erstaunlicher Kraft aus: „Ich will noch etwas ganz anderes ­machen. Gott, was hast du jetzt mit mir vor?“
Ich habe diesen Gedanken dann schneller in die Tat umgesetzt, als ich es selbst für möglich gehalten hätte. Obwohl er am Anfang noch eher diffus war. Doch der erste große Schritt auf ein neues Ziel zu geschah dann schon nach einem Jahr: Ich ging wieder zur Schule.
Nicole sitzt neben mir, ist zwanzig Jahre alt und hat gerade das Abitur gemacht. Frank ist 32, er hat sich eine Auszeit in seinem Beruf genommen. Beide könnten sie meine Kinder sein, aber sie sind meine Kurskollegen in einem Theologischen Seminar in der Schweiz. Ein Jahr ist mein Mann tot, und ich mache hier etwas ganz Verrücktes. Ich hole etwas nach. Ich will es auch beweisen. (Mir? Oder auch den anderen?) Endlich das machen, was ich mir lange verwehrt habe: lernen.
Ich fühle Energien, neue, ungeahnte Kräfte. Sehnsüchte brechen durch, die ich lange zurückgehalten, vielleicht sogar unterdrückt habe. Weil wir uns damals so anders entschieden hatten, Willi und ich. Oder, ehrlich gesagt: weil Willi so anders entschieden hatte.
Aber gespürt habe ich es immer. Wenn die Leute mich nach meinem Beruf fragten, brachte ich immer nur ein „Kinderpflegerin“ heraus. Das „Nur“ konnte ich mir gerade noch verkneifen. Willi hatte das am Anfang unserer Beziehung so entschieden. „Eine einjährige Ausbildung reicht doch. Warum willst du noch eine längere Ausbildung machen?“ Ich habe mich gefügt. Bin in seiner Spur gelaufen und habe das „Schmalspurgefühl“ behalten.
Und später auch irgendwie meinen Frieden damit gefunden. Oder besser gesagt, nicht immer dagegen angelebt. Aber vielleicht bin ich deshalb jetzt so ­wagemutig. So radikal, wie viele sagen.
„Du bist so anders, als wir dich kennen, Christa.“ Das sind solche Festhalte-Sätze. Von Freunden. Von Verwandten. „Was machst du denn da?“
Ich bin ihnen fremd geworden. Sie halten mich für überdreht. Für extrem.
Ein Jahr habe ich das Theologische Seminar besucht. Es war eine anregende, aufregende Zeit. Eine Zeit, in der ich unerkannte Begabungen spürte: dass ich gut mit jungen Menschen in Kontakt komme, zum Beispiel, und ein gutes seelsorgerliches Gespür habe. Als das Jahr vorbei war, bin ich erst einmal in ein ­tiefes Loch gefallen. „Und nun, Gott? Das war’s doch jetzt nicht schon, oder?“
Nein, das war es noch nicht.
„Ich wünsche Ihnen alles Gute für Ihre Zukunft. Und wenn ich Ihnen einen Rat geben darf, Frau Kümmel: Hängen Sie sich nicht an Ihre Kinder!“ Dieser Satz war für mich ein Schlüsselsatz. Es war Willis behandelnder Arzt, der es wagte, so direkt zu sein. Einige Monate nach Willis Tod hatte er mich noch einmal zu einem Gespräch gebeten. Ob er spürte, was mich umtrieb?
„Hängen Sie sich nicht an Ihre Kinder!“ Wenn die Zweifel kommen, denke ich auch an diesen Satz. Und die Zweifel kommen mit Macht. Denn plötzlich sind da große Pläne am Horizont.
„Mama, wir haben schon den Papa verloren, du kannst doch nicht auch noch weggehen.“
„Christa, du gehörst zu deinem Haus. Zu deinen ­Enkelkindern.“
„Was willst du eigentlich, du hast daheim zu ­bleiben!“
„Das passt nicht zu dir!“
Was passt nicht zu mir? Dass ich ausbreche? Ich weiß, ich gehe ungewöhnliche Wege. Und weil ich eigentlich so eine Liebe, Sanfte bin, habe ich die Leute damit besonders überrascht.
Außerdem macht es sowieso Angst, wenn vertraute Menschen die normalen Wege verlassen. Ich ver­lasse meine beschauliche hessische Kleinstadt. Ich verlasse meinen gepflegten Garten, mein schönes Haus, die Nähe der Kinder und Enkelkinder. Ich ­verlasse eine Gemeinde, in der wir uns jahrzehntelang wohlgefühlt haben. Ich verlasse sicheres Terrain und gehe nach Prenzlau. Es ist eine Stadt, in der sich viele Probleme eines ostdeutschen Ortes verdichten: hohe Arbeitslosigkeit, Überalterung, kaum Aus­bildungsplätze. Tiefe Spuren des DDR-Atheismus haben sich in die Seelen eingeritzt.
Ich verlasse alte Sicherheiten und lasse mich ganz auf etwas Neues ein. Ich werde Mitarbeiterin in einem evangelisch-diakonischen Projekt, einer Art Lebenszentrum. In diesem Haus ist eine Wohngemeinschaft geplant, zu der ich gehören werde. Werkstätten für
Jugendliche sollen eingerichtet werden, dazu wird ein Gemeindezentrum für Gottesdienste und Begegnung  gehören. Aufbruch!
Meiner jüngsten Tochter fiel es ganz besonders schwer, mich ziehen zu lassen. Sie hat mir harte ­Fragen gestellt, stundenlang mit mir diskutiert. Aber dann haben wir vor einiger Zeit in einer anderen Stadt gemeinsam einen Gottesdienst besucht. Als Unbekannte sitzen wir unter den Besuchern und ­hören die Predigt: „All die Menschen hier im Gottesdienst, die es sich gut in ihrem Ruhestand einge­richtet haben, ihr Vorgärtchen pflegen, Mallorca ­besuchen. Wenn da noch Kräfte sind, lasst euch von Gott gebrauchen …“ Mir laufen Tränen über die Wangen. Nach dem Gottesdienst nimmt mich ­meine Tochter in den Arm: „Es ist dein Weg. Mama, geh!“
 
Protokoll: Claudia Filker

Aus: Claudia Filker, Entfalten statt liften, Neukirchen-Vluyn 2007

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