Krebs mit 35

Ich fand einen gnädigen Gott

von Friederike Klenk

Ich war 35 Jahre alt, unsere Kinder 13 und 15. Wir hatten uns vor einem Jahr entschlossen, die fünfjährige Tochter einer Freundin in unsere Familie aufzunehmen. Sie war unser drittes Kind. Jeder Tag war ausgefüllt. Wir lebten im Herzen der Großfamiliengemeinschaft und versuchten die Balance zu halten zwischen den Anforderungen und Bedürfnissen unserer Kleinfamilie und der Aufgabenfülle der Großfamilie. Mein Mann war seit fünf Jahren voll damit beschäftigt, ein altes Schloss aus dem 17. Jahrhundert zu einer Tagungsstätte umzubauen. Dabei war er nicht nur als Architekt tätig. Hauptsächlich war er auf der Baustelle unterwegs und leitete die jungen Männer und Frauen unseres Jahresteams praktisch an, förderte ihre Gaben und ihr Durchhaltevermögen und lebte mit ihnen das ora et labora, bete und arbeite.

Diagnose Krebs

Da entdeckte ich einen Knoten in der Brust. Ich wurde operiert und bekam vom Arzt die Diagnose Krebs mitgeteilt.
Zuerst war es ein Schock für mich, für unsere Familie und für die Freunde. Ich war noch so jung! Ich wurde umsorgt, umbetet und getragen. Äußerlich ging es mir nach der Operation schon bald wieder gut. Irgendwann in dieser Zeit ging mir auf, dass nicht die Diagnose mein Problem war, sondern die Entdeckung, dass ich irgendwo in meinem Inneren froh über die Krankheit war. Das erschien mir absurd. Ich kannte mich mit mir selbst nicht mehr aus. Ich beobachtete die anderen in ihren Bemühungen, mir Mut zu machen, und dachte dabei: „Ich fürchte mich ja gar nicht vor dem Tod – viel eher fürchte ich mich vor dem Leben“. Ich sehnte mich nach Ruhe, nach Atemholen und genoss es, das mein Mann jeden Tag nur für mich da war. Als er dann wieder jeden Morgen zur Arbeit musste, reagierte ich tief enttäuscht. Gleichzeitig argumentierte ich mit mir selbst: Wir wollen doch nicht für uns selber leben… uns geht es doch um das Reich Gottes… alles andere ist selbstsüchtig – oder?
Diese Gedanken und Gefühle stürzten mich in riesige Schuldgefühle. Ich wünschte mir etwas, was mir gleichzeitig nicht „richtig“ erschien. Ich wünschte mir Aufmerksamkeit, Zuwendung, Spaß und einfach mal nichts tun zu müssen. Krank zu sein schien mir ein verlockendes Angebot, ohne Schuldgefühle Pflichten abwerfen zu können, die mir zu schwer geworden waren.
Der Boden unter meinen Füßen wankte und ich spürte eine tiefe innere Erschöpfung. Mein Glaube war mir irgendwie abhanden gekommen. Ich spürte nichts mehr von Gottes Nähe, von seiner Hilfe und von seinem Beistand, sondern stellte mir bohrende Fragen: Warum bin ich krank geworden? Habe ich etwas falsch gemacht? Hatten wir etwas übersehen? Dazu kam das Gefühl, dass Gott mich vergessen hat. Er, der alle Geschicke der Welt in seinen Händen hält, kann sich ja nicht um jeden Kleinkram kümmern. Da verlange ich kleines Menschenkind zuviel. Der Gott da oben ist nicht zuverlässig. Du musst dich schon selbst um alles kümmern. In mir wuchsen Dunkelheit, Zweifel und Zorn.
 
Monatelang legte ich meine Aufgaben nieder und beschränkte mich darauf, für meine Kinder da zu sein. Ich wusste nicht mehr, ob die Geschichte Gottes mit uns überhaupt eine Fortsetzung haben würde und ob ich in dieser Gemeinschaft weiterleben konnte und wollte.
Es war nicht nur für mich eine schwere Zeit. Auch für meinen Mann war irgendwie alles anders und schwieriger geworden. Er erlebte mich unglücklich, unzufrieden und explosiv, etwas was er an mir schon lange nicht mehr kannte. Auch ihn quälte die Frage: Wer oder was ist schuld, dass es mir so schlecht ging? War er schuld?

Ich begegne mir selbst

Das erste, was mir damals half, war eine Kur. Eine Auszeit, in der ich mich einmal völlig auf mich konzentrieren durfte und Lebensbereiche wiederentdecken, die ich ziemlich vernachlässigt hatte: meinen Körper, Tanzen, gesund essen und viel Aufmerksamkeit… All das brachte mich in Berührung mit mir selbst. Ich entdeckte, dass es Dinge gab, nach denen ich mich sehnte, ohne es selbst gemerkt zu haben. Da waren aber auch Empfindlichkeiten und Verletzungen, die ich mir eingestehen musste, ohne mich gleich wieder dafür zu verurteilen und schlecht zu machen. Oft schämte ich mich, dass ich so mit mir und meinem Innern beschäftigt war, während das äußere Tempo unserer Gemeinschaft immer schneller rollte.

... meinem Zorn und Schmerz

Die Auseinandersetzung mit meinem inneren Zorn war ein anderer wichtiger Teil meiner Gesundung. Woher all der Zorn kam, wusste ich nicht. Ich spürte nur, dass er sich gegen Autoritäten und gegen Männer richtete. Gegen meinen Mann, gegen Leiter und sogar gegen Gott.
Es brauchte Zeit, bis ich mit einer Kindheitsgeschichte in Berührung kam, in der dieser Zorn entstanden war. Eine Situation, die ich längst vergessen, die aber ungewollt und unbewusst mein Leben, Denken und mein Gottesbild mitgeprägt hatte. Ich merkte, dass ich die Stimme des Liebhaber-Gottes verloren hatte und sie doch so gerne wiederfinden wollte. Tief in mir hatte sich ein Bild geformt, dass ich in Wahrheit „schrecklich“, „unmöglich“ und „schlecht“ sei. So sah ich mich und so erlebte ich mich auch angesehen.
Während einer Urlaubswoche mit meinem Mann steigerte sich mein Zorn und meine Verzweiflung so, dass ich nur noch darüber nachdachte, mir das Leben zu nehmen. Ich hatte mir so gewünscht, dass wir uns wieder einmal nahekommen könnten, aber mein Mann hatte sich eingeigelt und in sich selbst zurückgezogen. Ich fühlte mich unglaublich alleine. In mir brannte ein Schmerz der Verlassenheit, wie ich ihn noch nie gefühlt hatte. Mitten in Schmerz und Zorn dachte ich: Jetzt kann ich nur noch schreien oder beten. Da fing ich an zu beten: „Jesus, hilf mir. Wenn du mir nicht sagst, was ich tun soll, dann bringe ich mich um.“  Unerwartet sah ich vor meinem inneren Auge ein Bild. Ich wusste, ich hatte dieses Bild schon einmal irgendwo gesehen. Ich sah Jesus mit gebundenen Händen, alleine und verlassen dastehen. Keiner war bei ihm. Und ich hörte leise seine Frage an mich: Willst du bei mir bleiben? Willst du bei mir in meinem Leiden bleiben? Augenblicklich wusste ich, dass es genau das war, was ich um keinen Preis wollte. Ich wollte nicht leiden. Ich wollte diesen Schmerz nicht aushalten müssen. Aber Jesus hatte die Einsamkeit ausgehalten. In dem Maß, ich dem ich meine Augen weg von mir selbst und auf ihn richtete, geschah etwas in mir. Er verstand mich. Er hielt mit mir aus, ich mit ihm. Mit der Zeit verlor der Schmerz seine Macht und seinen Schrecken.

... und einem liebenden Herz

Ich begann Gottes Nähe auf neue Weise zu suchen. Es begann mit neuen Liedern, die mich anrührten. Lieder, die die Zartheit und Größe Gottes besangen und Raum schafften für mein leeres, schmerzendes und suchendes Herz. Oft stieß ich dabei auf Unverständnis in meiner engsten Umgebung, sprachen diese „gefühligen“ Lieder doch weder von Kampfgeist noch von Buße. Aber sie sprachen mein Herz an. Darüber hinaus half es mir, für mich beten zu lassen. Anfangs traute ich mich kaum, darum zu bitten. Es war neu für mich, mit meiner Leere und meiner Sehnsucht zu Gott zu kommen und einmal nicht mit Bitten oder Fürbitten. In solchen Gebeten riss der Vorhang meiner Dunkelheit immer ein wenig weiter auf. Ich spürte, alles durfte sein, wie es eben war. Alles in mir durfte wahr sein. In solchen Augenblicken erlebte ich mich nicht verurteilt oder abgewertet.
 
Eine besonders tiefe Erfahrung machte ich in einem kleinen Berliner Kloster. Während wir täglich das Unser Vater meditierten, entdeckte ich, dass Gott für mich wie in zwei Teile geteilt war. Da war einerseits der liebende Gott mit all seiner Vergebung und Güte, aber daneben war da auch sein strafender, ablehnender und vernichtender Blick über mir, den ich oft spürte. Und ich war mir unsicher, welche Seite recht hatte und welcher ich vertrauen konnte.
In der Kirche des Klosters war die berühmte Dreifaltigkeitsikone von Rubeljew mit einfachen Pinselstrichen an die Wand hinter dem Altar gemalt. Die Gestalten waren riesengroß und füllten die ganze Wand. Eines Tages stand ich ganz alleine diesem übergroßen Bild gegenüber und in meiner Perspektive verwandelte sich der Altar davor zum kleinen Hocker vor den drei großen Gestalten und ich durfte mich auf diesen Hocker in ihre Runde setzen. Plötzlich war ich wieder sechs Jahre alt und es wurde für mich zur wichtigsten Frage: Wie sehen sie mich, die drei göttlichen Personen? Wie schauen sie mich an?
Da war mir, als ob eine der Gestalten mir direkt in die Augen schaute. Und ich sah in diesen Augen ein Entzücken und eine Freude über mich, die mich tief berührten und ich hörte ganz deutlich, wie sie mich mit „Geliebte“ ansprachen.
Mit dieser Erfahrung und einem wichtigen nachfolgenden Gespräch löste sich das Bild, das sich in Kindertagen eingebrannt hatte, auf. Meine Angst verblasste und ich sah Gottes wahres Angesicht immer deutlicher. Da war kein Stirnrunzeln mehr und keine Kritik. Ich sah ein liebendes Herz, das für mich und alle Menschen in dieser Welt schlug. Seine Augen sahen immer zuerst das geliebte Geschöpf in mir und nicht irgendwelche Mängel. Bei ihm war Freiheit, ganz ich selbst zu sein: schusselig und behutsam, laut und leise, Fehler machend und inspiriert, tätig und Pause genießend. Alles war eingeschlossen, was mich ausmachte – für nichts brauchte ich mich mehr zu schämen.

Von

  • Friederike Klenk

    gehört mit ihrem Mann Hermann seit 1972 zur OJC-Gemeinschaft. Im Priorat der Kommunität. Sie ist Seelsorgerin, Mentorin für Assoziierte und gefragte Referentin

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