Beziehung zu Gott

Das christliche Gebet

von Rudi Böhm
 

Im Jahr 2005 kam ein Film in die Kinos, der in seiner Art völlig einzigartig war: "Die große ­Stille" - eine Dokumentation, in der nicht ge­sprochen wurde. Drei Stunden Stille miterleben in der Grande Chartreuse, dem Mutterkloster des ­legendären Schweigeordens der Karthäuser. Dieser Film hat nicht nur viele Medienpreise gewonnen, sondern auch die Herzen vieler Menschen.

Der Mensch ist von Gott für Gott geschaffen; er ist von der Liebe für die Liebe gemacht. Ein wichtiger Weg zum Herzen Gottes und von Gottes Herz zu uns ist das Gebet. Die Menschen heute sehnen sich nach Stille. Sie suchen Zurückgezogenheit, sie brauchen das Gebet, und doch wissen viele nicht, wie sie es anfangen sollen. Was sollen sie tun? Sie ­machen Kurse, um zu sich selbst zu finden. Ihr Herz ist unruhig, sie spüren, dass das Materielle nicht alles sein kann. Und schon Augustinus hat gesagt, dass unser Herz so lange unruhig ist, bis es ruht in Gott - von dem es kommt und zu dem es geht. "Die große Stille" hat das wieder sichtbar gemacht. Die Menschen wollen beten lernen, sie wollen Gott finden, ihn entdecken... und einigen hat dieser Film wieder ein wenig die Tür zu ihm geöffnet.
 

Auf der anderen Seite denken viele: Beten - das nützt doch sowieso nichts. Ich habe Gott noch nie gehört; er hat mir noch nie geholfen; ich habe andere Dinge zu tun, die wichtiger sind; ich habe ­keine Zeit zum Beten.

Das Wesen unseres christlichen Glaubens liegt nicht in der Summe unserer Glaubensauffassungen oder theologischer Richtigkeiten. Er ist auch nicht die Erfüllung bestimmter geistlicher Pflichtübungen; er erschöpft sich weder im Halten der Gebote noch in der regelmäßigen Wiederholung des Glaubensbekenntnisses. Er ist kein "das-Glaube", sondern ein "du-Glaube". Der christliche Glaube ist die vertrauensvolle Beziehung des Menschen zum Ewigen DU. Dieses Du ist Jesus Christus, dieses Du ist Gott, den wir Vater nennen, dieses Du ist der Heilige Geist - die ewige Dreifaltigkeit, der Ursprung und das Ziel unseres Lebens.
 

Bedingungen für Beziehung

Beziehungen können wachsen, schrumpfen und auch kaputt gehen. Beziehungen können tief und ­intensiv, aber auch oberflächlich und beiläufig sein.
 

Gott wollte Beziehung zu den Menschen - das bezeugt auch die Bibel. Adam und Eva standen in einer vertrauensvollen Beziehung mit ihrem Schöpfer. Gott wählt Abraham aus und spricht ihn an, Abraham antwortet Gott - die beiden stehen in Beziehung zueinander. Gott leitet sein auserwähltes Volk, er erzieht es, er spricht zu ihm, er warnt es, er lobt es, er zieht es an sein Herz, er umwirbt es mit seiner Liebe. Schließlich kommt Gott in der Person seines Sohnes Jesus Christus auf diese Welt, um für uns Menschen begreiflich, anfassbar zu werden.
 

Unser Glaube ist die Beziehung zwischen dem Dreifaltigen Gott und seinen menschlichen Geschöpfen. Damit diese Beziehung gelingen und wachsen kann, braucht es bestimmte Bedingungen. Als Anschauung dienen uns die gleichen Voraussetzungen, die auch für zwischenmenschliche Beziehungen bestimmend sind.
 

Wir brauchen Zeit füreinander. Wo man keine Zeit mehr füreinander hat, ist die Beziehung in Gefahr und droht zu zerbrechen. Man hat Zeit für vieles, für seine Hobbys, für die Arbeit, für sein Ehrenamt..., aber die wichtigste Zeit ist die Zeit, die wir für ­unsere Allernächsten haben - für unseren Ehe­partner, unsere Kinder.
 

Eine weitere Bedingung für eine gute Beziehung ist, dass man miteinander spricht. Solange Menschen miteinander sprechen, ist Austausch da und damit ein In-Beziehung-Sein. Wenn Menschen einander nichts mehr zu sagen haben, ist das ein sicheres ­Anzeichen dafür, dass die Beziehung in die Brüche geht.
 

Beziehung braucht auch Interesse an der anderen Person. Wie geht es dir? Was kann ich für dich tun? Was kann ich zu deinem Wohlbefinden beitragen? Welche Interessen können wir miteinander teilen? Was stärkt unsere Freundschaft?
 

Beziehung braucht Respekt. Ich respektiere dich in deiner Art und ich möchte gerne respektiert werden in meiner Art. 

 

Beziehung braucht Wertschätzung. Ich finde dich gut, auch wo du anders bist, anders handelst. Alle diese Dinge und noch viel mehr fördern die gegenseitige Verbundenheit. Daraus kann eine tiefe innere Freundschaft erwachsen.
 

Dasselbe gilt auch für unsere Beziehung zu Gott. Ich brauche Zeit für ihn, wir brauchen Zeit miteinander. Auf das Argument, keine Zeit zum Beten zu haben, antwortet ein zeitgenössischer Autor, P. Descouvemont, humorvoll, dass noch nie jemand den Hungertod gestorben sei, weil ihm die Zeit zum Essen gefehlt hat. Man findet (oder vielmehr man nimmt sich) immer die Zeit, um das zu tun, was man als ­lebenswichtig betrachtet. Bevor wir sagen, dass wir keine Zeit für das Gebet haben, fragen wir uns besser zuerst, welche Hierarchie der Werte wir haben und was wirklich an erster Stelle steht.
 

Täuschen wir uns nicht: Wenn wir sagen, dass wir an Gott glauben, heißt das noch nicht, dass wir eine lebendige Beziehung zu ihm haben, so wie er sie zu uns haben möchte. Ich kenne Menschen, die das ganze Glaubensbekenntnis unterschreiben, die Zehn Gebote für gültig erklären und für sich in Anspruch nehmen, die Sonntag für Sonntag in die Kirche gehen, aber die von sich selber sagen, dass sie Gott nicht als ein lebendiges Gegenüber wahrnehmen, geschweige denn in den Bezügen ihres Alltags ­konkret erfahren.
 

Reden mit Gott

Gott hat immer Zeit für mich, er ist jederzeit ­ansprechbar. Ich dagegen muss mir diese Zeit für Gott nehmen, um glaubhaft zu machen, dass er in meinem Leben wirklich an erster Stelle steht.
 

Wir müssen miteinander reden! - hieß es vor einigen Jahren auf einem Plakat, das an die Bedeutung des Gebets erinnern wollte. D. h. ich muss mit Gott reden; nicht in Gebeten, die ich routinemäßig herunterleiere und die sich dann als leere Worthülsen im Raum verflüchtigen.
 

Vorformulierte Gebete können durchaus sinnvoll und hilfreich sein. Wenn ich ihren Sinn bewusst nachvollziehe, können sie mir sogar eine große Hilfe sein, um noch besser mit eigenen Worten beten zu lernen und meinen inneren Bewegungen noch tiefer Ausdruck zu geben. Grundsätzlich darf ich mit Gott über alles - wirklich über alles! - und im Detail reden, so wie mir der Schnabel gewachsen ist. Der Herr schätzt aufrichtiges ­Beten bei weitem mehr als vermeintlich richtiges ­Beten. Mit ihm reden, ihm Fragen stellen, ihm meine Absichten und meine Sorgen mitteilen... Wenn auf diese Weise langsam Beziehung zwischen mir und dem Herrn entsteht, ist das sehr erfüllend und be­glückend. Ich finde darin das, was einzig wesentlich ist für mein gesamtes Dasein - die Liebe Gottes, die ganz persönlich mich meint.
 

Hören auf Gott

Meine Beziehung zum Herrn bedarf aber auch meines Interesses an ihm. Für eine tiefere Beziehung mit ihm genügt es nicht, ihm nur mein Herz auszuschütten. Es ist ebenso wichtig, mich für das aufzuschließen, was ihn bewegt; mich zu erkundigen, wie es ihm in dieser und jener Angelegenheit geht, wie er die Dinge sieht und womit ich ihn in diesem Augenblick erfreuen kann. Natürlich sind wir vor dem Herrn bedürftige Menschen, die letztlich nichts zu seinem Glück beitragen können. Doch das Wunder ist, dass Gott sich um meinetwillen meiner bedürftig macht hinsichtlich dessen, was er von mir möchte und was ihn erfreut. Und wie höre ich, was er von mir möchte? Christus hat in der Heiligen Schrift das meiste darüber gesagt. Und er sagt es immer wieder neu zu mir, sooft ich beim Lesen der Heiligen Schrift tief hineinhöre und seine Worte ganz ernst nehme.
 

Hören, Hinhören auf das, was Gott sagt, die eigenen Absichten zurückstellen und auf seinen Willen eingehen... Beziehung setzt die Bereitschaft voraus, den Willen des anderen zu erfüllen. Wenn ich weiß, was für den anderen gut ist, was ihn froh macht, dann soll ich das auch tun. Wer fähig ist zu sprechen: "Dein Wille geschehe", der lernt auch hinzuhören. Indem ich Gott froh machen will, verlasse ich meine Ich-Beschränktheit und trete ein in ein glückliches, menschliches Leben, dass sich mir in Erfüllung seiner Gebote immer mehr erschließt und die Beziehung zu ihm wachsen lässt.
 

Annäherung an Gott

Nehmen wir uns also Zeit zum Gebet, um Gottes Gegenwart erfahren zu können. Nun ist es aber so, dass Gott ein rein geistiges Wesen ist, wir können ihn nicht sehen. Zwar sagt mir mein Verstand, dass er da ist, aber ich vergesse es immer wieder, weil mein Computer, den ich sehen kann, für mich ­gegenwärtiger ist. Die materiellen Dinge nehmen unsere Aufmerksamkeit leichter gefangen als eben Gott das tut, der unsichtbar ist. Deshalb kostet es uns jedes Mal neu Mühe, uns zu Gott aufzumachen. ­Dazu ist es erforderlich, uns entschieden aus der Welt des Materiellen herauszunehmen und uns bewusst hineinzubegeben in eine Welt des Unsichtbaren. Gott ist Geist und die wahren Anbeter beten Gott im Geist (und in der Wahrheit) an (Joh 4, 23-24).
 

Denn auch wir Menschen sind anteilig Geist: Wir denken, wir erkennen, wir führen innerlich ein Gespräch, wir tun, was wir tun sollen, wir treffen Entscheidungen, wir lieben. In uns ist der Ort - unser Gewissen, unser Wille, unsere Vernunft - an dem wir mit Gott sprechen können; dort ist Gott gegenwärtig.
 

Augustinus hat in seinen Bekenntnissen geschrieben, dass er Gott lange Zeit außerhalb von sich gesucht hat. Zuerst hat er die materiellen Dinge befragt. Er hat das Meer befragt: "Bist du Gott?" Das Meer antwortete ihm: "Ich bin nicht Gott, Er hat mich ­gemacht." Er befragte die Berge und die Wälder und die Flure und die Tiere, und alle antworteten immer in der gleichen Weise: "Wir sind nicht Gott, Er hat uns gemacht." Langsam begriff Augustinus, dass er Gott nicht irgendwo außerhalb seiner selbst suchen muss, sondern in seiner Seele, wo Gott seit seiner Taufe gegenwärtig ist. Gott kommt in der Taufe zu uns und er bleibt als geistiges Wesen in unserer ­Seele wirklich da. Und so sollen wir in unserem Geist zu ihm sprechen.
 

Rechnen auf Gott

Wenn wir uns ein wenig beobachten, merken wir, dass wir den ganzen Tag ein inneres Gespräch mit uns selber führen. Manche Leute tun das auch laut. Wir erklären uns die Dinge, die wir wahrnehmen, wir beraten darüber und planen, was wir damit ­machen werden. Gebet ist eigentlich nichts anderes als diese Gedanken Gott mitzuteilen, in unserem Herzen mit ihm darüber zu sprechen. Teresa von Avila sagt über das Gebet: "Beten heißt sprechen mit dem, von dem ich weiß, dass er mich liebt." Ich spreche voll Vertrauen mit dem, der voller Wohl­wollen für mich ist. Zu ihm spreche ich über Dinge, die uns gemeinsam interessieren. Dabei muss ich ihm weder ausgefeilte Satzformulierungen hinhalten noch sonstige Hirnakrobatik betreiben. Gott versteht mich ohne Vorbedingungen, wenn ich einfach und natürlich mit ihm spreche. Ich kann mit ihm reden wie mit einem Freund, ja, er ist mein bester Freund. Theresa von Lisieux sagt: "Für mich ist das Gebet ein Aufschwung des Herzens, ein schlichter Blick zum Himmel, ein Ausruf der Dankbarkeit und Liebe ­inmitten der Prüfungen und inmitten der Freude."
 

Beten heißt, sprachfähig werden

Ich vergleiche das Beten manchmal mit dem Erlernen einer Sprache. Eine Sprache muss man langsam lernen. Ich könnte ein spannendes Buch auf Japanisch vor mir haben, aber weil ich kein Japanisch spreche, würde es mir nichts sagen. Liegt es nun an dem Buch, dass es mir nichts sagt? Es liegt an mir.
 

Liegt es am Gebet, dass wir uns beim Beten oft langweilen und nichts dabei finden, was es für uns wertvoll macht, oder liegt es an uns, die wir die Sprache Gottes nicht gut genug sprechen? Ich denke, letzteres ist der Fall. Wenn wir diese Beziehung zu Gott aufbauen und beständig mit ihm verbunden sein wollen, müssen wir hineinwachsen in die Tiefe dieser Beziehung, in dieses Sprechen mit Gott, dieses Erheben der Seele zu ihm. Wir müssen es langsam lernen, zuerst die Grundlagen der Grammatik, dann die ersten leichten Sätze, und langsam aber sicher können wir die Sprache verstehen und uns darin ausdrücken, dann genießen wir die Kommunikation. Am Anfang unserer Beziehung zu Gott erscheint es ratsam, kleine Gebete auswendig zu lernen. Vor­formulierte Gebete sind eine große Einstiegshilfe. In dem Maß wie wir lernend voranschreiten, drücken wir uns im Gebet zunehmend persönlicher aus.
 

Jeden Tag zu beten, ist nicht immer einfach; manchmal ist Gebet trocken, mühsam und fällt uns schwer. Aber es gilt, trotzdem weiterzumachen, denn nur durch ein beständiges Dranbleiben erlernen wir das, was wir uns im Grunde ersehnen. Geduld, Beständigkeit und Treue im Gebet werden uns zum Erfolg bringen. Ziel ist die freundschaftliche Beziehung zu meinem Schöpfer. Menschen, die beten, sind Menschen, die Gott nahe kommen. Menschen, die Gott nahe sind, sind Menschen, die zu Liebenden werden. Menschen, die ­lieben, sind Menschen, die die Welt verändern.
 

Den Glauben erneuern bedeutet, meinen Geist zu erheben und zu erfrischen mit dem Gedanken: Gott ist da; er ist bei mir. Diese Wirklichkeit seiner ­Gegenwart drücke ich aus in kurzen Gebetssätzen wie z. B.: Mein Gott, ich glaube an dich; ich glaube, dass du mich jetzt siehst; ich glaube, dass du in meinem Herzen wohnst; ich glaube, dass du jetzt zu mir sprechen möchtest; stärke meinen Glauben.
 

Die Glaubenserneuerung dient dazu, leichter aus der materiellen Welt in die geistige zu gelangen. Wenn wir zu Beginn einer jeden Gebetszeit solche Glaubensaussagen vollziehen, werden wir wesentlich tiefer beten.
 

Eine ähnliche Hilfe zur Vertiefung unseres Gebetslebens ist die Erneuerung unserer Liebe zu Gott. Sie trägt dazu bei, dass unser Gebet nicht oberflächlich bleibt, sondern uns von innen heraus mitnimmt und zur Liebe hinführt. Es ist die gleiche Erfahrung, die Ehepartner machen, wenn sie einander sagen, wie lieb sie sich haben. Das liebevolle Wort stiftet Liebe. Ganz unabhängig von unserer seelischen Befindlichkeit schafft eine beherzte Bekundung unserer Liebe zu Gott deren Wirklichkeit in uns: Mein Gott, ich liebe dich, weil du meinetwegen Mensch geworden bist; ich liebe dich, weil du mir im Abendmahl ganz nahe kommst; ich liebe dich, weil du mich glücklich machen möchtest; ich liebe dich, weil du das ­Universum geschaffen hast.
 

Erneuerung aus der Stille

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Stille. Manche Menschen klagen, dass sie nicht beten könnten. ­Sobald es um sie herum still würde, jagten wirre ­Gedanken wild durch ihren Kopf; das mache es ­ihnen unmöglich, sich zu konzentrieren.
 

Unser modernes Leben lässt sich vergleichen mit einem Motor, der ständig auf Hochtouren läuft. Wir tun mehrere Dinge gleichzeitig: E-Mails checken, Radiohören, Fernsehschauen, Zeitung lesen und dann vielleicht auch noch telefonieren. Daneben strömen noch viele andere Dinge auf uns ein, häufig, ohne dass wir sie bewusst wahrnehmen. Unser Seelenfrieden wird von all diesen Einflüssen ­empfindlich gestört. Dem kann nur Abhilfe ge­schaffen werden, wenn wir entschieden dagegen lenken und uns in unserem Dasein bewusst Inseln der Stille schaffen. Es braucht feste Orte und regelmäßige Zeiten der Stille um diese hochgradig Stress erzeugenden Einflüsse zu neutralisieren. Anton Rotzetter, ein weithin bekannter Fachmann für biblisch geprägte Spiritualität, schreibt: "Wenn du Mensch und Christ werden willst, musst du dich trennen von den chaotischen Tendenzen in dir. Als vernunft­begabte Wesen müssen wir uns die Ordnung selbst schaffen: Normen, an die wir uns halten; Riten, die uns davon entlasten, immer spontan sein zu müssen; Gesetze, die Unklarheiten beseitigen; Kanäle, in die unsere Kräfte fließen können... Ich bin überzeugt, dass jeder Mensch sich sein Leben regeln muss. Wichtig ist jedoch, dass wir sehen, dass die Ordnung dem Leben dienen will. Wo sich die Ordnung zum Selbstzweck erhebt, ist sie vom Teufel" (aus: ­Beseeltes Leben, Verlag Herder, Freiburg 2002).
 

Geeignete Orte und regelmäßige Zeiten der Stille im Alltag, ein ruhiger Raum, vielleicht eine Gebetsecke, die ich mir eingerichtet habe, wo ich mir eine Kerze anzünde - all diese Dinge helfen mir, wieder in Beziehung zu mir selbst zu kommen und Gott in ­meiner Seele wahrzunehmen. Zu Beginn des ­Gebetes versuche erst einmal ruhig zu werden. Das kann und darf durchaus einige Minuten dauern. Nach und nach nehme ich die Stille um mich wahr, lasse alle Gefühle, Empfindungen und Gedanken sich auf den Boden meiner Seele absenken. In ihrem empfehlenswerten Buch "Dein Leben ist deine Chance" schreibt die Psychotherapeutin Elisabeth Lukas: "In der Stille sieht man die Dinge klarer. Es ist, als würde man mit einem Trinkglas Wasser aus einem Fluss schöpfen und das Glas auf einen Tisch stellen. Das Wasser ist trüb, voller Schmutzteilchen und Plankton. Doch wenn das Glas eine Weile (still) steht, sinken die trübenden Stoffe allmählich zu ­Boden und die Klarheit des Wassers offenbart sich." (Verlag Neue Stadt, München 2008, S. 44). Das Gebet in der Stille hilft mir, wieder zur Besinnung zu kommen und ich nehme mich wahr als jemand, mit dem Gott befreundet sein möchte.
 

Eine echte, tiefe, gute Beziehung zu Gott ist keine Einbahnstraße, sondern ein dynamischer Austausch der Liebe. In dieser Dynamik spiegelt sich ein echtes Liebesverhältnis, das zum Ausdruck bringt: Wir zwei lieben einander. Liebe entfaltet sich nur in einer ­Haltung des Schenkens und Beschenktwerdens. So wird das Gebet im Herzen eines Menschen zu einem inneren Ort der Gnade, der Liebe ohne ­Einschränkungen und ohne jeden Vorbehalt, wo kein Gegensatz mehr ist zwischen "mein" und "dein", wo das Herz unendlich weit geworden ist.

Von

  • Rudolf M. J. Böhm

    Sozialpädagoge, gehört mit seiner Frau Renate zur OJC-Auspflanzung in Greifswald, wo er u.a. als Seelsorger aktiv ist.

    Alle Artikel von Rudolf M. J. Böhm

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