Ideale und Gefährdungen

Meine Identität in Christus

 
Rudolf M. Böhm
 

Die Wortbedeutung von Identität ist „innerlich übereinstimmend, wesensgleich sein“. Für die Nachfolge Jesu bedeutet das, den je eigenen Weg gehen – als Original, nicht als Kopie. Der Theologe Romano Guardini sagt das so: „Dem Herrn nachfolgen heißt nicht, ihn wörtlich nachahmen, sondern ihn im eige­nen Leben ausdrücken. Der Christ ist keine Kopie des Lebens Christi, das würde zur Unnatur und Unwahrheit führen.“ (aus: Der Herr, M. Grünewald Verlag) Paulus spricht an einer Stelle vom Gleichgestaltetwerden mit Christus. „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“, sagt der Apostel.
 

Veränderungen sind Überraschungen

Identität heißt nicht „Ich bin nun mal so!“, sondern schließt die Bereitschaft ein, es zuzulassen, dass das Leben Veränderungen und Überraschungen hervorbringen kann. Wenn ich Gott mein Leben hin halte, zeigt er sich immer als der Überraschende. Meine Identität in Christus ist ein Weg in der Spannung zwischen meinem frommen Willen und meiner begrenzten Lebenskraft. Meine Wirklichkeit und das Leben mit Jesus passen nicht immer zusammen.
Identität ist ein Prozess. „Werde, der du bist“, heißt die alte Formel. Identität meint also ein wunderbares Werden im Gegensatz zu einem in sich geschlossenen Kokon. Der Kirchenlehrer Augustinus redet von den Gefahren, die aus einer Fixierung im Ich erwachsen können. Er spricht vom notwendigen Auszug aus sich selbst – wohin? Natürlich zu einem ungeahnt schöpferischen Grund, dem göttlichen Du. Dieser schöpferische Grund lässt sich in vielerlei Begegnungen und Anforderungen des Lebens freilegen. Von Martin Buber stammt der Satz: „Am Du gewinnt sich das Ich“. Am „Es“ gewinnt es sich nicht. Das versuche ich in meinen jetzt folgenden Ausführungen in vier Abschnitten etwas ausführlicher zu erläutern.
Ich möchte beginnen mit zwei Versen aus dem Römerbrief: „Angesichts des Erbarmens Gottes ermahne ich euch, meine Brüder, euch selbst als lebendiges und heiliges Opfer darzubringen, das Gott gefällt; das ist für euch der wahre und angemessene Gottesdienst. Gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern wandelt euch und erneuert euer Denken, damit ihr prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes ist: was ihm gefällt, was gut und vollkommen ist.“ Röm 12,1-2
 

Erfahrung des Erbarmens

Die Erfahrung des Erbarmens Gottes ist die Erfahrung seiner Zustimmung zu meiner Person, genau so wie ich bin und nicht so, wie ich gerne sein möchte; auch nicht so, wie andere denken, dass ich sein sollte. Das erfahrene Ja zu meiner Wirklichkeit, mit allem, was dazu gehört, ist die unbedingte Voraussetzung für mein Wachsen in das Bild Christi hinein. „Nichts ändert sich, bevor es nicht das ist, was es ist.“ (Fritz Perls).
Persönlich darf ich das am tiefsten immer wieder in der Beichte erfahren, wo ich mich ganz zu mir bekennen darf, ja sogar unbedingt bekennen muss, wenn sie Sinn haben soll. Natürlicherweise bekennt sich niemand gerne zu seinen Schwächen und Sünden. Denn das setzt die Bereitschaft voraus, wahrhaftig zu sein, d. h. mich nicht mehr zu rechtfertigen und mein Fehlverhalten weder zu erklären, noch zu verurteilen!
Jesus sagt in Johannes 8, 32: „Die Wahrheit wird euch frei machen.“ Es ist schwer, mich zu zeigen, wie ich bin. Was mich in Unruhe versetzt, ist meist das Gefühl, ich müsste perfekt sein. Wenn mir etwas nicht so gelingt, wie ich es mir vorgestellt habe, sagt mein Gefühl: „Das hätte mir nicht passieren dürfen.“ Manchmal sind es einfach nur meine Begrenztheit und Schwachheit, die meinen Ansprüchen nicht gerecht werden.
Die Erfahrung totaler Hilflosigkeit ist eine notwendige Voraussetzung für die Erfahrung der Barmherzigkeit Christi. Es gibt keine tiefere Freude als die Lossprechung durch Christus, den Retter: „Ich verurteile dich nicht.“ Unsere tief sitzenden Unsicherheiten verschwinden, wenn wir erkennen, dass wir von Phantomen gejagt werden, die unser eigener Stolz und unsere Eitelkeit geschaffen haben. Wir müssen und können wach werden für die Realität der Barmherzigkeit Gottes.
Vielen Menschen verursachen Grenzen, Schwächen und Defizite ein Schuld-Erleben. Persönlich brauche ich immer ein bisschen Zeit, um zwischen Schuld und Schwäche unterscheiden zu können.
Es gibt im Laufe eines Tages fast immer Dinge, die ich mir nicht verzeihen kann, z. B.
– auf eine Frage nicht gleich die richtige Antwort gehabt zu haben,
– mein Fasten nicht eingehalten zu haben,
– mir vor den anderen eine Blöße gegeben zu haben,
– aus Versehen in eine Einbahnstraße gefahren zu sein,
– mich in der Beurteilung einer Sache getäuscht zu haben,
– einem bestimmten Menschen schon wieder aus dem Weg gegangen zu sein,
– durch meine unbedachte Bemerkung meinen Bruder verletzt zu haben,
– aus Angst nicht zu mir gestanden und die Unwahrheit gesagt zu haben...
Solche Vorkommnisse haben nichts mit Schuld zu tun. Sie sind etwas ganz anderes als wenn ich meiner Abneigung gegen jemanden nachgebe und den Betreffenden hinten herum schlecht mache oder wenn ich in der Erledigung meiner Aufgaben nachlässig bin.
Persönliche, zu verantwortende Schuld liegt dann vor, wenn ich in einer Situation klar erkenne, was richtiger, besser zu tun oder zu unterlassen ist und mich bewusst entscheide, dennoch anders zu handeln.
Das mulmige Gefühl, dass es so nicht hätte sein dürfen, der innere Druck, hinter dem eigenen Anspruch zurückzubleiben, stellt sich jedoch auch ein, wenn man an Grenzen stößt – Grenzen der eigenen Natur oder der eigenen Möglichkeiten.
Innere Ansagen wie „ich kann mir das nicht verzeihen“,  „es wurmt mich, das getan zu haben“, „es regt mich auf“ spiegeln einen seelischen Vorgang. Ich kann nicht Ja dazu sagen, dass ich Schwächen habe und verurteile mich, weil ich davon überzeugt bin, Schwächen dürften nicht sein.
Die Angst, nicht geliebt zu sein, die Über­zeugung, nicht viel wert zu sein, ist oft tief in uns ver­wurzelt. Das zeigt sich, wenn wir schlecht mit unseren Niederlagen, Irrtümern und Misserfolgen zurecht­kommen, uns entmutigen lassen und von Schuld­ge­fühlen beunruhigen. Dadurch kommt in unser Inneres eine Härte hinein und es besteht die Gefahr, dass wir bei schweren seelischen Belastungen zerbrechen. „Du lass dich nicht verhärten in dieser harten Zeit; die allzu hart sind, brechen...“ fordert Wolf Biermann uns in seinem Lied heraus.
 

Mein eigener und Sein Blick

Ich bin davon überzeugt, dass es nicht gelingen kann, sich selbst voll und ganz anzunehmen außer unter dem Blick Gottes. Es lohnt sich, sich bei Niederlagen, Irrtümern und Misserfolgen Zeit zu nehmen und sich vorzustellen: Wo ich mich selbst verurteilen möchte, lächelt Gott mich liebevoll an. Damit möchte er mir sagen: „Nimm dich doch in deinen Schwächen und Leistungen nicht so wichtig! Igle dich doch nicht ein in deinem Stolz! Mach dir doch nicht vor, es gäbe etwas, was ich dir nicht verzeihen könnte“.
Um sich selber lieben zu lernen, ist in der Regel eine Vermittlung nötig, jemand, der uns sagt, wie der Herr uns anschaut. So hören wir durch den Mund des Propheten Jesaja: „Teuer und wertvoll bist du in meinen Augen, und ich liebe dich“ (Jes 43,4). Da ist ein junges Mädchen, das sich für hässlich hält. Von dem Tag an, wo ein junger Mann sich in sie verliebt und ihr Gesicht mit dem zärtlichen Blick des Verliebten betrachtet, beginnt es zu glauben, dass es vielleicht doch nicht ganz so abscheulich ist.
Wir haben ein vitales Bedürfnis, dass ein anderer uns seinen Blick schenkt, damit wir uns selbst lieben und akzeptieren können. Dieser Blick kann der eines Ange­hörigen sein, eines Freundes, eines Seelen­führers, aber mehr als alles andere ist es der Blick Gottes, unseres Vaters.
Denn dieser Blick ist der reinste, der wahrhaftigste, der zärtlichste, der liebendste und der hoffnungsvollste auf der ganzen Welt. Und ich glaube, dass das größte Geschenk für den, der das Antlitz Gottes im ausdauernden Gebet sucht, darin besteht, eines Tages etwas von dem auf ihm ruhenden göttlichen Blick zu verspüren, und er wird sich dadurch so zärtlich geliebt wissen, dass er die Gnade empfängt, sich selbst zutiefst anzuneh­men.
 
Was ich damit sage, hat eine bedeutende Konse­quenz: Wenn der Mensch sich von Gott trennt, be­raubt er sich zu seinem Unglück gleichzeitig auch jeder echten Möglichkeit, sich selbst zu lieben. Umgekehrt stimmt es auch, dass derjenige, der sich selbst nicht liebt, sich auch von Gott trennt.
Ich möchte dazu einen kurzen Abschnitt aus dem wundervollen Buch von Henri Nouwen, „Nimm sein Bild in dein Herz“ zitieren: „Lange Zeit hindurch habe ich geglaubt, dass es eine Tugend sei, ein negatives Bild von mir selbst zu haben. Man hatte mich so oft vor dem Stolz und der Eitelkeit gewarnt, dass ich schließlich dahin gelangt war zu glauben, es sei gut, sich selbst gering zu ach­ten. Jetzt aber stelle ich fest, dass die wirkliche Sünde darin besteht, zu leugnen, dass Gott mich zuerst geliebt hat, und zu ignorieren, dass ich ursprünglich gut bin. Denn wenn ich mich nicht auf diese erste Liebe und diese ursprüngliche Güte stütze, dann verliere ich den Kontakt mit meinem wahren Ich und zerstöre mich selbst.“
In Gottes Gegenwart können wir also getrost entspannen. In 1. Joh. 3, 19f. heißt es: „Denn wenn unser Herz uns auch verurteilt, Gott ist größer als unser Herz, und weiß alles.“ Von meinem mexikanischen Beichtvater habe ich dankbar gelernt: Ich rechne immer mit der barmherzigen Liebe Gottes, denn Gott ist größer als meine Grenzen, er weiß alles und nimmt mich in meinen Schwächen an: Ja, lieber Gott, das bin ich!
Das ist der Weg, um das Erbarmen Gottes konkret und wirksam zu erfahren. Und das, was Gott schenken möchte, soll durch keinen Einwand, kein Ja aber von mir verhindert werden.
Ich hab die Erfahrung gemacht, dass Menschen mich umgänglicher und liebeswürdiger finden, wenn ich nicht darauf aus bin, perfekt zu sein. Man könnte ­sagen: Die Liebenswürdigkeit kommt aus dem Charme des Nicht-Perfekten.
„Die Last der Welt liegt nicht auf unseren Schultern. Wir können in Heiterkeit Fragment sein. Das gibt unserem Leben Spiel, dass wir selber nicht alles sein müssen. Der Gedanke, dass wir an Gott genesen, und dass niemand an unserem Wesen genesen muss, macht uns erträglich für uns selber und macht uns erträglich für die anderen. Wir können die Arbeit aus den Händen legen, nachdem wir unseren Teil getan haben, gut oder schlecht, wir müssen darüber nicht urteilen. Vielleicht ist das die letzte große Kunst, die wir zu lernen haben, dass wir das Urteil über uns nicht selber fällen.“, betont Fulbert Steffensky.
 

Der Preis des Neuwerdens

Wenn wir zu hohe Ansprüche an uns haben, landen wir in einer gefährlichen Sackgasse. Denn je mehr wir unsere Fehler, Grenzen und Schwächen nicht wahrhaben wollen, desto sensibler werden wir für die Schwächen anderer, denen wir die Schuld dafür geben, dass bei uns etwas nicht gut gelaufen ist: Ich sage dann nicht: „Ich war ungeduldig“, sondern: „Du hast dich wieder endlos verquatscht und ich bin deinetwegen wieder nicht rechtzeitig ins Bett gekommen“; nicht: „Ich hab mich von der Arbeit ablenken lassen“, sondern: „Die anderen haben mich von der Arbeit abgehalten“; nicht: „Ich hab keinen Mut gehabt, die Sache klar auf den Tisch zu legen“, sondern: „Die anderen haben sowieso kein Verständnis dafür“.
Wer auf diese Weise seine Schwäche auszublenden versucht, wird unwahrhaftig. Er spielt sich und den anderen etwas vor und verliert damit zunehmend den Kontakt zu seinen ursprünglichen Kräften: der Kraft zu lieben, zu leiden, sich ganz hinzugeben. Der angemessene Preis unseres Neuwerdens ist die Einladung Gottes zum alltäglichen Kontrollverlust: „Euch selbst als lebendiges und heiliges Opfer darzubringen, das Gott gefällt; das ist für euch der wahre und angemessene Gottesdienst.“ (Röm 12, 1)
Um seelisch stark zu bleiben, müssen wir unsere Schwäche anerkennen und annehmen und uns dann Christus zuwenden und ihm erlauben, in unserem Leben zu wirken. Er will und er allein kann etwas für mich tun, was ich selber nicht tun kann. Ohne die Erfahrung seines Erbarmens bleibe ich verschlossen für sein uneingeschränktes, bedingungsloses Ja zu mir.
Dieses Ja hat allerdings einen Preis. Wir können die Gnade Gottes nicht empfangen, wenn wir – wie Augustinus sagte – keine „mittätigen Empfänger“ werden. Der größte Widerspruch, den wir oft erleben, besteht darin, dass wir im Loslassen erst empfangen. Arm werden wir, indem wir regelmäßig die Erfahrung, dass Gott uns in unserer Schwäche annimmt, bewusster in unser Leben hineinholen. Ich darf den Mut haben, nicht in Selbstbemitleidung zu verfallen, sondern darf meine ganze Armseligkeit Gott schenken. Das meint der Apostel Paulus, wenn er ermahnt: „Bringt euch selbst als lebendiges und heiliges Opfer dar, das Gott gefällt.“ Ein wahrer und angemessener Gottesdienst wird es nur dann, wenn ich mein eigenes Unvermögen wegschenke an ihn, und nicht mehr auf mich, sondern auf ihn vertraue.
 
Die Bereitschaft loszulassen, was in unserem Leben ungenügend ist, was zerbrochen ist, wo wir nicht richtig gehandelt haben, gehört zu den größten Herausforderungen, vor die wir gestellt sind. An unseren selbstgemachten Sicherheiten, dem Streben nach Annahme, Größe und Ansehen hal­ten wir um jeden Preis fest. Und unsere manchmal unvermeidbaren Verluste betrachten wir als Versagen im Kampf ums Überleben. Diejenigen, die eine Garantie haben wollen, dass ihnen niemals das Herz gebrochen wird, lan­den schließlich in einer von ihnen selbst geschaffenen Hölle.
C. S. Lewis schreibt in seinem Buch „Was man Liebe nennt“: „Lieben heißt verletzlich sein... Wenn du ganz sicher sein willst, dass deinem Herzen nichts zustößt, dann darfst du es nie verschenken, nicht einmal an ein Tier. Umgib es sorgfäl­tig mit harmlosen Hobbys und kleinen Genüssen; meide alle Verwicklungen; verschließe es sicher im Schrein deiner Selbstsucht. Aber in diesem Schrein – sicher, dunkel, reglos, luftdicht – verändert es sich. Es bricht nicht; es wird un­zerbrechlich, undurchdringlich, unerlösbar. Die Alternative zum Leiden, oder wenigstens zum Wagnis des Leidens, ist die Verdammung. Es gibt nur einen Ort außer dem Himmel, an dem wir vor allen Gefahren und Wirrungen der Liebe voll­kommen sicher sind: die Hölle.“ (Brunnen Verlag Basel, Gießen 1998, S. 125)
Je mehr wir auf Kontrolle bestehen und je mehr wir uns der Aufforderung widersetzen, unser Leben nicht so krampfhaft festzuhalten, desto mehr müssen wir die Realität unserer Verluste leugnen, und desto künstlicher wird unsere Existenz. Unsere innere Überzeu­gung, dass wir das, was wir brauchen, festhalten müssen, ist eine der Hauptursachen für unser Leid. Wenn wir aber unseren Besitz, unsere Pläne und auch Menschen loslassen, dann können wir, so riskant das auch sein mag, in ein Leben neuer, ganz unerwarteter Freiheit eintreten.
Wie können wir nun mit einer größeren Bereitschaft zum Loslassen leben? Gott lädt uns dazu ein, unsere alltägliche Erfahrung des Kontrollverlustes als Ein­ladung zum Glauben zu erle­ben.
Jesus sagt: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen.“ (Lk 9, 23.24) „Sich selbst verleugnen“, das darf keine selbstzer­störerische und sich selbst aufgebende Handlung sein, sondern die intelligenteste Form von Wagemut, die wir in diesem Leben verwirklichen können. Jesus fordert uns nicht auf, das zu verleugnen, „was wir sind“, sondern das, „was wir geworden sind“ – das was wir im Kampf ums Überleben aus unserem ­Leben gemacht haben.
 

Identität statt Image

Niemand kommt unverletzt durch dieses Leben. Wer jede Verletzung als einen Mangel des Seins erlebt und versucht, ihn zu kompensie­ren, strebt oft nicht nach einer Identität, sondern nach einem Image. So fabriziert man sich ein „Ego“, das mit dem wahren „Ich“ nichts zu tun hat.
Da dieses Ich künstlich ist, er­fordert es einen großen Energieverbrauch, um funk­tionsfähig zu bleiben, und da es zerbrechlich ist, muss es verteidigt werden. Der Stolz und die Härte sind stets beieinander zu finden. Statt anpassungsfähig und beweglich zu sein, umgibt dieses Ich sich im Gegenteil mit Bollwerken zu seiner Verteidigung, um diese unnatürliche Identität zu beschützen. Wenn das Evangelium uns sagt, dass wir „uns selbst absterben“, dann soll damit ausgedrückt werden, dass dieses künstlich ­fabrizierte „Ego“ sterben muss, damit das wahre, von Gott ge­schenkte Ich Raum gewinnen kann. Je mehr ein Mensch sich hingibt, umso mehr findet er sich selbst.
Ein ganz eigenartiger, ungewöhnlicher Tausch! Immer geht es bei meinem Opfer um jene Armut, die Gefäß ist für Gottes Gabe. Dass das bei Paulus „lebendiges und heiliges Opfer“ genannt wird, klingt möglicherweise erst einmal befremdlich für uns. Was soll denn um alles in der Welt an meiner Armseligkeit „lebendig und heilig“ sein? „Lebendig und heilig“ ist kein Ideal, kein vollkommenes Ich, sondern das, was Christus von mir haben will, weil ich selber nicht damit zurecht komme.
Jesus liebt solche Opfer mehr als alle unsere Tugenden. Die Kontrolle über unsere Heiligkeit können und müssen wir getrost Gott überlassen. Christus weiß, wie es um uns steht; er weiß, dass wir tief in unserer Seele den Wunsch nach dem Guten haben, er weiß aber auch, dass dort die Kräfte des Bösen wirken, die uns zu Entscheidungen verleiten können, die uns unwiderruflich verderben können. Schauen wir also ohne Angst auf unsere Schwäche und rufen mit dem heiligen Paulus aus: „Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark!“ (2Kor 12, 10). Je mehr wir uns unseres Elends bewusst werden, desto näher kommen wir Gott, denn wir können Gott besser von unten sehen, uns so über seine Fürsorge freuen und seine göttliche Gegenwart tiefer und ­tiefer erfahren.
 

Übung in drei Schritten

„Gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern wandelt euch.“ „Be not conformed, but transformed!“, heißt es in einer englischen Übersetzung. Ich möchte ein weiteres Wortspiel nutzen: „Be not only informed, but perform it!“ Wir können über vieles reden, aber unser Leben wird davon nicht geformt. Begnügen wir uns nicht damit, ein paar Zusammenhänge mehr zu wissen, sondern setzen wir das Gewusste in die Tat um! Praktizieren wir es!
Wir können die Erfahrung, dass Gott uns in unserer Schwäche annimmt, bewusster in unser Leben ­hineinholen, wenn wir die Grenzerfahrungen des Tages ausloten und ins Lot bringen.
Dazu schlage ich folgende Übung in drei Schritten vor: Wir lassen den Tag als Ganzes an uns vorbeiziehen und verkosten die Situationen, in denen Gott uns mit seiner Liebe berührt hat. Wir gehen innerlich nochmals den Tag als Ganzes durch und tasten nach, an welcher Stelle unsere Seele unruhig wird und wir lieber wegschauen möchten:
– Ich habe mich dem anderen gegenüber unter­würfig verhalten;
– ich habe im Streit die Tür zugeschlagen;
– da war die Blamage im Geschäft, weil ich den Geldbeutel vergessen hatte;
– auch den längst fälligen Besuch bei dem kranken Nachbarn habe ich immer noch nicht gemacht.
Wichtig ist es, hier eben nicht wegzuschauen, sondern das ganz konkrete Ereignis mit Gott zusammen anzuschauen und ihm zu sagen: Das bin ich! So bin ich! – Wir rechten nicht, wir suchen keine Entschuldigung, wir schauen es nur an und nehmen wahr: So bin ich!
Wir verbinden uns mit dem, der die Erfahrung, klein und schwach zu sein, nicht verdrängt, sondern sogar gesucht hat unseretwegen: mit Christus, der Mensch, der Kind wurde, um uns soweit als möglich erfahrbar zu machen, dass Schwäche erlösend wirken kann: Erlösend von dem Druck, alles selbst zu leisten, erlösend von dem Überanspruch, perfekt zu sein.
Christus ist Kind geworden, damit wir an ihm er­leben, dass Gott Vater ist. Er nimmt uns in unserer Schwäche mit zu seinem Vater. Deshalb haben wir volles Kindesrecht: Gott nimmt uns in Christus an mit allem, was wir falsch gemacht haben. Wir lassen uns von unserem Vater sagen, dass wir uns heute einfach zu viel vorgenommen haben, dass wir zu viel selbst machen wollten. Und dann ruhen wir bei ihm aus und lassen in unserer Seele den Geist der Kindschaft atmen, über den es in Psalm 131 heißt: Herr, mein Herz ist nicht stolz, nicht hochmütig blicken meine Augen. Ich umgebe mich nicht mit Dingen, die mir zu wunderbar und zu hoch sind. Ich ließ meine Seele ruhig werden und still; wie ein kleines Kind bei der Mutter ist meine Seele still in mir.
 

Liebe bleibt, wenn nichts mehr bleibt

Gott verändert Menschen nur durch einen Infinitiv (= das uneingeschränkte, grundlegende Ja seiner Liebe), niemals durch einen Imperativ. Gott verlangt nichts von seinen Geschöpfen, für das nicht zuvor sein Ja den Grund gelegt und es so ermöglicht hätte. Das können wir von Maria lernen, wenn sie sagt: „Mir geschehe, wie du es gesagt hast“ (Lk 1, 38). Sie sagt nicht: ich mache!
Damit Christus in mir leben und durch mich wirken kann, darf ich meine Person von dem Christus in mir nicht mehr abtrennen. Ich darf mich weder mit dem Guten in mir identifizieren, noch das Schlechte, das an dem ich gescheitert bin, verurteilen.
Der Mensch ist mehr als das Gute, das er zu vollbringen vermag. Er ist ein Kind Gottes; ob er nun das Gute zustande bringt oder ob er dazu noch nicht ­fähig ist, er bleibt immer ein Kind Gottes, denn die Gaben Gottes und sein Ruf an uns sind unwider­ruflich. Unser Vater im Himmel liebt uns nicht ­wegen des Guten, das wir etwa vollbringen, er liebt uns mit reiner, selbstlos schenkender Liebe, um unserer selbst willen, weil er uns für immer als seine Kinder angenommen hat.
Menschen, die ihr Leben auf das Tun aufbauen, vergessen dabei, sich zu bemühen, ihre wahre und unzerstör­bare Identität zu erkennen, die des Gotteskindes, das nicht für das geliebt wird, was es tut, sondern für das, was es ist.
Dieses Denken – fernab von Stolz, Härte, Verachtung des Nächsten, aber auch Angst und Entmutigung – entspricht dem Willen Gottes; ist das „was ihm ­gefällt, was gut und vollkommen ist.“ (Röm 12, 2)
Daher ist die dem Stolz entgegengesetzte Tugend, nämlich die Demut oder geistliche Armut etwas so Kostbares: sie beschützt unser Ich vor allem, was es in Gefahr bringen kann. Wenn unser Schatz in Gott ist, dann kann ihn uns niemand wegnehmen. Demut ist Wahrheit: Ich bin das, was ich bin, keine künst­liche, zerbrechliche und ständig bedrohte Konstruk­tion, sondern das, was ich in den Augen Gottes bin, ein armes Kind, das absolut nichts besitzt, das aber alles empfängt und unendlich geliebt und vollkom­men frei ist, das nichts zu fürchten und nichts zu verlieren hat, denn es hat schon längst alles erhalten von der ungeschuldeten und wohlwollenden Liebe des Vaters im Himmel, der ihm einmal dieses un­widerrufliche Wort gesagt hat: „Alles, was mein ist, ist auch dein.“ (Lk 15, 31)
Unsere wahre Identität, die in weitaus größere Tie­fen reicht als das Haben oder das Tun und selbst, als die sittlichen Tugenden und geistlichen Qualitäten, ist jene, die wir nach und nach entdecken, indem wir unter den Augen Gottes leben. Es ist dies eine Identi­tät, die niemand, kein Ereignis, keine Sünde und ­keine Niederlage uns jemals rauben kann. Unser Schatz ist nicht von der Art, dass die Motten oder die Würmer ihn auffressen könnten (Mt 6, 19), er ist im Himmel, das heißt, in den Händen Gottes.
 
Ich möchte in diesem Zusammenhang eine sehr schöne Stelle aus einem Buch der französischen ­Essayistin Christiane Singer (1943 -2007) zitieren: „Die Liebe ist das, was bleibt, wenn nichts mehr bleibt. Wir be­sitzen alle in unserem tiefsten Inneren das Wissen darum, dass jenseits unserer Niederlagen und Schwierigkeiten aus den Tiefen der Nacht ein kaum vernehmbares Lied aufsteigt, nämlich die Gewiss­heit, dass jenseits der Katastrophen in unserem Le­ben, selbst jenseits der Freude, des Kummers, der Geburt und des Todes, ein Raum existiert, der von nichts bedroht wird, den niemals etwas bedroht hat und wo es keine Gefahr der Zerstörung gibt, ein heiler Raum, der Raum jener Liebe, die unser Wesen geschaffen hat."
Gott möchte uns mit unseren ganzen Sein. Vom kleinsten Gedanken, jede Regung und vor allem jedes Urteil möchte ihm gehören. Da liegt die Entscheidung! Fälle ich sie, dann habe ich keine Begriffe mehr von Heiligkeit, Frommsein, Tugend, und drehe mich nicht mehr um meine eigene Seligkeit, sondern um Gottes Reich. Es kann sich offenbaren, wo solche Menschen sind, da allein ist die Wirkungsmöglichkeit für ihn. Es gibt keine Selbst­erlösung. Allein der Wille, seinen Willen hinzu­geben, genügt.­
Das ist die Freiheit der Kinder Gottes! In Christus gibt es kein größer und kleiner, kein besser oder schlechter, denn im Reich Gottes existiert ja nur Gott und der Gottmensch. Und mit der Zeit und durch die heilende Kraft Gottes werden wir immer durchlässiger für Ihn.

Von

  • Rudolf M. J. Böhm

    Sozialpädagoge, gehört mit seiner Frau Renate zur OJC-Auspflanzung in Greifswald, wo er u.a. als Seelsorger aktiv ist.

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