Die Ich-AG wird aufgelöst

Predigt zum Pfingstgottesdienst auf dem Dresdner Neumarkt am 11. Mai 2008

 
von Jochen Bohl
 

Liebe Gemeinde,

Ich wusste gar nicht, dass ich so etwas kann", sagte ein junger Mann mit Tränen in den Augen. Er hatte bei sich etwas entdeckt, eine Fähigkeit, die er nie, nie vermutet hätte, in sich zu tragen. Vor langem schon hatte er sich einmal daran versucht, ohne rechten Erfolg; und seitdem dachte er, dafür nicht begabt zu sein. Jetzt aber war er jemandem begegnet, der ihm nicht nur gezeigt hatte, wie es geht, sondern auch das Vertrauen und den Mut in ihm geweckt hatte, die für das Gelingen notwendig waren. Diese Gabe zu entdecken brauchte Vertrauen, gegen eine Erfahrung des Scheiterns; und jenen Mut, der nicht ohne Vertrauen entsteht. Jahre nach diesem Erlebnis sagte der erwachsene Mann: Das war der Moment, in dem ich wurde, der ich bin - denn ich entdeckte in mir eine Begabung, die meine Person und mein Leben prägt.
 

Vom Glück der Begabten

Es ist schön, begabt zu sein; es macht Freude, etwas anzufangen, und zu beobachten, wie es gelingt; es ist ein Glück, Kräfte in sich zu wissen, die gebraucht werden; etwas zu können, macht Spaß. Es ist gar nicht so wichtig, ob es die geschickten Hände sind oder die Klarheit der Gedanken oder das empfindsame Herz, das andere Menschen suchen - oder eine Kombination aus all dem oder noch ganz etwas anderes: Es ist gut, begabt zu sein, und ein Glück, es zu wissen. Wenig anderes im Leben kommt dem gleich, und jeder kann dieses Glück finden, denn jeder Mensch ist begabt, niemand ist ausgeschlossen - jeder, jede, ohne Ausnahme! Das ist ein Wunder, so wird auch derjenige sagen, der mit einem nüchternen Verstand begabt ist. Die Begabungen gleichen sich; und doch, wie nicht zwei Menschen denselben Fingerabdruck hinterlassen, ist jeder einzelne auch in seinen Begabungen unverwechselbar. Gaben sind individuell. Es hört sich unwahrscheinlich an, ist aber wahr - zu der Person, die du bist, wirst du durch deine Begabungen.
 

Etwas anderes ist es, was wir mit unseren Gaben anfangen - und da wird es weniger wunderbar, manchmal sogar schwierig. Es versteht sich ja nicht von selbst, wofür wir unsere Gaben gebrauchen. So viele verschiedene Ziele gibt es, für die wir sie einsetzen können. Wie schnell hat man sich für etwas entschieden und muss später doch feststellen, dass es die Begeisterung nicht wert war. Man kann aus seinen Gaben etwas Gutes oder etwas Schlechtes entwickeln, von ihnen kann ein Leuchten ausgehen, sie können aber auch hässliche Gestalt annehmen. Und gar nicht so selten werden Begabungen nicht genutzt, so dass sie brach liegen wie ein nicht bestellter Acker.
 

Kain und Abel, die Brüder, waren beide begabt, und beide wussten ihre Begabungen einzusetzen. Das war der Grund, dass sie Erfolg hatten, jeder wusste sich in seinem Beruf zu behaupten. Sie machten etwas aus sich, und doch scheiterte ihre Beziehung, sie konnten miteinander nicht lieben. Am Ende ermordete Kain seinen Bruder, und der Grund für seine Untat war Neid, gelber, giftiger Neid. Er missgönnte Abel seine Gaben, und was er aus ihnen zu machen wusste. Jeder Blick auf den Bruder zeigte Kain immer nur dasselbe Bild, bis er es nicht mehr ertragen konnte. Er sah vor sich, was ihm selbst fehlte, an welchen Gaben es ihm mangelte.

Es ist eine alte Geschichte, aber sie ist nicht überholt. Wir lesen sie bis heute, weil manches in diesen modernen Zeiten nicht anders ist, als es immer war. Auch wir wissen, was Neid ist, und auch wir sehen jeden Tag, wie das Leben der Menschen misslingen kann, weil sie die anderen um ihre Gaben beneiden und sich verzehren in Missgunst. In unserer Zeit ist der Konkurrenzgedanke mächtig geworden. Nicht wenige Menschen führen sich auf, als seien sie ein Unternehmen, das mit anderen im Wettbewerb steht; eine "Ich-AG" ganz eigener Art. Schon in der Schule weigern sich manche, dem Mitschüler zu helfen, weil das ja die eigenen Chancen auf einen Platz an der Sonne schmälern könnte.
 

Vom Wunder der Vielfalt

Heute ist Pfingsten, und für uns Christen ist dies der Tag, an dem wir die Gaben feiern, mit denen Gott uns beschenkt und zugleich feiern wir die Gemeinschaft der Kirche Jesu Christi, der sie dienen. So viele, so sehr verschiedene waren an jenem Tag in Jerusalem zusammengekommen, dass es eigentlich eine Unmöglichkeit war, gemeinsam etwas zu erleben - schon allein das Hindernis der vielen verschiedenen Sprachen, man konnte sich ja nicht einmal verstehen. Aber es geschah ein Wunder, sie neideten einander nicht das Anderssein, fürchteten sich auch nicht vor den Fremden. Vielmehr verstanden sie die anderen, freuten sich an der Vielfalt ihrer Gemeinschaft und erkannten darin einen Widerschein der Liebe Gottes, der so viele Begabungen schenkt wie es Menschen gibt.

Dieses Wunder wurde möglich, weil sie Gottes Geist empfingen. Er ist es, der die Versöhnung der Verschiedenen möglich macht; wer mit Jesus Christus lebt, dem wird ein Weg eröffnet, der das Unverständnis, die Fremdheit und den Neid überwindet. Er führt zuerst zum Mitmenschen, in dem wir unseren Nächsten sehen, und das Ziel am Ende des Wegs ist die versöhnte Gemeinschaft der Kinder Gottes in der einen Welt. Denn der Geist Gottes befreit uns vom Kreisen um unsere eigene Person, das jede Gemeinschaft zerstören kann, er lässt die Freude in uns wachsen über die Begabungen der anderen.
 

Vom Ende der Ich-AG

Das bedeutet nicht, dass alles gleich gemacht wird, der Heilige Geist ebnet nicht die Begabungen ein. Vielmehr will er jede einzelne zum Leuchten bringen, der Geist weist den Gaben die Richtung, er zeigt den Ort, an dem sie gebraucht werden und das Ziel, das es wert ist, sie einzusetzen. Unsere Gaben werden gebraucht, damit die Gemeinschaft der Menschenkinder gestärkt wird und Versöhnung möglich, damit wir in Frieden miteinander leben können. Die "Ich-AGs" werden aufgelöst und in die Insolvenz geschickt.
 

Nichts hat die Welt so nötig wie Menschen, die mit ihren Gaben dem Frieden dienen und bereit sind zur Versöhnung. An kaum einem Ort wird dies so deutlich, wie hier in Dresden an der Frauenkirche. Sie wurde zerstört in den letzten Tagen eines unseligen Krieges. 45 Jahre hatte sie seit dem als Ruine gelegen - ein Mahnmal für den Schrecken, den Menschen über diese Welt bringen können. Im Geist der Versöhnung wurde sie wieder aufgebaut, und unzählige Menschen haben ihre besten Gaben eingebracht, damit hier das Evangelium des Friedens gepredigt werden kann. Zu Pfingsten empfangen wir den Geist Gottes, der Versöhnung will, unter uns, zwischen Starken und Schwachen und auch zwischen Albanern und Serben, Israelis und Palästinensern, Tibetern und Chinesen. Jeder Mensch kann seines Bruders Hüter sein!
 

Von der Versöhnung der Verschiedenen

Manchmal weint man Tränen vor Glück. Wenn wir eine Gabe in uns entdecken, so dass wir werden, wer wir sind. Wenn wir nicht mit unserem Ich allein gelassen werden, sondern die Kraft des Heiligen Geistes entdecken und Versöhnung möglich wird.

Ja, du bist begabt, deine Gaben sind einzigartig - wie du selbst es bist, dem sie gegeben sind. Sie werden gebraucht, du wirst gebraucht, damit wir miteinander leben können. Zum Pfingstfest feiern wir mit der ganzen Christenheit die Versöhnung der Verschiedenen. Wir danken Gott für seinen Geist, der Frieden wirkt.
 

Amen

Von

  • Jochen Bohl

    ist ein evangelisch-lutherischer Theologe und seit 2004 Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens.

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