Verzichten gehört zum Leben

© Kerstin Kailuweit
© Kerstin Kailuweit

Seelsorge als Aufgabe an sich selbst


von Manfred Seitz

 

Viele Menschen sind weit gereist, haben viel erlebt und viel gesehen – und besitzen doch ein merkwürdig geringes Maß an Lebenseinsicht und Lebenserfahrung. Andere haben weit weniger erlebt, weniger gesehen, sind wie der Philosoph Kant, der  Königsberg nie verlassen hat, nicht über ihre engen Lebensverhältnisse hinausgekommen und zeichnen sich doch durch bemerkenswerte Lebensweisheit und Lebensklugheit aus.
Dieser Unterschied in der Erfahrung hängt mit der unterschiedlichen Stärke des Bemühens und der Fähigkeit zum Verarbeiten des Erlebten zusammen, denn Erfahrung ist innerlich verarbeitetes Erlebnis. Was aber für die allgemeine Erfahrung gilt, gilt für die geistliche nicht minder. Auch der Bereich des Glaubens, der Bindung an den Herrn, ist eine Welt von Erlebtem und Erfahrenem.
In ihr gibt es Menschen, die alt geworden und in ihrer Frömmigkeit treu geblieben sind und doch nur ein erschütternd geringes Maß vom Evangelium begriffen haben. Andere leben erst seit kurzem im Wort Christi, waren vielleicht noch gar nicht fähig, viel vom Gut des Glaubens in sich aufzunehmen, und haben doch häufig eine Tiefe der Erkenntnis, die beschämt.
 

Erlebnis - Erfahrung - Reife

Unterschiede wird es immer geben. Man kann aber das Bemühen stärken und die Fähigkeit ausbilden, Vorgänge, die der Glaube hervorruft oder beleuchtet, geistlich zu verarbeiten. Wir Protestanten haben bisher nur sehr wenig getan und besitzen deshalb in der evangelischen Kirche auch wenig Erfahrung im Ringen um geistliche Reife. Wenn wir die Geschichte der Christenheit einmal daraufhin befragten, würden wir staunen über die Schätze, die noch zu heben sind.
Wilhelm Löhe, zum Beispiel, der Begründer des Neuendettelsauer Diakonissenwerkes, war ein Mann, der seine seelsorgerliche Erfahrung im anhaltenden Bemühen um eine geistliche Haltung gewann. Was er tagsüber tun und entscheiden musste, das bedachte er abends vor der aufgeschlagenen Bibel. Seine pfarramtliche Tätigkeit stellte er Zug um Zug unter die große Kritik und unter die barmherzige Vergebung des göttlichen Wortes und ließ auch seine Erlebnisse von diesem Licht bescheinen. Weil er sich Rechenschaft vor Gott gab, wurde er zu dem Mann, an den sich viele anlehnen und der viele halten konnte.
In ähnlicher Weise kann man auch die Menschen, die einem im Laufes des Tages begegnen, vor Gottes Angesicht stellen und für sie erbitten, was ihnen am nötigsten ist. Das lässt Gott für den, der das übt, oft zu einer besonderen Quelle der Menschenkenntnis und Barmherzigkeit im Umgang mit Menschen werden.
In alten Gebetbüchern findet man zuweilen einen „geistlichen Tageslauf“. Für besondere Abschnitte und Einschnitte des Tages wird ein kurzes Schriftwort oder ein kurzes Gebet gegeben – zum Beispiel „Beim Erwachen“, „Bei der Arbeit“, „Wenn man die Lichter anzündet“. Manchmal wird auch für den Moment, in dem „man aus dem Hause geht“ (Cyriakus Spangenberg, 1560), ein Wort zum Innehalten und Befolgen angeboten, etwa: „Herr, zeige mir deine Wege und lehre mich deine Steige“ (Psalm 25,4).
Wir versuchen, dieses Gebet zu leben, es vor allem im Miteinander der Arbeits- und Familiengenossen des Tages zu verwirklichen. Am Abend geben wir uns ein paar Minuten stille Rechenschaft vor Gott über das, was geschehen ist. Das macht meistens sehr demütig und traurig. Aus dieser Stille, in der uns unser Herz verdammt, in der aberGott größer ist als unser Herz (1Joh 3,20), geht geistliche Erfahrung hervor.
Es wird heute von allen, die im Dienst der Seelsorge stehen, eine umfassende Kenntnis des gegenwärtigen Menschen, seiner Lebensverhältnisse, seiner Denkgewohnheiten und seines sozialen Verhaltens gefordert. Dagegen ist nichts einzuwenden. Man muss alles Bemühen um Aneignung solcher Kenntnisse unterstützen. Aber diese Hilfen und Ergänzungen, sowie alles, was ich erlebe, erfahre und weiß, müssen letzten Endes dazu führen, dass ich immer aufnahmefähiger für Jesus Christus und ein Träger seines Wortes werde. Das geschieht dadurch, dass ich mein ganzes Leben bis in die einzelnen Vorgänge hinein, unablässig mit der Schrift konfrontiere und dem Willen Gottes unterstelle.
Die im Westen wenig bekannten mönchischen Seelsorger der Ostkirche haben in ihren Einsiedeleien oft Jahre und Jahrzehnte keinen Menschen gesehen. Sie lebten dem Schriftstudium, der (zum Teil wissenschaftlichen) Arbeit und dem Gebet. Sie gewannen Erfahrung im Umgang mit sich selbst. Wenn sie nach langer Zeit wieder unter die Menschen traten, um ihre letzten Jahre der Not der Welt zu weihen, dann hieß es von ihnen: Sie lasen im Antlitz der Menschen wie in einem entsiegelten Buch.
Diesen Weg gibt es auch. Es wird in der Regel nicht unser Weg sein. Aber dass es ihn gibt, müssen wir wissen: denn seelsorgerliche Erfahrungen gewinnt man nur im Ringen um eine geistliche Haltung.

Notwendiger Verzicht

Je reicher wir werden – an materiellen wie an geistigen Gütern – , desto ernsthafter müssen wir nach dem Verzicht in unserem Leben fragen. Jesu Wort: „Ein Reicher wird schwer ins Himmelreich kommen“ (Mt 19,23), schließt auch den Besitz an Anschauungen, Meinungen, Kenntnissen und Vorstellungen und den Reichtum an Wissen mit ein. Verzichten heißt hier nicht: die geistigen Schätze verachten und die Vernunft vom Glauben fernhalten. Verzichten heißt hier: aus Geist und Vernunft Gott nichts vorschreiben, keine Ansprüche gegen ihn geltend machen – zum Beispiel, ob er sich nicht anders als in Jesu armer Gestalt hätte offenbaren können; ob der Weg über das Kreuz Jesu der einzige Weg zu unserer Rettung war; ob er mir nicht dies hätte erfüllen und mich vor jenem hätte bewahren müssen. Verzichten heißt, sich im Herzen beugen und im Geist demütig sein.
Ungleich deutlicher als die Notwendigkeit dieser tief in der Person verborgenen Haltung steht uns vor Augen, dass der Reichtum, der heute zum so genannten Lebensstandard gehört, und äußerlich gesicherte Lebensverhältnisse eine geistliche Gefährdung darstellen. Sie kommt zum Ausbruch in einer Verbreiterung des „privaten“, das heißt des von Gott so leicht lösbaren Bereichs. Gott wird abgedrängt an die Ränder unseres Daseins. Es wird fast alles wichtiger als er. Verzicht heißt hier Einschränkung im Materiellen, damit Gott wieder zur Geltung komme und Herr sei über Güter und Kräfte und unsere Zeit.
Man wird schon aus diesen allgemeinen Erwägungen erkennen, dass man einen für jeden gültigen Ratschlag, wo er verzichten muss, nicht geben kann. Aber dies kann man: anfangen, nachzudenken und sich zu besinnen, an welcher Stelle seines Lebens man sich um Einschränkung und Verzicht bemühen muss, um Gott mehr Verfügung über Gang und Inhalt seines Tages zu gewähren. „Mit dem Verzichten geht es uns eigenartig. Einerseits ist jeder Mensch dazu gezwungen, auf vieles im Leben zu verzichten, andererseits tut man es freiwillig, wenn bestimmte Rücksichten oder Aufgaben einen dazu bewegen, zum Beispiel Rücksichten auf die Familie, den Beruf, die Gesundheit und vieles andere. Zugleich aber versuchen wir, dem Opfer und dem Verzicht auf jede Weise auszuweichen“ (Eduard Steinwand, Predigt über MK 9,43-48).
 

Erzwungener Verzicht

Erzwungener Verzicht gehört zum Bittersten im Leben. Auf die Ehe, auf einen befriedigenden Beruf, auf eine tragende Gemeinschaft oder Ähnliches verzichten zu müssen, wird immer als Verkürzung des Lebens empfunden, als Benachteiligung; denn „alles, was das Leben unausgefüllt, einsam, sinnlos, unglücklich erscheinen lässt, ist irgendwo mit einem Verzichtenmüssen verbunden“ (Eduard Steinwand).
Infolge eines erzwungenen Verzichts erscheint häufig der Streik als Ausdruck elementarer Lebensnot. Er legt sich dann lähmend auf unser Verhältnis zu Gott und wird dadurch zur elementaren Glaubensnot. Ein Mensch tritt in den Streik, wenn seine Forderungen nicht erfüllt und seine Ansprüche nicht befriedigt werden. Er bricht aus dem Ordnungsgefüge, in dem er steht, aus und kündigt den Dienst auf. Dadurch geraten auch die übrigen Beziehungen, in die er hineingebunden ist, in Unordnung.
Zum Streik kann es in jedem Lebensalter kommen. Alle Menschen begegnen dem Leben mit bestimmten Erwartungen. Sie haben mehr oder weniger ausgeprägte Vorstellungen von dem, was ihnen die Zukunft bringen soll; je jünger sie sind, umso leidenschaftlicher. Aus ungezählten Eindrücken setzt sich das Bild zusammen, das einmal Wirklichkeit werden soll. In unserer Zeit wird das „Wunschbild Leben“ ungewöhnlich stark von den modernen Kommunikationsmitteln (Fernsehen, Film, illustrierte Presse usw.) gelenkt. Das wirkt sich besonders verhängnisvoll auf die Vorstellung von Ehe und Liebe aus. Die Seelsorge der Ehe hat deshalb beinahe am häufigsten mit Streiksituationen zu tun, das heißt mit der Auflehnung von Menschen, deren Wunschbilder an der Wirklichkeit zerbrochen sind.
 

Unbewältigter Verzicht

Wunschbilder zerbrechen, weil die Wirklichkeit nicht bereit ist, sie zu erfüllen. Viele Vorstellungen, die man sich vom Leben und von einzelnen Lebensabschnitten gemacht hat, muss man zurücknehmen, ändern oder korrigieren. Das Leben zwingt einen dazu. Es ist ganz anders. Es fordert Verzicht von uns. Man ahnt es schon in der Jugend; aber man weiß es noch nicht in seiner ganzen Tiefe. Erst die Jahre lehren es unerbittlich. Dann entscheidet sich, ob sich ein Mensch auflehnt oder führen lässt. Das erste scheint, das zweite ist das Schwerere und Größere. Reif werden heißt daher: der Wirklichkeit die Wünsche beugen. Was ich glaubte, dem Leben abtrotzen und abfordern zu können, muss ich aufgeben; was ich meinte erwarten zu können, muss ich einschränken; was ich glaubte beanspruchen und bewirken zu können, muss ich abbauen. Reifen und Verzichten gehört eng zusammen. Und zur Weisheit des Glaubens gehört es, in diesem Prozess, den die Bibel „Sich-selbst-verleugnen“ nennt, immer mehr seine Hoffnungen in Gottes Hände zu legen, damit er entscheide, was für uns gut und heilsam ist.
Stattdessen kann es aber, da das Leben in irgendeiner Form von jedem verlangt, dass er verzichtet, zum Streik kommen. Wir werden ungehalten, weil wir etwas nicht bekommen haben, und zugleich werden wir blind für all das Gute, das uns zuteil geworden ist. Der Streik und die Undankbarkeit gehören eng zusammen. Obwohl wir in vielen Fällen nicht genau wissen, wen wir für den empfundenen Mangel verantwortlich machen sollen, lehnen wir uns gegen unsere unmittelbare Umwelt und die Lebensverhältnisse auf. Unfreundlichkeit, die sich der, dem sie begegnet, nicht erklären kann, und jede Form von Zynismus deuten häufig auf eine streikende, undankbare Seele hin. Im schlimmsten Fall versuchen wir einfach zu nehmen, was uns vorenthalten blieb, oder finden nicht mehr in die Wirklichkeit zurück. Wir erleiden dann nicht nur Schäden an unserer Seele, sondern geraten auch in großes Unrecht hinein.
Während es uns schwerfällt, das Glück unseres Lebens mit Gott in Zusammenhang zu bringen und ihn dafür zu loben, sind wir sofort bereit, Gott anzuklagen, wenn wir uns unglücklich wähnen.
Es gehört zu den ganz merkwürdigen Dingen, die man in der Seelsorge wissen muss, dass jede Auflehnung eines Menschen gegen sein Schicksal in die Glaubenssphäre hineinreicht und zur Auflehnung gegen Gott werden kann.
Zu einem Dorfpfarrer kam einmal ein Bauer, der in einen Hof eingeheiratet hatte und sagte: „Ich gehe ab jetzt nicht mehr in die Kirche!“ Auf die Frage nach dem Grund dafür antwortet er: „Weil mir meine Schwiegereltern das Zimmer, das ich noch wollte, nicht gegeben haben“.
Von einem Menschen, der meutert, weil das Leben nicht hielt, was es zu versprechen schien, sagt unsere Sprache mit tiefer Einsicht. „Er ist mit Gott und der Welt zerfallen.“ Sie weiß, dass sich jede Auflehnung auf Gott ausdehnen kann. Man kündigt ihm Gefolgschaft, Dienst und Treue. Dadurch geraten auch die übrigen Beziehungen, in denen wir stehen, in Unordnung. Medizinisch gesprochen, liegt im Streik häufig der Ursprung einer Neurose. Seelsorge besteht hier in erster Linie in dem Bemühen, den Streik abzubauen. Sie ist machtlos, wenn es ihr nicht gelingt, den Menschen aus seiner Zwangssituation und Wunschgebundenheit zu befreien. In manchen Fällen muss Psychotherapie zu Hilfe genommen werden. Erst wenn wir den Aufstand gegen Gott und unsere Mitmenschen aufgeben, auch in kleinsten Dingen, beziehungsweise wenn wir uns herausführen lassen, weicht der Bann, der es uns unmöglich macht, zu glauben und der, weil er im Gefolge eines unbewältigten Verzichtes steht, uns nicht zu einem beherrschten geistlichen Leben kommen lässt.
 

Bejahter Verzicht

Ein unbewältigter, erzwungener Verzicht stellt eine schwere Behinderung des geistlichen Lebens dar und führt zu Undankbarkeit und Verblendung: Man sieht die Gnaden, von denen man lebt, nicht mehr. Ein aktiver, bejahter Verzicht hingegen bedeutet eine wunderbare Befreiung zum geistlichen Leben und führt zu Dankbarkeit und Erleuchtung: Man schaut die Gnaden, von denen man lebt. „Weil das Verzichten einfach zu unserem Dasein gehört, deshalb ist es auch eine Hilfe und eine Tugend, wenn ein Mensch das Verzichten gelernt und geübt hat. Ein zuchtvoller, ein beherrschter Mensch ist in jedem Fall einer, der verzichten kann, der nicht ein Spielball seiner Triebe und Gefühle ist. Daher ist ein zuverlässiger Mensch, zu dem man Vertrauen haben kann, auch immer ein zuchtvoller Mensch. Und zuverlässige Menschen sind eine Hilfe und Wohltat für ihre Umgebung.“ (Eduard Steinwand)
Der Verzicht spielt in der Seelsorge eine entscheidende Rolle: Beruf, Ehe, Krankheit und Tod sind die hauptsächlichen Felder, auf denen wir helfen müssen, ihn zu bewältigen. Er spielt eine ebenso entscheidende Rolle in der geistlichen Aufgabe, die wir an uns selber haben. Sie beginnt mit der Frage: Wo muss ich auf eine gewohnheitsmäßige Ausfüllung meiner Zeit verzichten, um Gott Einlass in meine Zeit und dadurch mein Leben zu gewähren? Zu ihr gehört die Frage: Wo muss ich auf ganz bestimmte Gebundenheiten, Leidenschaften und Wunschbilder verzichten, die Gott in meinem Leben nicht zur Wirkung kommen lassen? Sie mündet in die Frage: Wo muss ich auf mich selbst verzichten, um ganz für Gott da zu sein, damit er mich zum Werkzeug seiner Liebe macht?

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