Die schmerzensreichen Geheimnisse unseres Lebens

von Anthony de Mello

Viele Menschen tragen in ihrem Herzen ­Wunden aus der Vergangenheit, die noch nicht verheilt sind. Vielleicht spüren sie die schwärenden Wunden im Laufe der Zeit nicht mehr. Doch die schädliche Wirkung der unverheilten Wunde bleibt bestehen. Zum Beispiel fühlt sich ein Kind beim Tod der Mutter von Kummer überwältigt. Der Kummer ist vielleicht verdrängt worden und vergessen. Doch er ­beeinflusst weiterhin das Leben jenes Menschen, der nun erwachsen geworden ist. Möglicherweise fällt es ihm schwer, sich mit Menschen anzufreunden, weil er befürchtet, sie zu verlieren; es fällt ihm schwer, die Liebe, die andere ihm anbieten, anzunehmen; er verliert das Interesse am Leben und an den Menschen, weil er emotional noch am Grab der Mutter steht und sie nicht gehen lassen will und von ihr eine Liebe fordert, die sie nicht mehr geben kann. Oder ein Freund hat deine Gefühle tief verletzt. Diese Wunde bewirkt einen Groll, der lange in dir schwelt und die echte Liebe, die du für diesen Freund empfindest, in Mitleidenschaft zieht, so dass die Freundschaft erkaltet. Oder irgendetwas hat dich als Kind sehr erschreckt; es bleiben eine unangenehme Erinnerung und die Neigung zur Furcht und Ängstlichkeit, wenn ähnliche Situationen entstehen. Oder du trägst in dir ein Schuldgefühl, das du nicht loswerden kannst und das keinem sinnvollen Zweck dient. Es ist hilfreich, zu den Ereignissen, die diese negativen Empfindungen in dir hervorgerufen haben, zurückzukehren, damit ihre schädliche Wirkung auf­gehoben werden kann. Kehre zu einem Augenblick zurück, an dem du Schmerz oder Kummer, Beleidigung, Furcht oder Bitterkeit empfunden hast... Erlebe dieses Ereignis wieder neu... Doch versuche diesmal, die Gegenwart des Herrn darin zu entdecken... Auf welche Weise ist er darin gegenwärtig?Oder stelle dir vor, dass der Herr selbst an dem Geschehen teilnimmt. Welche Rolle spielt er?Sprich ihn an. Frage ihn, welche Bedeutung das ganze Geschehen hat. Hör zu, was er dir antwortet. Es ist nützlich, in der Phantasie immer wieder zu diesem Ereignis zurückzukehren, bis du nicht mehr von den negativen Gefühlen, die von ihm hervorgerufen werden, beeinflusst bist, bis du dich mit etwas, das dir Kummer bereitet, abgefunden hast, bis du einem Menschen, der dir Schmerz zugefügt hat, verzeihen kannst, bis du etwas ruhig erleben kannst, was dir bisher Furcht einflößte. Bis es dir möglich ist, das Ereignis in Frieden nachzuerleben, vielleicht sogar mit Gefühlen der Freude und Dankbarkeit. Wenn du diese Ereignisse nacherlebst, wirst du wahrscheinlich zu verstehen beginnen, dass der Herr selbst seine Hand dabei im Spiel hatte. Mög­licherweise wenden sich dann deine Gefühle des Ressentiments, Ärgers oder der Bitterkeit gegen Gott. Dann sollest du diesen Gefühlen ins Gesicht sehen und sie dem Herrn gegenüber ohne Furcht ausdrücken. Der Herr weiß, was in deinem Herzen vor sich geht, und es ist unnütz, etwas zu verbergen. Im Gegenteil, wenn du deine Gefühle ehrlich ausdrückst – selbst wenn du harte und bittere Worte gebrauchen musst –, wird das die Atmosphäre reinigen und dich dem Herrn näher bringen. Es ist wunderbar, dass du dem Herrn so sehr vertrauen kannst. Seine Liebe zu dir ist so unbedingt, dass du ihm auch einmal harte Worte geben kannst! Es ist bemerkenswert, dass Hiob sehr hart gegen den Herrn sprach. Seine Gefährten waren schockiert und schalten ihn, er solle sich selbst die Schuld geben und nicht hart gegen Gott sprechen. Doch als Gott schließlich erschien, entschuldigte er Hiob und gab seiner Unzufriedenheit mit Hiobs wohlmeinenden, doch unaufrichtigen Freunden Ausdruck.  Aus: Meditieren mit Leib und Seele, Butzon und Bercker 1998

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