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Annegert Fuchshuber: Jesus und sein Schatten
Annegert Fuchshuber: Jesus und sein Schatten

Erfahrungen und Perpektiven rund ums Fasten

Birte Undeutsch befragt Wolfgang Breithaupt
 

  

 
 

Was bedeutet für Sie fasten und wann haben Sie es das erste Mal selbst ausprobiert?
 
Meine ersten persönlichen Erfahrungen habe ich mit 12 Jahren gemacht. Unsere Mutter machte den Vorschlag, während der Passionszeit auf Süßigkeiten zu verzichten, um so nachzuempfinden, worauf Jesus aus Liebe zu uns Menschen verzichtet hat. Damals habe ich das zwar nicht so ganz verstanden, aber es hatte mich beeindruckt. Wir sparten die Süßigkeiten bis Ostern auf. Es war ein besonderes Erlebnis, alles dann wieder genießen zu können.
Wer fastet, steigt aus einem Lebensstil aus, der nur um sich und die Befriedigung seiner Bedürfnisse kreist. Fasten wird zum leibhaftigen Verzicht auf Nahrung oder Güter oder Zeit, um geistige bzw. seelische Kräfte freizusetzen, um die Gottesbeziehung zu stärken. Dieser Verzicht bewahrt vor einer Engstirnigkeit und davor, Gottes für unsere Absichten zu vereinnahmen. Es lehrt uns Gottesfurcht und macht demütig. Der Demütige bzw. der Fastende setzt sein ganzes Vertrauen auf Gott und nicht auf irgendeine Art der Selbsthilfe, um seine Bedürfnisse, seine Sehnsucht nach Anerkennung und Ansehen zu stillen und es stellt ins rechte Verhältnis zur Macht oder zum Geld. „Das Fasten stärkt das Beten, weil es den Beter wacher macht. Essen macht satt und schläfrig. Im Fasten wird man wach und offen für das Geistige, durchlässiger für Gottes Geist. Mit vollem Magen kann man nicht gut beten, oder zumindest wird das Beten leicht einen selbstzufriedenen Charakter annehmen. Man verwechselt dann sein leibliches Wohlergehen mit dem Wohlwollen Gottes.“ (Anselm Grün)
Ein Mensch, der Fasten in sein geistliches und leibliches Leben integriert hat, wird vom „Verzehrer“ zum „Ernährer“. Allerdings gilt: Wer mit dem Fasten beginnen will, sollte sich im Sinne von Mt 6,33 seine Motivation überprüfen und mit kleinen Schritten anfangen. Wir brauchen für die Zukunft nichts nötiger als Menschen, die Zeit, Geld, Kraft, geistige und geistliche Kapazitäten frei haben für Gott und die Welt – sonst tragen wir auch als Christen unseren Teil zu der Zerstörung dieser Welt bei und verbrauchen die Zukunft unserer Kinder.

 

Immerhin war diese erste Erfahrung so prägend, dass Sie sich später wieder auf das Abenteuer eingelassen haben. Was war der Anlass und was haben Sie dabei erlebt?
 
Mich hat das Vorbild im Leben Jesu ermutigt. Besonders die Versuchungsgeschichte bei Matthäus (Mt 4,1-11) hat sich mir eingeprägt. Jesus wird in der Taufe von Gott vor der Öffentlichkeit bestätigt. „Dies ist mein lieber Sohn, den sollt ihr hören.“ Jetzt schickt ihn der Geist – und nicht irgendein Teufel – für 40 Tage in die Wüste. Nach dieser Fastenzeit macht der Versucher ihm drei Angebote. Er bietet ihm Brot und damit die Lösung der sozialen Frage ohne Gott. Das zweite ist die Versuchung Gottes. Spring doch von der Zinne –, Gott hat doch seinen Engeln befohlen... Da soll etwas von Gott erzwungen werden. Auch dieser Versuchung widersteht er. Im dritten Anlauf zeigt der Versucher alle Reiche der Welt und fordert Jesus heraus: „Wenn du vor mir niederfällst, mich anbetest, dann soll dir das alles gehören.“ Er versucht ihn mit der Macht. Wenn Macht und Wissen zu Götzen werden, dann ist die Verbindung zu Gott zerstört. Jesus antwortet mit: „Du sollst Gott deinen Herrn anbeten.“ Die Herausforderung besteht in der Entscheidung zwischen der Gottesbeziehung und der Weltbeziehung. Dass Jesus die innere Kraft hat, sich zur Gottesbeziehung zu bekennen, – er hat sie aus der Zeit des Fastens –, hat mich beeindruckt und geprägt.
Oder das Vorbild anderer Menschen, die im Reich Gottes Großes bewirkt haben, wie etwa das Buch von David Wilkerson „Das Kreuz und die Messerhelden“: Ich hatte es als Jugendlicher gelesen. Er berichtet von seinem Dienst im New Yorker Drogen- und Jugendbandenmilieu. Als Gründer von Teen Challenge, dem christlichen Dienst zur Rehabilitationshilfe für junge Drogenabhängige, hat er viel mit Beten und Fasten gearbeitet. Er hat z. B. bewusst auf Fernsehen verzichtet, um dadurch Zeit für Gebet und Bibelstudium zu gewinnen.
Mit etwa fünfzehn Jahren begann ich in der Passions- und Adventszeit zu fasten. Das entspricht durchaus der kirchlichen Tradition. Mit etwa sechzehn begann ich, Jugendstunden zu halten und hatte den tiefen Wunsch, dass die Jugendlichen sich verändern und  eine Gottesbeziehung bekommen. Die Gemeinde meines Vaters in Erfurt lag im sozialen Brennpunkt. Viele hatten mit Kirche nichts am Hut. Mein Teil war dann oft ausgiebige Fürbitte für diese Jugendlichen. Ich fastete, um meine geistliche Kraft zu stärken, verzichtete auf Süßigkeiten. ließ aber aber auch ganze Mahlzeiten aus, ging nicht ins Kino - nicht weil ich Kinofilme als solche abgelehnt hätte, sondern weil ich Zeit haben wollte, um für die Menschen zu beten.

 

Fasten muss also nicht immer der Verzicht auf Nahrung sein. Mit welchen andere Formen haben Sie noch Erfahrungen gesammelt?
 
Ich hatte einen Klassenkameraden, der FDJ-Sekretär war, also überzeugter Kommunist und DDR-Bürger. Auf einer Silvesterfreizeit, zu der ich ihn eingeladen hatte, wagte er den Schritt zum Christentum. Ich, damals achtzehnjährig, begleitete ihn, als er Angriffen ausgesetzt war und wenn Fragen aufkamen, denen er sich stellen musste. Er musste alle Ämter niederlegen, er bekam Ärger mit seinen Eltern. Ich nahm mir mehrere Wochen lang jeden Tag eine Stunde nur zur Fürbitte für ihn und schnitt diese Zeit aus meiner Freizeit raus. Das Beten, die Fürbitte als eine Form des Fastens, wurde möglich, weil ich auf etwas anderes verzichtet hatte. Das war mir ein sehr wichtiger Prozess. Aber diese Erfahrungen haben mich nicht in eine Gesetzlichkeit geführt; ich sage nicht automatisch immer gleich, hier müsse gefastet werden. Fasten ist immer für etwas, für eine stärkere Konzentration oder aus der Verantwortung für Menschen. Es verhilft dazu, sich vom Vielen auf Weniges zu konzentrieren und von dem Wenigen sich für Eines zu entscheiden.  Es geht nicht in erster Linie um Verzicht auf Nahrung, sondern um Orientierung. Fasten ermöglicht neue Lebensräume und schafft neue Lebensqualität.
 
 

Haben Sie in Ihrer Arbeit mit Fasten Erfahrungen gesammelt?
 
Wir bieten in unserem Haus der Stille eine Fastenretraite an. Dazu gehören zwei Dinge: das Heilfasten, also der vollständige Verzicht auf Nahrung, allerdings unter Anleitung und bestimmten gesundheitlichen Voraussetzungen. Geistlich geht es darum, den eigenen inneren Weg wieder stärker in den Blick zu bekommen.

 
 

Vollständiges Fasten wird nur gesunden Menschen empfohlen, weil es natürlich auch belastend für den Körper sein kann. An welchen Regeln haben Sie sich orientiert, wie haben Sie sich darauf vorbereitet?
 
Dazu gibt es ja eine Menge Literatur. Heilfasten hat eine therapeutische Wirkung, kann bei bestimmten Krankheiten helfen und als reinigende Frühjahrskur den Körper entschlacken. Die Entgiftung fördert das gesamte Wohlbefinden, das wirkt sich positiv aus auf Geist, Seele und Leib. Ich sehe das Heilfasten als Aspekt eines ganzheitlichen Prozesses. Nicht, dass ich meinem Körper etwas zumute durch weniger Essen und Trinken, sondern ich helfe, ihn zu reinigen, damit die eigenen Kräfte mobilisiert werden. Wenn ich faste oder dazu anleite, bin ich stets auf die geistliche Dimension bedacht, damit auf diese Weise Klärung oder Vertiefung stattfinden kann. Ich möchte sogar behaupten, dass zukunftsfähige Menschen Fasten als wesentlichen Teil ihres Lebensstiles neu entdecken werden.

 

Sie haben gesagt, dass Sie fasten als Vorbereitung auf eine Entscheidung oder auf wichtige Lebensfragen. Wie ist das zu verstehen?
 
Um eine Entscheidung fällen zu können, braucht es eine gewissen Achtsamkeit, wie es im Petrusbrief steht: „Wachet und betet, denn der Teufel geht umher wie ein brüllender Löwe!“(1Petr 5,8). Wachsamkeit hilft, die Hinweise Gottes für meine eigene Lebensführung zu erkennen. Es ist nicht so, dass ich durch Fasten und Beten Gott bestürme, damit er mir seinen Weg zeigt. Er hat den Weg, nur wir erkennen ihn oft nicht. Die Achtsamkeit führt dazu, dass wir endlich seine Wegzeichen erkennen. Oft sind es nur Spuren, kleine Hinweise, da muss man schon aufmerksam hingucken. Das entspricht Gottes Wesen viel mehr. Dem ermatteten Propheten Elia offenbarte sich der Allmächtige nicht im Sturm und Feuer, in Blitz und Donner, sondern in einem leisen Säuseln. Wir wollen oft das Phänomen, das Übernatürliche, das Große. Gott aber sagt manchmal: Nein, ich komme ganz leise. Da kann mir das Fasten helfen, mich auf diese leisen Töne auszurichten.
Dass ich mich bereit erklärt habe, die Leitung eines Stillehauses zu übernehmen, ist letztlich eine Fastenentscheidung gewesen. Aus den vielen Möglichkeiten, am Reich Gottes zu bauen, konnte ich mich für eine entscheiden, die in der Verborgenheit bleibt. Hier, im Haus der Stille, wird ein Raum geschaffen, in dem viele Menschen in Geborgenheit zu sich und zu Gott finden können. Das bedeutet für mich einen Verzicht auf tolle Gemeindeprogramme und auf größere Öffentlichkeit.

 

Warum sollte uns Verzicht weiterbringen, wenn wir doch einen Gott der Fülle haben?
 
Fasten ist kein Verzicht im Sinne von Negation. Es geht um eine Konzentration auf das Wesentliche, damit die Beziehungen zu Gott, zum Nächsten und zu mir selbst lebendig und kreativ bleiben und Verkrustungen oder Erstarrungen nicht das Leben rauben. Geistliches Fasten will nicht bei Gott etwas erzwingen, sondern vertrauensvoll die eigene Hilflosigkeit und die Bitte um Gottes Hilfe unterstreichen. Da passt der Satz aus dem Gleichnis des reichen Kornbauern: „Was hilft es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?“ (Mt 16, 26)
Ich kann nur von mir selbst sagen, dass Fastenzeiten nach gewissen körperlichen Umstellungsschwierigkeiten zu einer größeren geistigen und geistlichen Wachheit führen, die Liebe zu Gott brennender und die Bereitschaft größer wird, die Anliegen meiner Freunde aber auch die Nöte meiner „Feinde“ mit ungeteiltem Herzen vor Gott zu bringen.

 
 

Sie haben bei sich und in Ihrer Gemeinde beobachtet, dass Fasten nicht ohne Folgen bleibt. Sehen Sie darüber hinaus gesellschaftliche oder politische Aspekte von Fasten?
 
Natürlich. Ich bin zum Beispiel überzeugt davon, dass auch das Gebet vieler Menschen, verstärkt durch das Fasten, zum Fall der Mauer beigetragen hat. Einiges davon war absehbar, die gesellschaftlich-politische Entwicklungen hatten den Bankrott der DDR angezeigt. Aber dass die Situation nicht eskalierte, dass es ohne Blutvergießen, ohne Menschenopfer gegangen ist, hat sicher damit zu tun, dass viele Beter und Gebetskreise gefastet haben. Das hat die Geistigkeit des Aufstandes gewandelt: nicht die  aggressiven Mächte haben die Oberhand gewonnen, sondern der Geist der Versöhnung. Jahrzehntelang standen das Regime und Oppositionelle einander feindlich gegenüber, und auf einmal begann man miteinander zu sprechen. Das war sehr beeindruckend.
Gandhi, der kein Christ war, hat Fasten im Kampf um die Unabhängigkeit Indiens eingesetzt, allerdings hat er immer deutlich gemacht, dass er dadurch niemanden erpressen oder anklagen wollte, sondern er wollte seine Solidarität mit den Menschen zeigen und ihre Situation vor Gott tragen. Er fastete nicht gegen jemanden, sondern immer für andere. Eine tiefe Freundschaft und gegenseitiges Verständnis zwischen dem, der fastet und dem, für den er fastete, sah er als Voraussetzung für ein wirksames Fasten. Gandhi erzielte erstaunliche Erfolge damit. Aussichtslose Situationen wurden zum Wohl aller gelöst, Feinde wurden zu Freunden. Sein Fasten brachte den Hass zum Schweigen, gab den Seelen neue Richtung und den Verzweifelten Mut. Fasten ist also eine geistig-geistliche Lebensäußerung, die auch Nichtchristen kennen.
Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass wir in Deutschland nicht nur einen Buß- und Bettag begehen, sondern einen nationalen Fastentag ausrufen, um vor Gott und den Menschen unserer Bitte Nachdruck zu verleihen, dass das innere Zusammenwachsen unseres Volkes gelingt. Wir brauchen Gottes Hilfe, damit die Maßstäbe, die das Leben erhalten, in den Herzen aller Menschen wieder Gültigkeit gewinnen und der Entwicklung zu immer stärkerer Vereinzelung und Beziehungslosigkeit wirksam Einhalt geboten wird. 

Von

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