Ermutigung für Entmutigte

Von Gott getröstet zum Tröster für andere werden

 
von Rudi Böhm
 

Nach der Auferstehung erscheint Jesus den Jüngern vierzig Tage lang. Erst jetzt können sie begreifen, was er in den drei Jahren ihrer Wanderschaft geredet und getan hatte. Jesus stellt seine Jünger auf eine getröstete Zukunft ein: Er verheißt ihnen den Geist, der alles vollenden wird: "Einen anderen Beistand werde ich euch schenken, den Heiligen Geist..."
 

Von Martin Luther wird der Heilige Geist mit "Tröster" (Parakletos) übersetzt. Heute gebraucht man das Wort Trost vielfach im Hinblick auf Traurigkeit, Trauer. Zu Luthers Zeit hatte das Wort einen weiterreichenden Sinn: es bedeutete Ermutigung für Entmutigte. Der Heilige Geist wird "Beistand", "Anwalt", "Verteidiger", "Vermittler" und "Fürsprecher" genannt. Das altgriechische Verb bedeutet "herbeirufen". Der Paraklet ist also der Herbeigerufene, der von Gott herkommt, den Jesus Christus seinen Jüngern sendet, um sie zu ermutigen, für sie zu sprechen, um sie zum Ziel zu bringen. Es ist der Heilige Geist, der die Menschen mit Gott verbindet, sie zur Erkenntnis Gottes und des Erlösungswerkes in Jesus Christus, zu reuiger Selbsterkenntnis und zur Hoffnung führt (vgl. Joh 14-17).
 

An Pfingsten öffnet sich der Himmel

Bei seiner Himmelfahrt gab Jesus der kleinen Gruppe seiner Jünger den Auftrag: "Geht hinaus in die ganze Welt und macht alle Menschen zu meinen Jüngern..." (Mt 28,19). Es schien unvorstellbar, dass dieser kleine Haufen innerhalb weniger Jahrhunderte auf der ganzen Welt verbreitet sein sollte; heute ist das Christentum die größte Religion der Erde. Gott selbst wirkt mächtig in seiner Kirche! Diese Macht des Wirkens Gottes ist der Heilige Geist. Durch den Geist wirkt er selbst in den Herzen der Getauften weiter: "Fürchtet euch nicht, ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt!"
 

Am Pfingsttag öffnet sich der Himmel. Der Heilige Geist wird mächtig ausgegossen, damit die Seinen die Sendung Jesu bis in den letzten Winkel der Erde tragen können. Was die ersten Apo­stel taten ist auch heute noch immer unsere Aufgabe: Christus anderen zu brin­gen gehört zur Sendung eines jeden Christen. Jeder von uns kann das an dem Ort, wo er lebt und in dem, was er tut. Wo Menschen in ihrem gewöhnlichen Alltag durch ihr Leben Christus gegenwärtig machen, setzt sich Gottes Wirken fort. Da, wo Alltag, Arbeit und Beziehungen eines Menschen von der Liebe zu Christus durchdrungen sind, werden andere von der Freude angesteckt.
 

Durch den Heiligen Geist ist die Liebe Gottes in unsere Herzen ausgegos­sen (vgl. Röm 5,5), sowohl die Liebe, mit der wir von Gott geliebt werden, als auch die Liebe, die uns fähig macht, Gott und den Nächsten zu lieben. Auf die Tröstung bezogen sagt uns dieses Wort des Apostels, dass der Paraklet uns nicht nur tröstet, sondern uns drängt und befähig, andere zu trösten. Es ist also nötig, dass wir selbst Parakleten werden! Wenn es wahr ist, dass der Christ ein anderer Christus sein muss, dann ist es ebenso wahr, dass er ein "anderer Paraklet" sein muss. Paulus schreibt selbst: "Gepriesen sei der Gott und Vater Jesu Christi, unseres Herrn, der Vater des Erbar­mens und der Gott allen Trostes. Er tröstet uns in all unserer Not, damit auch wir die Kraft haben, alle zu trösten, die in Not sind, durch den Trost, mit dem auch wir von Gott getröstet werden" (2 Kor 1,3-4). Der Trost kommt von Gott, dem "Vater allen Trostes" zu dem, der in Not ist. Aber er bleibt nicht bei ihm stehen; sein Ziel ist erst erreicht, wenn derjenige, der den Trost erfahren hat, sich seiner bedient, um seinerseits andere zu trösten.
 

Echter Trost kommt aus der Schrift

Aber wie trösten? Das ist das Wichtige: Wir können mit demselben Trost trösten, mit dem wir von Gott getröstet worden sind; durch einen göttlichen Trost, nicht durch einen menschlichen. Echter Trost kommt aus der Schrift und ist fähig, die Hoffnung lebendig zu halten (vgl. Röm 15,4). So sind die Wunder zu erklären, die ein einfaches Wort oder eine Geste an einem Krankenbett bewirken können, die aus einer Gebets­atmosphäre entspringen. Gott ist es, der durch uns tröstet. Dafür gab es in meinem Leben ein Schlüsselerlebnis.
 

Im Herbst 1985 wurde ich bei einem Seelsorgeseminar der OJC während eines Vortrags von Horst-Klaus Hofmann, dem Gründer und damaligen Leiter dieser Gemeinschaft, tief angesprochen. Er sagte: "Unser Leben steht zu Gott in einer unbedingten Abhängigkeit. Daher darf die Verbindung zu ihm nicht einen Wackelkontakt haben, sondern beruht auf einer einmal eingegangenen und danach täglich neu gelebten Beziehung zu Jesus Christus." Am Beispiel des "Weinstock-Reben-Verhältnisses" in Johannes 15 ­wickelte er das weiter aus: "Die organische, personhafte Beziehung zu Jesus Christus ist grundlegend für die Ausübung von Seelsorge. Wenn wir uns in Methodenlehren verrennen, kommen wir mit unserem Auftrag nicht durch. Jede Berufung beginnt mit einer großmütigen Hingabe an Jesus Christus." Beim Umsetzen seiner Worte machte ich kurz darauf eine Erfahrung, die mein persönliches wie auch mein berufliches Leben grundlegend veränderte.

Ich war schon lange Christ und mit dieser Bibelstelle vertraut, aber in dieser Ansprache erfuhr ich eine Art Wiederbelebung meiner Sehnsucht nach echtem Leben aus dem Glauben. Ich fand mich wieder zu Christus hingezogen. Diese Worte weckten das tiefe Verlangen in mir, selber in einer so unmittelbaren Verbindung mit Jesus zu leben, dass sein Leben auch durch mich hindurchfließen und Frucht bringen kann. Es war eine wohltuende tröstliche Vorstellung, dass ich das nicht aus mir selbst heraus schaffen muss sondern eingeladen bin, mich ganz auf Gott zu verlassen.
 

Damals arbeitete ich in einer staatlichen Beratungsstelle und wünschte mir zutiefst, dass diese geistliche Dimension auch bei meiner Beratungsarbeit zum Tragen käme. Vom Seminar zurückgekehrt betete ich am ersten Morgen der neuen Arbeitswoche in meiner Stille: "Herr Jesus, mein Leben soll wirklich ganz dir gehören. Gestalte es nach deinem Willen und mach aus mir ein brauchbares Werkzeug deiner Liebe. Schenk mir alles dazu Nötige, um anderen deine Liebe weitergeben zu können. Dazu stelle ich mich dir ganz zur Verfügung." Danach fuhr ich wie gewohnt zur Arbeit und hatte gleich ein erstes Beratungsgespräch.
 

Trost statt einer Abtreibung

Eine verheiratete Frau, die bereits zwei Schwangerschaftsabbrüche hinter sich hatte und unter Depressionen litt, war erneut schwanger geworden. Sie war völlig verzweifelt. Ein weiteres Kind bedeutete, wieder aus ihrem Beruf aussteigen zu müssen, was wegen der hohen finanziellen Verpflichtungen nicht möglich schien. Gleichzeitig waren da Eheschwierigkeiten, Groll und Bitterkeit ihrem Ehemann gegenüber, von dem sie sich im Stich gelassen fühlte. Seit über zwei Jahren war sie in psychotherapeutischer Behandlung, ohne - ihrem Eindruck nach - wesentlich weitergekommen zu sein. Danach hatte sie ihr Glück in einem Esoterikzirkel versucht, den ihr Mann ihr jedoch kürzlich verboten hatte, da sie sich immer mehr von ihm entfernte. Sie saß wie ein Häufchen Elend mir gegenüber und ich fühlte mich ganz hilflos. Im folgenden Gespräch fragte ich sie: "Denken Sie, dass Sie bei den bestehenden Belastungen einen erneuten Abbruch verkraften werden?"
 

Ihre Antwort: " Das weiß ich nicht, aber was soll ich denn anderes machen? Wir können uns das Kind nicht leisten, aber ich kann das auch nicht verkraften, was da auf mich zukommt." Darauf antwortete ich der Frau, was ganz sicher nicht meiner Beratungskompetenz zuzurechnen war, sondern offensichtlich eine andere Ursache hatte: "Ich glaube, Sie brauchen keine erneute Abtreibung, sondern einfach Trost!" Dieser Satz traf sie mitten ins Herz. Sie brach in ein schmerzerfülltes und lautes Weinen aus, was mir recht peinlich war, wenn ich an die Kollegen und Kolleginnen in den Nachbarzimmern dachte. Um sie zu beschwichtigen sagte ich - wieder ohne zu überlegen: "Wissen Sie was? Gehen Sie jetzt nach Hause und denken in aller Ruhe über ein Angebot nach, das ich Ihnen jetzt machen werde: Wenn Sie sich entschließen, Ihr Kind auszutragen, werde ich Ihnen während der ganzen Zeit der Schwangerschaft zur Verfügung stehen und Sie unterstützen, so gut es geht. Sie sind also nicht allein und ich bin sicher, dass sich Wege finden lassen, um aus Ihrer Notlage auch ohne Abtreibung herauszukommen. Wenn Sie auf mein Angebot zurückkommen möchten, rufen Sie mich wieder an."
 

Die Frau beruhigte sich, stand auf und ging nach einem kurzen Abschied davon. Nach zwei Stunden rief sie wieder an und fragte mich, ob ich denn das Angebot ernstgemeint hätte. Natürlich blieb ich dabei und an dieser Stelle wurde mir klar, dass nicht ich, sondern der Heilige Geist das vorausgegangene Gespräch geführt hatte. Das tröstete mich, denn ich wusste, dass ich mich mit meinem Versprechen von meinen menschlichen Möglichkeiten her übernommen hatte, und jetzt erst recht auf den "‚Beistand und Helfer" angewiesen sein würde. Natürlich war der Weg streckenweise mühsam und musste durch kritische Anfragen, Nichtverstehen und auch durch meine eigenen Ungeklärtheiten und Zweifel hindurch. Doch der Heilige Geist, der den Anfang gemacht hatte, ging jeden Schritt mit. Ein halbes Jahr später hat diese Frau ihr Leben Jesus anvertraut und kurz darauf ein gesundes Mädchen entbunden, über das sich schließlich die ganze Familie freute.
 

Tröster nach dem Bild des Paraklet

Der Heilige Geist braucht uns, um Paraklet zu sein. Er will trösten, verteidigen, ermahnen. Um seinem Trost Gestalt zu verleihen, bedient er sich unserer Hände, unserer Augen, unseres Mundes. Wie die Seele durch die Glieder unseres Körpers handelt, sich bewegt, lächelt, so tut es der Heilige Geist mit den Gliedern "seines" Leibes, der wir sind. "Tröstet euch gegenseitig", empfiehlt Paulus den ersten Christen (vgl. 1 Thess 5,11), und wörtlich übersetzt bedeutet das Verb: "Macht euch füreinander zu Parakleten." Wie das geschehen kann, sagte Kardinal John Henry Newman (1801-1890) einmal in einer Rede: "Durch unser eigenes Leid, durch unseren eigenen Schmerz, mehr noch durch unsere eigenen Sünden belehrt, wird unser Sinn und unser Herz vorbereitet zu jeglichem Werk der Liebe denen gegen­über, die es nötig haben. Je nach unse­rer Fähigkeit werden wir Tröster nach dem Bild des Parakleten sein, und zwar in sämtlichen Bedeutungen dieses Wortes: Anwälte, Helfer, Trostbringer. Unsere Wor­te und unsere Ratschläge, unsere Art des Handelns, unsere Stimme, unser Blick, alles wird freundlich und beruhigend sein."1
 

Die Erfahrung, dass Gott Person ist und dass er mich kennt, ist furchteinflößend und überwältigend. Nach jenem Schlüsselerlebnis wusste ich, dass er auf mich einwirken und mir helfen konnte. Ich begann zu erkennen, wie wenig ich von ihm wusste und wie wenig ich eigentlich an ihn glaubte. Bis dahin hatte ich mich auf meinen Willen und auf meine Pläne verlassen. Nun hatte ich die Gewissheit, dass er sich meiner bedient, wenn ich mich ihm ganz anvertraue. In seinen bewegenden "Bekenntnissen" schreibt Augusti­nus: "Spät habe ich dich geliebt. Und siehe, drinnen warst du und ich draußen." Diese Erkenntnis stellte sich nach vielen Jahren meines Christseins als eine Überraschung ein. Ich weiß nicht, warum auch ich zu dieser Erfahrung kam - wir nennen sie Gnade, ein Geschenk -, aber eines weiß ich mit völliger Sicherheit: die Freude war ohne­gleichen. Nachdem ich von dieser Freude gekostet hatte, konnte mich nichts anderes mehr zufriedenstellen. Es ist ohne Zweifel die tiefste und wirklichste Freude, die ein Mensch erleben kann.
 

Das größte Geschenk meines Lebens...

Von da an sehnte ich mich danach, dass mein ganzes Leben ein vollkommen christliches sein müsse. Dass Gott in einer persönlichen Bezie­hung zu mir steht, hatte eine Flamme entzündet und meinem Leben eine neue Zielrichtung gegeben: Wie bringe ich das "private" christliche und mein alltägliches Leben zu einer größeren Einheit zusammen? "Ein halber Christ ist ein ganzer Mist", hatte ich im Seelsorgekurs gelernt. Demnach gibt es nur ein ganzes christliches Leben - oder keines. Ich suchte einen Weg, um die Kluft zwischen dem Leben als Christ und meinem übrigen Leben zu über­brücken. Alles in der Welt kann mit Christus erfüllt werden. Das taten die ersten Apo­stel und das ist auch heute noch unsere Aufgabe. Unsere Berufung ist es, die Welt von innen heraus christlich zu machen. An Gelegenheiten fehlt es nicht. Ohne mein Zutun eröffneten sich mir viele Möglichkeiten, an die ich zuvor weder selbst gedacht, noch mir zugetraut hätte. Jedes Mal waren sie mit einem Schrecken verbunden und ich fragte mich jeweils, was Gott in all dem mit mir vorhat. Was ich da tun sollte, erschien mir viel zu groß. Doch alle Bedenken wurden immer wieder mit dem Zuspruch entkräftet, dass Gott uns führt und all die Gnade gibt, die für die Ausführung nötig ist. In solchem Vertrauen fand ich immer wieder die Freiheit, Ja zu sagen, schließlich wollte ich ihm ganz zur Verfügung stehen. Diese erste Zeit sollte jedoch nur eine Vorbereitung sein auf eine noch weitergehende Berufung, in der all das eingeübt wurde, was anschließend gefragt war.
 

Nach vier Jahren erhielten meine Frau und ich von der OJC die Anfrage, in der Gemeinschaft mitzuarbeiten. Es war uns auf Anhieb klar, dass das unser Weg ist. Von verschiedenen Seiten (Eltern, Verwandten, Freunden, Kollegen, ) wurde ich immer wieder gefragt: Was ist denn in dich gefahren? Warum gibst du deine sichere und gut bezahlte Position auf, um in einem unsicheren Spendenwerk auf Taschengeldbasis zu leben? Ich weiß nicht mehr genau, was ich darauf geantwortet habe. Ich erlebte nur immer wieder, dass ich in meiner Arbeit apostolisch aktiv sein konnte, meine Liebe zu Christus meine Arbeit und meine Begegnungen mit anderen durchdrang. Ich spürte ein tiefes Glück, wenn dies der Fall war. Christus anderen zu brin­gen wurde zur einzig lohnenden Beschäftigung für mich. Es war mir einfach nicht mehr möglich, auf dem alten Weg weiterzugehen.
 

... die wirkliche Liebe Gottes

In dieser Zeit notierte ich in meinem Stille-Zeit-Buch: "Ich weiß jetzt, dass ich in meinem Leben nichts anderes brauche außer der Liebe Gottes, denn in seiner Liebe wird mir alles gegeben, was ich brauche. Ich fühle seine Liebe so stark in mir, und wenn ich sie fühle, verlangt mich nach mehr. Sie gibt mir ein Gefühl der Ganzheit, das ich gegen nichts anderes eintauschen möchte. Wenn ich sie fühle, will ich einfach zu Gott rufen, dass ich ihn liebe. Ich will ihm einfach gefallen in allem, was ich tue. Ich will ihm einfach dienen, in dem ich andere zu seiner Liebe bringe. Das ist der Sinn des Lebens für mich. Ich weiß und glaube es, und ich will es leben. Für mich ist dies das größte Geschenk des Lebens, und ich will jetzt anderen helfen, dieses Geschenk auch zu finden..."

Wenn der Trost, den wir vom Geist erhalten, nicht von uns auf andere über­geht, wenn wir ihn egoistisch für uns allein behalten wollen, verdirbt er schnell. In einem Psalm, den die Evangelisten wiederholt auf den leidenden Christus bezogen haben, lesen wir: "Umsonst habe ich auf Mitleid gewartet, auf einen Tröster, doch ich habe keinen gefunden" (Ps 69,21).

Wer diese Liebe in sich trägt, der möchte sie zu anderen bringen. So erfahren wir in einem Gebet, das Franz von Assisi zuge­schrieben wird: "Möge ich trachten, nicht dass ich getröstet werde, sondern dass ich tröste; nicht dass ich verstanden werde, sondern dass ich verstehe, nicht dass ich geliebt werde, sondern dass ich liebe..." Der Paraklet wird "Vater der Armen" genannt. Niemals ist man so sicher, Paraklet zu sein, wie wenn man sich über den Armen, den Niedrigen und den Betrübten beugt; wenn der Trost unentgeltlich ist.
 

... wurde auch wieder zum Alltag

In der Folgezeit las ich viel über Selbsthingabe und Selbstvergessenheit. Doch vieles davon blieben nur Worte für mich. Ich litt zunehmend an mir selber, an meinen eigenen Ansprüchen: Wieviel schöner wäre es, wenn ich mein Ich beherrschen könnte - ohne Verlangen, Unge­duld, ohne dieses Gefühl der Einsamkeit. Alles, was geworden war, war mir noch zu wenig. Ich wollte mehr. Seit mehr als 15 Jahren war ich nun auf diesem neuen Weg, und manchmal kam ich mir vor, als ginge ich rückwärts statt vorwärts. Warum konnte ich nicht den geistigen Frieden erlangen, den ich wollte? Warum machte ich immer wie­der dieselben dummen Fehler?

Ich sehnte mich nach Selbsthingabe, nach einem Raum, wo ich mein Christsein ungestört und vollkommen leben konnte. Doch Gott hatte mich hierher gestellt und hier ging es ziemlich alltäglich zu: wenn ich mich auf langen Sitzungen herumquälte, dazwischen in meiner Familie lästige Auseinandersetzungen mit meinen Kindern führen musste und von Geschwistern umgeben war, die mich nicht verstanden. Ich schwankte hin und her zwischen den Versuchen, ein vollkommen christliches Leben zu leben. Dabei kam es mir oft so vor, als sei dieser Friede nur in geistlichen Momenten, in meiner Stillen Zeit und im Gottesdienst zu finden, und in demselben Augenblick, in dem ich diese Orte verließ, wieder die Welt mit all ihren Anforderungen auf mich eindrang und diesen Frieden störte. Es gab lange Phasen der Unzufrie­denheit und des Überdrusses, in denen ich glaubte, ich könne an diesem Ort kein echter Zeuge Christi sein. Doch dann ließ Gott mich wieder seine Gegenwart spüren, und ich war für eine kurze Weile voller Freude.
 

Gott ist der größte Pädagoge

Allmählich sah ich meine Schwächen immer klarer und auch, warum man Gott entweder inmitten der Welt findet oder gar nicht. Zu dieser Zeit erkannte ich, dass auch ich in meinem Leben ein Kreuz zu tragen hatte. Ich wollte ihm entkommen und dachte, woanders kann ich mein Christsein sicher leichter leben. Auf meiner Suche nach Vollkommenheit hatte ich in der Zwischenzeit die Kirche meiner Taufe wiederentdeckt und schätzen- und liebengelernt. Daraus entstand für mich die Frage: Warum soll ich weiterhin in dieser Gemeinschaft mit all den verschiedenen Glaubensprägungen ihrer einzelnen Mitglieder zubringen? Je mehr dieses Kreuz in meinem Leben fühlbar wurde, desto mehr rebellierte ich dagegen, klagte und weigerte mich, es zu akzeptieren. ‚Ich will mein Glück in einem geistlich homogenen Umfeld’, sagte ich mir. Gleichzeitig erkannte ich aber, dass dies der Zaun war, über den ich springen musste: hier und jetzt auf Gottes Gegenwart zu ver­trauen und nicht auf Vergangenes oder Zukünftiges, nicht auf ein beschaulich friedvolles Leben oder auf die noch bessere Kirche. Wenn ich nicht glauben konnte, dass er hier - an diesem Ort und unter diesen Umständen - bei mir war und mich genau da haben wollte, wo ich war, dann konnte es nichts anderes geben als Welt­flucht.

Ich war streckenweise so selbstzufrieden, dass ich Gott und die anderen kaum brauchte. Ich brauchte ihn ei­gentlich nur dann, wenn ich wieder mal mit dem Kopf gegen die Wand gerannt war - was regelmäßig geschah; wenn ich wie­der meinen eigenen Wünschen und Launen soweit gefolgt war und an die Begrenztheiten meiner eigenen Situation stieß; wenn ich Unerreichbares wollte und merkte, dass ich es auf meine Weise nicht erreichen konnte. Dann kehrte ich zu Gott zurück, weil ich selbst nicht in der Lage war, meiner inneren Zerrissenheit zu entkommen.
 

Im Augenblick des Alltags...

Wieder zeigt sich im Rückblick: Gott ist der größte Pädagoge. Erst als ich in eine Situation geraten war, aus der ich selbst nicht mehr herausfand, habe ich ihn gebraucht. In einer solchen trostlosen Situation fand ich einmal in einer Kirche eine Betrachtung über die ‚freudenreichen Geheimnisse’. Da hieß es: "Als Gott Maria durch den Engel Gabriel besucht, findet Er Maria nicht beim Verrichten außergewöhnlicher Dinge, sondern dabei, wie sie alltägliche Aufgaben wie Wäsche waschen, Putzen, Wasser holen erledigt und die täglichen Gebete verrichtet, die jeder gläubige Jude spricht. Sie hat sich also die­sen Augenblick nicht her­beimeditiert und ist dabei zu einer lang ersehnten Erleuchtung gekommen. Im Gegenteil: Indem sie das Gewöhnliche tut, tut sie das, was Gott gefällt. Sie ist in allem, was sie tut, so auf Gott eingestellt, dass Gott in jedem Augenblick ihres Alltags in die Ge­schichte eintreten kann. Gott wirkt in unsere Welt hin­ein, indem er uns in unserem Alltag begegnet. Maria ist da ein Beispiel für uns. Für Gott kann die alltägliche Arbeit wirklich eine Gelegenheit sein, sich uns zu offenbaren. Wichtig dabei ist, wie wir sie tun. Wir gefallen Gott, wenn wir das Gewöhnliche mit Liebe tun... Denn so trifft das Heilige auf das Gewöhnliche. Nur so geschieht unsere Erlösung. Da ich gerade mitten in der Arbeit bin und von ihr manchmal fast aufgefressen werde, sagt mir dieses Wort: Gott wohnt auch da unter uns, mitten im Durcheinander des Alltags ist er unter uns als der ruhende Pol. Von daher wird mein Leben heil. Ich kann ruhig und getrost sein, da Gott unter uns wohnt."

In diesem Zusammenhang fiel mir meine Großmutter ein. Sie lebte in unserer Familie mit. Manchmal gab sie Sätze von sich, die hinter jede Fassade drangen. Von dieser Frau waren keine billigen Trostworte zu erwarten. Sie war schonungslos. Wenn ich von meinem Vater ungerecht behandelt wurde und mich bei ihr beschwerte, sagte sie einmal: "Trag’s um Jesu willen." Bei allen alltäglichen Verrichtungen, wenn sie das Spülwasser einließ, kochte oder schmutzige Wäsche wusch, an jedem Morgen, an jedem Tag betete sie still und oder sang ein Lied, das mich dann als Jugendlichen ziemlich nervte: "Alles meinem Gott zu Ehren in der Arbeit in der Ruh! Gottes Lob und Ehr zu mehren, ich verlang und alles tu. Meinem Gott nur will ich geben Leib und Seele, mein ganzes Leben. Gib, o Jesu, Gnad dazu."

Immer dieselbe Leier, dachte ich. Einmal, als sie beim Kartoffelschälen dieses Lied sang, fragte ich sie, warum sie immer wieder nur dieses eine Lied sänge. Darauf antwortete sie: "Schau mal, man kann Kartoffeln auf zwei Wei­sen schälen: entweder indem man sie schält, weil man halt muss, oder indem man sie schält aus Liebe zu Gott, um ihm eine Freude damit zu machen. Ausschlaggebend ist, in welcher Absicht man es tut." Hier scheint mir die Antwort auf das Geheimnis ihrer Zufriedenheit zu liegen. Meine Großmutter hatte ein hartes Leben und es blieb ihr wenig an Leid erspart. Aber sie wirkte dennoch gelassen und getröstet. Ich habe sie kaum einmal klagen gehört und wenn sie lächelte, strahlte ihr Gesicht wie eine kleine Sonne. Seit ein paar Jahren ertappe ich mich dabei, dass ich dieses Lied manchmal selber singe. Es kommt einfach aus mir heraus und hilft mir, zu den mehr oder weniger empfindlichen Nadelstichen im Alltag Ja zu sagen. So können auch die kleinen Verdrießlichkeiten des Alltags Sinn gewinnen und ebenso wie die schönen Situationen als, wie meine Oma zu sagen pflegte, "Gruß vom lieben Gott" gesehen werden.
 

... ein Gruß von Gott

Sich an manches Unangenehme zu gewöhnen, es aus Liebe zu Gott auszuhalten und ihm dadurch den "Stachel" zu nehmen, kann ein großer Trost sein. Seit ich damit begann, das auch auszuprobieren, ärgern mich viele Dinge nicht mehr so! Ich versuche sie auch als "Gruß vom lieben Gott" sehen - der möchte, dass ich liebevoller und geduldiger werde! Manche Situationen erscheinen mir deshalb unerträglich, weil ich nicht die Bereitschaft aufbringe, mich unter diese Last zu stellen. Reifung im Alltag verlangt oft nach der Kunst des Entdramatisierens. Solange man die Gegenwart Gottes ausschließlich mit Freude und guten Gefühlen verbindet, ist das ein Zeichen dafür, dass man im gei­stigen Leben noch am Anfang steht. Man ist noch nicht erfahren genug, um zu wissen, dass Gott seine Gegenwart momenthaft spü­ren lässt, und dass die Freude seiner Gegenwart ein Gnadengeschenk ist und nichts, dem man nachjagen oder das man festhalten kann. Die Erlösung geschieht, indem ich mich im Alltag von Gott ansprechen lasse und in allem seiner liebenden Vorsehung vertraue. Das Wort Vorsehung kommt von "sehen für". Gott sieht für uns. Er sieht besser als wir, was nötig ist, und er gibt, was er aufträgt. Wir können nicht an seiner Stelle handeln. Er sieht, was wir brauchen und sorgt dafür, dass wir es bekommen.
 

"Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft und sie empfing vom Heiligen Geist." So wird uns im Lukasevangelium berichtet. Hier wird die Initiative Gottes betont. Gott handelt an Maria. Gott möchte auch an uns handeln. Er bringt uns täglich seine Botschaft durch seinen Engel. Engel, das können Menschen sein, die uns auf etwas hinweisen, die uns Neues erschließen, das kann ein Augenblick sein, in dem uns etwas aufgeht, und das kann ein Wort der Schrift sein, das uns bewegt. Maria hat vom Heiligen Geist empfangen. Bei ihr blieb es nicht bei einem flüchtigen Hören oder Spüren. Der Heiligen Geist hat sich in sie eingesenkt. Sie wurde schwanger von ihm.

Kurz darauf heißt es weiter: "Maria sprach: Siehe, ich bin eine Magd des Herrn, mir geschehe nach deinem Wort." Wo ich mich so klein vor Gott mache, da kann Gott Großes tun. Hier geht es um meine Antwort auf Gottes Willen. Dass ich mich einverstanden erkläre mit dem, was Gott mir heute zumutet oder schon zugemutet hat. Es geht um mein Jawort zum Leben, mein Mich-Aussöhnen mit dem Alltag. Und indem ich das Wort Marias nachspreche, ändert sich meine Einstellung zu dem, was ich heute erlebt habe. Ich sehe es von einer anderen Warte aus. Ich sage Ja dazu, auch wenn ich es nicht verstehe. Ich lasse Gottes Willen an mir geschehen und erfahre in diesem "Ja zum jeweiligen Geschehen" einen Frieden, ein Einverstandensein mit dem Leben. Diese tägliche Einübung verbindet meinen Glauben mit dem konkreten Alltagsgeschehen, wird mir Lebenshilfe und Trost, mit dem fertig zu werden, was gerade an mir und mit mir geschieht.
 

Mein Ja zum Leben

"Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt." Gott ist Mensch geworden. Er ist nicht mehr der Ferne. Er wohnt jetzt unter uns. Es ist der Heilige Geist, der das bewirkt und bis zum heutigen Tag in uns vollenden möchte: Christus in der Welt Mensch werden las­sen durch unsere Arbeit und unser gewöhnliches Leben.

So erleben wir den Tröster in unserem ganz alltäglichen Leben. Nach der Himmelfahrt hatten die Jünger neun Tage lang bei verschlossenen Türen im Abendmahlssaal gebetet. Es war ein Gebet in Gemeinschaft: die Apostel, andere Christen, Männer und Frauen, die in ihrer Hingabe an Gott eins waren, und Maria, die Mutter Jesu, waren beieinander. Am Pfingsttag öffnete sich der Himmel. Jesus hatte dieses Geschenk verheißen. Damit wir die Sendung Jesu bis in den letzten Winkel der Erde tragen können, dürfen wir ihn bitten, dass auch auf uns der Heilige Geist mächtig ausgegossen wird - zu unser aller Trost im Leben und im Sterben.
 

1 J. H. Newman, Parochial and plain Sermons, Bd. V, Lenden 1870, S. 300f.

Von

  • Rudolf M. J. Böhm

    Sozialpädagoge, gehört mit seiner Frau Renate zur OJC-Auspflanzung in Greifswald, wo er u.a. als Seelsorger aktiv ist.

    Alle Artikel von Rudolf M. J. Böhm

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