Es lohnt sich doch zu leben

Zwischen Tod und Leben Gott begegnen

Eine junge Frau, engagiert in Beruf und Gemeinde, verliert nach 10 Monaten Ehe ihren Mann durch Krebs. Auf dem Weg durch Trauer und Schmerz findet sie zu Gott und zu sich selbst.

Das Interview führte Rudi Böhm

Du bist ja auf der Privilegiertenseite groß geworden, hattest materiell gar keinen Mangel und bist trotzdem hungrig geblieben… Was hat dich denn so unzufrieden gemacht?

Ich habe offenbar das Leben nicht ergreifen können. Ich war viel unzufrieden, hatte oft das Gefühl, nicht glücklich zu sein, dass es sich nicht lohnt zu leben. Ich hatte einen Teil von mir in mir verschlossen, hauptsächlich den Bereich der Emotionen, und wollte alles mit dem Kopf steuern. Meine Priorität in der Lebensgestaltung hieß Absicherung in jeder Hinsicht: materiell, in Beziehungen und auch geistlich. Ich wollte mich auf keinen Fall dem Risiko von Verletzungen aussetzen, sicherlich auch durch ganz frühe Erfahrungen und Enttäuschungen bedingt. Was ich gelernt hatte, war Misstrauen statt Vertrauen. ­Lebenswertes Leben braucht aber grundsätzlich ­Vertrauen.

Wie hat der Same Wurzeln bekommen?

Ich denke, du meinst mit „Same“ das, was Gott uns an Leben schenken möchte. Es geschah durch große Erschütterungen meines Lebens, in denen etwas in mir aufgebrochen wurde. In der Auseinandersetzung damit bin ich mir näher gekommen, so dass das, was früher im Kopf Halt machte, ins Herz sinken konnte. Und dort hat es dann Wurzeln geschlagen. Ich glaube inzwischen, dass das Geheimnis des ­Lebens mit der Berührung Gottes in der Tiefe unseres Herzens, unseres Wesens zu tun hat.

Was war für dich der wesentliche Impuls, dich auf diesen Weg zu machen?

Zunächst eine Schwindelerkrankung verbunden mit Angstzuständen – das war die erste Krise auf dem Weg. Therapeutische Hilfe brachte mich in die ­Auseinandersetzung mit mir selbst. Der tiefe Aufbruch kam aber dann durch die viel schlimmere ­Krise, durch den Tod meines Mannes.

Welche Wege bist du gegangen, dir Hilfe zu ­suchen?

Ich habe nach einer Menge Untersuchungen, die aber keine körperliche Ursache bestätigten, eine Verhaltenstherapie begonnen. Sie war sehr wichtig, weil ich da anfangen musste, meine Gedanken, Gefühle und Reaktionen im Alltag wahrzunehmen. Ich habe mich oft gar nicht wahrgenommen, habe vieles ausgeblendet und gedacht, dass ich da jetzt durch ­müsse. Ich habe mich übergangen.
Parallel zu der psychologischen Hilfe wollte ich herausfinden, was geistlich gesehen dahinter stecken könnte und habe an Exerzitien teilgenommen. Was ich dabei erlebte, hat ein erstes, festes Fundament eines Vertrauens zu Gott gelegt. Darauf konnte ich dann aufbauen, als mein Mann starb.

Was hat dir noch geholfen?

Auf der Suche nach Heilung habe ich einen sehr ­guten Arzt kennengelernt, der erkannte, dass mein Schwindelgefühl zuallererst mit Angst zu tun hat. Das hat mir die Augen geöffnet. Er hat auf mein ­Leben als Ganzes geschaut, und mich ermutigt, zu tun, was mir eigentlich entspricht, was ich wirklich will, damit ich wieder ins Gleichgewicht komme. Er hat gesehen, dass ich nicht frei bin in dem, wie und was ich lebe. Es tat mir gut, dass jemand eine Vision für mich hatte. Er hat mir geholfen, mutiger zu sein, meine Bedürfnisse und Sehnsüchte wahrzunehmen.
Er hat mir an Beispielen von anderen erzählt, die ­­
z. B. ihren Job gekündigt hatten, um etwas zu machen, was ihnen mehr entspricht. Das machte mir Hoffnung, auf eine Spur zu kommen, die ich dann umsetzen kann…

Ihr wart gerade ein Jahr verheiratet?

Nicht ganz – zehn Monate. Der Tod meines Mannes hat mein Leben dermaßen erschüttert und durcheinandergebracht, dass es wie eine Explosion war, und alle Teile einzeln auf die Erde gefallen sind. Diese Teile musste ich zusammensetzen, wobei vieles ­zutage kam, was mich am Leben gehindert hatte, mich begrenzte: Verhaltensweisen, Einstellungen zu bestimmten Fragen, zu Beziehungen, auch in ­meinem Umgang mit Angst, Unsicherheit. 

Das Bild von der Explosion legt die Vorstellung von Zerstörung nahe, gleichzeitig aber auch die Herausforderung, „das, was da in Einzelteilen liegt, wieder zusammenzusetzen“. Wie hast du das gemacht?

Da war zunächst nur noch eine Hälfte von mir übrig und die hatte das Gefühl, mitgestorben zu sein. Ich hatte mich sehr als Ehefrau definiert und mit seinem Tod waren Selbstverständnis, Lebensmodell und Lebensplanung weg. Ich war maßlos enttäuscht von Gott. Die ersten Aufgaben waren also, mit dem Verlust klarzukommen, mit der Trauer, mit der Enttäuschung. Während der Zeit der Krankheit meines Mannes, als mir nichts anderes übrig blieb, als mich völlig auf Gott zu werfen, wurde mein Glauben ­gestärkt, was mich nach dem Tod auch getragen hat. Ich habe viel Hilfe von meiner Gemeinde erfahren durch Gespräche, Gebet und Einladungen. Trotzdem hatte ich große Schwierigkeiten, mit der Trauer klarzukommen. Ich erwartete mehr Trost von Gott und den Menschen.
In einer Rehabilitation ging es dann darum, Schritt für Schritt zu versuchen, wie ich alleine stehen kann, ohne meinen Mann, an den ich mich schon stark angelehnt hatte. Es wurde klar, dass mir viel vom ­sogenannten Urvertrauen und eine „innere Weisheit“ fehlt, die mir sagt, was mir gut tut. Nach und nach zeigte sich auch, dass sich in mir Wut an­gestaut hatte – auf Gott und auch auf meinen Mann, weil er mich verlassen hat.

Hat dir der Zugang zu deiner Wut dann auch dazu verholfen, deinen Gefühlen näherzukommen?

Das würde ich in diesem Stadium noch nicht sagen. Aber ich habe dort eine Christin getroffen, die mir Mut machte, ein Risiko für die Zeit nach der Reha einzugehen. Ich habe zum ersten Mal in einer ­esentlichen Sache einen Sprung ins Wasser und zugleich in Gottes Hände gemacht. Früher musste ich alles schon im Voraus wissen und kalkulieren. Ich habe Gottes Fürsorge in einer Situation gebraucht, in der ich nichts im Griff hatte – und erlebte: Ich konnte mich auf ihn verlassen, wurde nicht enttäuscht. Beim Wiedereinstieg in die Arbeit konnte ich viel Angst und Sicherheitsbedürfnis loslassen. Ich glaube, ich habe gelernt, was wesentlich und was weniger wesentlich ist. Die Sorgen, die ich früher hatte, haben ihr Gewicht verloren. Die Arbeit ist nicht mehr das Beherrschende im Leben, sondern ich sehe, dass sie nur ein Teil des Lebens, wenn auch ein wichtiger ist. Die Krise hatte meine Prioritäten verschoben.

Konntest du diesen anderen Blick auf das, was wirklich wichtig ist im Leben, beibehalten oder hat sich das wieder verloren?

Ich muss sagen, dass sich die Prioritäten in meinem Alltag leider wieder ziemlich zurückverschoben ­haben. Ich muss darum ringen, nicht komplett in das alte Muster zu verfallen, was mir nicht immer ­gelingt. Aber dass ich begonnen habe, mich in Gott zu verwurzeln, das ist geblieben. Ein knappes Jahr nach dem Tod meines Mannes bin ich noch einmal zu Exerzitien gefahren und habe dort die Heilung meiner Beziehung zu Gott erlebt. Denn der tiefe Vertrauensbruch war noch nicht wieder zugeheilt. Es ging darum, Gott meinen Mann und unsere Ehe wieder zurückzugeben, was wie durch ein Wunder in einer Zeit des Gebets möglich wurde. Seitdem war ich wegen des Verlustes nicht mehr böse auf Gott. Ich habe mich dann immer weiter auf Gott zubewegt und versucht, mehr aus ihm heraus zu leben und nicht aus mir, bei ihm die Quelle der Lebenskraft zu suchen und nicht mehr bei Menschen.

Wie geht das, mehr aus Gott leben?

Ich habe mir ein Gebetbuch gekauft und daraus ­jeden Morgen ganz bewusst gebetet. Ich fand dort Texte, die meine Lebenssituation widerspiegelten, mir Mut und Zuversicht gaben und das Gefühl, Gott versteht mich. Außerdem bin ich wieder zur eucharistischen Anbetung gegangen und fast jeden Tag zur Messe.
 
Sehr wichtig wurde mir ein regelmäßiger Gebetskreis. Dort habe ich gelernt, dass es Spaß macht und Kraft gibt, Gott zu loben und zu preisen. Das kannte ich vorher so nicht. Zusätzlich sind auch die Gespräche und die regelmäßige Beichte Wege, auf denen ich Gott stärkend erfahre. Oft spüre ich eine besondere Freude nach der Beichte und neue Freiheit. Das half und hilft mir, neu mit ihm anzufangen, neu zu hören – gibt es doch viele Frustrationen und dadurch auch viel Schuld. Gott bietet mir immer sehr viel an, um mich zu versorgen.

Würdest du sagen: Gott versorgt mich gut?

Wenn ich gerecht bin, muss ich das bejahen. Aber wenn negative Gefühle ins Spiel kommen, fühle ich mich zeitweise unterversorgt. Inzwischen habe ich gemerkt, dass Situationen, die das Gefühl von Unterversorgung auslösen, meistens Situationen sind, durch die Gott mir was zeigen will. Als ich in der Zeit der größten Trauer das Gefühl hatte, nicht genug Trost von Menschen zu bekommen, hat mich das gezwungen, das bei Gott zu suchen. Ich denke, dass Gott mich dahin bringen wollte.

Und hast du bei ihm Trost gefunden?

Mal ja, mal nein. Ich habe vieles nicht, was ich mir wünschte. Aber ich habe bei C.S. Lewis gelesen, dass wir manchmal so voll von Trauer, Wut und Schmerz sind, dass Gott gar keine Chance hat, zu uns durchzudringen.

Würdest du heute sagen, dass du mit Gott ausgesöhnt bist, nicht nur mit dem Tod deines Mannes, sondern mit deinem ganzen Leben?

Hm. Grundsätzlich ja, obwohl es immer wieder ­Zeiten gibt, wo ich vieles nicht verstehe und mich beklage. Aber ich glaube inzwischen, dass Gott es gut mit mir meint. Und ich habe in den letzten Jahren gemerkt, dass Gott an mir arbeitet. Das sagt mir, dass er Interesse an mir hat – was mein Vertrauen ­gestärkt hat. Ich glaube nicht mehr, dass das, was mir schwerfällt, aus bösem Willen geschieht, oder dass er mich vergessen hätte oder einfach unaufmerksam ist. Wenn diese Gedanken wieder auftauchen, versuche ich die Wahrheit, die ich über Gott gelernt habe, wieder wahr sein zu lassen. Manchmal denke ich, das ist wie in einer Beziehung, wo man eine grundsätzliche Liebe zum Partner hat, aber manchmal sauer auf ihn ist.

Wie würdest du deine Einstellung zum Leben heute definieren? Gerade nachdem du deinen Mann ­loslassen musstest?

Ich denke, seit dem Tod meines Mannes erwache ich nach und nach zum wirklichen, lebendigen Leben. Kürzlich dachte ich, dass es für mich auch gut ge­wesen ist, dass er gestorben ist.

Du meinst, sein Tod wurde für dein eigenes Leben fruchtbar?

Ja, ich entdecke, dass das Leben (auch ohne meinen Mann) schön ist. Ich hatte nach dem Tod das Gefühl, völlig entwurzelt zu sein, und jetzt nicht mehr. Ich kann das nur auf Gott zurückführen, dass ich eine viel intensivere und schönere Beziehung zu Gott ­habe. Diese sehr schmerzhaften Erfahrungen haben mein Herz aufgebrochen für ihn – das macht mein Leben lebenswert. Ich bin zuversichtlich, dass Gott mit mir weitergeht – gerade auch in Zeiten der Verzweiflung, die ich nach wie vor erlebe. Ich finde nicht, dass das Leben einfacher geworden ist, aber es ist machbarer, lebbarer geworden. Meine Grundeinstellung ist viel froher, positiver, ich habe mehr Vertrauen ins Leben.

Was du beschreibst, zeigt, dass du begonnen hast, im Leben zu verwurzeln.

Ja, weil ich mir selbst viel näher gekommen bin. Durch die Krisen habe ich Zugang bekommen zu ­etwas, was ich früher nie gesehen oder gespürt habe, ich habe jetzt Kontakt zu mir. Es war ein Weg zurück zu meinem eigentlichen Selbst, wie es Romano Guardini ausdrückt: „Ich soll mich in mein Selbst stellen, wie es ist, und die Aufgabe übernehmen, die mir dadurch in der Welt zugewiesen ist.“

Von

  • Rudolf M. J. Böhm

    Sozialpädagoge, gehört mit seiner Frau Renate zur OJC-Auspflanzung in Greifswald, wo er u.a. als Seelsorger aktiv ist.

    Alle Artikel von Rudolf M. J. Böhm

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