Beziehung wächst in der Familie

Die Heilige Familie - Paradigma für eine wachstümliche Lebensform

Zu Beginn meiner Ausführungen möchte ich Sie fragen: Wenn Sie das Wort Familie hören, was verbinden Sie damit? Nehmen Sie sich doch einen Moment Zeit und notieren sich ein paar Kriterien, die Ihnen spontan einfallen.

Aus meiner Schulzeit ist mir noch die Definition ­bekannt, dass die Familie "die kleinste Zelle der ­Gesellschaft" ist. Übersetzt heißt das:

  • aus der Familie erwächst die Gesellschaft, aber auch
  • so wie es in der Familie läuft, läuft es in der Gesellschaft.

 
Muster und Rollen, die wir als Kinder erlernt haben, werden in neuen Beziehungen weitergelebt und wirken so letztlich in die Gesellschaft hinein. Viele Frauen suchen sich einen Ehemann, der dem eigenen Vater ähnelt und Männer suchen sich eine Ehefrau, die ihrer Mutter ähnelt. Geschiedene Eheleute wählen nicht selten wieder einen Partner, der dem vorangegangenen ähnlich ist. In Teams wählen wir uns Gegenüber, die auf unserer Wellenlinie schwingen. Anderen begegnen wir auf Abstand. Es liegt in uns Menschen, dass wir zuerst immer das Bekannte und Vertraute suchen.
 

Mann, Frau, Kind -
unauflösbare Trias der geschöpflichen Ordnung

Wenn wir nun unsere Gesellschaft ansehen, den ­zunehmenden Werteverfall, die Beziehungslosigkeit, den immer härter geführten Kampf um eine Daseinsberechtigung und das eigene Überleben, können wir leicht zu dem Schluss gelangen: "In der Familie stimmt etwas nicht." Auf der anderen Seite erlebe ich Menschen, die um ihre Familie ringen. Sie verlassen gesellschaftlich übliche Wege und sind sogar bereit auf vieles zu verzichten, um Familie leben zu können.

Ich möchte die Definition "kleinste Zelle der Gesellschaft" durch das Wort "Brutstätte der Gesellschaft" ersetzen und mit Ihnen einen kleinen Streifzug durch einige Abschnitte der Bibel machen, die mir Botschaften vermittelt haben über das, was Familie sein kann.

Laut Lexikon bedeutet Familie: Vater, Mutter, Kind. Gehen wir ganz an den Anfang der Menschheit ­zurück, in die Schöpfungsgeschichte (1Mo 1,27). "Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn und schuf ihn als Mann und Frau..." Gott segnete sie und erteilte ihnen den Auftrag: "Seid fruchtbar und mehret euch". In Kapitel 2 heißt es: "Es ist nicht gut, dass der Mensch alleine sei, ich will ihm ein Gegenüber machen." Als Gegenüber für Adam schuf er Eva (1Mo 2). Das ­Leben als Familie ist Teil des Schöpfungsauftrags an Mann und Frau. Dieser Auftrag geschieht nicht ohne Gott, denn er schließt mit Adam und Eva seinen ­Segensbund. In der Schöpfungsgeschichte werden die Voraussetzungen für die Familie geschaffen, Mann und Frau, das weitere Werden vertraut Gott ihnen an. Er beauftragt uns mit dem Familienleben und zugleich traut er uns diese Aufgabe zu.

In 1Mo 3 finden wir die Voraussetzungen für Familie, die Grundaussage der Gemeinschaftsbildung und Arbeitsteilung: Der Mann wird den Acker bestellen. Der Acker, dieses meint die Lebensgrund­lage, den Broterwerb. Die Frau wird Kinder gebären, dies meint nicht nur den Akt der Geburt, sondern weiter gefasst, die Kinder ins Leben zu begleiten.

Heute gilt diese Aufgabenteilung, die zugleich ­Ergänzung und Zusammenspiel ist, als konservativ. Ich habe jedoch in der eigenen Familie erlebt und in anderen Familien beobachtet, dass diese Lebensform eine Grundlage für Ruhe und Frieden in den Beziehungen ist.

Wir sind seit 13 Jahren verheiratet und seit 7 Jahren arbeite ich nicht mehr außer Haus. Wir erleben diese Lebensform als Geschenk und dürfen spüren, wie schön das ist. Unser Eheleben ist reicher geworden, mein Mann und ich haben in unsere Aufgaben als Mann und Frau gefunden, unser Sohn genießt es, beheimatet zu sein und wir sind geistliche Eltern für andere Menschen geworden.
 

Unterschiedliche Gaben -
unterschiedliche Aufgaben

Die Frau trägt mehr das emotionale Potenzial in sich, der Mann das sachlich strukturierende. Die Mutter begleitet durch den Tag, bereitet vielleicht gemeinsame Mahlzeiten, ist offen für Gespräche und gibt emotionale Zuwendung. Der Vater übernimmt die sachlichen und praktischen Lebensfragen und vermittelt, dem übergeordnet, das Leben und Über­leben, gibt Schutz, Halt und Tragkraft.

Es bedeutet Sicherheit und Geborgenheit, wenn ein Kind in der Familie sein darf, wenn es empfangen wird, einen Ansprechpartner in der Familie hat, bei dem die Fäden zusammenlaufen, der einfach da ist, Liebe, Zuwendung und Zeit investiert.

Ein kleines Beispiel der vergangenen Woche: Unser Sohn bat mich um einen Einkaufsbummel. In einem großen Elektronikmarkt sichtete er lange das ­Angebot. Wieder daheim verschwand er in seinem Zimmer. (Ab da war ich zunächst abgemeldet bei ihm.) Abends begrüßte er meinen Mann und zog ­einen Zettel aus der Tasche, auf dem er eine Com­putervernetzung aufgezeichnet hatte. Ein langer ­Austausch begann...

Im Miteinander wachsen Kinder ganz natürlich in die Familie, in Lebensformen, Wirtschaft oder das Handwerk hinein, das sie schon von Kindesbeinen an kennen. Mit dem Erwerb von Fähigkeiten lernen sie zugleich im direkten Zusammenleben, Mit-­Verantwortung in der Familie oder für das Lebens­system zu übernehmen. Im familiären Zusammenspiel lernt ein Kind, in die seinem Geschlecht entsprechenden Aufgaben hineinzuwachsen und Achtung vor den spezifischen Aufgaben des jeweils ­anderen Geschlechtes zu haben.

Wie überall im Leben mögen auch hier Ausnahmen die Regel bestätigen, schließlich gibt es auch Kindergärtner und Computerspezialistinnen. Nach einer weitgehend vaterlosen Kindheit habe ich es jedoch als wohltuend empfunden, einen Mann zu haben, der mit Freude und Geschick mein Fahrrad repariert und mit Leichtigkeit ein Loch in die Wand bohrt.

Die grundlegenden Potenziale und Aufgaben von Mann und Frau sind auch heute nicht aufgehoben, aber stellen sich anders dar. Sie sind - auch bedingt durch eine lange Geschichte der Abwertung von Frauen - überlagert von Gleichstellungs- und Emanzipationsbestrebungen, die den familiären Kontext vernachlässigen. Eine Familienministerin, die bemängelt, dass Mütter die produktivste Zeit ihres ­Lebens in Kinderzimmern verbringen, sehe ich sehr kritisch in Bezug auf die Keimzelle unserer Gesellschaft.
 

In 1Mo 5 ist das Geschlechterregister von Adam bis Noah aufgeschrieben. Lange fragte ich mich, wozu diese Ausführungen dienen können. Der Hintergrund ist uns klar: vom Sündenfall bis zur Rettung aus der Sintflut. Dieses Geschlechterregister ist ein Stammbaum, in dem der jeweils Erstgeborene genannt wird. Der Erstgeborene, der Stammhalter, hat über die Jahrhunderte besondere Bedeutung. Er erhält die Familie weiter, den Namen, die Abstammung. Der Stammbaum ist ein besonderes Symbol für Beziehungen: Jeder hat seinen Platz, an dem er in Verbindung steht mit seinen Vorfahren und seinen Nachkommen, für die er selbst wiederum der Ur­heber ist. Dieser Platz vermittelt: Ich gehöre dazu. Dazugehören ist die Voraussetzung für Hören. Das Hören fordert zum Antworten heraus, daraus wächst Verantwortung. So entsteht eine Beziehung über ­Generationen, die Tragkraft vermittelt.
 

Kinder sind Erben des Segens

Kürzlich las ich, dass es im vorigen Jahrhundert üblich war, sich an den Festtagen in der guten Stube der Großeltern zu treffen. Wie weit sind wir davon entfernt und wie reißt unser Stolz, die Haltung "ich kann das alleine" diese Beziehungen auseinander. Die Großeltern hatten etwas zu sagen, etwas einzubringen. Ich meine dies nicht im knechtenden Sinne, sondern im Sinne der Weiterführung des Lebens.

Meine Großeltern hatten einen Garten. Gerne erinnere ich mich an die vielen Gläser mit ein­gewecktem Obst und Gemüse, die sie uns nach den Ferien selbstverständlich mit nach Hause gaben. Von manchen Menschen höre ich: Früher kamen die Großeltern in der Erntezeit, um Mohrrüben zu putzen...
 

Seit mehreren Jahren besuche ich eine Frau, die inzwischen pflegebedürftig im Altersheim liegt. Jedes Mal, wenn ich mich verabschiede, schaut sie mich eindringlich an und sagt: "Seien Sie gesegnet auf ­allen Ihren Wegen". Dieser Zuspruch einer so alten und lebenssatten Frau ist mir zu einer tiefen Kostbarkeit geworden.

Heute werden die Stammbäume kürzer. Sie sind oft nur über ein bis zwei Generationen nachzuvoll­ziehen. Nicht jeder hat seinen Platz, sondern dient als Ersatz für andere Plätze, muss Verantwortung ­tragen, die ihm nicht obliegt und in die er nicht ­hineingewachsen ist, z.B. als Partnerersatz.

Das Leben von Kindern, die fortlaufend wechselnde "Väter" haben, erinnert eher an einen abgeschnittenem Baum, der einem Busch gleich ständig neue Triebe hervorbringt, aber keine Tragkraft hat. In unseren Kommunen versuchen wir nun, das Alte wieder zu beleben z.B. in Form von Mehrgenerationenhäusern und Leihgroßeltern. Kinder lernen wieder ein Stückchen, von der vorangegangenen Genera­tion zu leben, wobei jedoch das natürliche Gewachsensein fehlt.
 

Der Erstgeborene hatte im alten Israel auch noch ­eine andere Bedeutung: er ist der Eckstein für die ­Beziehung zu Gott. Der Erstgeborene gehört Gott und wird ihm "als Opfer dargebracht". Das meint, dass der Erstgeborene, der ein Geschenk Gottes ist, in Gottes Verfügung zurückgestellt wird. Einen darauf bezogenen Zuspruch habe ich selbst einmal als große Versöhnung erlebt. In meinem ­Leben ist vieles sehr anders gelaufen, als man es sich üblicherweise vorstellt, und ich habe mir schon die Frage gestellt, ob es in meinem Werdegang überhaupt noch etwas "normales" gibt. Da hat mir ­jemand gesagt: "Andrea, du bist die Erstgeborene und die Erstgeborene gehört Gott". Ich war auf einmal mit all dem "so anderen" versöhnt, weil ich Gottes Wirken dahinter sehen konnte. Ich war mit Hoffnung erfüllt und konnte mich auf den Weg einlassen. Das Bewusstsein für die Erstgeburt kann die Bereitschaft wecken, ganz anders für Gott offen zu sein.

Im weiteren Verlauf des genannten Bibeltextes (in 1Mo 5) ist von Töchtern und Söhnen die Rede. Wir reden nur noch von Kindern, Jungen und Mädchen. "Töchter" und "Söhne" bezeichnen die Beziehung. In einigen nordischen Ländern, z.B. Schweden, finden wir diese Beziehung im Namen verdeutlicht. Der Name "Eriksson" meint Eriks Sohn, der Name Svensson steht für Svens Sohn. Mädchen und Jungen können durch die Annahme als Sohn und Tochter in ihre geschlechtsspezifischen Aufgaben hinein­wachsen und das Zutrauen erwerben, sich den Aufgaben des Lebens auch stellen zu können.
 

Als wir unseren Sohn (damals dreizehnjährig) in unsere Familie aufnahmen, waren mein Mann und ich uns einig, dass wir Bezeichnungen wie "Pflegekind" oder später "Adoptivkind" nicht verwenden möchten. Mein Mann begrüßte ihn abends oft ganz betont mit "guten Abend, mein Sohn". Unser Tobias ist mit Stolz unser Sohn. Eine Präsentation, die er mir zu meinem 40. Geburtstag schenkte, war ein Zeugnis dafür, die Bildunterschriften formulierten immer ­wieder: "dein Sohn".
 

Elternschaft ist
immer auch Stellvertretung

Ich mache jetzt einen großen Sprung zu einer erst­geborenen Tochter, der wir im Neuen Testament begegnen. Maria - so ist es in den Legenden überliefert - war die Erstgeborene der Familie, ihre Eltern Anna und Joachim waren lange kinderlos. Maria wiederum nimmt die Mutterschaft als ein ins Leben bringen, ins Leben begleiten, als Auftrag an (Lk 1,26ff). Wir lesen nichts von einem Kinderwunsch oder einem bevorzugten Geschlecht, sondern nur vom Auftrag der Mutterschaft und ihrer Antwort darauf: "Mir geschehe, wie du gesagt hast". Und wir lesen von der Freude, die dieses Zutrauen Gottes bei ­Maria hervorgebracht hat.

Maria hat in der Bejahung ihres Auftrages ihren Sohn Jesus bereits angenommen, bevor er bereitet war.

Maria hatte ganz offensichtlich eine Gottesbe­ziehung, denn sie konnte Gott hören, sich in Demut ihm hingeben und sich freuen über einen Weg, der gesellschaftlich gesehen weder üblich noch einfach war. Marias Herz jedoch war offen für das Geheimnis, das Gott ihr in diesem Kind anvertraute.

In unseren Kindern vertraut Gott uns ein Geheimnis an. Für uns Eltern gilt es zu entdecken, was Gott in unsere Kinder an Gaben, Möglichkeiten und Grenzen hineingelegt hat.

Über dem Leben von Marias Sohn stand die Verheißung, zu retten aus den Sünden. Auch über unseren Kindern steht die Verheißung, hineinzuwachsen in die Ebenbildlichkeit Gottes. Marias Sohn war der Mutter keinen Dienst "schuldig". Ihre Aufgabe bestand darin, ihn dabei zu begleiten, in seinen Auftrag und die ihm verheißene Aufgabe hineinzuwachsen.
  

In dem ihm verliehenen Namen ist die Verheißung bereits inbegriffen. Durch seinen Namen Jesus = "Jahwe ist Retter" ist er mit Gott, seinen Eltern und seinem Auftrag verbunden.

Das ist bei uns nicht anders. Auch unser Name steht für unsere Person, die besonders und unverwechselbar ist. Er kennzeichnet die Verbindung mit unseren Eltern und Gott, der unsere Eltern dazu ermächtigt hat, uns mit einem Namen zu benennen. Und er ist die Verbindung zu unserem Lebensziel, der Mensch zu werden, den Gott sich erdacht hat.
 

Gott stellt Maria Joseph als Ehemann an die Seite, der als Zimmermann den Broterwerb der Familie ­sichern konnte. Auch er war ein Mann, der in der Gegenwart Gottes lebte, denn in seinen Träumen konnte Gott ihm begegnen. Er konnte sich allen Zweifeln entgegen letztlich von Gott ansprechen ­lassen und seinen Auftrag als Vater erkennen.

Uns werden in Maria und Joseph zwei Menschen gezeigt, die den Auftrag annehmen, den Gott uns in der Schöpfungsgeschichte übertragen hat.

In der Berufung zur Elternschaft von Maria und Joseph können wir erkennen, dass Gott für jedes Kind Eltern vorgesehen hat. Hätte Maria ihren Sohn nicht alleine großziehen können? Gott stellt ihr ­entsprechend seiner Schöpfungsordnung und der ­gesellschaftlichen Erfordernisse einen Partner an die Seite, mit dem sie den Auftrag, Jesus auf dem ihm verheißenen Weg zu begleiten, erfüllen darf.
 

Es ist für mich eine klare Ansage gegen die heute lautwerdende Behauptung "Mein Kind kriege ich auch alleine groß". "Groß" sicherlich, denn wachsen geschieht von alleine. Für mich ist die durch Gott gewirkte Vereinigung Josephs mit Maria eine deutliche Bejahung von gemeinschaftlicher Elternschaft als Grundlage für das Wachsen und Reifen eines Kindes, emotional und das ganz praktische ­Leben betreffend.
 

Elternhaus -
Ort der Geborgenheit und der Ablösung

Aus einigen Kapiteln im Lukasevangelium können wir Kriterien ableiten, die in unserem eigenen ­Familienleben hilfreich sein können.

Nachdem Jesus geboren war, trat Herodes auf den Plan - eine Personifizierung der Bedrohung, die das Leben dieses Kindes überschattete. Diese Gefahr ist auch in unserer Zeit real. Kinder werden durch vielfältige Einflüsse daran gehindert, zu den Personen zu werden, die Gott sich erdacht hat.

Solche Faktoren können sein:

  • Ablehnung
  • frühe Fremdbetreuung
  • ständig wechselnde Bezugspersonen
  • Vereinsamung durch Überlastung der Eltern
  • Krankheit, Scheidung, Tod ...

 
Die "heilige Familie" setzt dem die Wertschätzung für das Kind entgegen: Jesus ist dazu berufen, König zu sein. Jedem neugeborenen Kind haftet etwas ­Königliches, etwas Majestätisches an, und wir Eltern sind gern bereit, ihm und seinem Wohl zu dienen. Maria und Joseph, dienen "ihrem kleinen König", retten Leben und Verheißung ihres Kindes, indem sie dem Auftrag des Engels entsprechend in Eile auf­brechen und fliehen.

Die Familienkonstellation hier ist "das Kindlein und seine Mutter". Mutter und Kind bilden eine Einheit, Joseph als Ehemann und Vater steht beiden gegen­über und schützt sie - damit nimmt er die besondere Verantwortung für das schutzbedürftige Leben von Mutter und Kind wahr. Sie verlassen Bethlehem und gehen nach Ägypten. Die Eltern gehen mit ihrem Kind, sie begleiten ihr Kind, verschicken es nicht, ­geben es nicht in fremde Betreuung.
 

Sie gehen weg von der Verwandtschaft und sind unterwegs in gemeinsamer Sorge um ihr Kind. Ihre Aufmerksamkeit richtet sich nun ganz ungeteilt auf die Zukunft der neu gegründeten Familie. Dieses ungeteilt sein nennen wir heute "individuell". Weil das Kind erlebt, wie sich der eigene Vater individuell seiner ganz eigenen Lebensaufgabe stellt, kann sich auch im Kind das Zutrauen entwickeln, sich als Individuum anzunehmen und zu entfalten. Kinder, die diese Erfahrung beispielsweise durch frühe Betreuung in großen Gruppen entbehren, lernen eher, einem "Führer" zu gehorchen und sich ihm unter Verzicht auf den eigenen Willen unterzuordnen. Wer keine Individualität entwickeln konnte, kann ein Leben lang in der Abhängigkeit von Führerfigur enverhaftet bleiben.
 

Führen wir uns die Flucht vor Augen. Mutter und Kind auf einem Esel - dem Tier der armen Leute. Der kleine Jesus musste unterwegs gehalten werden und wurde durch die Bewegung des Tieres gewiegt. Ihm wurde selbst in dieser extremen Situation etwas zuteil, was vielen Kindern heutzutage verwehrt bleibt: gehalten, getragen und gewiegt zu werden. Menschen, die die Erfahrung des Gehaltenseins gemacht haben, haben Halt. Wem diese Erfahrung versagt geblieben ist, wirkt haltlos. Oder er muss sich selber halten, wodurch er unnatürliche Stärke und Überlegenheit ausstrahlt. Menschen, die getragen worden sind, können sich tragen und durchtragen lassen, ­andere haben das Gefühl, mit allem alleine da zu stehen und fertig werden zu müssen.
 

In Lukas 2,41 begegnen wir dem zwölfjährigen Jesus im Tempel. Die Familie war traditionsgemäß beim Passahfest in Jerusalem. Das heißt für uns, Jesus lebte in Regeln und Traditionen. Traditionen können einengen, aber auch Halt geben. Ein Buchtitel "Halte die Regel und die Regel hält dich" darf uns Ermutigung sein.

Jesus blieb im Tempel. Dieser erste Ablösungs­versuch von den Eltern hin zu einer eigenständigen Gottesbeziehung und zum eigenen Auftrag ist ein Hinweis darauf, dass Jesus Beziehung erfahren hatte. Nur wer Beziehung erfahren hat, kann loslassen. Die Familienkonstellation hat sich verändert, die Eltern stehen ihrem herangewachsenen Sohn gegenüber. 
 

"Und Jesus ging mit ihnen hinab nach Nazareth und war ihnen untertan." Untertan, dies ist kein Zeichen von Abhängigkeit, sondern von Reife. Der bereits ­religiös mündige Sohn ordnete sich ein in die ­Familienordnung, in das Familienwesen und erhielt es zugleich aufrecht. Er übernahm irdische Verantwortung und wuchs in die göttliche Verantwortung hinein.

Wir können nur leben und weitergeben, was wir ­erfahren haben. So strahlen Familienbeziehungen auch in die Gesellschaft hinein und bauen Gutes und Ungutes. Hieraus wächst die Verantwortung, unseren Kindern ganz authentisch Mutter und Vater zu sein und uns von Gott in diese Aufgabe hinein nehmen und zurüsten zu lassen.

Fragen für eigene, weiterführende Überlegungen:

  • Wie habe ich meine Mutter und meinen Vater erlebt?
  • Welches Gesicht hatte der Herodes meiner Kinderzeit?
  • Nehme ich meine Aufgabe, Mutter oder Vater zu sein, gerne an?
  • Was möchte ich meinen Kindern und Enkeln weitergeben?

 
Vortrag beim Grundkurs Seelsorge, November 2009 in Weitenhagen

Von

  • Offensive Junger Christen - OJC e.V.

    ist eine ökumenische Kommunität, die sich offensiv für eine Erneuerung in Kirche und Gesellschaft einsetzt. Wir sind davon überzeugt, dass wirksames Christsein vor allem glaubhaft gelebt werden muss, wenn es andere anstecken soll. Unsere Stärke ist das Miteinander von gemeinsamem Leben, geistig-geistlicher Reflexion und gesellschaftlichem Handeln.

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