Worauf du dich verlassen kannst

Der Weg der Glaubensreife

 von Rudi Böhm

"Uns Menschen, o Herr, hast du ins Dasein ge­rufen und uns zwischen dich und die Dinge gestellt.“ Dieser Ausspruch von Romano Guardini fasst in einem Satz zusammen, dass sich der Mensch ein Leben lang in einer Entscheidungs­situation befindet. Unser Leben wird im Grunde durch den Rhythmus von Wählen und Loslassen gestaltet. Wir haben täglich, ja oft stündlich die Wahl, welche Wege wir mit wem gehen wollen. Wir müssen auf die verschiedenen Alternativen, die sich uns anbieten, antworten und zwischen ihnen wählen.
Von Gott als geliebtes Kind geschaffen, bin ich zur Liebe berufen. Dabei werde ich immer wieder erfahren, dass ich hinter diesem Anspruch zurückbleibe. Es ist ein Weg zwischen Scheitern und Neuanfang. Hier stellt sich mir immer wieder die Frage, wer ich vor Gott und für die Menschen sein soll. Was will ich im Leben erreichen, von was und wem lasse ich mich leiten, welches Ziel habe ich vor Augen? Das erfordert eine grundsätzliche Absage an den Wunsch, es allen recht machen zu wollen. Immer wieder komme ich an den Punkt, an dem ich „rücksichtslos“ sein und sagen muss: „Dieser Weg und kein anderer!“
Die Jünger mussten alles hinter sich lassen, um Christus nachfolgen zu können. Ihm ganz gehören zu wollen, verlangt die Freiheit des Herzens. Jesus sagt: „Niemand kann zwei Herren dienen; er wird ent­weder den einen hassen und den anderen lieben, oder er wird zu dem einen halten und den andern verachten. Ihr könnt nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon“ (Mt 6, 24). Es gibt demnach nur zwei Herren, Gott und den Mammon. Und weiter: Wenn man dem einen ergeben ist, muss man den anderen verachten. Wir stehen oft in der Versuchung, einen Kompromiss zu machen – das zu verbinden, was sich nicht verbinden lässt.
Ein entschiedenes Leben mit Gott ist ein fortschreitender Prozess der Loslösung von bisherigen Bindungen (vgl. Mt 10, 37; 1. Mose 2, 24; Lk 9,62; Joh 21,18 u.a.). Unsere Entscheidungen leben vom Wissen um das Leid, das mit dem Schnitt verbunden ist, den man machen muss, um von alten Ufern los­zukommen und um frei für die neue Heimat zu werden. Es gibt keine Entscheidung, die nicht auch Scheidung ist. Es geht darum, den eigenen Willen beständig auf Christus als dem endgültigen Ziel und höchsten Wert auszurichten.
Wenn Jesus sagt „Niemand kann zwei Herren dienen“ macht er deutlich, dass das Verhältnis des ­einen Herrn zum anderen Herrn radikal entgegengesetzt ist. Es ist bemerkenswert, dass auch der Mammon Herr genannt wird, dem man wie einem König dient. Das Wort „Herr“, griechisch kyrios, heißt unumschränkter Herrscher und Herr. Das Wort douleuein (dienen) bedeutet Sklavendienst bei einem absoluten Herrn und die vollkommene Zugehörigkeit zu ihm. Das hebräische Wort mammon bezieht sich auf alles, was den Menschen vom Ursprung und Ziel seines Lebens entfremdet. Es bezieht sich auf alles, worauf er außer auf Gott seine Hoffnung baut.Piet van Breemen schreibt:  „Im Laufe der Jahre oder der Jahrzehnte haben wir alle vieles ge­sammelt, vielleicht mit großer Mühe, und das halten wir jetzt in unserer Faust und wollen es bewah­ren. Das mögen materielle Dinge sein, die das Leben angenehmer machen. Aber es gehören ebenso Gedanken und Meinun­gen, Überzeugungen und Ideen dazu, die ich mir zueigen gemacht habe oder die ich von anderen übernommen habe, ebenso Beziehungen, die mir viel bedeuten. Auch meine Arbeit, meine Termine, mein ­Kalender, meine Stelle und mein Ruf, mein Einfluss und vieles andere mehr. An all dem halte ich fest. Ich gebe es nicht einfach her. Daran darf niemand rühren. Denn es hat mich Mühe genug ge­kostet, all dies aufzubauen.“1 Mit all diesen Dingen versuche ich mein Leben abzusichern, möchte ich gerne auf der richtigen Seite des Lebens stehen, meinen ­eigenen Ansprüchen genügen, gerne auch den Menschen gefallen und überdies noch Jesus nachfolgen. Das führt zu einer dauernden Zerreißprobe.

Die Paradoxie des Glaubens: Ganz in Gottes Hand vollkommen frei

Im Erkunden der Gesichter des Mammons, die in meinem Leben vorkommen, kann mir die Frage helfen: Woran denke ich beim Gebet am häufigsten? „Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz“ (Mt 6, 21). Meine Zerstreuungen klären mich darüber auf, welchem Mammon ich anhänge. Das kann sogar meine Frömmigkeit sein, die unter ein falsches Vor­zeichen geraten ist.
Ich erinnere mich an ein Gespräch mit meinem geist­­lichen Begleiter, der mich mit einem weg­weisenden Satz aufrüttelte: „Es ist selbstverständlich sehr gut, wenn du Freude am Beten hast, gerne zum Gottesdienst gehst und eifrig in der Bibel liest. Das alles sind wertvolle Mittel, die deinen Glauben ­fördern können. Aber sie machen nur Sinn, wenn sich dadurch auch deine Beziehungen zu deinen Mitmenschen verbessern. Ansonsten sind sie nichts anderes als eine Art religiöse Entfremdung. Glaube verwirklicht sich in Gemeinschaft, in der das Evangelium im Miteinander, in der Verwirklichung der Liebe Christi untereinander, gelebt wird. Oder das, was geschrieben steht, wird zu einer privaten Anschauung, die dich innerlich von deinem Nächsten entfernt. Wahrheit und Liebe lassen sich nicht voneinander trennen.“
Der Nächste, der mir im Alltag begegnet, ist jeweils der Mensch, den Gott durch mich lieben möchte. Die Pflege einer privaten Frömmigkeit, die sich nicht in einer wachsenden Liebe zu meinen Mitmenschen verwirklicht, entfremdet mich von meinem Ursprung. Diese Anhänglichkeit an die eigene Vollkommenheit wird unmerklich zu meinem ­Mammon.
 
Es gibt auch noch andere Formen falscher Frömmigkeit. Eine davon ist, äußerlich viel von Gott zu reden, ohne sich wirklich auf ihn einlassen zu wollen. Das erzählt folgende Geschichte sehr eindrücklich:  
Es war eine wunderbare Hochzeitsfeier. Ein strahlendes Brautpaar, fröhliche Gäste, erlesene Speisen und Getränke, wertvolle Geschenke und ein herrliches Fest. Eine unvergessliche Hochzeitsreise schloss sich an. Auf der Rückfahrt wird die junge Frau plötzlich ernst und erklärt ihrem Mann: „Ich danke dir für alles, für deine Liebe, dafür, dass ich zu dir gehören und mit dir verbunden sein kann. Aber nun möchte ich doch lieber in meine alte Wohnung, in meinen alten Beruf, zu meinen alten Freunden. Ich möchte schon deine Frau sein, aber doch lieber für mich ­leben! Ich komme einmal in der Woche zu dir. Wenn ich dich brauche, rufe ich dich an. Aber sonst möchte ich allein klarkommen. Wenn ich krank bin oder Geld brauche, in Schwierigkeiten stecke oder nicht weiter weiß, melde ich mich sofort bei dir. Ich bin ja so froh, dass ich einen guten Mann habe. Aber ich möchte meinen Lebensalltag doch gern allein bestimmen. Wenn es später einmal ans Sterben geht, möchte ich natürlich ganz in dein Haus kommen. Aber ich hoffe, dass das noch sehr lange dauert!“2
Mit dem jungen Ehemann empfindet wohl jeder: So geht es nicht. Und doch leben viele Christen ihre Glaubensbeziehung zu Jesus genauso. Sie haben ­einen wunderbaren Herrn. Aber ihr Alltagsleben bestimmen sie allein. In Not und Schwierigkeiten rufen sie zu Jesus. Aber sonst gehen sie in ihren alten Gewohnheiten auf. Die Ewigkeit wollen sie selbst­verständlich bei Jesus verbringen. Aber im Leben wollen sie doch lieber allein zurechtkommen. Sie tragen den Namen ihres Herrn. Aber sie leben letztlich im eigenen Namen.
 
Wie zeigt sich bei mir, dass ich zu Gott gehöre?
Als getaufte Christen gehören wir zu Gott, wie ein Sohn zu seinem Vater. Aber der Teufel ist ein Dieb, und seine größte Freude ist es, Gott seinen wertvollsten Besitz zu stehlen: seine Söhne und Töchter. Er kann uns nicht mit Gewalt stehlen, sondern muss uns überzeugen, unser Geburtsrecht freiwillig durch die Sünde, die zur Trennung führt, zu verspielen. Es wäre undenkbar, einen Prinzen zu überreden, seinen Palast gegen einen Schweinestall einzutauschen, aber der Teufel nimmt diese Herausforderung an. Er ist der Vater der Lüge und weiß ganz genau, wie er uns täuschen und dazu überreden kann, unser wertvolles Erbe gegen eine Schüssel Linsensuppe einzutauschen. Ein unglaublicher Schwindel!
 
Ich möchte dazu einen Witz erzählen: Eines Tages kommt ein Mann an die Himmelspforte. Petrus begrüßt ihn und bietet ihm an, ihm seinen Platz im Himmel zu zeigen. Dort verabschiedet er sich mit dem Versprechen, in Kürze wieder vorbeizukommen. Als er wiederkommt, fragt er den Mann, wie es ihm gefalle. Der zögerte ein wenig, rückt dann aber doch mit der Sprache heraus und fragt, ob das denn jetzt der Himmel sei? Petrus bejaht. Ob es denn sonst keinen anderen Ort mehr gebe? „Doch“, sagt der heilige Petrus. „Es gibt auch noch das Fegefeuer.“ – „Darf ich das einmal sehen?“ So gehen die beiden hin und Petrus lässt den Mann dort, mit dem Versprechen, bald wieder nach ihm zu sehen. Als er wiederkommt, scheint der Mann immer noch nicht zufrieden. Er fragt Petrus: „Gibt es denn noch etwas anderes?“ Petrus bejaht, macht ein Fenster auf und lässt den Mann hinausschauen. Und was sieht er da? Eine wunderschöne Landschaft am Meer, Leute, die feiern, tanzen und lachen, Musik, mit Köstlichkeiten überladene Tische, wunderschöne Frauen in leichten Kleidern... „Ja, ja genau, das ist es. Kann ich hier bleiben?“ – „Wenn du willst!“, sagte Petrus und öffnet dem Mann die Tür. Als er nach einiger Zeit wiederkommt, um sich nach dem Mann zu erkundigen, ist dieser ganz aufgebracht: „Das ist gar nicht der Ort, den du mir gezeigt hast. Alle Leute sehen häss­lich und krank aus. Sie schimpfen, fluchen und quälen sich gegenseitig, sie stinken und alles ist schmutzig!“ Petrus antwortet: „Doch, das ist schon der Ort, den ich dir gezeigt habe, es ist die Hölle. Aber was du gesehen hast, war die Werbeabteilung“.
Halten nicht auch wir die Werbeabteilung des Teufels oft für die Wirklichkeit und schlagen dafür den Himmel aus?
 
Halbherzigkeit im christlichen Leben zeugt davon, dass ich zwar Gott sage, mich aber auf eigene Sicherheiten verlasse. Das Leben mit Gott lässt sich nur als Ganzes bekommen. Wir spüren die Sehnsucht nach Ganzheit in uns. Doch gleichzeitig halten wir ängstlich an uns und unseren Möglichkeiten fest. Die Angst, ­etwas zu verlieren oder zu kurz zu kommen, scheint eines der größten Hindernisse dafür zu sein, dass wir alles auf eine Karte zu setzen.
Doch kein Mensch wird ein froher und freier Mensch, der auf dem Sprung bleibt. Der Wille, für Gott alles zu geben, ist für die geistliche Reifung ­unabdinglich.

Notwendige Herzerweiterung, damit Gottes Liebe Raum gewinnt

Damit die Liebe Gottes in uns mehr Raum gewinnt, braucht es ein weites Herz. Unser Glaube ist erfahrungsgemäß nicht reifer als unsere Persönlichkeit. Der Glaube baut immer auf den natürlichen Grundlagen unseres Lebens auf. Wo wir menschlich unreif sind, zeigt sich das in der Regel auch in unseren praktischen Glaubensäußerungen, z. B. in Form von einem ungesunden Sicherheitsbedürfnis, das Engherzigkeit zur Folge hat.
In einer schweren Erkrankung vor einigen Jahren erfuhr ich auf einzigartige Weise die heilende Nähe Gottes. Völlig unerwartet kam ich dabei wieder in Berührung mit den Glaubenswurzeln meiner Kindheit und Jugendzeit. Damit begann eine intensive Auseinandersetzung mit meinem Glauben und der Frage nach der Rückkehr zur Konfession meiner Taufe. Diese an sich berechtigte Frage verband sich unmerklich mit meinem tief innewohnenden Schutzbedürfnis. Unbewusst neige ich dazu, auf der sicheren Seite des ­Lebens stehen. Daraus entstanden an dieser Stelle Fragen wie: „Ist der katholische Glaube nicht doch der wahrere? Wer sind denn jetzt die eigentlichen Freunde Gottes? Welche Christen sind Gott am liebsten?“ Nach den eben gemachten geistlichen Erfahrungen ging ich selbstverständlich davon aus, das größere Heil hier zu finden. Unversehens entstand daraus der Wunsch nach einem geistlich einheit­lichen Umfeld. Gelegentlich dachte ich: „Die Liebe zu Gott ist kein Problem für mich, aber ich kann sie gar nicht richtig ausleben, weil meine andersartigen Geschwister in der Gemeinschaft mich daran hindern.“ Das führte dazu, dass ich ihnen gegenüber parteiisch, kritisch, unduldsam und verurteilend wurde. Als ich mich in dieser Frage erstmals meinem geistlichen Begleiter anvertraute, antwortete er lakonisch: „Weißt du, ich denke, Gott bringt es fertig, über alle Christen gut zu denken.“ Diese schlichte Bemerkung eröffnete mir eine neue Sichtweise. ­Offensichtlich hatte ich vergessen, dass Gott mit ­jedem Menschen einen ganz eigenen Weg geht.
 
Die Verabsolutierung eigener Erfahrungen verengt das Herz und macht es hart.
Einen weiteren Anstoß erhielt ich während einer ­Exerzitienzeit. Der Pater dort sagte mir: „Wenn du in der katholischen Kirche einen Weg gefunden hast, Gottes Liebe in einer größeren Tiefe zu erfahren, dann darfst du nicht denken, dass die anderen nicht auf ihre Weise – auf dem Weg ihrer Spiritualität – gleichwertige Erfahrungen machen. Rede nur zeugnishaft und nicht belehrend zu ihnen. Jeder hat das Recht auf eine eigene religiöse Identität.“
Das hat mir sehr geholfen, meine eigenen Vor­stellungen und Wünsche wieder loszulassen. Mein Wunsch nach einem geistlich homogenen Umfeld wollte Gott mir offensichtlich nicht erfüllen. Das hätte vermutlich nur meiner Engherzigkeit Nahrung ­gegeben und Reifung verhindert.
Das Leben in Gemeinschaft ist ein sehr geeignetes Heilmittel gegen die Engherzigkeit. Die bewusste Entscheidung dafür lässt mich auch mit dem Herzen immer besser verstehen, dass die Liebe zu Gott und die Liebe zu meinen Mitmenschen zwei Seiten einer einzigen Medaille sind. Man kann das eine nicht vom anderen trennen. „Der Mensch, der dir jetzt begegnet, ist derjenige, den Gott durch dich lieben möchte“, so sage ich es mir in meinem Alltag immer wieder.
Falsche Einstellungen zum Leben, auch wenn sie ­einen frommen Anschein haben, sind Huldigungen an den Mammon. Sie verursachen eine Versklavung und bewirken Unfreiheit. Überspannung, Stress, ­Unruhe, Eile und Traurigkeit können Zeichen sein, dass ich irgendeiner Gestalt des Mammon diene. Das kostet unnötig Kraft und macht auf Dauer kaputt. Dagegen sind Menschen, die frei von diesen Anhänglichkeiten sind, erfüllt vom Frieden Gottes. Der Friede Gottes baut und festigt die psychische Gesundheit, die sich in der Folge auch auf der körperlichen Seite auswirkt. Auf diese Weise nehmen Geist, Seele und Leib teil an der großen Freiheit des Menschen.

Man besitzt nur das, was man losgelassen hat

Offensichtlich muss Gott unsere Vorstellungen und Pläne immer wieder durchkreuzen, damit wir sehen lernen, was für ein erfülltes Leben mit Gott wertvoll und wichtig ist. Der südamerikanische Priester Don Helder Camara ermutigt dazu, indem er sagt: „Sag ja zu den Überraschungen, die deine Pläne durch­kreuzen, deine Träume zunichte machen, deinem Tag eine ganz andere Richtung geben – ja vielleicht deinem Leben. Sie sind nicht Zufall. Lass dem himmlischen Vater die Freiheit, selber den Verlauf deiner Tage zu bestimmen.“
Ein deutliches Anzeichen von Anhänglichkeit an einen Mammon ist Traurigkeit in Situationen, in denen Gott uns etwas wegnimmt. Er wird nur das weg­nehmen, was mich versklavt; alles, was mein größter Feind ist und bewirkt, dass mein Herz für den Herrn nicht frei ist. Sobald ich diese Sichtweise einnehme und beginne, solche Situationen zu akzeptieren, sie im Vertrauen zu bejahen, wachse ich in eine größere Freiheit hinein.
Vor einigen Jahren wurde meine Beziehung zu ­meiner ältesten Tochter hart auf die Probe gestellt. Wir hatten bis dahin eine besonders innige Beziehung, auf die ich sehr stolz war. Sie bestätigte mich stets darin, ein guter Vater zu sein. Doch eines Tages tat und vertrat sie Dinge, die mich bis ins Mark ­erschütterten. Sie gab mir das Gefühl, dass das, was ich ihr mitgegeben hatte, nicht genug und nicht ­richtig gewesen sei. Sie hielt mir gnadenlos einen Spiegel vor Augen. In diesem Spiegel erkannte ich mich als jemand, der ich unter keinen Umständen sein wollte –  als Versager. Von Anfang an wollte ich ein besonders guter Vater sein. Dafür war mir nichts zu viel und nichts zu schwer. Jetzt hatte ich plötzlich nichts mehr zu sagen. Für mich brach eine Welt ­zusammen. Mein Herz fühlte sich an wie in einem Schraubstock. In einer Gebetszeit vernahm ich die Worte: „Man muss loslassen, was man am meisten liebt.“  Das war für mich ein Hinweis, meine Tochter an Gott freiwillig und im Vertrauen loszulassen. Es dauerte nicht lange, da kam ein erster spürbarer ­Frieden in mein Herz.
Liebe ist, mir selbst und anderen Raum zu geben. So wie es ist, ist es recht. Dieses Annehmen heißt nicht, Unrecht gutzuheißen, sondern entschieden das ­Leben zu bejahen. In einem Gespräch riet mir mein geistlicher Begleiter: „Gib deiner Tochter, was du dir selber von deinem Vater gewünscht hättest. Verhalte dich ihr gegenüber ganz einfach; versuche sie nicht zu irgend­etwas zu überreden, sondern bitte sie um Vergebung für deine versteckten Ansprüche an sie. Zeige ihr, dass du sie liebst, wie sie ist und annimmst. Zeige ihr, dass du keine Forderung mehr an sie hast, nicht einmal die, dass sie dich liebt.“ Die Situation ist bis heute unverändert. Der Schmerz des Getrenntseins ist geblieben. Und dennoch liegt ein Friede darüber. Gott richtete mein Leben auf etwas Neues aus und ich durfte erfahren, dass in mir etwas heil wurde.
 
Die Liebe in Christus lehrt uns, alles loszulassen, was uns versklaven will. Deshalb kämpft Christus so sehr um die Freiheit unseres Herzens. Er kämpft durch verschiedene Geschehnisse, durch Schwierigkeiten und Stürme. In solchen Situationen bekomme ich die Möglichkeit, mein Herz von Anhänglichkeiten an den Mammon zu reinigen. Daher sind alle schwierigen Momente und Stürme für uns Gnade, ein Vorübergehen des barmherzigen Herrn, der uns so sehr liebt, dass er uns ein unermessliches ­Geschenk macht. Unser Herz soll nicht geteilt sein, es soll ein Herz für Ihn sein. Kreise ich nur um mich selbst, schöpfe ich zu keinem anderen Vertrauen als zu mir. Dort aber, wo ich mich klar für die Liebe entscheide, eröffnen sich Perspektiven für mein Leben. Die sich nach uns sehnende Liebe Gottes will aus der Unruhe in die Gelassenheit, aus der Angst in die Freiheit, aus dem Tod ins Leben herausführen.
Das Leben als Ganzes finden wir nur dort, wo wir es wagen, in allen Situationen zu sprechen: „Dein ­Wille geschehe“. Denn es gibt nur eine zuverlässige Wirklichkeit – das ist der Wille Gottes. Mein Leben ist aufgehoben in Seiner gütigen und gnädigen Vorsehung. Alles, was ich zum Leben nötig habe, ist das Vertrauen, dass Gott in allem, trotz allem und durch alles gut ist. Wenn der Mensch nichts mehr hat ­außer diesem Vertrauen auf Gott, ist er zur Reife ­gelangt.

Anmerkungen

1 Piet van Breemen, Was zählt ist Liebe, Herder 1999, S. 13
2 Axel Kühner, Überlebensgeschichten für jeden Tag, 16. Aufl. 2007, Aussaat Verlag, Neukirchen-Vluyn, Seite 239 (gekürzte Fassung)

Von

  • Rudolf M. J. Böhm

    Sozialpädagoge, gehört mit seiner Frau Renate zur OJC-Auspflanzung in Greifswald, wo er u.a. als Seelsorger aktiv ist.

    Alle Artikel von Rudolf M. J. Böhm

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