Freiwillig bei Wasser und Brot

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Fasten als Lebenshilfe und Glaubenspraxis


Maria Kaißling befragt Rudi Böhm

 


Wie sieht deine Fastenpraxis aus?
 
Seit etwa sieben Jahren faste ich regelmäßig. Mittwochs und freitags lebe ich von trockenem Brot und Wasser.
 
 

Wieso tust du das?
 
Zunächst, weil meine Frau so fastete; ich wollte nicht, dass sie für mich allein kochen muss. Nachdem ich mich näher damit beschäftigt hatte, habe ich es für mich selbst entdeckt und bin bis heute dabei geblieben. Die Bibel spricht ja immer wieder vom Fasten. Die Propheten forderten das auserwählte Volk zum Fasten auf. Jesus hat über das Fasten gesprochen, und er fastete selbst. Auch die Apostel haben gefastet. Im Volk Israel war es üblich zweimal in der Woche zu fasten, am Montag und am Donnerstag. Später in der Kirche führte man zwei wöchentliche Fasttage ein, den Mittwoch und den Freitag. Freitags fastete man im besonderen Gedenken des Leidens und Todes Jesu. Nach kirchlicher Überlieferung ging Judas am Mittwoch der Karwoche zu den Pharisäern, um mit ihnen zu vereinbaren, wie er Jesus verraten würde.
 
 

Was gewinnst du selbst beim Fasten?
 
Meine Freiheit, behaupte ich. Fasten wird häufig gesehen unter dem Aspekt der Einschränkung der persönlichen Freiheit nach dem Motto ‚ich müsste’, ‚ich darf dann nicht’, usw. Manche können das schwer ertragen, weil sie es sofort in der Polarität von Autonomie und Abhängigkeit verarbeiten. Wenn ich das und das nicht mehr darf, dann bestimme ich nicht mehr über mich selbst; ich lasse mir meine Freiheit nicht nehmen, etc. Tatsächlich geht es jedoch um einen frei-willigen Verzicht, eine freiwillige Beschränkung für eine bestimmte Zeit um eines größeren Gutes willen: Innere Freiheit! Zwei Tage mit allen Dingen, die wir haben, zu leben, ohne sie anzurühren, und jeweils danach zu sehen: Gestern nichts gegessen, keine Schokolade, keine Kekse, und ich lebe noch immer... Natürlich ist das nicht leicht. Aber es setzt Kräfte frei und schafft eine große innere Freiheit. Fasten zielt also nicht darauf ab, die Freiheit zu schwächen, sondern sie zu stärken. Frei sein habe ich im Fasten mehr und mehr erfahren als ein in der Liebe sein. Das ist besonders wichtig für die Ausübung meiner seelsorgerlichen Arbeit. Gottes Liebe macht uns frei von uns selbst und für den anderen.
 
 

Was unterscheidet dein Fasten vom Wellness-Fasten?
 
Wenn ich zweimal wöchentlich so lebe, tue ich zweifellos auch etwas Gutes für meinen Körper, meinen Geist und meine Seele. Das ist jedoch nicht in erster Linie Sinn meines Fastens, sondern fällt quasi nebenbei ab. Meine Art des Fastens trägt nicht seinen Zweck in sich selbst, sondern es dient der Bekehrung. Das Judentum wie das Christentum gehen, was das Fasten betrifft, in dieser Hinsicht sehr ähnliche Wege. Schon in der Zeit vor Christus war es im Judentum klar, dass Fasten an sich keinen Wert hat und dass es vor Gott nur bestehen kann, wenn die innere Haltung der Buße bzw. der inneren Umkeht dahinter steht. Umkehren heißt Gott suchen, mit Gott gehen, seine Lehren willig befolgen. Im Unterschied zum Wellness-Fasten geht es also nicht um das Einhalten einer ausgeklügelten Diät, um das Wohlbefinden zu steigern. Jesus hat hart gefastet, vierzig Tag in der Wüste. Er hat uns erlöst durch Leid und Schmerz am Kreuz, nicht durch Reden oder im Whirlpool. Das Leid hat im Christentum ebenso seinen Platz wie die Freude. Vor Ostern kommt Karfreitag. Niemand nimmt Anstoß, wenn man Torturen auf sich nimmt, um ein paar Kilo abzunehmen; wenn man sich einer schmerzhaften Behandlung unterwirft, um besser auszusehen, wenn man sich quält, um ein besserer Sportler zu werden. Geht es um Gesundheit und Schönheit, so ist man zu fast jedem – auch körperlichen – Opfer bereit. Doch geht es um die Liebe zu Gott und um die innere Gesundheit, das Heil der Seele, so höhnt man oder man empfindet Abneigung.
 
 

Was motiviert dich zum Fasten?
 
Unser Herz ist für die Liebe gemacht, aber im Herzen findet ein geistlicher Kampf statt, der Kampf zwischen dem ‚ich diene’ und dem ‚ich diene nicht’. Es geht um die Liebe zu Gott oder um die Liebe zu dem Geschaffenen, also um Prioritäten. Dort im Herzen müssen wir diese Auseinandersetzung um die Liebe, um Gottes Willen, führen; denn es geht um Leben und Ewigkeit. Wir können unmöglich in der Liebe zu Gott und dem Nächsten wachsen, ohne z. B. auf Besitz zu verzichten, ohne unsere Herzen vom Habenwollen zu befreien. Jesus beginnt seine Rede mit dem Lobpreis auf die Armut im Geist, was deren Wichtigkeit hervorhebt. Um seelisch stark zu bleiben, müssen wir unsere Schwäche anerkennen und uns dann Christus zuwenden und ihm erlauben, in unserem Leben zu wirken. Christus weiß, dass wir tief verschüttet in unserer Seele den Wunsch nach dem Guten haben, er weiß aber auch, dass dort die Kräfte des Bösen wirken, die uns zu Entscheidungen verleiten können, die uns unwiderruflich verderben können. Je mehr wir uns unserer Verlorenheit bewusst werden, umso näher kommen wir Gott, denn wir können Gott besser von unten sehen und uns so über seine Fürsorge freuen und seine göttliche Gegenwart weiter und tiefer erfahren. Kern des Fastens ist die Umkehr aus Liebe zu Gott. Fasten vermehrt also die Freude des Reiches Gottes. Ich verspüre die Sehnsucht in mir, ein reines Herz zu bekommen und habe erkannt, dass die Reinigung nur von innen her geschehen kann. Gute Vorsätze und ein ausgeprägtes Pflichtgefühl reichen nicht. Wir sind schwache Menschen, vergesslich und von Natur aus taub und blind. Wenn das Herz von Blindheit geschlagen ist, hört es auf, Gott zu suchen, es sucht die Gnade nicht mehr und verspürt keine Reuegefühle mehr. Mit dem Fasten hat Gott uns ein wirksames Mittel zur Verfügung gestellt, um die Lauheit aus unserem Herzen zu entfernen und ein neues Leben in Christus zu leben. Gott wird unsere Herzen erst dann ganz in Besitz nehmen können, wenn wir alles andere daraus entfernt haben.

 

Du hast von Umkehr gesprochen: Was bedeutet Opfer, der Verzicht, das Fasten für die Umkehr?
 
Es geht darum, uns in die Lage zu versetzen, die Stimme Gottes zu hören und uns selbst wiederzufinden. Was wir brauchen, um die Einstellung unseres Herzens und Geistes zu verändern, ist eine radikale Umkehr zu Gott. Fasten erleichtert diese Umkehr.
 
 

Gibt es auch so etwas wie ein Fasten für die Umkehr anderer?
 
Die jüdische und die daraus entstandene christliche Überlieferung lehren uns, dass das Fasten eine sehr wirksame Macht gegen den Satan ist, eine starke geistliche Waffe, durch die man viel bewegen kann, für sich selbst, für andere und auch als ganzes Volk. Dieser Punkt ist heute sehr wichtig, denn wir stehen unter dem Einfluss der Mächte des Bösen. Mein persönlicher Eindruck ist, dass Satan heute so stark wie noch nie zuvor ist. Überflüssig die Verheerungen zu erklären, die er in den Familien, unter den Kindern und Jugendlichen anrichtet! Viele Eltern sind geknickt und wissen nicht mehr, was sie für ihr Kind tun können. In vielen Familien herrscht regelrecht Krieg, und um diesen Krieg schon im eigenen Herzen zu beseitigen, scheinen Beten und Fasten oft die einzigen Mittel zu sein. Auch Jesus hat in dieser Weise gesprochen. Eines Tages kamen die Apostel ganz kleinlaut wieder, weil das Böse ihnen widerstanden hatte. Jesus erklärt ihnen den Grund: „Die bösen Geister lassen sich nur durch Gebet und Fasten austreiben.“ Ich bin überzeugt, durch Fasten rettet man viele Leben. Eltern, die um Heilung ihrer Kinder flehen, ebenso Kinder, die um Versöhnung ihrer Eltern flehen, möchte ich raten: Betet nicht, ohne auch zu fasten, und fastet nicht, ohne zu beten. Alle Heiligen und alle, die etwas zum Guten bewegt haben, haben gefastet.
 
 

Willst du heiliger werden als die anderen?
 
Nein, ich will nicht heiliger werden als die anderen. Vielmehr bin ich der Meinung, dass heilig werden zu wollen unser aller Christenpflicht ist. Es lohnt sich, das eigene Bild von Heiligkeit zu überdenken. Vielfach haben wir lediglich Karikaturen von schrägen Himmelskomikern vor Augen und denken, dass wir so was nicht nötig hätten. Heilig sein darf nicht als Abartigkeit frommer Extremisten verstanden werden. Wir verkennen dabei, dass wir uns mit solch einer Einstellung um den Frieden bringen, den Jesus uns schenken möchte. Mutter Teresa von Kalkutta hat einmal gesagt: „Heilig sein heißt nicht, Außergewöhnliches zu vollbringen oder Großes zu verstehen, sondern es besteht in einem einfachen Ja. Ich habe mich Gott geschenkt und gehöre ganz ihm, ich verlasse mich ganz auf ihn. Wahre Heiligkeit besteht darin, Gottes Willen lächelnd zu tun.“ Besser kann man es kaum sagen.
 
 

Hängst du einem Asketen-Ideal an?
 
Es wäre anmaßend, sich einzubilden, wir könnten Gott einnehmen, ohne unsere Worte durch Beten zu untermauern und ohne unser Gebet durch freiwilligen Verzicht als Siegel seiner Echtheit zu bekräftigen. Die Askese sichert die Herrschaft über alles, was dem Menschen dienen soll: Geld, Besitz, Arbeit und Freizeit. Es geht nicht bloß darum, Maßlosigkeit zu vermeiden. „Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer...“ Diese Worte sprengen die Enge reiner Äußerlichkeiten. Es geht nicht um das Opfer an sich, es geht um das Motiv. Eine radikale Rückkehr zu Gott ist ohne das Gebet unmöglich. Das Gebet wird besser und freier, wenn es mit Fasten verbunden ist.
Tatsächlich geht es beim Fasten um die Wiedererlangung der von Gott geschenkten Freiheit. Dazu möchte ich betonen, dass ich durchaus kein Kostverächter bin. Im Gegenteil, ich genieße gutes Essen, koche selbst sehr gerne und habe dabei mancherlei genüssliche Rituale kultiviert. Aber alles hat seine Zeit. Wenn ich faste, verzichte ich nicht auf Gaben, sondern möchte sie neu entdecken. Wer seinen Hunger nicht mehr spüren will, dessen Leben wird mit der Zeit schal. Er kann nicht mehr unterscheiden, was ihm gut tut und was nicht. Ständiger Überfluss verdirbt den Geschmack und macht gierig nach immer neuen Sensationen. Doch damit löst man keine Probleme. Alles zu konsumieren wie es gerade kommt, lässt das Gebet unmerklich erlahmen. Die erste Seligpreisung: „Selig sind die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Königreich Gottes“, kann auch so übersetzt werden: „Selig, die ein Verlangen, eine Sehnsucht nach Gott haben.“ Ein Mensch, der nicht mehr spürt, dass er Gott braucht, ist nicht arm vor Gott. Genau hier liegt das Problem des Gebets. Durch das Fasten und während des Fastens werden wir immer offener für das Gebet. Wir werden offener, Gott zu begegnen und ihm gegenüberzutreten. Aus diesem Grund kann man sagen, dass Fasten durch nichts ersetzt werden kann; es ist geradezu unentbehrlich. Wir brauchen das Fasten, um im Gebet wachsen zu können. Auf eine Formel gebracht: Es ist leichter zu beten, wenn man fastet und man fastet besser, wenn man betet.
 
 

Empfiehlst du ein solches Fasten auch in der Seelsorge weiter?
 
In der Regel sind da erst einmal andere Weisen des Fastens gefragt, solche, die das Hören auf die eigene Seele fördern. Sich z. B. jeden Tag 10 Minuten nehmen um sich in der Gegenwart Gottes wahrzunehmen, einfach da sein und sich spüren, ohne dabei irgendetwas anderes zu tun. Dieser Verzicht auf Ablenkung für diese relativ kurze Zeit kann für manche schon eine Qual sein. Es kann sehr schmerzlich sein, wenn man seine innere Unruhe und Leere zu spüren beginnt. Das passiert regelmäßig dann, wenn wir unserer Seele entfremdet sind. Fasten fördert den Pilgerweg zu uns selbst, auch wenn kein Leben ausreicht, um in diesem Prozess des Erkennens zu Ende zu kommen. Durch das regelmäßige Fasten von Ablenkung für eine bestimmte Zeit wird klarer, was die Bedrohung für die Seele ist. Die Seele ist jene Instanz in uns, die uns helfen will, dass wir größer, tiefer, freier und glücklicher werden. Das Problem ist nicht, dass die Seele nicht wüsste, was das Beste für uns ist, sondern dass wir verlernt haben, auf sie zu hören. Ein Resultat des Fastens ist, dass wir zunehmend Wahrheiten über uns erfahren. Die Seele verfügt über viele Sprachen, um zu uns zu sprechen: Träume, Erinnerungen, Körpersymptome, Schicksalsschläge, die uns scheinbar von außen widerfahren, über die Beziehung zu anderen Menschen, über Gemütszustände... Wenn wir die Botschaft nicht hören, wird sie immer wieder neue Sprechweisen und Kommunikationswege zu uns finden müssen. Sie kann in der Angst zu uns sprechen, in einem plötzlich hervorgerufenen Jubel vor Glück; oft spricht sie im Schmerz verstanden als Wachstumsreiz: „Du musst dich von Gewohnheiten trennen“ und „Du hast das Neue noch nicht sicher“.

 

Hier ist das Fasten also ein Mittel die Beziehung zu sich wiederzufinden?
 
Meistens werden dabei zwei Dinge für uns klar: Das, was ich bisher betäubt habe – Schmerz, Not, Angst – wird im Fasten deutlich und: Was sind meine wahren Sehnsüchte? In der seelsorgerlichen Begleitung zielt das Fasten also auf das Weglassen von dem, was den Betreffenden bisher betäubt hat, um das, was betäubt wurde, wieder deutlich und scharf wahrnehmen zu können. Damit sind sie zwar noch nicht beantwortet, aber der erste Schritt zur Veränderung ist getan. Das Fasten, das eine bessere Wahrnehmung auf der Erkenntnisebene bewirkt, führt ziemlich rasch zu einer tieferen Selbsterkenntnis. Wenn man fastet, wird man scharfsichtiger für sich selbst. Es kann für den Menschen sehr sinnvoll sein, sich zu fragen: Wie und womit betäube ich mich? Fast alles, was wir tun können, auch eine innerliche Haltung, die wir einnehmen, kann zur Betäubung verwendet werden. Ich kann zu viel arbeiten, ich kann zu viel um andere herumschwirren...
 
 

Verzichten ist ja grundsätzlich nicht leicht. Ist nicht jeder am Ende froh, wenn die Fastenzeit rum ist?
 
Nun, es kann auch eine ermutigende Erfahrung sein, die z. B. zur Rückkehr zu einem gesunden Maß finden lässt. Eine Maxime, die bereits im Altertum gebräuchlich war, lautet: „Nichts im Übermaß.“
Ich habe einen Freund, der ist ein rechtes Arbeitstier. Letztes Jahr fragte ich ihn, was er sich für die Fastenzeit vorgenommen habe, worauf er mir zur Antwort gab: „Ich habe mir vorgenommen einen arbeitsfreien Tag in der Woche zu halten, den ich in einem Kloster verbringe, weil ich zu Hause einfach nicht zur Ruhe finde.“ Die Erfahrung war so befreiend für ihn, so dass er diesen freien Tag in der Woche auch in der Zeit danach beibehalten hat.
Fasten kann dazu helfen, den goldenen Mittelweg neu zu erspüren und dann auch auf Dauer zu gehen. Dieser Mittelweg ist nicht zu verwechseln mit Mittelmäßigkeit. Was das für den einzelnen jeweils heißt, kann nur durch kluges Abwägen in der jeweiligen Situation für diese bestimmte Person herausgefunden werden. Es bedarf dazu der Unterscheidung der Geister. Der eine kümmert sich zu viel um andere und muss lernen, besser auf sich zu achten, ein anderer denkt nur an sich und muss lernen, mehr auf andere Rücksicht zu nehmen. Beides sind Aufforderungen, das jeweils süchtige Verhalten zu reduzieren. Was für den einen eine wachstumsfördernde Herausforderung ist, kann für einen anderen eine Betäubung sein. Es gibt nur eine einzige Ausnahme von der Regel, dass alles ein zu viel und ein zu wenig hat. Bernhard von Clairvaux hat das im 12. Jahrhundert so formuliert: „Das Maß zu lieben ist zu lieben ohne Maß.“ Damit gemeint ist die Liebe, die durch Christus in dieser Welt zur Wirklichkeit wurde und die auch in uns Menschen heute Gestalt gewinnen will. Diese Liebe hat nichts gemein mit einem romantischen Wohlfühlideal. Jesus liebt bis es weh tut. Für die Liebe ist das Maß die Maßlosigkeit der Liebe Christi. Seine Liebe verbindet sich mit dem Aufruf zur Nachfolge unter dem Kreuz.
Fasten hat etwas mit Loslassen zu tun. Dieses Loslassen zu lernen fordert uns aufs höchste heraus. Wir legen unsere Sorgen im Gebet oft mit der einen Hand in die Hände von Gott. Doch mit der anderen Hand nehmen wir sie gleich wieder heraus und wollen selber eine Lösung suchen. Wir tragen die Sorgen, die Kreuze des Alltags, in unseren Gedanken weiter. Somit nehmen wir sie wieder heraus aus unserem Abgeben an Gott und verfehlen dabei die Erlösung von unserem „Sorgenkram“. Vielleicht versucht es der eine oder andere in dieser Fastenzeit einmal mit „Sorgenfasten“!

 

Bedeutet Fasten sich abzusondern?
 
Als Jesus in der Wüste 40 Tage fastete, blieb er allein. Fasten kann manchmal auch heißen, eine Zeit lang auf menschliche Gemeinschaft zu verzichten. Doch solch eine Absonderung hat keinen Selbstzweck, sondern hat den Sinn, in Beziehung zu treten zur eigenen Seele und zum allmächtigen Gott. Die Reduktion der Außenkontakte zielt nicht auf eine Beziehungslosigkeit. Es geht nicht um Rückzug aus der Wirklichkeit, um mich im Spiegelkabinett der Selbstumkreisung verhundertfacht anzusehen. Rechtes Fasten hat zum Ziel, in eine ganz tiefe Beziehung zu kommen zur eigenen Seele und zu Gott und in der Folge auch wieder zu unseren Mitmenschen.
 
 

Wie gehst du damit um, wenn Freitagabend eine tolle Einladung ist. Gehst du dann auf die Menschen ein oder ziehst du dich zurück?
 
Wenn es am Mittwoch oder Freitag ein Fest gibt, faste ich eben einen Tag vorher. So freue ich mich auch über den Dienstag oder den Donnerstag, an dem gefastet wird. Das nimmt der Sache an sich nichts. Ich möchte das Fasten möglichst nicht ausfallen lassen, sondern auch in solchen Ausnahmefällen unterstreichen.

 

Was ist dir das wichtigste an dieser Gewohnheit?
 
Der Hebräerbrief spricht davon, dass man „durch Gewohnheit geübte Sinne“ bekommt. Tatsächlich erlebe ich es so: Je länger ich faste, desto mehr Sinn macht es für mich. Die Erfahrung zeigt nicht nur bei mir: Wer das Fasten entschlossen auf sich nimmt, in dem wächst das Verlangen nach Gott. Wenn man mit dieser Übung des Fastens lange genug unterwegs ist, verändert sich nach und nach die Sicht auf das Leben sowie überhaupt das Verständnis vom Leben, wie es uns von Jesus verheißen ist. Man kann die Dinge in ihrer Bedeutung – was wichtig und was unwichtig ist – leichter unterscheiden und besser einordnen. Man lernt sich selbst in seiner Armut und Bedürftigkeit und Gott in seiner Fülle und seinem Reichtum besser kennen und schätzen – das führt zu einer größeren Dankbarkeit. Man ist in der Lage, das Wort Gottes besser zu hören und in die Tat umzusetzen; Glaube und Vertrauen in Gottes liebende Vorsehung nehmen zu, d. h. ich kann das Leben, so wie es ist, leichter annehmen. Das Mitgefühl zu den Mitmenschen wächst spürbar, ich gewinne Freude daran, mit immer weniger auszukommen und noch vieles andere mehr... Doch alles das ist nicht Sinn und Ziel des Fastens, sondern bezeichnet lediglich Früchte, die daraus entstehen können. Gott lässt sich auch nicht durch Fasten irgendetwas abringen. Er lässt sich zu nichts zwingen, er will sich uns schenken; er gibt wem, wann, wo und wie er will. Das Fasten setzt mich ins rechte Verhältnis zu Gott, weil es mich körperlich erleben lässt: Ich bin für die Liebe geschaffen, die mir in Jesus Christus in ihrer Vollendung entgegenkommt. An der Stelle möchte ich es mit dem Apostel Paulus halten, der uns zuruft: „Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark!“ (2Kor 12,10) In diesem Paradox liegt das Geheimnis der Menschwerdung Christi und meiner eigenen Menschwerdung. Fasten wird so zu einer Anbetung des Geheimnisses der Menschwerdung durch den Körper, und so mit meinem ganzen Sein. Das empfinde ich als ein großes Glück.

Von

  • Maria Kaißling

    Religionspädagogin. Sie lebt in der OJC-Auspflanzung in Greifswald und ist vorwiegend als Seelsorgerin tätig.

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