Liebe Deinen Nächsten, denn er ist wie Du

 
von Maria Kaißling
 

In einem Telefoninterview sagte Larry Crabb, der bekannte Psychotherapeut und Verfasser vieler seelsorgerlicher Bücher den bemerkenswerten Satz: Meiner Ansicht nach hängen viele Probleme seelischer Natur damit zusammen, dass wir keine echte Gemeinschaft erleben. Deshalb glaube ich, dass es oft nicht darum geht, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, sondern vielmehr darum, echte Gemeinschaft zu erleben. Gott hat uns als Gemeinschaftswesen erschaffen (aus der Zeitschrift Psychotherapie und Seelsorge, 2009, Nr. 2).

 

Gott hat uns Menschen die Sehnsucht nach Gemeinschaft und die Fähigkeit, als Beziehungswesen zu ­leben, eingepflanzt. Jedem von uns ist dies in die Wiege gelegt worden. Wir wollen hier einige wenige Punkte betrachten, die uns in unserer Beziehungsfähigkeit bestätigen und herausfordern zu weiterem Reifen.
 

"Liebe deinen Nächsten,
denn er ist wie du!"

So übersetzt Martin Buber das sehr bekannte Gebot. Es durchzieht die ganze Bibel. Und immer steht ­dabei die Frage im Vordergrund, wer denn überhaupt "mein Nächster" sei. Jesus selbst schätzt dieses Gebot so wichtig ein, dass er es dem "höchsten Gebot" gleich setzt (siehe Mt 22,39-40).

Die Liebe zu Gott und die Liebe zum Nächsten sind gleichwertig. Das war für die Menschen damals, wie ja auch für uns heute, die große Herausforderung.

Allerdings wissen wir aus der Geschichte, dass Jesus sich selbst auch nicht geschont hat, um diese Gebote in seinem Leben zur Entfaltung zu bringen. Am Ende kostete ihn sein Lieben Ansehen und Leben. Darum ist noch heute das Kreuzessymbol ein Zeichen dafür, dass die Liebe Christi stärker ist als der Tod.
 

Liebe ist in der Bibel eine Kraft, so groß und stark, dass sie im Alten Testament nur mit dem Tod ver­glichen wird. "Stark wie der Tod ist die Liebe. Unwiderstehlich wie das Totenreich ist ihre Leidenschaft" (Hohes Lied 8,6). Eine Kraft also, die, wie der Tod, den Menschen und seine Möglichkeiten weit übersteigt - und ebenso wie der Tod unausweichlich ist.

Auf diese Kraft beruft sich Jesus, wenn er sagt: "Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist - du sollst deinen Nächsten lieben, und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: liebet eure Feinde, und betet für die, die euch verfolgen; damit werdet ihr Kinder eures Vaters im Himmel (Mt 5,43-44).

Die Liebe zu Gott und dem Nächsten beginnt immer damit, dass Gott uns zuerst liebt!
 

In der seelsorgerlichen Begegnung kann es wesentlich sein, an diesem Punkt einmal inne zuhalten und folgenden Fragen Raum zu geben:

  • Wie sieht mich der, der mich liebt?
  • Wer bin ich für ihn? (Für Gott? Für einen anderen Menschen? Für eine Vielzahl von anderen Menschen?)
  • Sehe ich mich auch so?
     

Genauso wichtig ist die umgekehrte Sicht:

  • Wer sind die anderen für mich? (Die Familien­angehörigen, die Freunde, der Bekanntenkreis, die Kollegen?)
  • Wer ist Gott für mich?
     

Das sind Fragen, auf die keiner eine schnelle Antwort hat. So wie diese Fragen uns im Laufe unseres Lebens immer wieder gestellt werden, sie uns in ­unterschiedlichen Situationen begegnen, so formen, verändern, wachsen uns die Antworten zu. Genauso wachsen die Beziehungsfähigkeiten: denn der Mensch, jeder, soll ja wachsen, reifen in der Liebe zu Gott und zum Nächsten. Die Verheißung für die Kinder Gottes geht noch weiter: Ihr sollt vollkommen sein wie euer Vater im Himmel, der seine ­Sonne aufgehen lässt über allen Menschen (d.h. auch: der keinem seine Zuwendung vorenthält). Wir werden vollendet werden, wie unser Vater im Himmel vollendet ist, wenn wir uns ohne Scheu auf diesen Weg der Liebe zum Nächsten machen.
 

Wir sind es noch nicht,
aber wir werden es
oder: Begegnung braucht Zeit

Wer lieben will, braucht immer ein Gegenüber, dem er Gutes tun kann. Zwar können wir uns allem und jedem liebevoll zuwenden - Hunden und Katzen, Pflanzen, Steinen oder Sternen. Doch um das Gebot wirklich zu befolgen, brauchen wir Menschen, ­denen wir Gutes zukommen lassen. Menschen, die uns lieben und Menschen, die wir lieben. Wir ­werden zu Menschen, wenn wir uns voll und ganz aufeinander einlassen.

"Alles wirkliche Leben ist Begegnung" (Buber). Und wo Begegnungen stattfinden, wächst Beziehung und bringt uns in Bewegung. Ständig werden wir inspiriert, uns von uns selbst wegzuwenden und hin­zuwenden zum Andern, der sich wiederum uns ­zuwendet. Leben vollzieht sich in dieser Bewegung vom Ich zum Du, vom Du zum Ich, so wächst Beziehung. Dieses Wachsen wiederum braucht Zeit und Nachdenken. Begegnung und Beziehung haben mit Eile und Effizienz nichts zu tun, es steht dem ­Gesetz "Zeit ist Geld" diametral gegenüber.
 

Der Indienmissionar und Lehrer Friso Melzer er­läutert, was in einer Begegnung eigentlich geschehen kann:

Begegnung ereignet sich so: Du sprichst mich an, ich höre dich, ich antworte dir. Aber ich antworte nicht so, dass ich aus dem Vorrat meiner Begriffe dir einen entgegenhalte, sondern indem ich das, was du sagst, in mich eintreten und in mir wirken lasse. Dann steigt aus meinem Inneren die Antwort auf, die oftmals für beide etwas Neues bringt. Jedenfalls geht aus solch einer Begegnung jeder anders hervor als er vorher war.

Warum Begegnungen so schwierig (und leider auch in der Seelsorge) so selten werden können, darauf deutet unser Zitat ausdrücklich hin: Begegnung braucht Zeit:

  • zum Zuhören und Hinhören,
  • zur Bereitschaft zum Empfangen, was der andere zu sagen und zu geben hat,
  • Zeit, das Gehörte im eigenen Innern zu bewegen und noch einmal,
  • Zeit zum Antworten.
     

Wer die Antworten schnell weiß, vorzeitig also, ist meist auch dem Andern nicht wirklich begegnet.

Dass wir so wenig Zeit aufbringen und "Antworten schnell wissen" ist vielleicht eine Krankheit von uns westlich geprägten Erdbewohnern. Davor warnt uns Prof. Michael Herbst mit seinem Bonmot: Wir haben Antworten auf Fragen, die noch keiner gestellt hat. Die gute Nachricht für uns alle lautet: die Be­ziehungsfähigkeit ist eine Wesensanlage des Menschen von Anfang an. Nur darum kann es das Gebot der Nächstenliebe überhaupt geben. Wir sind auf­einander zugeordnet. In diesem Aufeinanderzu­geordnetsein reiben wir uns und reifen zu liebes­fähigen Menschen.
 

Wahre Liebe zeigt sich

In Dostojewskis Roman Die Brüder Karamasow gibt es eine Szene, in der eine ältere Dame einen Mönch fragt, woher er wisse, dass Gott existiert. Er antwortet, dieses Wissen könne nicht durch Erklärungen oder Argumente erworben werden, sondern nur durch die Übung in "tätiger Liebe ". Daraufhin gesteht sie ihm, dass sie gelegentlich davon träumt, ihr Leben dem Dienst an anderen zu weihen, vielleicht in einem Orden, vielleicht in einem Leben in Armut. Aber dann, so sagt sie, komme ihr der Gedanke, wie undankbar die Armen, denen sie dienen würde, sein könnten. Und Undankbarkeit, so sagt sie, könne sie nicht ertragen. Dann verblasst ihr Traum von einem Leben tätiger Liebe. Der Starez erwidert daraufhin: "Die tatsächlich geübte Liebe ist hart und grausam im Vergleich zu einer Liebe, von der man nur träumt."
 

Liebe gibt es eigentlich nur als Tätigkeitswort. Das Lieben hat auf Dauer wenig mit den schönen ­romantischen Gefühlen zu tun, dafür viel mit nüchternem Tätigsein. Als ich im vergangenen Jahr nach einer Sprunggelenksoperation acht Wochen lang nicht auftreten durfte, hat eine Freundin mich mit viel Nüchternheit "umliebt": sie hat mir die Wunden versorgt, die Füße gewaschen, das Bett gemacht, den Fußboden täglich geputzt, sie ging für mich ein­kaufen und hat gekocht, mich zum Arzt transportiert, meine Ängstlichkeiten mitgetragen, mich aufge­heitert usw... Sie hat die Voraussetzungen geschaffen, dass ich in aller Ruhe gesunden konnte. Für sie war das aber kein Zuckerschlecken.
 

Aus manchen Seelsorgegesprächen kennen wir den Traum: "Ich warte bis der Richtige kommt. Den umgebe ich dann mit meiner ganzen Liebeskraft." Dies ist eine Illusion, denn Liebe lässt sich nicht in Vorratskammern aufstapeln oder speichern. Die Fähigkeit, liebevoll auf andere zugehen zu können, ist in uns angelegt. Sie ist uns mitgegeben, damit wir ­lieben, heute und hier. Niemand muss warten, damit er sich nicht "an die Falschen verausgabt" - und dann quasi für "den Richtigen" nicht mehr genug Liebesenergie hätte. Wir Menschen sind doch anders als Batterien und Akkus! Andere zu lieben, ihnen Gutes zu tun, ist immer richtig. Dazu sind wir auf dieser Erde!
 

Das größte Gebot
oder: Wer gehört zu mir?

Jesus ist gemeinsam mit den Jüngern unterwegs nach Jerusalem. Sie machen Rast in den Dörfern am Weg. Bei dieser Gelegenheit steht wieder einmal ein Gesetzes­lehrer auf "um ihn auf die Probe zu stellen" (Lk 10, 25ff). Jesus verweist ihn auf das Gesetz: "Was liest du dort?" Er antwortet: "Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit aller deiner Kraft und all deinen Gedanken; und deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst." Und dann folgt alsbald die Frage: Und wer ist denn mein Nächster, d.h. für wen bin ich verantwortlich? Noch zur Zeit Jesu war der Nächste im Judentum der nahe Verwandte, der engste Freund, der dörfliche Nachbar; der Kreis, der die Nächsten umschloss, war also ­relativ eng gefasst. Erst allmählich erweiterte sich dieser Kreis auf die eigenen Volksgenossen. Für den Nächsten bestand Fürsorgepflicht. "Wer ist mein Nächster?" heißt: Für wen habe ich die Pflicht zu sorgen? Wer gehört zu mir und zu wem gehöre ich?
 

Jesus antwortet mit einem seiner berühmtesten Gleichnisse, dem vom barmherzigen Samariter.

 

"Ein Mensch ging von Jerusalem hinab nach Jericho... und fiel unter die Räuber... die ließen ihn halbtot ­liegen..." Am Ende stellt er eine Rückfrage: "Was meinst du, wer von den dreien ist der Nächste gewesen dem, der unter die Räuber gefallen war?" Auch wir können nur wie der Gesetzeslehrer antworten: Der Barmherzigkeit tat an ihm!
 

Die beiden, der unter die Räuber Gefallene und der Samariter, waren weder verwandt noch verschwägert, noch befreundet. Sie waren sich wildfremd, sie gehörten sogar unterschiedlichen Völkern und Religionen an. Sie waren keineswegs "Nächste". Das war den Zuhörern damals klar. Umso überraschender wird für sie gewesen sein, dass Jesus den Blick der Zuhörer vom Altbekannten abwendet und die Tatsache um die Nächsten und die Verantwortung für sie neu definiert! Der Fremde wurde dem Überfallenen zum Nächsten, weil er Barmherzigkeit an ihm übte, weil er für ihn sorgte.
 

Ich möchte an dieser Stelle besonders folgenden Sachverhalt hervorheben: Der Samariter wurde zum Nächsten, er war es nicht von Geburt oder Religion an! Aus Wahl-Verwandtschaften setzt sich die Familie im Reich Gottes zusammen. Wir werden einander zu Nächsten. "Hier kommt es zu einer umfassenden Entschränkung unseres begrenzten Begriffs vom Nächsten" schreibt Klaus Bockmühl in seiner Auslegung des Gleichnisses. "Die christliche Nächstenliebe wird notwendig zur Übung der Barmherzigkeit, die überall der Lebenserhaltung dient." Er führt weiter aus, wie die Haltung des Dienens zur liebevollen Zuwendung wird durch fühlende Teilnahme, entschlossenes Handeln und Umsicht im Augenblick und darüber hinaus. Nächstenliebe heißt: aus sich herausgehen und - sich das Bedürfnis des Andern zu Eigen machen. So den zum Nächsten Gewordenen lieben heißt: Verantwortung übernehmen. (K. Bockmühl: Das größte Gebot, TVG, Brunnen Verlag Gießen, 1980)
 

Der Samariter leistet Erste Hilfe und rettet Leben. Wir denken heute vielleicht: das ist doch alles selbstverständlich - doch ist es das wirklich? "Zivilcourage" ist keine angeborene Tugend. Sie ist eine Lebenshaltung zu der man sich entschließt und dann erlernt, was man ­dazu braucht. Im Gleichnis begegnen uns noch zwei weitere Männer. Warum leisten die keine Hilfe? Sie waren doch "Volksgenossen", also natürliche Nächste?
 

Jenseits aller guten theologischen Erklärungen und kultischen Gründe möchte ich es einmal so formulieren: Sie bleiben ganz bei ihrem eigenen: ihrem Stand, ihrer Familie, ihren Aufgaben, ihren Traditionen, eben in den Grenzen des ihnen Bekannten. Wären wir an ihrer Stelle, könnten wir vielleicht noch ergänzen: Sie bleiben auch bei ihren eigenen Vorurteilen und Ängsten. Dieses "nur auf sich und seines sehen" macht blind für die Wirklichkeit um uns und für den andern. Um es zu verdeutlichen, will ich noch einmal ein paar Dinge nennen, die die Liebe zum Nächsten ausbremsen, oder uns erblinden lassen für den anderen:

  • Meine wichtige Arbeit: der andere stört mich nur dabei.
  • Meine Vorurteile und Ängste: Wenn der andere mich überfordert? Wenn er sich dann Rechte herausnimmt, mich ausbeutet?
  • Meine Tradition "Wir tun das nicht!" (die Tradition, die einmal als haltgebender Rahmen gedacht war, ist ­Gefängnis geworden).
     

Hindernisse

Aus der Fülle von möglichen Hindernissen will ich die zwei herausstellen, die uns im Alltag vielleicht am meisten begegnen, das Vergleichen und die ­Vergesslichkeit.
 

Das Vergleichen

In einer kleinen Show wurde der Arzt, Autor und Clown Eckhard von Hirschhausen nach seiner Definition von "Glück" gefragt. Ganz spontan antwortete er: Glück ist, nicht zu vergleichen! Wer sich vergleicht, sieht sich von seiner defizitären Seite - was er nicht hat, nicht kann, nicht ist - natürlich im Unterschied zu den andern, die viel mehr haben, denen es so viel besser geht usw., das ist der neidische Vergleich. Dem zur Seite steht der überhebliche Vergleich, mit dem wir uns ebenfalls um unser Glück bringen: Ich bin so viel besser, begabter, ordentlicher, wohlhabender usw. Das Vergleichen engt unsere Sicht ein. Es vertreibt uns aus der Gemeinschaft derer, mit denen wir uns vergleichen; sei es zu unserem Nachteil oder unserem vermeintlichen Vorteil. Das Vergleichen schwächt uns zusätzlich in unserer Beziehungsfähigkeit, auf die wir aber angewiesen sind, weil wir Menschen von Anfang an auf Ergänzung und Beziehung angelegt sind. Unsere Stärke, auch mit der sind wir von Anfang an ausgestattet, ist das Empfangenkönnen. Unser Glück ist, empfangen zu können!
 

Wie schnell und unpassend wir alle mit dem Vergleichen zur Hand sind, schildert eine kleine Geschichte aus dem Johannesevangelium (Joh 21): "Und was ist mit dem da?" Als Petrus diese Frage mit Blick auf Johannes stellt, ist ihm selbst gerade größte Gnade geschenkt worden: Sein Verrat ist ihm vergeben und er ist gerade neu in sein Amt als Leiter der jungen christlichen Gemeinde eingesetzt worden. Da scheint er keine andere Sorge zu haben, als zu fragen was mit Johannes wird, welche Rolle der spielen wird! Jesus weist ihn knapp und klar zurecht: "Was geht das dich an?" Petrus vergleicht sich mit ­Johannes - bekommt der etwa auch so einen hohen Auftrag? Der Lieblingsjünger! Wird der mir Konkurrent? Kommt der mir in die Quere? Wird der bei den andern nicht doch beliebter sein als ich?
 

Wie menschlich Petrus ist - und vielen von uns so ähnlich! Darum können wir auch Jesu Verweis gut für uns selbst hören, und uns sagen lassen: Was geht es dich an, was Gott dem andern zukommen lässt, auch an Aufgaben zuteilt?

Was hast du empfangen? An Gaben, an Fähigkeiten, Dingen, Mitmenschen? Aufgaben? Beziehungen, in denen du lebst? Der Nächste, er ist wie du, und er braucht wie du Ergänzung, Gemeinschaft, Be­ziehung.

Das Problem, vielleicht sogar der Kern dieses Vergleichens (des neidischen wie auch des überheblichen): Ich kann weder mich noch den andern so annehmen und stehen lassen, wie ich bin, wie er ist.

Hier braucht jeder Mensch Heilung, die Erfahrung, dass jemand ihn annimmt und liebt, vorurteilsfrei und vorbehaltlos. Dass das Wissen, das Gott in Jesus dieser Jemand ist, vom "Kopf ins Herz rutscht" und sich als Gewissheit fest verankert.
 

Die Vergesslichkeit

Wir vergessen so schnell, was uns Gutes gegeben wurde. Wir nehmen die Gaben zu selbstverständlich (gedankenlos), wir übersehen, was Gutes im eigenen Leben geworden ist. Um uns von dieser Hemmung zu heilen, empfiehlt z.B. 5Mo 8: Heute, wenn ihr dieses und jenes erreicht habt, dann zieht Bilanz und besinnt euch: "Was habe ich empfangen? Wofür und wem danke ich?" Der Grund, warum uns das Danken so sehr ans Herz gelegt wird, ist sehr ernst - und seine Missachtung spiegelt sich in unserer Gesellschaft überall wider: Das Nicht-Erinnern führt zur Gottvergessenheit, zur Arroganz den nicht so Erfolgreichen gegenüber und dem Überschätzen der eigenen Möglichkeiten. Vergesslichkeit und Undank­barkeit sind auch Ausdruck der Missachtung unserer Nächsten, deren Gemeinschaft wir ja brauchen und die uns brauchen.
 

Was können wir dagegen tun?

Wöchentliche Zwischenbilanz!

Aus der Praxis der Hauskassenabrechnung habe ich von unserem Gesamtbuchhalter etwas Wichtiges gelernt: Schreibe sowieso alle Kassenbewegungen gleich richtig auf. So vermeidest du eine Zettelwirtschaft. Mache am Ende der Woche eine Zwischenbilanz. Warte nicht bis zum Monatsende. Dann sitzt du vor einem Wust von Zetteln und Belegen und Notizen und das Zuordnen wird dir dann nicht immer gelingen. Kein Mensch kann sich immer an ­alles erinnern, was vier Wochen zuvor passierte. Mache eine Zwischenbilanz, das ist in jedem Fall eine gute Hilfe.
 

Das gilt auch für unser geistliches Leben. Mache ­wenigstens eine wöchentliche Zwischenbilanz: Was habe ich in dieser Woche empfangen (von Gott oder einem Mitmenschen). Wofür kann ich danken? Wie zeige ich meinen Dank?
 

Der Nächste als Schutzengel?

Der Nächste braucht uns. Aber wir brauchen ebenso den Nächsten!

"Der Nächste steht uns in Wahrheit nicht im Wege, sondern er steht am Rande des Abgrunds, als Schutzengel, der uns hindert, aus den Realitäten des ­Lebens hinaus in die Illusionen zu treiben" Paul Schütz (1891-1985). Seit Jahren begleitet dieser Spruch unsere Gemeinschaft. Der Nächste, der in vielen Situationen erst einmal dieser vermeintliche Störenfried ist, der ja wirklich meine Ruhe stört, hindert mich an einem Leben in Illusion - er ist "Schutzengel am ­Abgrund": er hält mich in der Wirklichkeit, in diesen beiden Herausforderungen des Liebens und des ­Dienens: Liebe deinen Nächsten, denn er ist wie du!
 

Wir brauchen die Nächsten - um Menschen zu werden und unser wirkliches Leben zu leben, statt uns mit Leben aus zweiter Hand zu begnügen.

Eine Erfahrungen aus meinem Alltag, in der mir ein Nächster zum "Schutzengel" wurde: Einer meiner engen Freunde erkrankte schwer. Aus Hilflosigkeit unternahm er einen Selbstmordversuch. Das hat auch mich noch einmal sehr stark mit meiner alten Lebensverachtung, die ich schon längst überwunden geglaubt hatte, konfrontiert. Dieser Freund hat mich mit seiner Verzweiflung in Tage hineingebracht, an denen ich nichts Gesundes mehr an mir, meinen Freunden und unseren Beziehungen sehen konnte. Die alte Frage trieb mich wieder um: Bin ich mit dem Glauben nicht doch einer schönen Illusion aufgesessen?
 

An einem dieser dunklen Tage stand im Losungsbuch als Ermutigung und Motto für den Tag: "Wer traurig ist, singe Loblieder". Wie absurd! Und doch - wenn wir uns darauf einlasen, kommt etwas in uns in Bewegung, ein Umdrehen von mir und meinen Klagegedanken weg, hin zum "Himmel" und zu Gott. Dabei erhalten die trauervollen Klagen überhaupt erst einmal eine Richtung. Ich halte Gott mein Leben wie eine mit Jammer und Kleinglauben gefüllte Schale hin. Ich spreche mich aus bei ihm. Er gibt mir alle Zeit, die ich dazu brauche. "Beten ist Hinlenken der denkenden Seele zu Gott" hatte ich bei den Wüstenvätern gelesen. Die Wende zum Loben kommt, aber erst wenn die Zeit reif ist! Denn: Stärker als der Tod ist die Liebe - die Liebe Jesu, die sich noch im Sterben als Zuwendung zeigt! Diese Liebe will ich loben, unter allen Umständen. Wichtig für unsere Praxis ist, dass wir uns Orte schaffen und Zeit dafür nehmen!
 

Beziehungsmuster

Manchen Menschen fällt es leicht, schnell und unkompliziert in Kontakt zu ihnen fremden Menschen zu treten. Anderen wiederum fällt ein erster Schritt schwer und die Begegnung wird zur Herausforderung. Für mich persönlich wurde folgendes zu einem guten "Beziehungsmuster", vor allem, nachdem ich viel mit unterschiedlichsten Menschen zu tun habe.

Zuerst rede ich mit Gott über diesen Menschen. Ich spreche meine Sorgen und Ängste vor einer neuen Beziehung aus, schaue meine Vorbehalte genauer an, trage ihm meine Hoffnungen und Wünsche vor, ebenso auch meine Frage: Was hätte ich in diese Beziehung einzubringen? - und gehe dann beherzt auf diesen "neuen Nächsten" zu!
 

Dabei ist mir die Erfahrung immer wichtiger geworden: Alle Liebe und Wärme, die wir suchen und brauchen, kommt nicht durch den anderen Menschen. Der kann unseren Lebensdurst nicht löschen. Er ist ja genauso bedürftig wie wir selbst. Mir kommt sie von Gott zu. Nur er kann mich (und meine Nächsten) so vorurteilsfrei lieben und das dauerhaft, nur er hält auch allen meinen Schmerz in mir aus - immer. Heißt es doch von ihm: "Wie sich ein Vater über seine Kinder erbarmt, so erbarmt sich der Herr." Er wird uns der Nächste, der Barmherzigkeit übt an uns.
 

Larry Crabb, der zu Beginn zitiert wurde, soll noch einmal zu Wort kommen:

Der von Gott her im Menschen angelegte Kern soll erwachen zum Leben: Du bist nicht nur von Gott gewollt und geliebt. Er hat auch eine Mission für dich! Das bedeutet, er braucht uns, genau in unserer Art, mit unseren Gaben. ­Damit seine Liebe, mit der er uns liebt, in die Welt kommt, zu den Menschen, denen wir Nächste werden!

Von

  • Maria Kaißling

    Religionspädagogin. Sie lebt in der OJC-Auspflanzung in Greifswald und ist vorwiegend als Seelsorgerin tätig.

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