Editorial zum Thema Fasten und Verzicht

 

Liebe Mitchristen!

„Starten Sie mit zwei Entlastungstagen, an denen Sie nur Obst und Gemüse essen. Am dritten Tag sollten Sie mit Glaubersalz die Darmentleerung einleiten. Danach nur noch ungesüßte Kräuter- und Früchtetees...“ Nicht umsonst beginnen die neuzeitlichen Fastenanleitungen mit solchen Empfehlungen. Zwar ist das Fasten ein natürlicher Vorgang, „aber unser Körper ist nicht daran gewöhnt. Der gesamte Stoffwechsel stellt sich um, und diese Veränderungen -haben auch Einfluss auf die Seele“ schreibt die Ärztegesellschaft für Heilfasten und Ernährung. Sie erläutert: „Fasten ist nicht so banal wie eine Diät ... das ganze Leben verlangsamt sich, wird intensiver.“

Wer sich im Internet übers Fasten kundig machen will, findet unter dem Stichwort „Fastenzeit“ über 5 Millionen Einträge! Vom Heilfasten und Abnehmen, über Radwandern + Fasten bis zur kirchlich traditionellen Fastenzeit reichen die Angebote. Fragt man, was die Menschen vom Fasten erwarten, ähneln sich die Antworten: einfacher leben; bewusster werden, achtsamer sein, Energien zurückgewinnen, Leib und Seele reinigen. Wer Fernsehkonsum oder PC-Spiele fastet, gewinnt Zeit zurück für Besuche oder fürs -Lesen.
 

Das Wort „fasten“ stammt aus dem gotischen -„fastan“, was so viel bedeutet wie (fest)halten, be-obachten, bewachen. Wer eine gewisse Zeit auf eingefleischte Gewohnheiten verzichtet, kann beobachten, dass er wacher, aufmerksamer, achtsamer wird. Alle unsere Beziehungen profitieren davon! Wir werden uns bewusst, dass vor allem, was uns im Alltag beschäftigt, die Beziehung zu dem Einen steht, der uns hält, trägt, liebt, befreit und auch entlastet vom Ballast, der sich überflüssigerweise angesammelt hat.

Freiwilliges Fasten ist ein zeitweiliger Verzicht zugunsten eines guten Gewinns oder einer ersehnten Freiheit. Davon sind unsere Autoren überzeugt. Dr. Andreas Kusch gibt uns in seinem (hier gekürzten) Aufsatz einen motivierenden Überblick über die Grundlagen und die Geschichte des christlichen -Fastens. Einen wichtigen Einblick eröffnet uns Prof. em. Manfred Seitz: Wenn Menschen unfreiwillig oder gegen alle ihre Erwartungen verzichten müssen, bedarf es in der Seelsorge besonderer Achtsamkeit. Kommen sie nicht zu einer (auch späten) Einwilligung, können sie an der Einschränkung ihres Lebens zerbrechen.
 

Wolfgang Breithaupt ist Landespfarrer für Seelsorge und Leiter des Hauses der Stille in der Pommerschen Ev. Kirche. Er schildert seine eigenen Erfahrungen mit dem Fasten und welche Einsichten ihm darüber hinaus in seiner langjährigen Praxis aufleuchteten. Rudi Böhm gibt uns Anteil an der bewährten kirchlichen Tradition. Sie kann uns modernen und oft gehetzten Menschen eine Gelassenheit, ja Heiterkeit des -Herzens schenken. Diese Art des „kleinen Fastens“ ist für jeden im Alltag praktizierbar.
 

Die Ärztegesellschaft für Heilfasten empfiehlt bei -jedem therapeutischen Verzicht auf Nahrung, sich nicht in ein so genanntes „Fastentief“ fallen zu lassen: „Sorgen Sie dafür, dass es Ihnen gut geht... gönnen Sie sich Musik, Bewegung, Natur, Lachen, Meditation.“

Jesus empfiehlt uns: „Wenn ihr euch im Fasten übt und bewusst auf Nahrung verzichtet, dann setzt keine Leidensmiene auf... bade dich und lege einen besonders guten Duft auf! Auf diese Weise merken die Leute nicht, dass du gerade dabei bis, um Gottes willen auf Nahrung oder andere Dinge zu verzichten. Denn es geht ja beim Fasten nicht um die anderen, sondern um deine Beziehung zu Gott. Er, der dein wahrer Vater ist, sieht auch das, was verborgen ist, und wird dir deinen Lohn geben.“ (Mt 6,16-18, Übersetzung von Roland Werner)
 

Noch liegt die Woche zwischen Palmsonntag und -Ostersonntag vor uns. In dieser Woche feiern wir Christen weltweit in besonderer Weise die Erinnerung an die Passion Jesu Christi, sein Sterben und seine Auferstehung. Er zieht uns durch seinen Tod in sein -unsterbliches Leben hinein und gibt uns Teil an seiner Ewigkeit.

Um uns dieses Geschehens zu vergegenwärtigen und die Beziehung zu ihm zu erneuern, zu festigen, lohnt sich jeder freiwillige Verzicht!

In diesem Sinne grüße ich Sie herzlich in dieser österlichen Zeit im Namen des gesamten Redaktionsteams,

Ihre
Maria Kaißling
  

Ein Hinweis in eigener Sache: Auch in diesem Jahr werden nur zwei Nummern des Brennpunkt erscheinen. Wir sind mittendrin im Erstellen des „Leitbildes Seelsorge in der OJC“ – und der Prozess gestaltet sich länger, als wir zu Beginn dachten. Wir bitten Sie um Ihr Verständnis und um Ihre Fürbitte für diese Aufgabe und unser kleines Team.

 

 

Fastenaktionen in Deutschland

40 Tage beten und fasten für unser Land

„Ziel der Kampagne ist es, Christen über das Gebet für persönliche Anliegen hinaus auch zum informierten Gebet für gesellschaftliche Nöte zu motivieren“.  Fasten und intensive Fürbitte sind inhaltlich eng verzahnt. Die Aktion startet am Aschermittwoch und geht bis Ostern. Die Bewegung wird getragen vom „Runden Tisch Gebet" der „Koalition für Evangelisation“. Zu den Trägern der Aktion gehören Partner aus der evangelischen und katholischen Kirche ebenso wie aus Freikirchen und interkonfessionellen Organisationen. Es werden Hilfen gegeben, wie in den unterschiedlichsten Lebenssituationen gebetet werden kann. Ein Gebetsheft hilft zum „informierten“ gesellschaftsbezogenen Gebet. 
 

7 Wochen Ohne

Rund zwei Millionen Menschen nehmen jedes Jahr an der Fastenaktion der evangelischen Kirche „7 Wochen Ohne“ teil. „Traditionell greifen viele -Gemeinden vor Ort das aktuelle Fastenthema von „7 Wochen Ohne“ auf und eröffnen so den Dialog über die Fastenandachten in ihren Gemeinden. Der Fastenkalender, ein zentrales Element der Aktion, gibt mit seinen unterschiedlichen Wochenthemen Anregungen für eine intensive Beschäftigung mit dem Aktionsthema. 
 

Misereor Fastenaktion

In der katholischen Kirche ist die Misereor Fasten-aktion die zentrale Aktion in der Fastenzeit. Mit -einer „Aktion gegen Hunger und Aussatz in der Welt" legten die deutschen Bischöfe in der Fastenzeit 1959 den Grundstein für das Entwicklungshilfswerk -Misereor. Bis heute spielt die jährliche Fastenaktion eine zentrale Rolle. In den Wochen zwischen Aschermittwoch und Ostern besinnen sich die Menschen auf ihre Verantwortung für die Armen. „So wird die Zeit der inneren Einkehr zu einem Ansporn, die Ur-sachen von Hunger, Armut und Krankheit zu beseitigen“.
 

Aktion Lohnender Verzicht

Diese Aktion ist aus der Arbeit des Blauen Kreuzes entstanden, das die Sucht- und Abhängigkeits-problematik als Arbeitsschwerpunkt hat. Sie hat zum Ziel, gesundheitsschädliche Gewohnheiten wie „die erste Zigarette nach dem Kaffee oder das Feier-abendbier vor dem Fernseher“ zu verändern.

Von

  • Maria Kaißling

    Religionspädagogin. Sie lebt in der OJC-Auspflanzung in Greifswald und ist vorwiegend als Seelsorgerin tätig.

    Alle Artikel von Maria Kaißling

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