Befreit vom kindischen Wesen

von Maria Kaißling

Befreit vom kindischen Wesen – der Titel provoziert. Sind wir nicht erwachsen? Behauptet da etwa jemand, wir hätten dennoch ein kindisches Wesen? Aber mal ehrlich: scheinen nicht manche unter uns ihre kindische Art geradezu zu kulti­vieren? Wie die berühmte Schauspielerin, die in einem Interview nach ihrem Verlobten gefragt wird. Sie sagt, sie habe dieses Mal ein so gutes Gefühl bei der Wahl des Ehemanns, das könne gar nicht schief gehen. Das gute Gefühl, entgegnet der Interviewer, habe sie doch sicher auch schon bei den anderen drei Ehemännern gehabt. – „Ja, junger Mann, irren ist doch menschlich!“
Das stimmt, irren ist menschlich.
Aber menschlich ist auch, aus dem Irrtum zu lernen, damit wir dem unausgegorenen Wesen nicht verhaftet bleiben. Das geht natürlich nur, wenn wir auf­hören, an unseren Mustern festzuhalten.
Einer meiner kindischen Wesenszüge, den ich lange Zeit stolz gepflegt habe, war es, mich nicht lang­fristig festzulegen, sondern mir stets möglichst viele Optionen offen zu halten. Ich nannte das Flexibilität, meine Freunde nannten es Unzuverlässigkeit: „Man weiß nie, woran man nun wirklich bei dir ist.“
Die Veranlagung zur Flexibilität hatte sich in mir mit einigen schmerzlichen Kindheitserlebnissen ­vermischt und verfestigte sich zu einer Art Überlebensausrüstung. Meine Strategie lautete: „Wenn ich mich nicht festlege, kann ich eine weitere Ent­täuschung vielleicht vermeiden.“

Vermeidungshaltung verhindert Leben

Kindisches Wesen bei uns Erwachsenen ist im ­Wesentlichen eine Vermeidenshaltung. Ein Schmerz, die Erinnerung an Ohnmacht in unangenehmen oder bedrohlichen Situationen, oftmals ein Ver­lassenwerden oder das Alleingelassenwordensein, das man als kleines Kind nicht hatte verstehen können. Das kann sich mit der Erfahrung von Lieblosigkeit verbinden, aber auch aus dem Erlebnis der unvermeidbaren Trennung von Bezugspersonen kommen, wie beispielsweise bei einem Krankenhaus­aufenthalt. Aus dieser trüben Quelle fließen „Schwüre“ wie „Das wird mir nie mehr passieren! So hilflos werde ich nie wieder sein! Keiner soll mich noch einmal so auslachen, beschämen etc.“
Eine Möglichkeit, diese Schwüre zu halten, ist das Vermeiden. Wir gehen entsprechenden Situationen oder Konfrontationen aus dem Weg, weichen ­klärenden Konfliktgesprächen aus, weil wir fürchten, doch wieder nur reinzufallen, zu verlieren, auf der Strecke zu bleiben.
Im Laufe der Zeit entsteht aus dem Festhalten an solchen Kinderschwüren eine Vermeidenshaltung. Was wir damit aber wirklich vermeiden, sind Beziehungen und damit das „Leben“, denn unter Umständen vermeiden wir sogar, dass wir geliebt werden oder dass wir unserer Liebe zu anderen Ausdruck ver­leihen (können). Da wir aber nun einmal als Beziehungswesen geschaffen sind, verlieren wir, wenn wir die Vermeidungsstrategien beibehalten, unser eigenstes Wesen: unser echtes Sein und unsere Freiheit im Umgang mit anderen. Das ist schlimm für uns selbst und auch für andere.
Mary Pytches schreibt in ihrem Buch „Schritte zur Reife“ über „Das falsche Ich“:
Unsere „Überlebensausrüstungen“ werden so stur beibehalten, wie wir es für nötig erachten. Für manche unglücklichen Kinder ist das Bedürfnis, starke, undurchdringliche Bollwerke um sich herum zu ­errichten, eine Frage von Leben und Tod. Das gilt speziell für Kinder, die ein hohes Maß an Be­schämung erlitten haben. Solche Kinder glauben, widerlich, ein Versehen, auf jeden Fall aber unannehmbar zu sein. Die Folge ist, dass sie unbewusst eine komplexe Struktur um sich her errichten, um das jetzt auf Scham beruhende innere Selbst zu ver­stecken. „Beschämung ist eine Art Seelenmord... Scham ist totale Selbstablehnung.“ Sie ist deutlich von Schuld zu unterscheiden. ‚Schuld sagt: Ich habe etwas falsch gemacht; Scham sagt: Mit mir ist was falsch. Schuld sagt: Was ich getan habe, ist nicht gut; Scham sagt: Ich bin nicht gut.’
Keiner kann mit solchen Empfindungen des Ekels vor seinem wahren Selbst leben. Um zu überleben, schafft er sich ein Gespinst von Illusionen, damit niemand die Wahrheit ahnt. Das falsche Selbst hat keine Ähnlichkeit mit dem schamvollen inneren Selbst. Es wirkt nach außen wahrscheinlich fähig, kompetent und optimistisch, aber die Wahrheit darf niemand erfahren. Die Wahrheit kann der betreffenden Person sogar völlig aus dem Blick geraten, bis sie vielleicht indirekt durch einen Zufall oder durch die Offenbarung von Gott aufgedeckt wird.
 
Ich habe es bei der Gebetsseelsorge oft erlebt, dass Menschen mit einem beschämten inneren Ich erst zurückweichen und sich dann richtiggehend in sich verkrümmen, wenn Gott ihnen diesen beschämten Teil zeigt. Das ist ein schlimmer Anblick. Ein Mensch, der ein falsches Ich um das wahre Ich herum aufgebaut hat, kann nur dann geistlich reifen, wenn das falsche Ich abgelegt wird. David Benner nennt das falsche Ich „eine neurotische Verkrustung um den Geist herum.“ Das falsche Ich ist ein Art, „sich vor den tiefsten Aspekten unseres Seins zu schützen...“ Dieses falsche Selbst blockiert unser Wachstum und muss als das betrachtet werden, was es ist, eine ­Abwehr gegen die tiefere Erfahrung unseres wahren Selbst und unseres wahren Lebens.

Authentizität bedeutet Wachstum

Wer nicht bereit ist, sich entschieden von seinem kindischen Wesen zu trennen, sich befreien zu ­lassen und stattdessen in sein eigenes, echtes ­„authentisches“, reifendes Wesen hineinzuwachsen, verdirbt, wenn nicht sein Leben, so doch seinen Charakter und in jedem Fall sein Verhältnis zu ­seinen Mitmenschen.
Eine Form des Selbstschutzes und der Vermeidungshaltung ist die Weigerung zu vergeben. Zorn und Bitterkeit schützen uns vor der Tiefe des Schmerzes, wir wollen uns durch die Vergebung keinen weiteren Verletzungen ausliefern. Verletzungen aus der Vergangenheit kleben zäh an uns, jede Erinnerung an sie entfacht den Schmerz neu.
Ein tragisches Beispiel: der hochbetagte Feldmarshall Bernard Montgomery, geehrt mit den höchsten ­Orden und Auszeichnungen des britischen Empire, sitzt im hohen Alter stunden-, ja tagelang allein in seinem parkähnlichen Garten. Eines Tages fragt ihn sein Hausarzt: „General, wenn Sie hier so sitzen, dann lassen Sie sicher in Gedanken alle siegreichen Schlachten vorüberziehen und erinnern sich an Begegnungen mit den tapfersten Ihrer Offiziere. Erleben Sie manchen Sieg noch einmal voller Stolz nach und freuen sich an ihm?“ „Nein“, antwortet Montgomery, „ich denke ununterbrochen daran, wie sehr ich meine Mutter hasse und verabscheue. Und daran, wie sie mich als Kind gequält hat.“
Andere, nicht minder tragische Beispiele begegnen uns oft im Bekanntenkreis, wenn es heißt: „Um meiner Mutter zu vergeben, dass sie mich so getriezt hat, ­müsste ich mein ganzes Leben umkrempeln und meinen Hass loslassen, müsste  aufhören mit meinem aggressiven Gemeckere über alles und jeden. Dann muss ich auch Schluss machen mit meiner ­Alkoholsucht… Wenn ich den Hass auf meine ­Mutter los­lasse, wer bin ich dann noch?“

Umkehr geschieht im Doppelschritt

Bei Paulus (1. Kor 13, 11) lesen wir: „Als ich ein kleines Kind war, redete, fühlte und dachte ich wie ein Kind. Jetzt, wo ich ein Mann bin, haben meine kindische Redeweise, meine kindgemäße Gefühlswelt und meine damalige begrenzte Denkweise keine weitere Bedeutung für mich.“1 Mit diesem Vers ­erinnert er uns daran, was Wachsen und Reifen als Kind Gottes bedeutet: sich zu lösen von kind(ver)hafteten Einstellungen. Ein Ende zu machen mit den unreifen und einseitigen Ansichten und Haltungen und stattdessen sich nach dem Menschsein auszustrecken, das Gott sich für uns gedacht hat.
Diese Veränderung, Umkehr und Befreiung erfolgt immer in einem Doppelschritt: das Alte wird wie ein Kleid abgelegt, das neue angezogen! (Siehe z. B. Eph. 4.) Als Frage formuliert: Was will ich hassen und lassen? – Was will ich lieben und üben?
 
Was heißt aber „geistlich reifen“?
Wie erfolgt das Ablegen von Vermeidungsstrategien, von unreifen, aber bindenden und zerstörenden Vorstellungen, von lebenseinengenden Haltungen?
Was meint Paulus, wenn er schreibt, „das Kindische ­beenden und zum Mann (oder zur Frau) reifen“? Um das herauszufinden, müssen wir uns den Textzusammenhang anschauen: 1. Kor 13, dort steht das hohe Lied auf die Liebe, von der es heißt, sie ende ­niemals, sie hoffe und trage alles – die Liebe, die ­sogar kostbarer und höher ist als der Glaube, der Wunder bewirkt und Berge versetzt!
Paulus bezieht sich also auf die Liebe – zuerst die Liebe Gottes zu uns – als das Umfeld, in dem sich die neue Haltung einüben lässt. Wer die unfertige, eingeschränkte und zunehmend einengende Welt des Kindes hinter sich lassen will, wird sich auf den kostbaren Weg der Liebe begeben. „Köstlich“ ist er, weil auf ihm die Schmerzen, Missbräuche und Fehldeutungen der Kinderzeit entmachtet, alte Lebensvermeidungs­haltungen abgelegt und neue Wege in den Beziehungen beschritten werden.

Jesus ruft und führt in die Reife

Am Anfang dieses Weges steht Jesus, die fleischgewordene Liebe Gottes zu jedem einzelnen von uns. Er liebt uns wie wir sind! Jesus, die menschgewordene Liebe Gottes, die nie aufhört, nimmt uns mit auf seinen Weg. Er erzieht uns und lässt uns unter seiner Obhut reifen. Bei Johannes vom Kreuz (1542-1591) ist zu lesen: „Wenn sich ein Mensch mit Entschiedenheit dem Leben mit Gott zuwendet, pflegt Gott ihn zumeist geistlich zu umsorgen wie eine liebende Mutter ihr neugeborenes Kind: Sie wärmt es an ihrer Brust, nährt es mit ihrer süßen Milch, trägt es auf den Armen und herzt es. In dem Maße aber, wie es heranwächst, entzieht ihm die Mutter solcher Art Zärtlichkeiten, sie bestreicht die bisher süße Brust mit Bitterem, lässt es von den Armen herab, damit es auf eigenen Füßen stehen lerne, die Art des Säuglings ablege und sich dem Wesentlicheren zuwende. Nicht anders verhält sich die Gnade Gottes, diese liebende Mutter, sobald ein Mensch zu neuem Eifer im Dienst Gottes wiedergeboren wird...“2
 
So sehr Gott für den „Anfänger geistlichen Lebens“ alles bereitstellt, wie eine Mutter für ihr kleines Kind, so sehr achtet er auch auf den Zeitpunkt, an dem er uns auf die eigenen Füße stellt. Auch wenn dies dem Kind keineswegs immer angenehm ist, so ist es dennoch richtig laufen zu lernen, mit eigenen Schritten den Lebens-und Glaubensweg unter die Füße zu nehmen. Gott entlässt uns in den Raum des Wachsens und Reifens. Und dann scheint er sich zu­nehmend zurückzuziehen, zu entfernen.
Wozu ist das notwendig?
Weil unser Leben sonst nicht fruchtbar wird; weil sonst weder die Gaben noch die Kraft, die er uns mitgegeben hat, zur Anwendung kommen müssen. Weil sonst Zuversicht, Glauben und Liebe nicht wachsen. Er will uns nicht als „ewige Knuddel­babys“. Gott sucht in uns seine „ Mitbürger und Hausgenossen“ (Eph 2,19), Freunde und Teilhaber seines Lebens und die, die seinen Segen mitten in dieser Welt voller Ungereimtheiten weitergeben.

Wir werden Jesus ähnlicher

Zielhorizont unseres Lebens ist es, Jesus ähnlich zu werden, seinem Wesen, seiner Gesinnung. „Der göttlichen Natur sollen wie teilhaftig werden“ (2 Petr 1, 4). Der Weg zu diesem Ziel, zur  Vollendung des Menschen im sich vollendenden Reich Gottes, ­besteht aus den alltäglichen Schritten der Liebe. Sie sind nicht vergeblich, denn sie haben eine Verheißung: „Wir wissen, dass wir ihm ähnlich sein werden“ (1. Joh 3,21).
Liebe ist etwas ganz praktisches, sie heißt oft nichts anderes als in Beziehung zu treten und auf Zuwendung zu antworten, sich einzulassen auf das jeweilige Gegenüber, sich vergeben zu lassen und selbst zu vergeben, loszulassen und sich neu einzulassen. Das alles führt aus der Selbstbezogenheit heraus in die Beziehung hinein.
 
Jesus steht aber nicht nur am Ziel, sondern, wie gesagt, am Anfang dieses Weges – und er geht ihn mit!
Kaum etwas befreit den Menschen so sicher von dem Verkrümmtsein in sich selbst und in seine „Schwüre“ wie das aufrichtige Anschauen seiner Wunden und der Ungereimtheiten des Lebens in der Gegenwart Jesu Christi. Ihm können wir unser Leben erzählen, er hört zu. Mit ihm zusammen schauen wir an, was uns zu der alten Vermeidungshaltung bringt. Von ihm empfangen wir Heilung, Vergebung, eine reifende Sicht auf vergangene Geschehnisse und auf unsere gegenwärtigen Beziehungen. So reift auch unsere Liebesfähigkeit. (Eine gute Hilfe bietet dazu eine „Übung“ von Anthony de Mello. Sie finden sie im Anschluss an diesen Beitrag.)
 
Warum macht Gott sich diese Mühe mit uns, wie die liebende Mutter mit dem heranwachsenden Kind? Warum scheut Jesus nicht die Mühsal der Weggemeinschaft mit uns? Warum?
Unser Herz soll sich freuen, unser Leben soll Frucht bringen, bleibende Frucht – wir dürfen und können ein Segen für andere sein!

Anmerkungen

1 Übertragung nach David A. Seamands, Befreit vom kindischen Wesen
2 aus: Die Dunkle Nacht I 1, 2

Von

  • Maria Kaißling

    Religionspädagogin. Sie lebt in der OJC-Auspflanzung in Greifswald und ist vorwiegend als Seelsorgerin tätig.

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