Liebe Mitchristen,

es ist gewiss keine Neuigkeit. Unsere Generation leidet an einem Mangel an Vaterfiguren und in der Folge an einem Identitätsproblem. „Die Welt wird weiblich! – Die Männer sind die neuen Frauen“, so lautete in diesen Tagen die Überschrift in einer Zeitschrift. U. a. hieß es da: „‚Harte Männer’ sind in Werbung und Gesellschaft nicht mehr gefragt. Wohl jene, die mit ihren Kindern Kuchen backen, und Frauen, die die Familienfinanzen auf der Bank regeln.“ Die tradierte Männerrolle ist unzuverlässig geworden. Unter Männern herrscht eine beängstigende Identitätskrise. Dabei tritt zunehmend als eine der wichtigsten Krankheitsursachen zu Tage: Die Männer leiden unter „Vater-Mangel“. Viele Väter sind abwesend; oder nahe aber feindselig; oder stumm und ohne ihren Söhnen etwas über das Leben mitzu­geben. Dadurch entsteht der Teufelskreis, dass Jungen männliche Identität vorenthalten bleibt und sie zu verkrüppelten Vätern wachsen, weil ihnen selbst beispielhaftes Vaterverhalten abging. Die Vater-Sohn-Problematik wird mit Sicherheit nicht durch die ­Relativierung der Männlichkeit gelöst. Man lehrt heute, dass dem Mann- und Frausein das Menschsein vor­ausgehe; darum solle man sich von den Modellen und sozialen Rollen befreien, die für das Individuum dessen Selbstentfremdung heraufführten. Tatsache jedoch ist: Man kann nicht Mensch sein, ohne Mann oder Frau zu sein.
 
Es ist darum höchste Zeit, sich wieder auf männliche Leitbilder zu besinnen, die ihre Vaterschaft ganz ergriffen haben. Es ist höchste Zeit, uns Männern das einzige Abenteuer vorzuschlagen, das der Mühe wert ist: die Verrücktheit des Kreuzes. Für mich persönlich war Josef, der Stiefvater Jesu, eine wichtige Orientierung für mein eigenes Mann- und Vatersein. Josef muss ein wunderbarer Mensch und ein liebevoller Vater gewesen sein, der seinem Sohn Sicherheit und ein unerschütterliches Vertrauen in die guten Kräfte der Seele und der Welt vermittelt hat. Ich bin der Meinung, dass Jesus nur deshalb so überzeugt von der Liebe und der Barmherzigkeit des himmlischen Vaters reden konnte, weil er offenbar in Josef eine Väterlichkeit erlebt hat, die über diese Welt hinausweist. Es braucht Väter wie Josef von Nazareth, die ihre Frau im Zweifel nicht verlassen und ihre Kinder neben sich wachsen lassen. Männer, die bereit sind, ihr Leben Gott hinzugeben und für ­Christus zu arbeiten, zu leiden und notfalls auch zu sterben. Männer, die vor Gott knien, um in der Welt hinstehen zu können.
 
Im weiteren braucht es Ehemänner, die ihren Frauen ein zuverlässiges Gegenüber sind und ihnen beistehen, ihr Frau- und Muttersein zu verwirklichen. Männer, die ihre Verunsicherung nicht überspielen mit beruflichen Leistungen oder verdrängen durch Flucht in die Abwechslung, sondern es mit dem mühsamen Alltag mit all seinen kleinen und großen Herausforderungen aufnehmen. Gefragt sind Männer, die ihre Kraft in lebensvolle Beziehungen investieren und die kleinsten Dinge des Alltags mit Christus und der Lebensart, die ihm entspricht, verbinden. Wo sind die Männer, die Frauen nicht lüstern hinterherschauen, sondern sie durch ihren Blick aufbauen? Wo sind die Männer, die sich zu ihren Fehlern bekennen und bereit sind, vor Gott ihr Gesicht zu verlieren, um in ihrer Familie Sein Angesicht widerspiegeln zu können? Es braucht Männer, die nicht nur ihre Werkzeuge sortieren, sondern in ihr inneres Leben Ordnung bringen, indem sie sich die Regeln gesunder Lebensführung einprägen und im Alltag einüben.
 
Wenn man die Anfänge des Christentums studiert, ­waren es zwei Dinge, durch die es der frühen Kirche gelungen ist, die damalige heidnische Welt zu verändern: das erste war die Glaubensverkündigung, und das zweite war das Lebenszeugnis der Christen. Und da waren es wiederum zwei Dinge, die die Heiden am meisten beeindruckt haben: die Nächstenliebe und die Reinheit der Sitten. In den ersten Jahrhunderten war es immer wieder notwendig, den Glauben zu erklären und zu verteidigen. Einige der erhalten gebliebenen Schriften bezeugen, dass die reine Lebensweise der Christen für die Heiden etwas „Außer­gewöhnliches und Unglaubliches“ war. In einem solchen Text, dem Diognetbrief, heißt es: „Die Christen heiraten wie alle anderen, aber sie setzen ihre Neu­geborenen nicht aus. Sie haben Tischgemeinschaft, teilen aber nicht das Bett. Sie leben im Fleisch, aber nicht nach dem Fleisch, sie wohnen auf der Erde, sind aber in Wirklichkeit Bürger des Himmels.“
 
Mannsein und Vaterschaft haben etwas mit Glauben und mit Gott zu tun. Auf dem Spiel steht nicht in erster Linie eine Einbuße an Tradition als vielmehr eine unumkehrbare Zerstörung durch Rebellion, die gottlos und fanatisch die Frage nach der Wahrheit verhöhnt. Wichtige Worte wie Pluralismus, Toleranz und Solidarität  bleiben ohne das Bewusstsein der Verantwortung vor Gott leer und schwammig. Alles, was dem Menschen möglich ist, ausprobieren und sich durch nichts und niemanden einschränken lassen, bestimmt heute vielfach das Bewusstsein von Freiheit. Die Tugend der Reinheit ist in unserer Zeit auch unter den Christen in Vergessenheit geraten oder wird belächelt. Oft sagt man: Ich schade doch niemand, wenn ich meine Sexualität so auslebe, wie es mir gefällt. Aber es ist nicht wahr, dass das, was ich lebe, nur auf mich selbst beschränkt bleibt. Im jüdischen Talmud steht eine Lehrgeschichte, die den Schaden zeigt, den eine ganz persönliche, private Tat allen zufügt: An Bord eines Schiffes befanden sich mehrere Menschen. Einer von ihnen nahm einen Bohrer und begann unter sich ein Loch zu bohren. Als die anderen Passagiere das sahen, fragten sie  ihn: „Was tust du da?“ Er antwortete: „Was geht euch das an, ist das nicht mein Sitz, unter dem ich das Loch mache?“
 
In dieser Periode der Zweideutigkeit und Zwiespältigkeit erscheint es darum notwendig, die Stellung des Menschen zwischen Gut und Böse, zwischen göttlicher und widergöttlicher Macht, als eine Realität wieder bewusst in den Blick zu nehmen. Die Unterscheidung zwischen Gut und Böse wird überlebenswichtig in einer Gesellschaft, in der wir immer raffinierteren Methoden der Ma­nipulation ausgesetzt sind, in der Politik, in der Werbung, in einem zunehmend ideologisierten Klima des Werteumsturzes, der ins­besondere im sexuellen Bereich von aktiven Minderheiten be­trieben wird. Wir Männer dürfen dieser Entwicklung nicht einfach zusehen und uns ohnmächtig alles aus der Hand nehmen lassen, sondern als mit­tätige Empfänger der Gnade Gottes dem grenzenlosen Wahnsinn mutig entgegensteuern.
 
In diesem Sinne
möchte ich gerne mit Ihnen verbunden sein,
und grüße Sie, auch im Namen des Redaktionsteams
 
Rudolf M. Böhm

Von

  • Rudolf M. J. Böhm

    Sozialpädagoge, gehört mit seiner Frau Renate zur OJC-Auspflanzung in Greifswald, wo er u.a. als Seelsorger aktiv ist.

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