Gibt es eine lebendige Zukunft für mich?

Anonym
 
Dieser Brief erreichte mich (Rudi Böhm) vor etwa zwei Monaten. In­zwischen bin ich mit diesem jungen Mann einen guten Weg gegangen und werde auch weiter mit ihm gehen. Was in diesem Brief zum Ausdruck kommt, steht beispielhaft für das ­Lebensgefühl vieler junger Männer. Doch nicht jeder verfügt über solche Sprache und Ausdrucksvermögen, um in dieser Klarheit seine Situation zu beschreiben. Darum habe ich den Schreiber um Erlaubnis gebeten, den Brief veröffentlichen zu dürfen um anderen Mut zu machen, sich ebenfalls Hilfe zu ­suchen.
 

Mir fällt es unendlich schwer, diese Zeilen aufzuschreiben und trotzdem ist es notwendig. Ich kann so nicht mehr weitermachen. Es ist allerhöchste Zeit für einen Hilferuf.
Es gibt Dinge in meinem Leben, mit denen ich langsam aber sicher überhaupt nicht mehr umgehen kann: Stimmungen / Zustände / Gedanken die für mich zu einer totalen Blockade anwachsen und alles Zukünftige unter ein großes Fragezeichen stellen.
Ich bin in mir drin komplett verwirrt, habe keine Antworten mehr – die Zeit der großen Orientierungslosigkeit. Treibe ziellos und ohne Halt, mal hierhin mal dorthin. Fühle mich wie gelähmt, un­fähig zu Leben. Meine Aktionen und Entscheidungen folgen nur Impulsen, plötzlichen Ideen, Bildern, Luftschlössern, die verhallen und keinen Ausdruck finden. Ich treibe manchmal wie ferngesteuert, ziellos durch den Tag. Ich weiß nicht, wer ich bin, ich weiß nicht, was ich will, ich weiß nicht, wo ich herkomme und wo ich hingehöre. Ich bin ohne Basis und ohne Wurzeln, fühle mich einsam und verlassen und zweifle an einer lebendigen Zukunft für mich. Ich kann nur Rollen spielen, als Chamäleon durch die verschiedenen Situationen steuern, ohne eine eigene Persönlichkeit zu sein. Bleibe ­unfassbar, unnahbar, unverbindlich, bin berechnend.
Warum will ich nichts wirklich, warum habe ich keine Ziele? Ich verstehe unsere Zeit nicht: Was tun all diese Menschen, wonach streben sie, was treibt sie an, für was mühen sie sich ab? Ich müsste nur endlich mal etwas wirklich wollen können! Jeder verfolgt irgendwelche Ziele, ich habe keine! Fragen über Fragen, mein Kopf ist durchlöchert, ich habe keine Antworten. Unter Menschen führe ich ein Theaterstück auf, schlüpfe in Rollen und quatsche rum – ich hab das wirklich unendlich satt.
Dazu Panikattacken und Angstzustände, die ich nicht einordnen kann und die immer schlimmer werden – ich muss dann an die frische Luft nach draußen – am besten mit dem Fahrrad. Manchmal spüre ich eine unglaubliche Beklemmung. Ich muss viel weinen. Wenn ich mit dem Rad rausfahre und allein im Wald bin, sacke ich zusammen und heule nur noch.
Meine Überlebensstrategie in der letzten Zeit war Isolation und totale Entschleunigung: Nichts wollen müssen und die Ablenkung im Nichtstun suchen. Ich hab mich selbst runtergefahren und in den Schlafmodus versetzt. Überleben geht damit, aber mit Leben hat das wenig zu tun! Ich bin kein lebendiger Teilnehmer mehr, sondern isolierter Schlafwandler, der ab und zu mitspielt, wenn er mitspielen muss.
Ich beobachte, wie ich mich immer mehr isoliere; mein Sozialleben tendiert gegen Null. Ich telefoniere nicht mehr und schreibe keine E-Mails, viele Freundschaften sind eingeschlafen. Ich verstecke mich hinter der Uni­überforderung, voller Angst und ohne Energie, einen Schritt nach vorne zu gehen.
Das bisschen letzte Kraft geht dafür drauf wenigstens die Uni zu schaffen. Die Akkus sind dauerleer. Von kleinsten Aufgaben fühle ich mich überfordert. Ich fahre mit angezogener Handbremse im Kreis. Ich klammere mich ans Funktionieren und mein Studium, doch auch da ist mittlerweile mehr als nur Sand im Getriebe – obwohl es am Anfang so gut lief.
 Ein Scheitern auf allen Ebenen muss ich mir wohl eingestehen ohne zu verstehen, warum und mit der Ungewissheit, wie groß der Scherbenhaufen noch werden wird – im nächsten Semester steht die Diplomarbeit an.
Ich bin an einem Punkt angekommen, an dem ich alleine nicht mehr weiterkomme und mir helfen lassen muss. Ich möchte etwas ändern, mich ändern, aber ich habe absolut keine Vorstellung, wie das geschehen soll!
Ich sehe einfach keinen Ausweg mehr und alle meine ­eigenen Bemühungen waren vergebens. Aber ich glaube trotz allem, dass es Hilfe geben kann...
 

Nachwort von Rudi Böhm:
Die Notwendigkeit und Chance geistiger Vaterschaft
 
Der Schreiber ist keiner, der nichts mehr auf die Reihe kriegt, sondern eine Menge Potential hat, das dadurch blockiert ist, dass grundlegende Fragen hinsichtlich seiner Identität noch kaum beantwortet sind. Was er von sich mitteilt, trifft meiner Erfahrung nach das Lebens­gefühl vieler junger Männer heute. Von daher stellt sich die Frage: Was für Chancen haben junge Menschen, denen Lebensumstände die natürliche Vatersorge vorenthalten haben? Wie findet so jemand Ziele für sein Leben?
Mit Aufklärung über Sachverhalte und Appelle an die Vernunft ist es nicht getan. „Der Mensch ändert sich nicht über Einsicht, sondern über das Vorbild”, war stehende Rede meiner Mentorin am Anfang meines Berufsweges, damals als Familienberater. Diese Feststellung ist sehr schmerzhaft. Es gibt Lehrer, die Halbwüchsigen tagaus, tagein die Gefahren des Tabakrauchens erläutern und dann am Ende doch die gleiche Raucherquote haben. Es ist leider so: Menschen sind nur schwer formbar. Baal Schem Tov, Rabbiner Israel ben Elieser (um 1700 bis 1760) sagte: „Es ist leichter, den gesamten Talmud zu lernen, als eine einzige menschliche Eigenschaft zu verändern.”
Sind also alle Bemühungen, Änderung im Menschen zu erstreben, ohne Nutzen? Nein. Doch es muss ein in der Sache liegendes Motiv geben, damit ein junger Mensch sein Verhalten ändert. Zum Beispiel eine selbst erlebte Geschichte mit einem Menschen, der überzeugend das lebt, was er sagt. Nicht jedes Vater-Sohn-Verhältnis hat eine biologische Basis. Es gibt auch Vaterschaft, die in geistig begründeter Zuwendung besteht. Als Seelsorger bin ich mir bewusst, immer auch ein Vorbild zu sein. Ich muss das leben, was ich weitergeben will. Jeder Mensch hat nur eine Botschaft: Die Art, wie er sein Leben lebt. Denn: „Das, was du bist redet so laut, dass ich nicht höre, was du sagst.”
So werden es auch die versiertesten Interventionstechniken nicht schaffen, den Empfänger zu beeindrucken, wenn die Botschaft hohl ist und nicht durch persönliches Engagement gestützt wird.
Junge Menschen suchen Wegweisung und Orientierung. Dauerhafte Begleitung anbieten, Halt geben, zuverlässig sein, Interesse zeigen, nicht alles für bare Münze aber immer sehr ernst nehmen, sich persönlich für ihn einsetzen, aus der eigenen Geschichte weitererzählen und Zeit haben, Zeit, Zeit und nochmals Zeit: das ist die Herausforderung geistiger Vaterschaft.
Menschlichkeit als Vorbild ist Grundlage für jede Veränderung. Die Menschen, die mein Leben am nachhaltigsten beeinflusst haben, haben immer auf meine Person als solche gezielt, auf die Auffassung, auf die Gefühle, auf das Engagement. Ihnen lag nicht daran, mich zu bestätigen und sie machten es mir nicht einfach, insbesondere dann, wenn ihre Ansprüche auf meinen Frei­heitsdrang und Stolz trafen. Was meine Skepsis jedoch stets überwand, war die Art, in der sie mir eine Sache dar­legten, eine Auf­fassung von Leben, die mir bislang ganz unbekannt war. Was schließlich meine intellektuellen Einwände überwand und meine widerstrebenden Gefühle klärte, war die Begegnung mit dem inneren Le­ben dieser Menschen. So ist es auch bei uns: Unser inneres Leben gibt unseren Worten Gewicht, erklärt unser Verhalten, macht uns anziehend gegen alle Vorbehalte und allen Widerstand. Es geht nicht darum, besonders originell zu sein; aber es sollte einen spürbaren Ni­veauunterschied geben, der unser inneres Leben von dem Menschen, der nach Orientierung sucht, unter­scheidet. Es geht ­darum Gott unmittelbar und direkt zu zeigen, mehr als es durch kunstvolle Reden und Bücher möglich ist; deutlich zu machen, dass man über Gott nicht nur ein Wissen haben kann, sondern dass man von und mit Gott auch leben kann.

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