Hauptsache gesund oder Hauptsache heil?

Was sagt uns die Bibel über Gesundheit und Krankheit

von Dr. Anja Martschewski

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag und vor allem Gesundheit.“ –  „Hauptsache, ihr bleibt lange gesund.“ Wer kennt sie nicht, diese Wünsche zum Geburtstag oder zu sonstigen Festen. Was meinen wir damit? Ist körperliche Gesundheit das höchste Gut unseres Lebens?
Was meinen wir, wenn wir von Gesundheit reden? Die WHO hat 1946 als Gesundheit definiert: „Ein Zustand des umfassenden körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht lediglich das Freisein von Krankheit und Schwäche.“ Also doch allerhöchstes, erstrebenswertes, aber wohl nie erreichbares Ziel?

Was sagt die Bibel dazu?

Im Alten Testament bedeutet der hebräische Ausdruck, der mit Krankheit wiedergegeben wird, ganz allgemein die Abwesenheit der vollen Lebenskraft. Hier wird der Begriff der Krankheit viel weiter gesehen, als das in der heutigen Zeit der Fall ist. So kann ein Mensch körperlich kerngesund sein, doch fehlt ihm aufgrund einer seelischen Schwäche, eines Erschöpfungszustandes, einer Entmutigung das, was die Bibel volle Lebenskraft nennt.
Lothar Zenetti trifft die Sache genau, wenn er sagt: „Ich traf einen jungen Mann, kerngesund, modisch gekleidet, Sportwagen, und fragte, wie er sich fühle: ‚Was für eine Frage!’, sagte er, ‚beschissen!’. Ich fragte ein wenig verlegen eine schwerbehinderte Frau in einem Rollstuhl, wie es ihr gehe: ‚Gut‘, sagte sie, ‚es geht mir gut.’ Da sieht man wieder, dachte ich bei mir, immer hat man mit den falschen Leuten Mitleid.“
Wir wollen uns den Umgang Jesu mit Heil und Heilung ansehen, in dem Jesu mit Heil und Heilung deutlich geschildert wird - die Heilung am Teich Betesda.
Bald darauf ging Jesus hinauf nach Jerusalem. Am Schaftor in Jerusalem befindet sich ein Teich mit fünf offenen Hallen. Auf hebräisch wird er Betesda genannt. Eine große Anzahl von Kranken lag ständig in den Hallen: Blinde, Gelähmte und Menschen mit erstorbenen Gliedern. Unter ihnen war auch ein Mann, der seit achtunddreißig Jahren krank war. Jesus sah ihn dort liegen. Er erkannte, dass der Mann schon lange unter seiner Krankheit litt, und fragte ihn: „Willst du gesund werden?“
Der Kranke antwortete: „Herr, ich habe keinen, der mir in den Teich hilft, wenn das Wasser sich bewegt. Wenn ich es allein versuche, ist immer schon jemand vor mir da.“ Jesus sagte zu ihm: „Steh auf, nimm deine Matte und geh hin!“ Im selben Augenblick wurde der Mann gesund. Er nahm seine Matte und ging hin.
Danach fand ihn Jesus im Tempel und sprach zu ihm: „Siehe, du bist gesund geworden; sündige hinfort nicht mehr, dass dir nicht etwas Schlimmeres widerfahre.“ (Johannes 5, 1-9,14)

Jesus macht gesund (V 1-9)

Wir erhalten hier Einblick in ein orientalisches Krankenhaus vor 2000 Jahren. Es liegt am damaligen Stadtrand von Jerusalem, in der Nähe des Schaftores. Der Teich wurde von mehreren Säulenhallen umgeben, in denen viele Kranke lagen. Sie alle warteten darauf, gesund zu werden. Spätere Handschriften hatten dem Text hinzugefügt, dass sich „von Zeit zu Zeit das Wasser bewegte“. Es hieß, dass ein Engel Gottes kam und dem Wasser in dem Moment eine heilende Wirkung verlieh. Egal, welche Krankheit ein Mensch hatte, wenn er als erster ins Wasser kam, dann wurde er gesund. Allerdings wusste keiner, wann diese heilende Bewegung stattfand. Das konnte alle paar Stunden, Tage, Wochen oder gar Monate geschehen.
Mich erinnerte dieses Warten an eine Situation in London in der Waterloo-Station. Alle Leute, die dort mit dem Zug abfahren wollten, standen vor einer riesigen Tafel mit einer Unmenge Abfahrtszeiten. Der Bahnsteig wurde aber erst angezeigt, wenn der Zug in den Bahnhof einfuhr. Dann stürmten die Leute los zu einem schmalen Eingang, an dem sich alles staute. Jeder wollte zuerst im Zug sein.
Auch am Teich Betesda muss es solch einen Ansturm gegeben haben. Jedenfalls in den Augenblicken, in denen sich plötzlich das Wasser bewegte. Wer dazu in der Lage war, rannte los. Aber was war mit denen, die nicht loslaufen konnten, die gelähmt oder blind waren? In unserem Text heißt es, dass „viele Kranke, Blinde, Gelähmte, Gebrechliche“ in den Hallen lagen.
In dieses Elend kamen Jesus und seine Jünger. In geballter Ladung begegnete ihnen die stumme Anklage: Wo ist nun der gnädige Gott? Warum hilft er nicht? Wie kann er das zulassen?
Meine Patienten fragen meistens anders, aber sie meinen dasselbe: „Warum muss es mich treffen? Ich habe nie geraucht und immer ein solides Leben geführt. Und jetzt habe ich Krebs“. – „Keiner in meiner Familie ist zuckerkrank, warum krieg ich das jetzt?“ Und im gleichen Atemzug fordern sie unüberhörbar, dass ich etwas tun soll, damit sie schnell wieder gesund werden.
Von den vielen, die am Teich Betesda liegen, wird uns ein Mann vor Augen gestellt. Vermutlich war er gelähmt oder gehbehindert. Vielleicht hatte er starke Schmerzen, so dass er nicht laufen konnte. Oder er konnte nicht sehen, so dass er jedes Mal den Augenblick verpasste, wenn sich das Wasser bewegte.
Auf jeden Fall lag er sehr lange dort, schon 38 Jahre, war chronisch krank. Das bedeutet, ein Zustand entwickelt sich schleichend, langsam und ist von langer Dauer. Solche Krankheiten nehmen mit fortschreitendem Alter zu. Bluthochdruck, Herzerkrankungen, Diabetes mellitus, rheumatische Erkrankungen, Darmentzündungen sind Erkrankungsbilder in der Inneren Medizin. Sie sind meistens nicht heilbar, sie lassen sich nur lindern. Eine genaue Ursache lässt sich in vielen Fällen nicht finden. Wir Menschen neigen dazu, vom Arztbesuch schnelle Heilung zu erwarten. Ich versuche im Gespräch mit Patienten die Aufmerksamkeit darauf zu lenken, dass es keine schnellen Lösungen gibt.

... und wenn nicht?

Chronische Krankheiten verändern oft die Lebensverhältnisse und erfordern die Umstellung von Verhaltensweisen. Es muss umgedacht, die Erkrankung ins Leben einbezogen werden. Das Leben geht jetzt mit der Krankheit weiter. Für den einen bedeutet das ein ständiges Hadern mit seinem Schicksal, das meist in der Verbitterung endet. Ein anderer setzt sich mit der Erkrankung auseinander, kann sie annehmen und trotzdem glücklich und befreit weiterleben.
So zum Beispiel ein Patient, bei dem Diabetes mellitus diagnostiziert wurde. Er war zum ersten Mal überhaupt im Krankenhaus und fragte: „Warum habe ich das bekommen? Wie geht es wieder weg? Wenn ich aus dem Krankenhaus nach Hause komme, bin ich dann gesund?“ So fragte er die ersten Tage immer wieder. Als ich ihm dann sagte, dass wir den Zucker zwar einstellen, d.h. ihm Medikamente geben, die Komplikationen vermeiden, aber keine vollständige Heilung erreichen können, konnte er das nicht hören. Es vergingen zwei Wochen. Während der Zeit nahm er an einem Schulungskurs für Diabetiker teil, wir erklärten ihm die Insulineinstellung, ich gab ihm ein Buch zum Lesen, und in den täglichen Visiten besprachen wir die Fragen. Beim Abschlussgespräch fragte ich ihn, wie er denn jetzt zur Krankheit stehe, wie er damit in Zukunft umgehen will. Er sagte: „Ich muss damit leben und meinen Alltag dementsprechend gestalten.“ Da war kein Wort der Anklage oder Anfrage mehr. Er konnte die Erkrankung als einen Teil von sich annehmen und wollte versuchen, damit zu leben.
Ähnlich erlebte ich es bei einer Frau, der ein Unterschenkel amputiert werden musste. Als ich ihr diese Tatsache offenbarte, lag sie völlig verzweifelt im Bett: „Wie soll mein Leben denn jetzt weitergehen?“ Sie sah nur Dunkelheit. Ich konnte ihr in dem Moment nur die Hand halten und sagen, dass es weitergehen wird. Mir schien das ein billiger Trost, zumal ich ihre Lebensumstände nur bruchstückhaft kannte. Nach der Operation sagte sie in der Visite: „Heute sind die Ohren wieder dran“, was in ihrem Fall soviel hieß wie: „Ich habe wieder Mut.“ Schon bald überlegte sie, was im Haus und Garten alles verändert werden müsse, um einigermaßen zurechtzukommen. Sie wollte mit der Einschränkung ihr Leben weiterleben.

Jesus sieht die Menschen

Wie aber geht es unserem Patienten im Text? Es heißt, dass er an seiner Krankheit litt. Er konnte dem nichts Gutes abgewinnen, er konnte sich nicht mit seinem Leiden arrangieren. Und das 38 Jahre lang. Seine Hoffnung auf Heilung wurde bei jeder Wasserbewegung neu entfacht und durch jeden, der schneller war als er, wieder im Keim erstickt. Seine Resignation und Verzweiflung waren offensichtlich.
„Jesus sah ihn dort liegen.“ Endlich wird er wahrgenommen. Hat er noch damit gerechnet? Wer hat ihn wohl die ganzen Jahre versorgt? Jesus bleibt stehen und redet mit ihm. „Willst du gesund werden?“
Was für eine Frage angesichts solchen Elends. Was denn sonst, was gibt es da noch zu fragen, möchte man als Beobachter sagen. Darauf hat der Mann doch 38 Jahre gewartet! Aber Jesus macht nicht einfach nur gesund. Er sieht den ganzen Menschen. Er möchte eine Beziehung zu ihm und sein Einverständnis. Jesus überfällt niemanden, er bietet vielmehr seine Hilfe an.
Aus dieser Frage könnte man schlussfolgern, dass es auch Menschen gibt, die nicht gesund werden wollen, die sich in ihrer Krankheit eingerichtet haben. Es kann auch schön sein, umsorgt zu werden. Gerade ältere Menschen erleben in Krankheiten die Fürsorge ihrer Kinder, Nachbarn oder Freunde. Wären sie gesund, dann käme vielleicht keiner mehr. Hin und wieder erlebe ich Menschen, die regelrecht enttäuscht sind, wenn ich ihnen mitteile, dass sie gesund sind. Die Untersuchungen haben keinen krankhaften Befund ergeben. Nun dürfen sie nicht krank sein. Sie müssen wieder Verantwortung übernehmen.
Gesundwerden bedeutet Veränderung. Nichts bleibt wie es vorher war. Das heißt, wir können nicht mehr zuerst Hilfe von anderen erwarten, sondern müssen wieder selbst für uns sorgen.
Die Antwort des Kranken am Teich von Betesda ist genauso unerwartet wie die Frage von Jesus: „Ich habe keinen, der mir hilft.“ Man hört seine enttäuschte Hoffnung, seine Unfähigkeit, eigene Schritte zu gehen. Der Kranke ist angewiesen auf die Hilfe anderer, aber da ist keiner. Und er wird bitter, bleibt verzagt liegen. Jesus lässt sich aber von der ausweichenden Antwort nicht beirren. Er fragt auch nicht weiter, sondern fordert den Kranken auf: „Steh auf, nimm deine Matte und geh hin!“ Unmöglich – aber er tut es tatsächlich. Er nimmt seine Matte und geht. Nach 38 Jahren läuft der Kranke das erste Mal wieder umher. Er ist gesund geworden.

Jesus macht heil (V 14)

Jesus begegnet ihm noch einmal im Tempel: „Du bist gesund geworden. Sündige hinfort nicht mehr, dass dir nicht etwas Schlimmeres widerfahre.“ Was kann denn Schlimmeres geschehen, als 38 Jahre lang krank zu liegen ohne Hilfe und Hoffnung? Es muss etwas geben, das tiefer geht als körperliche Gesundheit, das Wiedererlangen der Körperfunktionen. Jesus will den Menschen ganz und gar heil machen. Jesus heilt nicht bloß Krankheiten, er heilt Menschen. Wenn Jesus heilt, geht das immer über das Zeitliche hinaus, hat das Ewigkeitswert.
Jesus möchte auch den Gesundgewordenen vom Teich Betesda heil machen, in all seinen Beziehungen. Dazu gehört zuerst die Beziehung zu Gott, danach zu den Menschen und zu den Dingen um ihn herum, nicht zuletzt zu sich selbst.
Jesus spricht hier deutlich die Sünde an, die Trennung von Gott bedeutet. Manche Ausleger meinen, dass hier bei Jesus das Vergeltungsdenken durchkommt, d.h. dass jede Krankheit und Not eine Strafe Gottes für bestimmte Sünden ist. Doch Jesus hat diesen Zusammenhang mehrfach bestritten. Im Johannesevangelium (Kap 9) wird Jesus vor der Heilung eines Blindgeborenen gefragt: „Wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern?“ Jesus lehnt diesen Zusammenhang ab und verweist vielmehr darauf, dass Gottes Werke sichtbar werden sollen.
„Sündige hinfort nicht mehr!“  Noch schlimmer als 38 Jahre krank zu sein ist es, für Zeit und Ewigkeit von Gott getrennt zu sein. Was nützt es körperlich gesund zu sein, aber bei Gott das Heil verloren zu haben? Heilung und Heil sind bei Jesus eine untrennbare Einheit.
„Hauptsache gesund“ – heißt das: Hauptsache, meine Schmerzen sind weg, mein Bein ist wieder heil und meine Migräne geht vorbei? Was aber ist mit den vielen Kranken, die an Diabetes leiden, denen ein Bein amputiert wurde, bei denen eine fortgeschrittene Krebserkrankung diagnostiziert wurde? Was war mit den vielen Menschen, die auch am Teich Betesda lagen und nicht von Jesus angesprochen wurden? Das ist eine schwierige Frage, auf die man nicht einfach so eine Antwort geben kann. Ich möchte es versuchen aus dem, was ich im Alltag erlebe.
Es gibt die eine Gruppe von Kranken, die mit sich und ihrem Schicksal hadern. Sie treten meist fordernd, verbittert oder depressiv auf. Sie leiden an ihrer Krankheit, können sich nicht damit abfinden und fragen nach dem Warum. Sie vermitteln anderen ständig das Gefühl, an ihrer Krankheit Schuld zu sein.
Dann gibt es die, die sagen, dass sie mit ihrer Krankheit leben wollen und müssen. Sie versuchen, ihr einen Sinn abzuringen. Sie leiden auch an ihrer Krankheit und erleben Zeiten, in denen sie am liebsten davonlaufen möchten. Aber sie haben sich mit ihr ausgesöhnt und sie als Teil ihres Lebens akzeptiert. Sie haben ihr Schicksal angenommen. Bei F. M. Dostojewski kann man lesen: „Habe dein Schicksal lieb, es ist der Weg Gottes mit deiner Seele“. Nicht um jeden Preis gesund zu sein, ist die Hauptsache, sondern heil zu werden. Hauptsache, ich bin mit Gott, mit mir, meinem Schicksal und meinem Nächsten ausgesöhnt.

Von

  • Anja Martschewski

    Dr., Ärztin, zur Zeit Mutter und Hausfrau. Die Frage, wie Glauben und Wissen mit unserem Leben zusammenkommen, ist ihr auch im Patientengespräch ein unaufgebbares Anliegen.

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