Die Verheißung der Stille

Wenn Gott mich schweigend lieben will: Eine Einführung in das Jahr der Stille

Von Reinhard Deichgräber
 
Nur ein Jahr?

Mit der Adventszeit 2009 sollen und wollen wir ein "Jahr der Stille" beginnen. So jedenfalls regen es ­eine stattliche Reihe christlicher Gemeinschaften, Werke und Verlage an. "Nur ein Jahr?" - so möchte gerade der von der Richtigkeit dieses Anliegens Überzeugte kritisch fragen. Sollen wir, wenn das Jahr der Stille zu Ende ist, wieder in unser gewohntes, lautes, ­lärmiges Leben zurückfallen?
 

Wäre dies der Fall, dann sollten wir mit dem Jahr der Stille gar nicht erst anfangen. Aber vielleicht könnte ein Jahr der Stille so etwas sein wie eine Kur. Was für eine Kur? Eine Kur wofür? Zuerst natürlich für unsere Ohren, für unser Hören. Aber unsere Ohren sind, wie alle unsere Organe, beseelt, und so ist eine Ohrenkur selbstverständlich zugleich eine Seelenkur. Und da unsere Ohren nicht ein isolierter Teil unseres Organismus sind, sondern ein Glied in einem größeren, wunderbaren Ganzen, kommt eine Kur, die sich vorrangig an unsere Ohren richtet, dem ganzen Menschen zugute.
 

Unsere Ohren: Unser heutiger Lebensstil tut diesen herrlichen Gottesgeschöpfen, mit denen uns die Weisheit unseres Schöpfers ausgestattet hat, gar nicht gut. In unserer Umgangssprache gibt es ein Wort, das die Misere treffend zum Ausdruck bringt: "zu­gedröhnt" oder "vollgedröhnt". Natürlich passt dieses Wort vor allem da, wo Menschen ihre Ohren laut dröhnender Musik aussetzen - und das vielleicht nicht nur gelegentlich, sondern häufig, immer wieder, immer mehr. Generell gilt: Unser Leben ist zu laut und unsere Ohren leiden. Eine Kur von zwölf Monaten Dauer ist angeraten, ist dringlichst an­geraten.
 

Stunde der Wahrheit

Der französische Schriftsteller Antoine de Saint-­Exupéry spricht in seinem Buch "Die Stadt in der Wüste" den schönen Vorsatz aus: "Ich möchte eine Hymne auf die Stille singen". Das möchte ich wohl auch gerne, und ich könnte es auch, denn ich hätte viel Stoff für eine solche Hymne: gute Erfahrungen mit Einkehrtagen, Erlebnisse der Stille an Orten und in Landschaften, in die der Lärm noch nicht ein­gedrungen ist, gute Erfahrungen auch mit kürzeren oder längeren Phasen der Stille im Tageslauf, wenn einmal gar nichts los ist. Solche Erwartungen verbinden wir wohl auch mit einem Jahr der Stille, und wir tun es mit Recht.
 

Aber über dem Lob der Stille sollten wir dies andere nicht verschweigen: Jeder, der sich ernstlich auf die Einladung zur Stille einlässt, kommt früher oder ­später - oft sogar schon zu Beginn - an den Punkt, wo er merkt: Stille ist nicht nur schön. Die Kur, von der wir eben gesprochen haben, ist kein reines Vergnügungsprogramm. Ein Jahr der Stille ist nicht so etwas wie ein spirituelles Wellness-Jahr. Stille kann auch unheimlich sein. Sie kann Angst machen. Sie kann bedrückend sein. Manchmal scheint sie einfach leer und langweilig.
 

Und es gibt kaum etwas, was wir Menschen des 21. Jahrhunderts so schwer ertragen können wie Leere und Langeweile. Unzählige Programme leben schlichtweg davon, den Menschen vor den Schrecken der Langeweile zu bewahren. Auch christliche Programme.
Sogar manche Predigten.

Geben wir dem Kind einen Namen: Wer in die ­Stille-Kur geht, wird Entzugserscheinungen erleben. Er wird spüren, wie unser gewohnter Lebensstil uns nicht öffnet, sondern zumacht. Wir sind längst abhängig vom selbst erzeugten Lärm, von unserer elenden (zumal frommen) Geschwätzigkeit und ­Geschäftigkeit. Wir brauchen unseren Lärm und unseren Aktivismus, weil sonst fühlbar werden würde, wer wir in Wahrheit sind. Die stille Stunde ist immer auch die Stunde der Wahrheit. Alles, was wir sonst so gerne verstecken - unsere Schwächen, unsere Versäumnisse, unser Versagen, unsere Ent­täuschungen - alles das drängt in der Stille ans ­Tageslicht. In der Kur werden uns unsere Suchtmittel genommen. Wir werden sehen, wie es uns damit ­gehen wird.
 

Es gibt in unserer Gesellschaft ja nicht nur die ­bekannten starken Drogen. Es gibt nicht nur Alkohol und Heroin oder Kokain, sondern auch die vielen feinen Drogen: musikalische Dauerbeschallung, ­Geschwindigkeitsrausch, Daueraktivitäten auf ­hohem Leistungsniveau. Und noch einiges mehr.
 

Sich schweigend lieben lassen

Manchen möchte der Mut verlassen, wenn er von Entzugserscheinungen hört. Halte ich das aus? Will ich das aushalten? Kann ich Leere und Langeweile ertragen? Kann ich es aushalten, wenn Gott mich schweigend lieben will?

Der Glaube macht sich nichts vor. Er weiß um die eigene Schwäche. Er sieht und fühlt die Angst vor möglichen Entzugserscheinungen. Aber er läuft nicht weg, er flieht nicht, er weicht nicht aus zurück in Geschwätzigkeit und Geschäftigkeit, sondern geht - mutig und zitternd zugleich - in die heilsame Kur. Er stellt sich ihren Anforderungen, er wagt es mit der Stille, weil er es satt ist, von Dingen zu leben, die nur ein elender Ersatz für das Eigentliche, das Echte sind. Und Drogen jedweder Art sind nun einmal nichts anderes als ein schmählicher Ersatz für eigentlich Gemeintes, Besseres. Glaube weiß und hofft: Am Ende einer vielleicht langen, dunklen Weg­strecke wartet das Leben auf mich, herrliches, echtes, wahres Leben, Leben in Fülle, Freude in Fülle, ­tausendmal besser als der prickelndste Lebensersatz.
 

Das ist die Verheißung der Stille. Im Glauben an diese Verheißung können wir uns auf den Weg machen, auf den Weg in die Stille. Eine Kur ist notwendigerweise eine begrenzte Zeit. Aber wer sich auf die Kur ernstlich eingelassen hat, wird als verwandelter Mensch in seinen Alltag zurückkehren: ein wenig gesünder, kräftiger, klüger, vorsichtiger, rücksichtsvoller, einfühlsamer, oder - mit einem Wort - zufriedener. Ihn erfüllt der Friede, der höher ist als alle Vernunft, der unser Vorstellungsvermögen allemal übersteigt. Dass wir mit dem Jahr der Stille solche Erfahrungen machen, ist mein herzlicher Wunsch für alle, die bei dieser guten Sache mitmachen.
 

Sie können auch Ihre Erfahrungen mit der Stille ins Internet-Forum stellen. Schauen Sie mal rein unter www.jahrderstille.de.

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