Editorial zu "Loslassen und reifen"

Wir brauchen nicht so fort zu leben
Wie wir gestern gelebt haben.
Macht euch nur von der Anschauung los,
und tausend Möglichkeiten laden uns
zu neuem Leben ein.
 
Christian Morgenstern

Liebe Mitchristen,

bei den Vorbereitungen zu dieser Brennpunkt­ausgabe stand mir immer wieder der fröhlich aufmunternde Spruch vor Augen: Wer etwas erleben  will, was er noch nie erlebt hat, muss Dinge tun, die er noch nie getan hat.
Wer das noch Unbekannte kennenlernen will, wer möchte, dass das Neue ihm nicht fremd bleibt, wer etwas anderes als bisher erfahren möchte in Beziehung zu Gott und den Mitmenschen, muss in gewisser Weise das Altbekannte loslassen und sich auf Neues einlassen. Die Lebens-Abenteuer aller Art sind davon gekennzeichnet – seien es Reisen in ferne Länder, das Erforschen des noch rätselhaft verborgenen, oder das Zugehen auf die neu zugezogenen Nachbarn, die hautnahe Begegnung mit eigener Ohnmacht und Berührung mit dem tiefen und ­tragischen Schmerz menschlichen Lebens.
Um all dies zu erleben und damit auch weitere ­Dimensionen des Lebens kennenzulernen, sich zu eigen werden zu lassen, brauchen wir immer eine Portion Abenteuergeist: Geist, der uns ins Weite zieht, der sich nicht selbst genügt.
Gerade haben wir Pfingsten gefeiert – das frohe Fest des Geistes Gottes. Er sichert uns zu, uns in alle Wahrheit zu führen, uns nicht zu verlassen; statt­dessen erinnert er uns an alles, was Gott uns mit Jesus schon gesagt und gegeben hat. Er erinnert uns auch daran, dass wir mit ihm einen Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit empfangen haben. Wir  mögen uns oft mutlos fühlen, doch wir sind tatsächlich reich Beschenkte!
 
Auf diesem Fundament des Geliebtseins und Begabtseins können wir das Wort Jesu hören und ihm folgen: „Kehrt um, das Reich Gottes ist nahe ge­kommen!“
Umkehren, Buße tun – das sind andere Worte für Loslassen. Zum einen geht es ums VERlassen des Altgewohnten: z.B. im Denken und Reden über andere, oder das Loslassen der Bilder und Vorurteile über unsere Nächsten, Meinungen, an denen wir fest­halten und den andern damit „festgenagelt“ haben.
Kehrt um heißt auch eintauschen, z.B. dein Verfangensein in Lüge und Halbwahrheit gegen eine Liebe zu Aufrichtigkeit, die Gott wecken kann, und die wir im Miteinander dringend brauchen. Darauf macht uns Paulus in einem direkt atemberaubenden Absatz in seinem Brief an die Epheser aufmerksam: „Lasst kein faul Geschwätz aus eurem Mund gehen, sondern ­redet, was gut ist, was erbaut und was notwendig ist, damit es Segen bringe denen, die es hören...“ (Eph 4, 29)
Wir könnten auch sagen: Lass los, was dich und ­andere klein hält, auf eine einseitige Sicht fixiert, was euch keine Chance lässt, freundliche und liebende Menschen zu sein!
Doch das Loslassen allein ist noch keine Tugend.
Mit dem Aufruf „kehrt um“ werden wir aufgefordert, noch einen Schritt weiter zu gehen: zuzulassen, was ist und sein will, z. B. im Miteinander das Gute und Freundliche und Herzliche zuzulassen! Jeder Mensch soll zulassen dürfen, dass er ins Bild Gottes hineinwachsen, dass er frei und Gottes sein darf; dass ihn Gott und der Menschen Liebe berührt, ­beglückt und begeistert!
Umkehren heißt loslassen und zulassen dessen, was ist. Dann folgt die nächste Umkehrbewegung: sich einzulassen auf das Wachsen des „neuen Menschen, der nach Gott geschaffen ist“ (Eph 4,24).
Dieses Wachsen ist ein Prozess. Wenn uns das nicht klar ist, werden wir leicht entmutigt. Denn nichts ­geschieht schnell, jeder Wegabschnitt braucht seine Zeit. Mary Pytches, die anglikanische Seelsorgerin beschreibt:
Ich selbst habe in meinem Leben manche Dinge sehr schnell abgehandelt und war dann entmutigt, wenn ich ein paar Jahre später wieder mit dem gleichen Problem zu tun hatte, auch wenn es dann meist ein anderer Aspekt des Problems war oder eine tiefere Schicht dieses Problems ans Licht kam. Es ist, als ob gerade dann, wenn man das Gefühl hat, der Weg zur Reife werde etwas einfacher und gangbarer, wir durch eine Kurve gehen, und plötzlich haben wir wieder ungerodetes Land vor uns und brauchen all unsere Kraft, um überhaupt voranzukommen.
Vor kurzem erzählte mir eine Freundin, Gott habe sie im vergangenen Jahr auf sehr unangenehme Weise geläutert, und sie hoffe, dass dieses Thema jetzt ein für allemal erledigt sei. Ein paar Monate später hatte sie wieder mit exakt denselben Problemen zu kämpfen. Zuerst war sie extrem entmutigt, und eine Zeitlang sah es so aus, als versinke sie in einem Loch der Verzweiflung. Das hätte für sie zur Falle werden und verhindern können, was Gott mit ihr vorhatte und an ihr verändern wollte. Glücklicherweise war sie wirklich entschlossen zu wachsen.
Deshalb blieb sie beharrlich und akzeptierte, dass Gott Anfechtungen benutzte, um die notwendigen Veränderungen in ihrem Leben herbeizuführen.
 
Wer sich entschlossen auf dieses Wachsen einge­lassen hat, wird dankbar die bewährten „Heilsmittel“ der Christenheit annehmen: Seelsorge und Begleitung, Beichte, Abendmahl, regelmäßige Gemeinschaft mit Geschwistern auf dem Weg, usw.
 
Die Beiträge in dieser Ausgabe sprechen davon in ihrer ganz unterschiedlichen Art und Prägung. Manches davon mag dem einen oder anderen Leser zunächst fremd und ungewohnt scheinen – manches vielleicht auch befremdlich bleiben. Das darf auch so sein. Profitieren werden wir aber in jedem Fall dann, wenn wir uns durch die Geschwister anderen kirchlichen Hintergrundes zum Weiterdenken und Weiterwachsen inspirieren lassen. Lassen wir uns darauf ein!
 
Mit herzlichen Grüßen vom gesamten Redaktionsteam
Ihre
 
Maria Kaißling

Von

  • Maria Kaißling

    Religionspädagogin. Sie lebt in der OJC-Auspflanzung in Greifswald und ist vorwiegend als Seelsorgerin tätig.

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