In der Heilung bleiben - der Weg der Heiligung

von Maria Kaißling

Ich glaube, dass Schöpfung, Offenbarung, Heiligung und Erlösung die vier Hauptkräfte des Wortes Gottes sind. Sie sind stärker als Vernichtung, Verfinsterung, Verfallenheit und Verwerfung. Und Christus ist das uns zugängliche, Gottes Schrecklichkeit überwindende Wort. Gott in Christus ist wirklich und menschlich. (Altbischof Eduard Berger in einem Vortrag in Weitenhagen).
 
Der Weg der Heiligung wird von dem, was Gott uns schon gegeben hat und weiterhin gibt, von Anfang an bestimmt. Wir gehen diesen Weg – Schritt um Schritt – unser ganzes Leben lang. Er ist nicht mühsam und führt in wachsende Freiheit.

Einfach anders

Schnell hatten die ersten Christen ihren Namen weg: Menschen des anderen Wegs. Die Einwohner Antiochiens hatten dies gut erfasst. Diese wollen anders leben als der Rest der Welt! Und wirklich stellte der andere Weg dieser kleinen neuen Gemeinden in den Städten der Antike ihre Welt auf den Kopf: diese Christen gingen ganz unüblich miteinander um. Sklaven und Freie, Frauen und Männer saßen zusammen bei Tisch! Sie beteten auch gemeinsam und besuchten miteinander die gleichen Gottesdienste. Das tat man sonst nicht in dieser Zeit.
Diese Menschen des anderen Wegs, Nachfolger Jesu, lebten das, was wir theologisch „Heiligung“ nennen. Heilig, das heißt zunächst „ausgesondert sein für Gott“. Heilig ist, wer oder was Gott gehört. Wir Christen, so kann man sagen, sind Gott gehörende Menschen, Angehörige Gottes!
Auch hier gibt es, wie in jeder Familie, die typischen Kennzeichen. So beschreibt z.B. der Hebräerbrief (13, 1-16) einige der Familienkennzeichen: den Menschen wohltun; was einer hat, teilt er freiwillig; sie geben Opfer; sie sind gastfrei; sie lieben Menschen vorleistungsfrei. Sie versuchen, so gut sie können, Jesu Gebot im Alltag zu leben: liebe deinen Nächsten, denn er ist wie du (so übersetzt es Martin Buber).
Den Weg der Heiligung gehen heißt, sich in das Bild Jesu umprägen zu lassen, ihm ähnlich werden zu wollen. Jesus ist DER „Heilige Gottes“ für uns und mit uns. Er war und ist „ganz der Vater“. Jesus konnte in aller Freiheit von sich sagen: „Wer mich sieht, der sieht den Vater!“ (Joh 6,69; siehe auch Mk 1,24)

Werden wie er

Sich in sein Bild hineinprägen zu lassen heißt, in der eigenen begrenzten Liebesfähigkeit zu wachsen und zu reifen. Dieser Weg beginnt oft damit, dass wir Jesus kennenlernen, uns vertraut machen mit seinem Leben und Wirken. Wie er damals dachte, glaubte, lebte, betete, fühlte, auf Menschen zuging, sie annahm, auf sie einging, wie er handelte…
Wir haben leider nur wenige Urkunden; aber das wenige in sich aufnehmen und im eigenen Alltagsleben „Fleisch“ werden lassen, ist ein erstrebenswerter Lebensstil.
Wieso fühlten und fühlen sich Menschen, damals und heute, von ihm angerührt und angeregt, manche auch zur Verteidigung ihres Lebensstils herausgefordert? Weil er sich ihnen so anders zuwendete, als sie es bisher gewohnt waren. Seine Retterliebe zu erfahren, zu glauben, dass Gott die Menschenwelt in Wahrheit liebt (Joh 3), ihm zu vertrauen und seinem Lockruf zu folgen sind immer wieder Anfang und Fortgang auf dem Weg in die Freiheit der Kinder Gottes. „Was würden Sie tun, wenn ein junger Mensch zu Ihnen käme und sagt: Ich möchte Christ werden! Ich würde ihn einladen, ein Jahr mit mir zu leben.“ So beschreibt der Kirchenvater und Patriarch von Konstantinopel, Johannes Chrysostomos im 4. Jahrhundert diesen Weg: ein Mensch lernt im geteilten Leben, im Miteinander mit anderen.
Man kann in einer Kurzform sagen: Rechtfertigung (Vergebung, Versöhnung, Erlösung) – das tut Gott. Die Heiligung, die praxis pietatis im Alltag, das ist unsere Lebensantwort auf sein Handeln. Nicht aus Zwängen oder Ängsten leben wir „fromm“, ihm angehörig, sondern aus Dank für seine Zuwendung und Liebe zu uns: „aufgrund seines Erbarmens, das wir erfahren haben“ (Röm 12,1). Nicht die Angst, sondern die Dankbarkeit ist die Voraussetzung. Wir finden uns vor im Vaterhaus Gottes – und davon können wir nicht schweigen!
Der Weg der Heiligung ist der Weg der wachsenden Beziehung zu Gott und zu den Menschen. Die Bibel beschreibt ihn in vielen Bildern. Eines, das mich am längsten begleitet hat, ist das „Umziehen“: das Ablegen des alten und das Anziehen des neuen Kleides (siehe auch Eph 4). Manche Kleidergeschichten gehen einem auch unter die Haut, z. B. Mt 22, 11+12. In der Festgesellschaft lässt sich ein Gast nicht neu einkleiden. Sein eigener Kittel scheint ihm gut genug. Der Gastgeber spricht ihn daraufhin an: „Mein Freund, warum…?“ Aber der Mann macht den Mund nicht auf, er antwortet nicht, er ist wie verstummt. Er könnte doch etwas sagen, jedoch wie in sich verschlossen, verweigert er auch die Kommunikation, und damit die Gemeinschaft mit dem Gastgeber.

Antwort geben

In der Seelsorge und Begleitung stellen sich uns ähnliche Fragen, die uns auch im Laufe unseres Lebens immer wieder begegnen und von uns neu beantwortet werden wollen. Vielleicht antworten wir aus unserer Gewohnheit heraus mit unseren üblichen Ausreden. Doch die Fragen, auch die nach dem neuen Kleid, werden uns gestellt, damit wir uns auf die Schliche kommen. Unsere Ausreden und Gewohnheiten können ja gerade die Dinge sein, die uns am Leben und Lieben hindern! Gott kennt sie schon, nun sollen auch wir selbst sie erkennen.
Der Mann im Gleichnis verschließt sich sogar vor dem Geschenk und damit lehnt er auch die Beziehung zum Geber ab. Doch diese Haltung führt noch tiefer in die Zerbrochenheit.
„Wenn ich nicht an mir arbeite, mich nicht auf den Weg der Veränderung und des Offenwerdens einlassen, dann werde ich wie meine Mutter am Ende ihres Lebens: eine einsame, verschlossene Frau, innerlich voller Schmerzen“, erzählte kürzlich jemand. Dieser Gedanke habe sie endgültig motiviert und bewegt, nicht länger stumm zu bleiben und sich auf einen anderen Beziehungsweg einzulassen.
 
Der Weg der Heiligung ist ein Weg in die Beziehungen. Jesus macht es uns vor, z. B. wenn er seinen Jüngern sagt: „Ich nenne euch nicht länger Knechte (Diener und Sklaven), sondern Freunde“ (Joh, 15,15). Er gibt die Herren-Distanz auf und wird ein Freund, auf den man sich verlassen kann. Können auch wir Freunde Gottes werden?
In der Kirche spricht man schon bald vom „heiligen Tausch“: Nimm, was mein ist und gib mir, was dein ist. So bin ich der Sünde los und des ewigen Lebens gewiss. (Aus einen Zwiegespräch des Hieronymus mit dem Kind Jesus in der Krippe.) Jesus fordert auf – gib mir deine Sünden und Krankheiten; ich gebe dir meine Gerechtigkeit und mein Leben!
Das ist Heil, unzerstörbare Beziehung und Frieden, die Gott uns anbietet. In Israel heißt Friede bis heute Schalom: „Mit diesem Wort begrüßen und verabschieden sich die Menschen in Israel. Der Begriff Schalom ist aus dem Wort Schalem abgeleitet. Schalem bedeutet Ganzheit, Heilsein, Vollständigkeit, Schalem ist das Gegenteil von Zerrissen-, Zerbrochen- und Zerstörtheit. Mit Schalom ist nicht nur der Frieden mit dem Nachbarn gemeint, sondern der Frieden mit sich selber. Dieser innere Frieden entsteht im Einklang mit Gott. Nur der Mensch, dessen Seele heil ist, kann in Frieden mit dem Nächsten und der Umwelt leben. Schalom bedeutet, sei mit dir und deinem Tun einig, akzeptiere das Leben und die Schöpfung und suche Versöhnung mit dir.“ (aus: Lea Fleischmann: Schabbat – Das Judentum für Nichtjuden verständlich gemacht, München 2000). Es ist ein Lebensgefühl wie ein Endlich-zu-Hause-sein.

Gut hinhören

Jede Beziehung will gepflegt sein. Dazu gehören unaufgebbar das Miteinanderreden und das Aufeinanderhören. Vertrauen wächst durchs Hören und durchs Zusammengehören (siehe auch Röm 10,17). Hören ist der Grundakt des Glaubens. Gehörsam hieß es noch auf mittelhochdeutsch. Pater Reinhard Körner schreibt: „Das lateinische Wort ‚oboediens’ ist von ‚ob-audire = mit großer Aufmerksamkeit hören, lauschen’ abgeleitet und meint genau jene Haltung, die nach Paulus zum Glauben führt, die Haltung des Hörens und Horchens. Ohne Hinhören und Lauschen werden Menschen für die Stimme Gottes, die Stimme der weisenden Wahrheit taub. Das lateinische Wort für taub ist ‚surdus’; vollkommen taub sein heißt ‚absurdus’. In der Tat: Unsere Glaubenswahrheiten werden absurd, wenn der Glaube an sie nicht auch vom eigenen, je ganz persönlichen Hören kommt. Religiöses Leben muss dann zu einem absurden Leben werden, weit entfernt von Jesu neuer Art, Mensch zu sein. Vor allem geht mit dem Verlust an Horchsamkeit der Zugang zum Zentrum unseres Glaubens verloren, zu Jesus als dem Weisheitswort Gottes in Person…
 
Not-wendend ist ein kleiner Schritt: ‚Wer Ohren hat, der höre!’ Im letzten Buch des Neuen Testaments, der Offenbarung des Johannes, wird dieses Jesus-Wort – siebenmal im selben Wortlaut – der Christenheit als eindringliche Weisung mit auf den Weg durch die Zeiten gegeben: ‚Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt!’
In der jüdisch-christlichen Glaubenstradition ist das Hören so etwas wie der Grundakt des religiösen Lebens. Und nichts scheint leichter als das. Ist doch in der Tat jedem (gesunden) Menschen das Ohr gegeben, das des Leibes und das der Seele! Warum aber fällt uns das Hören so schwer? Ich persönlich bin im Laufe der Jahre zu der Erkenntnis gekommen, dass ich immer dann nicht gern hinhöre, wenn ich meine Meinung nicht ändern will. Denn Hören kann gefährlich sein! Ich müsste Neues an mich heranlassen, umdenken, vielleicht sogar weiterdenken, größer denken, noch einmal alles von vorn durchdenken, und möglicherweise hätte das Konsequenzen.
Manche Christen unterbrechen hin und wieder ihren gewohnten Arbeitsalltag, um an Exerzitien teilzunehmen. Solche Tage in Zurückgezogenheit, Schweigen und Stille haben sich immer schon als besonders geeignet erwiesen, der ‚Wahrheit meines Lebens’ auf die Spur zu kommen...
Still werden und hören: Es sind viele Schritte möglich, die in diese Grundhaltung des Glaubens führen. Letztlich wird sie jeder selbst finden müssen.“ (aus: Reinhard Körner, Die Zeit ist reif, Fünf Schritte zu einem neuen Christsein, Leipzig 2005)
Etwas salopp formuliert könnte man sagen: die Hauptbeschäftigung auf dem Weg der Heiligung ist, für offene Ohren zu sorgen! Vielleicht dient dem einen oder anderen in den kommenden Wochen einmal dieses Gebet zur Erweiterung der Sinne:
 
Gott, öffne mir die Augen,
mach weit meinen Blick,
damit ich sehen kann,
was ich noch nicht erkenne.
 
Gott, öffne mir die Ohren,
mach mich hellhörig und aufmerksam,
damit ich hören kann,
was ich noch nicht verstehe.
 
Gott, gib mir ein vertrauensvolles Herz,
das sich deinem Wort überlässt
Und zu tun wagt,
was es noch nicht getan hat.
 
Gott ist kein Dompteur, der uns dressiert und vorführt. Er will mit uns Gemeinschaft, Freundschaft und auch schöpferische Mitarbeit.  Dazu sagt er uns auf tausend Weisen, durch sein Wort, durch Jesu Leben, durch Mitchristen, durch Umstände, manchmal sogar in den Worten der eigenen Ängste, du und ich, wir gehören zusammen und nichts und niemand kann uns trennen. So sieht es von meiner Seite aus! (siehe auch Römer 8)

Was haben wir von der Heiligung?

Die Frucht ist die unauflösbare Freundschaftsbeziehung zu Gott und den Menschen. Jeder Mensch sucht sein Glück. Er findet Glück und Erfüllung, indem er liebt und geliebt wird. Wir wissen alle, dass Liebe und Beziehung sehr gestört werden können. Daran leiden wir auch alle. Doch wir haben Jesu Versprechen: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und bestimmt, dass ihr hingeht und Frucht bringt und eure Frucht bleibt.“ (Joh 15,16)

Von

  • Maria Kaißling

    Religionspädagogin. Sie lebt in der OJC-Auspflanzung in Greifswald und ist vorwiegend als Seelsorgerin tätig.

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