Das Weltbild der Bibel -

und wir Menschen von heute

von Dr. Wolfgang J. Bittner

1. Die Bibel und die Frage nach dem Weltbild

Beim Lesen der Bibel stoßen wir an verschiedenen Stellen unweigerlich auf das Problem des „Weltbildes“. Einen solchen Themenkreis ­stellen die Krankheits- und Heilungsberichte dar. Wir hören in der Bibel von einem engen Zusammenhang zwischen Krankheit und Sünde, lesen davon, dass Jesus Fieber „bedroht“ und einen „Geist der Krankheit“ austreibt. Wir kennen Berichte von Dämonen, Besessenen und deren Befreiung. Die Bibel bringt in ihrer ganzheitlichen Betrachtungsweise durchgehend Krankheit und Tod mit der Sünde der Menschen und der Herrschaft Satans in ­Zusammenhang.
Heute wissen wir durch den Fortschritt unserer Forschung sehr viel mehr über verschiedene Krankheiten, ihre Ursachen und ihre Bekämpfung. Dabei ­hören wir nichts mehr von Geistern und Dämonen, sondern von Bakterien und Viren. Für jeden Bibel­leser stellt sich damit unweigerlich die Frage, ob die Sicht vom Zusammenhang zwischen Krankheit, ­Sünde und Dämonie nicht zum Weltbild einer Zeit gehört, in der man „es“ eben „noch nicht besser wusste“. Sind solche Aussagen für uns nicht vorbei und überholt?
Wir stehen damit vor einem umfassenden Problem, das weit über die Frage nach der Krankheit hinausgeht und das uns in unserem Umgang mit der Bibel ständig beschäftigen muss. Hat die Bibel ein „Weltbild“, das wir, weil es der Auffassung unserer Zeit nicht mehr entspricht, als vorläufig, zeitbedingt und überholt bezeichnen müssen und damit auf die Seite legen dürfen?
 
Unser Weltbild hat sich tatsächlich gewandelt. Wenn jedoch die Aussagen der Bibel ohne ihr Weltbild nicht verständlich sind, was sollen sie dann in der heutigen Zeit? Diese Frage steht nun noch dringlicher vor uns. Wie gehen wir weiter vor? Zunächst haben wir danach zu fragen, was mit dem Ausdruck „Weltbild“ gemeint ist. Darauf haben wir uns den wesentlichen Unterschied zwischen dem Weltbild der Bibel und unserem modernen Weltbild deutlich zu machen. Erst dann können wir nach dem Verhältnis dieser beiden Weltbilder zueinander weiterfragen.

2. Was ist das, ein Weltbild?

Eine hilfreiche Formulierung bezeichnet als Weltbild „die Zusammenfassung aller gegenständlichen Anschauung von der Welt“ (Hartmut Gese, Die Frage des Weltbildes, S. 202). Jede Anschauung, die ich mir von der Wirklichkeit mache, hängt aber un­lösbar mit den Fragen zusammen, die ich an sie richte. Je nach den Fragen, die wir stellen, bildet sich uns aus den erhaltenen Antworten ein „Bild“.
 
Man kann sich das am Umgang mit Menschen ­deutlich machen. Je nachdem, ob ich mich jemandem als Lehrer, als Mutter, als Polizist oder als ­Geliebter nähere, wird sich die Frage, wer der ­Betreffende denn „wirklich“ sei, ändern. Ändern wird sich zwangsläufig auch das Bild, das ich mir von ihm mache. Die Anschauungen, die sich so herausbilden, geben einerseits Auskunft über den Menschen, der in der Mitte des Interesses steht. Andererseits weisen sie aber auch zurück auf die Art der ­Fragen, mit denen man sich ihm genähert hat. Die Einsicht, dass alle „Anschauungen von der Welt“ (Hartmut Gese) sowohl über die Welt selbst Auskunft geben als auch zurückweisen auf die Art, wie die Welt befragt wird, müssen wir für unseren Ge­dankengang durchhalten. So soll uns eine erweiterte Definition von „Weltbild“ leiten. Ein Weltbild ist die Zusammenfassung aller gegenständlichen Anschauung der Welt, wie sie sich aufgrund ganz bestimmter Fragestellungen und Grundhaltungen ergibt.
Mit welcher Frage haben sich die biblischen ­Menschen ihrer Welt gegenüber gewusst? Mit welchen Fragen haben sie sich den verschiedenen Erscheinungen genähert, um so zu ihrer „Anschauung von der Welt“ zu kommen? Aber andererseits ­müssen wir auch fragen: Mit welchen Fragen nähern wir uns denn heute unserer Welt? Welche Fragen werden uns hinter dem, was wir für unser modernes Weltbild halten, deutlich?

3. Zum Weltbild unserer Zeit

Fragt man nach einem einigermaßen einheitlichen Weltbild unserer Zeit, wird man enttäuscht. „Es gab wohl noch nie eine Zeit, in der so wenig Über­einstimmung hinsichtlich eines philosophischen Weltbildes geherrscht hat wie heute“ (Hartmut Gese). Man kann nur mit relativem Recht von einem einheitlichen Weltbild unserer Zeit sprechen. ­Betrachten wir aber unser Leben in der westlichen Welt, in das wir faktisch eingegliedert sind und an dem wir alle auch geistig teilhaben, so kann man dennoch einige Grundlinien feststellen. In unserer Zeit beherrschen die sogenannten „objektiven“ ­Naturwissenschaften – Mathematik, Physik, Biologie usw. – weitgehend unser Leben und unsere Weltdeutung. Dahinter steht, unserem Bewusstsein oft verborgen, die grundlegende Bedeutung, die heute der Wirtschaft in ihrer weltweiten Verflochtenheit zukommt. Sie erwartet von den Wissenschaften eine präzise Erforschung der Wirklichkeit, damit der „Fortschritt“ auch wirtschaftlich möglich bleibt.
 
Fragt man hinter diese Prozesse zurück, so wird eine einfache Grundfragestellung sichtbar, die die enorme Dynamik der Forschung erst ermöglicht und ständig neu antreibt. Man kann sie folgendermaßen umschreiben:
Wie funktionieren die Erscheinungen unserer Welt, damit wir sie erklären, nachmachen und endlich manipulieren können? So fragt der Chemiker im ­Labor, so fragt der Physiker in seinen Experimenten, so fragt der Techniker auf dem Prüfstand. Unsere moderne Naturwissenschaft hat ja damit ihren Ausgang genommen, dass man den Gesamtbereich der sichtbaren Schöpfung dieser einen Fragestellung ­unterworfen hat.
 
Es muss uns klar sein, wie tief diese Fragestellung bereits jetzt in den Vollzug unseres täglichen Lebens hineinragt. Diese auf die Technik bezogene Frage nach der Funktion einzelner Abläufe war ursprünglich als Methode naturwissenschaftlicher Forschung entwickelt worden. Nun hat sie aber längst auf die Human- und Sozialwissenschaften übergegriffen.

4. Zum "Weltbild" der Bibel

Auch die Bibel vermittelt uns ein Bild der Welt. Man zögert jedoch, den so belasteten Ausdruck „Weltbild“ dafür zu verwenden. Es ist ein Bild, das außerordentlich fein differenziert. Der Unterschied zu ­unserem Weltbild liegt darin, dass es aufgrund einer ganz anderen Grundhaltung und völlig anderer ­Fragestellungen ausgebildet worden ist.
Der biblische, wie überhaupt der antike Mensch, ­näherte sich der Welt nicht zugreifend und an sich reißend. Zunächst kam man von der Einsicht her, dass die Welt der größere und auch uns umgreifende Zusammenhang ist. Es liegt am Menschen, sich in diese Ordnung einzufügen, um so in der Welt zuhause zu sein. Dahinter steht die Überzeugung, dass die Welt als ganze eine von Gott geschenkte, von Gott gestaltete und geordnete und bleibend auch von Gott umgriffene Welt ist. Von dieser hier nur knapp skizzierten Grundhaltung aus nähert man sich der Welt durchaus auch fragend. Aber es ist eine ganz andere Grundfragestellung, die uns deutlich wird.
Wie ist die Welt geordnet, damit sich der Mensch in sie recht einordnen kann?
 
Alle Erscheinungen und Lebensvorgänge, ja auch die Ereignisse der Geschichte (!) wurden in der Überzeugung befragt, dass sich eine Einsicht in die von Gott gegebene Ordnung entdecken lässt, die dem Menschen zur Gestaltung seines Lebens notwendig und auch echt hilfreich ist. Man hatte nur bereit zu sein, genau hinzusehen. Diese Grund­haltung, die hinter den biblischen Berichten und ­Anschauungen steht, führt dazu, dass die Bibel uns bestimmte Dinge, die uns vielleicht brennend interessieren, nicht erzählt. Sie wehrt sich gegen Fragestellungen, die ihr nicht angemessen sind. Dafür will die Bibel uns zu neuen, ihr und letztlich auch uns Menschen angemessenen Fragestellungen erziehen und zu Einsichten in andere, bisher vielleicht noch nicht erahnte Zusammenhänge führen.
Es gehört zu den Grunderfordernissen im Umgang mit der Bibel, dass wir ihr nicht unsere Frage­stellungen aufzwingen, sondern uns in Demut auf den Weg ihres Fragens und Antwortens mitnehmen lassen. So wird sich herausstellen, dass nicht nur die Antworten, sondern bereits die Fragen der Bibel aktueller und tiefgreifender sind als unsere manchmal oberflächlichen Anliegen. Bevor wir die tiefgreifende Differenz zwischen biblischem und modernem Weltbild bedenken, muss uns klar sein: Hier geht es vor allem um die Differenz zweier verschiedener Grundhaltungen und der sich daraus ergebenden Fragestellungen, mit denen wir uns der Welt in ihren vielfältigen Erscheinungen nähern.

5. Zum Verhältnis zwischen biblischem und modernem Weltbild

Gerne fragt man heute danach, welches Weltbild denn nun richtig sei. Dem Problem, das sich mit der Gegenüberstellung zwischen modernem und bib­lischem Weltbild stellt, wird man aber nicht gerecht, solange man nach dem richtigen und dann eben nach dem anderen, dem falschen Weltbild fragt.
Man tritt einer Lösung erst dann näher, wenn man sich überlegt, worauf die Grundfragestellungen, aus denen sich die Weltbilder ergeben, hinzielen. Unser „modernes“ Weltbild, das die Frage nach dem Funktionieren der verschiedenen Vorgänge unserer Welt zur Grundlage hat, ist auf die moderne Wirtschaft und ihre Interessen zugeschnitten. Diese Frage nach dem Funktionieren hat das Wissen der Menschheit in ungeheurer und heute schon lange unüberschaubarer Weise bereichert. Ist es aber ein Geheimnis, dass dasselbe Wissen den einzelnen Menschen in dieser Fülle seines Wissens orientierungslos zurücklässt? Gerade der Aufschwung des Wissens führte dazu, dass sowohl die Wirtschaft in ihrer Eigen­dynamik und ihrem scheinbaren Zwang zur Expansion wie auch die hinter ihr stehende Forschung Probleme sozialer, wirtschaftlicher, ökologischer und politischer Natur aus sich herausgesetzt haben, die unser Leben und unsere Welt eminent gefährden: Arbeitsschemata und Leistungszwänge werden uns aufgebürdet, unter denen die Menschen zusammenbrechen; alte Familienstrukturen und Arbeitsstrukturen werden aufgelöst und führen in Vermassung und soziale Verelendung; der Raubbau von Energie und Rohstoffen führt uns bis an den Rand der Vernichtung unserer Umwelt. Und für all diese Probleme ist im Grund keine Lösung in Sicht. Darf es uns wundern? Kaum, denn die Frage nach dem Funktionieren ist in dieser heute alles durchdringenden Dominanz wohl der modernen Wirtschaft, nicht aber uns Menschen und unserem menschlichen Zusammenleben angemessen. Das Wissen, das wir aufgrund der Frage nach dem Funktionieren unserer Welt erworben haben, ist keineswegs falsch. Nein, es hilft uns in unserer Haltung, in der wir uns der Welt bedienen, ihrer habhaft werden wollen. Aber in dieser Welt sind wir nur noch schlecht zuhause.
Diese beiden Weltbilder stehen einander keineswegs ausschließlich gegenüber. Beide decken, von ­verschiedenen Fragestellungen herkommend, verschiedene Ebenen der Wirklichkeit auf. Entweder ist es der Bereich bloßen „Funktionierens“, den es ja zweifellos gibt. Oder es ist der Zugang zur Welt als „Ordnung“, in der ich stehe und mich zurechtfinden muss. Mit der Frage nach einem richtigen Weltbild werden wir an die anstehenden Probleme nicht herankommen. Die Frage muss lauten, welches Weltbild, welche Fragestellung uns Menschen angemessen ist. Die Antwort darauf kann dann kaum zweifelhaft sein. Man muss über die Differenz der beiden Fragestellungen und ­ihre Bedeutung für unser Menschsein nur ein wenig nachdenken, damit einem jeder Hochmut vergeht. Die Bibel ist – gerade um ihres Weltbildes willen – hochmodern und unüberholbar.

6. Weltbild und Krankheitsbild

Wenden wir uns wieder dem Fragenkomplex um Krankheit und Heilung zu. Man kann die Krankheit unter der Frage des bloßen Funktionierens untersuchen, wie man es in der medizinischen Forschung weitgehend tut. So erfährt man den Namen der Krankheit, ihre Erreger, den voraussichtlichen Krankheitsverlauf, die Therapiemöglichkeiten und die Heilungsaussichten. Solange man so fragt, und das gehört zu den Kennzeichen dieser Fragestellung, wird man immer die „Funktion“ – die Krankheit unter dem Aspekt ihres Funktionierens – ins Zentrum des Interesses rücken, während einem der Mensch, der diese Krankheit hat, merkwürdig ungreifbar wird. Bis in den Krankenhausjargon hinein offenbart sich diese Unangemessenheit. Wir haben gelernt, die Krankheiten als Funktionsabläufe zu begreifen, nicht aber nach der größeren Ordnung zu fragen, in der sie stehen. Damit kommen menschliche Probleme, die mit jeder Krankheit verbunden sind, nur schwer in den Blick. Bestimmte, vom Patienten und seiner Familie bedrängend erfahrene Fragen werden von der „Wissenschaft“ nicht einkalkuliert, ja können es auch so nicht mehr werden. Sie gehören eben nicht in den Bereich des erforschten Funktionsablaufes: Warum werde ich denn krank? Warum gerade ich? Warum gerade jetzt? Welche Macht steckt denn dahinter und kommt in dieser Krankheit über mich?
Wir wissen heute um diese Probleme. In der Ausbildung werden solche Fragen vermehrt berücksichtigt. Aber das ändert nichts daran, dass diese „Ordnungsprobleme“, die sich in den menschlichen Problemen äußern, innerhalb der Medizin als Wissenschaft, die nur nach dem Funktionieren fragt, gar nicht in den Blick kommen können. Gerade darin liegt wohl der entscheidende Ansatzpunkt. Man bleibt auf der Ebene des Funktionierens. So aber kann man auf die Prob­leme, die auf einer ganz anderen Ebene liegen, nicht mehr eingehen.
Doch wenden wir uns nun der anderen Fragestellung zu. Sofort erkennen wir eines: Wenn wir nach der Ordnung, in die der Mensch eingegliedert ist, Ausschau halten, zeigen sich uns ganz andere Zusammenhänge, die uns bei der begrenzten Frage nach den Funktionsabläufen überhaupt nicht ansichtig werden. Hier wird auch in erster Linie gar nicht nach einer Krankheit gefragt, sondern nach dem Menschen in seiner Krankheit. Eine viel tiefere Schicht unseres Menschseins wird mit dieser Fragestellung aufgedeckt.
Die Heilungen, die uns das Neue Testament von Jesus berichtet, zeigen, dass er auf dieser tieferen Ebene den Menschen betrachtet, ihn in seiner Krankheit erkannt und dann auch auf dieser Ebene geheilt hat.
Als Beispiel mag ein Bericht des Lukasevangeliums dienen (13,10ff). Seit achtzehn Jahren war diese Frau krumm und konnte sich nicht aufrichten. Das Krankenbild, betrachtet auf der Ebene des Funktionierens, ist uns einigermaßen klar: Eine schwere Deformation der Wirbelsäule. Jesu Antwort wird aber für eine tiefere Schicht der Wirklichkeit gegeben. Sie hat einen „Geist der Krankheit“, ja „Satan hat sie gebunden“. Wie ist es nun? Man möchte gerne danach fragen, wessen Auskunft denn nun richtig sei: die Jesu oder die der modernen Medizin?
Die Antwort muss für beide Ebenen getrennt gegeben werden. Die Frau hatte – auf der Ebene des Funk­tionierens beurteilt – sicher eine schwere Wirbel­säulen-Deformation. Aber „hinter“ dieser Ebene steht der, der in dieser Welt Unordnung schafft und diesen Menschen in dieser besonderen Form gebunden hält. Die eine Antwort hebt die andere nicht auf. Die Sicht ­Jesu und der Bibel bleibt auf der Ebene des blassen Funktionierens nicht stehen, sondern geht in die Tiefe und deckt die Tiefe auf. Und so heilt Jesus: Er heilt nicht Krankheiten, er heilt den Menschen.
Es wird für die Gemeinde Jesu entscheidend darauf ankommen, dass sie für ihren Umgang mit der Schöpfung die Einsicht in die Wirklichkeit lernt, die Jesus gehabt hat. Solange wir als Christen unser ­modernes Weltbild kritiklos übernehmen und von ihm aus, sei es auch ganz arglos, das Weltbild der Bibel ad acta legen, bleiben wir sowohl im Umgang mit der Bibel als auch im Umgang mit unserer Wirklichkeit gelähmt. Wir müssen von Jesus lernen, unsere Wirklichkeit in ihrer Tiefenschicht zu betrachten, damit wir den uns gegebenen Auftrag an unserer Welt unter Gottes Verheißung erfüllen können.

Von

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