Im Sterben trösten

Interview mit Hannelore Kaiser

 
Hannelore Kaiser ist Ärztin und Geschäftsfrau im ­Ruhestand. Seit drei Jahren engagiert sie sich als ­ehrenamtliche Mitarbeiterin im ambulanten Hospiz in Greifswald.

Hannelore, du bist jetzt ausgebildet zum Trösten.
Geht das überhaupt?

Wir ehrenamtlichen Mitarbeiter in der Hospizarbeit absolvieren im Zeitraum eines Jahres einen Kurs, zwei Stunden pro Woche. Zusätzlich treffen wir uns an zwei Wochenenden.

Was mir persönlich wichtig geworden ist, kann ich in einem Wort zusammenfassen: zuhören. Das heißt, aufmerksam und ganz gegenwärtig zu sein. Ich lasse den Patienten in Ruhe aussprechen, höre ihn an, ohne dass ich mir in Gedanken zurechtlege, was ich ihm in seiner Situation sagen könnte. Im Gespräch mit Todkranken oder Sterbenden gehen wir einen Weg miteinander. Dieser Weg besteht aus vielen kleinen Schritten. Das wichtigste dabei ist, dass der Kranke sich aussprechen kann.

Das kann sich z. B. so anhören: "Guten Tag, wie geht es Ihnen heute?" - "Och, heute geht es mir ganz gut. Was soll ich auch sonst sagen?" - "Wirklich gut geht es Ihnen ja aber nicht. Gesundheitlich geht es Ihnen doch richtig schlecht?" - "Ja, da haben Sie recht. Eigentlich geht es mir beschissen..." Danach kommen wir ins Gspräch und der Patient erzählt, wie er sich fühlt, was ihn bewegt und beschäftigt, wie er mit den Medikamenten zurechtkommt, ob er sich etwas besonderes wünscht, was er von seinen Besuchern erwartet... Die Wünsche der Patienten, auch wenn sie medizinisch "unvernünftig" sind, werden in diesem Stadium soweit wie möglich erfüllt - seien es frische Erdbeeren mit Schlagsahne (auch im Winter), oder noch zu jedem verbleibenden Frühstück ein Glas Sekt, oder auch wieder zu rauchen in diesen letzten Wochen oder Tagen. Das sind meist bescheidene Wünsche, die für den Patienten jedoch Zeichen seines Lebendigseins bedeuten. Daraus schöpfen er und seine Angehörigen unter Umständen Tröstliches in diesen Tagen.
 

Worin besteht das Trösten in diesen Gesprächen?

Es ist ein Trost, dass der Patient seine Schmerzen, seine Ängste, die Enttäuschungen samt der Wut, das, was sonst vertuscht wird, aussprechen kann und darf. Wenn die Wahrheit wahr sein darf und jemand bereit ist, sie anzuhören, ohne sie abzustreiten, kleinzureden oder zu widersprechen. Das gewohnte So-tun-als-ob kann dann beendet werden und der wirkliche Mensch zum Vorschein kommen, so wie er jetzt ist, auch mit seinen Wünschen.
 

Die Menschen, die ihr besucht, sind schwer krank.
Wie ist das mit der Angst vorm Sterben?

Der Mensch will nicht sterben, daran erinnert zu werden ist peinlich, voller Pein. Wenn Dinge und Beziehungen noch nicht geordnet sind, Uneinigkeit, Unbereinigtes und Streit in der Familie anstehen, be- oder verhindert das ein ruhiges Sterben.
 

Was erlebst du bei deinen Besuchen?

Für mich ist es schwierig, wenn ich einen Menschen nur zwei Wochen lang besuchen kann. Ich erinnere mich an ­eine alte Frau, die keinen Besuch wollte. Sie wollte nichts hören und auch nicht berührt werden. Schmerzmittel hatten sie stark gedämpft. Als ich sie fragte, ob ich einfach einmal zehn Minuten an ihrem Bett sitzen könne, sagte sie dann doch Ja. Beim zweiten Besuch durfte ich ihr schon die Hand halten und die Lippen befeuchten. Doch schon am dritten Tag ist sie gestorben. Einige Menschen, wie diese alte Frau, wollen zuerst gar keine Begleitung. Manchmal höre ich den Satz: So weit bin ich doch noch gar nicht.

Normalerweise umfasst unser Begleitdienst ungefähr drei Monate. Mehr wird es selten, kommt aber vor. Meine längste Begleitung dauerte ein Jahr.

Ich biete allen Patienten an, mit ihnen oder für sie zu beten. Wenn sie verneinen, reicht ein Kopfschütteln und ich bete selbstverständlich nicht mit ihnen. Doch wenn jemand sein Einverständnis gegeben hat, manchmal nur durch Kopf­nicken, habe ich schon oft erlebt, dass sie sogar einzelne Worte mitsprechen.
 

Bist du auch beim Sterben dabei?

Bisher erst einmal, bei einem Mann, den ich schon einige Zeit begleitet hatte. Seine letzte Lebenswoche verbrachte er im Hospiz. Er hatte täglich Besuch von seiner Frau und seinem erwachsenen Sohn. So war es auch an seinem letzten Tag. Als ich ins Zimmer kam, fiel mir gleich auf, dass die Schnappatmung schon eingesetzt hatte. Ich fragte seine Frau und seinen Sohn, ob sie es auch sehen und ob ich noch ein Vaterunser beten dürfe. Sie bejahten. Ich legte dem Sterbenden die Hand leicht auf die Schulter und betete mit ihm. Dann ließ ich die Angehörigen mit ihm allein. Noch während ich mit der Stationsschwester sprach, kam der Sohn aus dem Zimmer. Sein Vater war gestorben.

Diesen Mann hatte ich mehrere Monate zu Hause begleitet. In dieser Zeit war eine Beziehung zu ihm und zu seinen Angehörigen entstanden.

Anders war es bei einer Frau, die ich noch in der Klinik besuchte, weil im Hospiz kein Platz frei geworden war. Sie hatte keine Angehörigen. Als ich sie mittags besuchte, war sie wegen der starken Medikamente nicht ansprechbar. Ich habe ihr leise einen Liedvers vorgesungen und ihr zwischendurch immer wieder die Lippen befeuchtet. Dann habe ich mich von ihr verabschiedet und wollte am nächsten Tag wieder kommen. Doch da war sie bereits gestorben.

Eine andere Frau konnte ich nur drei Tage besuchen. Bei meinem ersten Besuch ließ sie es zu, dass ich mich ruhig zu ihr setzte. Für alles andere war ich ihr zu fremd. Am zweiten Tag saß ich ungefähr drei Stunden bei ihr. Ich gab ihr immer wieder zu trinken, sie hielt meine Hand. Zwischendurch war sie nicht ansprechbar. Manchmal habe ich einen Psalm halblaut gesprochen, am Ende meines Besuches habe ich das Vaterunser gebetet. Ganz ähnlich verlief auch mein dritter Besuch. Während der zwei Stunden hat sie ganz regelmäßig geatmet. Gegen Abend ist sie gestorben.
 

Welche Hilfe im Sterben können ehrenamtliche Hospizmitarbeiter bieten?

Das wichtigste ist sicher, dass kein Sterbender alleingelassen wird, auch wenn ich dabei nur ruhig neben dem Bett sitze. Leider melden sich manche Leute recht spät bei uns. Doch ohne eine Aufforderung können wir nicht hingehen. Immer wieder erlebe ich, dass unser Besuchsdienst für die Verwandten eine Erleichterung ist, wenn einer von uns auch nur eine Stunde am Tag da ist. Für diese Zeit wissen sie den Patienten versorgt und können selbst etwas anderes machen. Das klingt nach wenig, aber es ist auf jeden Fall eine Erleichterung in dieser spannungsreichen Zeit, die ja eine absolute Grenzsituation des Lebens darstellt.
 

Dieses Aushalten mit dem Sterbenden, was macht das mit dir?

Mit dem Sterben konfrontiert zu werden fällt mir nur dann wirklich schwer, wenn der andere verschlossen ist, sich nicht öffnen kann oder will. Aber ich habe gelernt, auch dann den Menschen in die Hand Gottes zu legen. Ich spreche leise einen Segen und erbitte Gottes Beistand, seine Gegenwart.

Einmal fiel mir der Tod einer Frau ziemlich schwer. Ich hatte sie ein ganzes Jahr lang begleitet. Sie hatte Lungenkrebs und bekam keine Chemotherapie mehr, weil sie voller Metastasen war. In den letzten zwei Monaten konnte sie nur noch mit Hilfe eines Sauerstoffgerätes atmen. Frau Sch. war von Anfang an sehr offen, gesprächsfreudig und wollte "etwas Neues" hören. Ich habe ihr immer wieder vorgelesen, auch Geschichten, die einen Impuls zum Besinnen und Abschiednehmen gaben. Frau Sch. hatte gar keine Verwandten mehr. Im Lauf der Zeit erzählte sie, dass sie als Kind getauft und konfirmiert worden war. Sie wünschte sich immer wieder Lieder aus dieser Kinderzeit, also habe ich viel mit ihr gesungen. An Psalm 23 erinnerte sie sich, sie sprach einzelne Passagen mit und eines Tages konnte sie ihn auch mitbeten. Sie erzählte viel von ihrer Mutter, was sie mit ihr erlebt hatte, was sie von ihr übernommen hatte. Sie war auch interessiert, von mir und von meiner Mutter zu hören. Mit den Monaten ent­wickelte sich unsere Beziehung zu einem freundschaftlichen Austausch. Als sie dann relativ schnell und überraschend starb, war ich froh, dass sie nicht solche Schmerzen erleiden musste, wie sie für ihre Art der Erkrankung zu erwarten gewesen wäre, aber ich war auch traurig über den Verlust dieser Beziehung.
 

Du hast in deinem Leben viel gearbeitet. Jetzt bist du Rentnerin. Was hat dich dazu motiviert, diesen Besuchs- und Trost-Dienst zu übernehmen?

Sicher spielen mein Beruf als Ärztin und mein Glaube dabei eine Rolle. Als Ärztin fürchte ich mich nicht vor den Vorgängen, die das Sterben mit sich bringt. Als Glaubende möchte ich Menschen begleiten, damit sie getröstet sterben können. Wir lassen in unserer Gesellschaft zu viele Menschen ungetröstet leben und sterben.

In unserer Familie wurde der Tod nicht verdrängt. Urgroßvater, Opa und Tante sind bei uns zuhause gestorben. Ich war gerade jung verheiratet, als mein Vater starb. Vor ein paar Jahren dann starb mein Bruder an Darmkrebs. Seine lange Krankheit und sein schweres Sterben hatten mich sehr mitgenommen. Dabei ist mir bewusst geworden, dass auch wir Angehörigen Trost brauchen. Die Begleitung meines Bruders auf seiner letzten Wegstrecke und meine eigene Trauer wurden für mich die stärkste Motivation, andere in ihrem Sterben zu begleiten. Außerdem liegt mir daran, etwas von Gott zu vermitteln.

Oft erlebe ich dabei, dass Menschen in ihrer letzten Lebensphase von einem Glauben berichten, den sie in ihrer Kindheit hatten, dass sie sich als Kinder oder Jugendliche noch zu den Christen gehalten hatten. Jetzt, in der Auseinandersetzung mit dem Abschiednehmen und Sterben, kommen diese längst vergessenen Erfahrungen wieder ins Bewusstsein. Einige sprechen dann auch gerne darüber.
 

Als "Tröster" bezeichnet Luther den Heiligen Geist. Das griechische Wort bedeutet aber auch Beistand und Fürsprecher, Anwalt. Wie sieht das in deiner Praxis aus?

Als Beistand sehe ich mich durchaus, wenn auch sehr zart. Wenn die Leute nicht mehr beten können, bete ich stellvertretend für sie (fast immer nur leise und für mich alleine). Als Anwalt bringe ich sie vor Gott. Aber ich glaube, dass der Heilige Geist auch mein Beistand ist, vor allem in den Situationen am Sterbebett. Ich erlebe doch, wie ich sensibel werde für den Menschen während meines Besuchs. Oder wie mir eine Idee für den Kranken kommt noch während ich an seinem Bett sitze. Ich erlebe, dass es die Gegenwart des Geistes Gottes gibt und dass es nicht nur für den Sterbenden ein Trost ist, wenn ich mit ihm das Vaterunser oder den Psalm 23 bete, sondern auch für seine Angehörigen, die das oft nicht mehr tun können (weil sie es als DDR-Bürger nicht gelernt haben, oder weil sie selbst mit den Anforderungen der Situation nicht zurechtkommen).
 

Du sprichst sehr viel vom Beten bei deinen Besuchen.

Ja, da bin ich Anwalt. Ich stehe stellvertretend für den anderen und begleitend mit dem anderen vor Gott. Gott wird den Menschen ansprechen, ich versuche nur Raum dafür zu schaffen. Es kommt immer wieder vor, dass die Patienten sehr unruhig oder sogar aufgeregt sind. Das ist ja auch nicht verwunderlich. Wenn der Kranke es zulässt, nehme ich seine Hand in meine und bete mit ihm ein Vaterunser. Oft legt sich nach dem Beten die Unruhe, eine angstvolle Spannung weicht aus dem Gesicht, das unruhige mit den Händen über die Bettdecke fahren kommt zur Ruhe und Frieden kehrt sichtbar und spürbar ein.

Ja, mir ist Beten wichtig. Wir Christen glauben, dass alle Menschen nach ihrem Tod zu Gott kommen. Und diese Patienten werden in sehr kurzer Zeit vor Gott stehen, ob sie es glauben oder nicht.

Die Krankheit, die Krankenhausaufenthalte, auch der Aufenthalt im Hospiz enthalten viele belastende Momente. Die Frage, was aus den zurückbleibenden Angehörigen wird, bereitet oft Sorgen. Den Sterbenden treiben in dieser Lage noch viele Ängste um. Es ist mir darum das vielleicht wichtigste Anliegen, dass der kranke und sterbende Mensch als letztes ein Wort des Trostes im Ohr hat. Wenn er hört, dass er einem Gott begegnen wird, der ihn liebt, kann ihn das noch durch die medikamentöse Betäubung hindurch erreichen, berühren, entkrampfen und befrieden.
 

Paulus schreibt, dass dann, wenn unsere Worte und unsere Sinne versagen, der Geist Gottes selbst in uns für uns fleht und betet. Das ist ein tiefer und ein vollkommener Trost - auf ihn möchte ich durch mein Trösten hinweisen, ihn bezeugen.

Von

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