Aufeinander zu - in Beziehung leben

Wenn in den dunklen Dezembertagen das milde Licht der Adventskerzen aufleuchtet - ein geheimnisvolles Licht in einem geheimnisvollen Dunkel -, dann erweckt es in uns den tröstlichen Gedanken, dass das göttliche Licht, der Heilige Geist, niemals auf­gehört hat, in die Finsternis der gefallenen Welt hineinzuleuchten. Er ist seiner Schöpfung treu geblieben, ungeachtet aller Untreue der Geschöpfe. Und wenn die Finsternis sich nicht von dem himmlischen Licht durchdringen lassen wollte, so fanden sich doch darin immer auch einige empfängliche Stellen, wo es aufleuchten konnte.

Edith Stein, 6. Januar, 1940.

(Verborgenes Leben und Epiphanie)
  

Liebe Mitchristen,

In einer Gesprächsrunde bei einem großen Seelsorgekongress beschwerten sich zwei: "Wir haben extra neue Techniken gelernt, um bei seelsorgerlichen Begegnungen nicht so viel Zeit aufbringen zu müssen. Aber die Ratsuchenden lassen sich einfach nicht darauf ein; die meisten wollen vor allem nur viel ­reden!" Die Enttäuschung stand ihnen ins Gesicht geschrieben. Sie hatten sich vorgestellt, Zeit bei Einzelgesprächen einzusparen, um mehr Zeit für mehr Ratsuchende zu haben. Sie hatten die besten Absichten und zweifellos einiges in das Training von "Hilfsmethoden" investiert, um ihr Hilfsangebot effizienter zu machen...
 

Nichts gegen nützliche Weiterbildung - aber ich möchte in dieser Adventszeit unser Augenmerk auf den Herrn all unserer Zeit lenken. Er nahm sich Zeit, um als Kind auf die Welt zu kommen und den Wachstumsprozess zu durchlaufen, den jeder Mensch durchläuft. Er nahm sich Zeit für die sogenannten "verborgenen Jahre" im Schoß seiner Familie, über die wir kaum etwas wissen und die doch den längsten Teil seiner Erdenzeit ausmachen. ­Waren das angesichts der Not der Menschheit nicht "vergeudete" Jahre? Was machte Jesus nur so lange in dem galiläischen Dorf? "Er wuchs und nahm zu an Alter, Weisheit und Gnade bei Gott und den Menschen", fasst Lukas zusammen. Gewiss erwarb er hier die Menschen- und Weltkenntnis, von der seine Gleichnisse und Reden zeugen. Vor allem aber reifte er zu dem Mann heran, der mit seiner Freude an Begegnung und Beziehung einen mit­reißen kann. Die Evangelien schildern ihn als Dreißigjährigen, dem niemand zu hoch oder zu gering war, der sich keinem vorenthielt, der für Gott und für Menschen Zeit, ein offenes Herz und offene Ohren hatte. Wir dürfen davon ausgehen, dass er diese Beziehungsqualität und -freude in jenen "verborgenen" dreißig Jahren erworben hat. In den "kostbaren" Jahren als Junge, Bauhandwerker und Kleinbauer ließ er sich von Familie und Dorfgemeinschaft prägen und auf seinen Auftrag vorbereiten: auf die unzähligen heilsamen Begegnungen und Werke in den "öffentlichen" Jahren. Brot des Lebens, von dem wir noch heute satt werden!
 

Jesus wuchs auf, umgeben vom Gott seiner Eltern und Vorfahren. "Jahwe" - das ist der Gottesname in den heiligen Schriften Israels, den das jüdische Volk bis heute ehrfürchtig umschreibt. Als "HErr" erscheint er in älteren Lutherbibeln, um seine Besonderheit hervorzuheben. "Ich bin da" ("war da und werde da sein") kommt seiner ursprünglichen Bedeutung am nächsten. Und als "Abba" (= lieber ­Vater) ruft Jesus ihn an. Namen sind nicht bloße Bezeichnungen; in diesem Fall stehen sie gar für ein Gottesbild. Jahwe für Gott, der "Ich bin" sagt und Person ist, Abba für Gott, der die Liebe ist. Zusammengesetzt - Abba-Jahwe - besiegeln sie die "Frohbotschaft über Gott" (Mk 1,14), die Jesus verkündete, wenn er von diesem Abba-Jahwe sprach, wenn er die Menschen lehrte, mit Ihm zu leben und Ihn in eigener Person vorlebte. (nach R. Körner OCD) Als Freund und Bruder nimmt er uns mit hinein in seine Beziehung zum Abba-Gott.

Im aktuellen Brennpunkt Seelsorge findet sich manche Anregung zur Wiederentdeckung und Pflege dieser Beziehung - und all unserer Beziehungen. Ein Impuls zum "Jahr der Stille", das am 1. Advent mit einem Gottesdienst in der Berliner Segenskirche in der Schönhauser Allee eröffnet wurde, macht Lust auf "mehr". Mit den Beiträgen von Andrea Stein, ­Rudi Böhm und Maria Kaißling geben wir Ihnen Einblick in die "Werkstatt" und Tagungsarbeit unseres Seelsorgeteams.
 

Wenn wir in dieser dunklen Jahreszeit Jesu Geburt feiern, wollen wir uns für beides Zeit nehmen: für die Begegnung mit dem Kind, dem verborgenen ­König in der Krippe, und für die Begegnung mit unseren Nächsten, geborgen in der Vaterliebe Gottes.

Mit dem weihnachtlichen Anbetungslied aus der ­orthodoxen Kirche, das uns dem Licht und der Treue Gottes gewiss macht, grüße ich Sie herzlich mit dem gesamten Redaktionsteam
 

Ihre

Maria Kaißling

Von

  • Maria Kaißling

    Religionspädagogin. Sie lebt in der OJC-Auspflanzung in Greifswald und ist vorwiegend als Seelsorgerin tätig.

    Alle Artikel von Maria Kaißling

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