Joseph von Nazareth

Aufmerksam hören - mutig aufbrechen

 
Robert Zollitsch
 

I.

1. Die Suche nach dem „wahren Joseph“ verweist uns auf die Heilige Schrift. Wir finden dort nicht viel über ihn; bei Markus und bei Johannes wird er nicht einmal erwähnt, weil der Aufbau ihrer Evangelien anders konzipiert ist. Der Evangelist Matthäus aber skizziert uns Joseph sehr eindrucksvoll, wir entdecken bei ihm ein entsprechendes Konzept, ja eine kleine „Josepho­logie“. Auch hier sind zwar die Angaben über Joseph spärlich und eingegrenzt auf die Spanne der Ereignisse um die Geburt Jesu und die Flucht nach Ägypten, wir können hier aber klar kennzeichnende Bezugspunkte entdecken. Das Bild, das Mat­thäus von Joseph zeichnet, zeigt eine wesentliche Seite des hl. Joseph.
 
2. Im Brief an die Gläubigen in Rom verweist der Apostel Paulus auf Abra­ham: „Abraham und seine Nachkommen erhielten nicht auf­grund des Gesetzes die Verheißung, Erben der Welt zu sein, sondern aufgrund der Glaubensgerechtigkeit“ (Röm 4, 13).
Abraham, gerecht durch den Glauben, und Joseph, der Gerechte und Gläubige – hier sind zwei ­biblische Gestal­ten aufeinander bezogen, die zusammengehören und die erstaunliche Parallelen aufweisen. Matthäus knüpft die Beziehung zwischen beiden bereits ganz zu Beginn seines Evangeliums, wenn er den Stammbaum Jesu mit Abraham beginnen und bei Joseph enden lässt: „Jakob war der Vater von Joseph, dem Mann Marias; von ihr wurde Jesus geboren, der der Christus – der Messias ­genannt wird“ (Mt 1, 16).
Dieser letzte Satz aus dem Stammbaum ist gleichsam das Hauptportal, durch das wir zur Geburt Christi, zur Menschwerdung Gottes geführt werden. Die Verknüpfung mit Abraham macht deutlich: Für Matthäus ist Joseph nicht eine verschlafene Krippenfigur, sondern eine Glau­bensgestalt vom Schwergewicht Abrahams!
 
3. Joseph – der Glaubende: Worin besteht das Besondere des Glaubens Josephs und der Verbindung mit Abraham, dem Vater des Glaubens? Was sind denn Haltungen, die bei Abraham und bei Joseph aufleuchten, die herüber strahlen zu uns heute und unseren Familien, ..., Haltungen, die uns Anregung und Vorbild sein können? Das entscheidend Ver­bindende zwischen diesen beiden biblischen Personen und ihre entscheidende Botschaft an uns ­heute sehe ich in zwei Haltungen grundgelegt:
 

II.

1. Die erste Haltung ist das Hören. Joseph ist der große Hö­rende. In der ganzen Heiligen Schrift ist uns kein einziges Wort von ihm überliefert. Er scheint der große Schweiger zu sein. Worte von ihm fehlen nicht etwa deshalb, weil er nichts zu sagen gehabt hätte. Worte von ihm fehlen, um die Gabe des Hörens herauszustellen. Joseph war die Gabe des Hörens geschenkt. „Der Glaube kommt vom Hören“ (Röm 10, 17) heißt es, und wenn Joseph ein Hörender war, dann ist das eine wesentliche Grundlage der Strahlkraft seines Glaubens.
 
2. Das Hören auf Gott wird vom Evangelisten greifbar und für uns vorstellbar gemacht durch das Bild vom Traum. Jo­seph träumt und erhält auf diese Weise Kunde vom Willen Gottes. Weil wir bei „Traum“ automatisch „Schlaf“ asso­ziieren, hat sich möglicherweise das Bild vom schläfrigen Joseph verbreiten können, ja vielleicht ist sogar die schla­fende Haltung des Joseph für manchen Künstler die ein­zige Möglichkeit gewesen, etwas auszudrücken vom träu­menden Joseph, vom hörenden Joseph. Joseph ist so sehr der Hörende, dass er auch schlafend noch hört: Traum. „Während er noch darüber nachdachte, erschien ihm ein Engel des Herrn im Traum“ (Mt 1, 24).
Nachsinnen, Nachdenken noch im Schlaf – Träumen, ­Hören auf Gottes Stimme: das sind die Schritte des Glau­bens, die das Leben des hl. Joseph geprägt haben.
Die Verbindung zu Abraham liegt unmittelbar nahe: auch Abraham ist der große Hörende. Viele Künstler be­tonen, wenn sie Abraham darstellen, gerade seine hörende Haltung. Auch Abraham hört träumend die Stimme Gottes und erfährt hierbei Näheres über den Bund, den Gott mit ihm geschlossen hatte (vgl. Gen 15, 12-21).
 
Die Gabe des Hörens führt uns auf direktem Wege zu un­seren Familien. Und das in doppelter Hinsicht: Familie als „Lernort des Hörens“, des Hörens auf­einander – auf den Ehepartner, die Kinder, die Eltern - und des Hörens auf Gott, auf seinen Ruf und Willen. Ja, ich meine, Fami­lie wird erst dort als Familie erfahren und zur tragenden Hausgemeinschaft, wo das Zuhören, das Interesse an den Freuden und Sorgen des anderen im Vordergrund stehen. Wir wissen doch alle aus eigener Erfahrung, wie wichtig es ist, dass mir jemand zuhört – nicht nebenher beim Zeitung­lesen oder während Radio oder Fernseh­apparat laufen; ­nein, indem ich die volle und un­geteilte Aufmerksamkeit erhalte. Nicht umsonst ­erlebt die Telefonseelsorge eine so hohe Nachfrage. „Ich brauche einfach mal jemanden, der mir zuhört“ – so lässt sich das Grundanliegen der meisten An­rufer kurz und knapp zusammenfassen. Wir leben ja in einer ständigen Flut von akustischen Reizen. ­Gerade des­halb ist das Hören und Gehörtwerden zu einem Luxusgut ­oft auch in unseren Familien – geworden. Hören, das ist ­im tiefen Sinn des Wortes – Seelsorge, das ist die Sorge um das Wohlergehen des anderen. Wie viel Leid könnte in un­seren Ehen und Familien vermieden werden bei ein wenig mehr Zeit zum Hören. Der hl. Joseph lädt uns ein, die Gabe des Hörens wieder neu zu entdecken, uns bewusst Zeit zu nehmen für den anderen und für Gott. Wir brauchen bei­des. Denn wo unsere Familien auch zu einer Hörschule für Gottes Wort werden, wo sein Ruf in unserem Alltag Gehör findet, da erfahren wir Halt und Orientierung. Die Kunst des Hörens ist die Kunst des Christseins. „Wer Ohren hat, der höre“, sagt Jesus an vielen Stellen des Evangeliums. Es ist die Einladung, zu hören auf die Stimmen der Zeit. Es gilt, wachen Herzens die Zeichen der Zeit zu erkennen und zu deuten. Wer lernt zu hören, der lernt zu glauben; wer in der Heiligen Schrift liest, sich im Gebet öffnet oder die Sakramente feiert, der findet Zugang zu Gott. Zu hören auf das, was der Geist uns sagt. Zu hören auf den Willen Gottes, auf die leise Stimme, die leicht überhört wird, die oft vergessen wird, die aber gegenwärtig da ist, konkret, mit einem Plan für unser Leben, mit einem Auftrag für die Ehen, mit einer Vorgabe für unsere Familien, mit einem Wunsch für diese Welt.
„Herr gib uns Mut zum Hören, auf das, was du uns sagst“, heißt es in einem bekannten Kirchenlied. Ja, es braucht wirklich Mut – wie Joseph – auf Gott zu hören und sich seiner Führung anzuvertrauen. Denn schon ein kurzer Blick in das Leben des hl. Joseph zeigt: Mit dem Aufhorchen, Hören und Zuhören ­allein ist es noch nicht getan.
 

III.

1. Die zweite Haltung, die bei beiden biblischen Personen ­Joseph und Abraham ins Auge sticht, ist der Aufbruch. Konkret geht es um die Gabe, hier und jetzt aufzubrechen; nicht die Entscheidung auf die lange Bank zu schieben, sondern tatkräftig den Aufbruch zu gestalten. Spätestens hier spüren wir, dass hinter dem Bild des müden und wenig agilen Joseph mehr steckt, als wir meist auf den ersten Blick sehen. Er ist gerade kein Zögerer und Zauderer, ­kei­ner, der das Anstehende auf die lange Bank schiebt und erst einmal abwartet, ob sich die Zeiten vielleicht nicht doch noch ändern. Er handelt sofort, sobald ihm der Wille des Herrn gewiss ist: „Als Joseph erwachte, tat er, was der Engel des Herrn ihm befohlen hatte“ (Mt 1, 24).
Die Kürze dieses Satzes entspricht dem schnörkellosen Handeln Josephs. Ähnliches erfahren wir einige Verse wei­ter, als Joseph – wieder im Traum – den Tötungsplan des Königs Herodes vernimmt: Noch in der Nacht steht er auf und flieht mit dem Kind und dessen Mutter nach Ägypten (vgl. Mt 2, 14). Als ihm dann – abermals auf dieselbe Weise ­das Ende der Bedrohung offenbart wird, wird wieder be­richtet, dass er sogleich aufstand und mit Maria und dem Jesuskind zurück nach Israel zog.
 
2. Die Gabe des Hörens mündet in den Mut und in die Entschlossenheit zum Aufbruch, zum sofortigen Aufbruch. Das gilt für Joseph und es gilt für Abraham, der von Gott ins Neuland gesandt wird, trotz seines Alters und trotz der großen Sippe, die mit ihm war (vgl. Gen 12, 4).
Diese doppelte Lebenshaltung des Hörens und des Auf­brechenkönnens wird uns am heutigen Tag ans Herz gelegt.
 
Auch Familie muss geprägt sein vom Loslassen und vom Aufbrechen zum Größeren, zu Gott hin. Sie darf nicht ver­harren in gegenseitiger Fixierung auf­einander, sondern braucht das ausgewogene Zusammenspiel von Nähe und Distanz, von Bindung und Freiheit. Goethe hat es in die schönen Worte gefasst: „Wenn Kinder klein sind, gib ihnen Wurzeln, wenn sie groß sind, gib ihnen Flügel.“ Die Werte, die uns die Botschaft des Evangeliums schenkt, geben uns starke Wurzeln, die uns auch in stürmischen Zeiten tragen und Halt geben. Gleichzeitig ermöglichen sie uns, Kinder langsam „flügge werden“ zu lassen und sie frei zu geben. Kinder wagen dann den Aufbruch in die eigene Selbststän­digkeit, wenn sie sich in ihrer Familie angenommen und geborgen fühlen. Das habe ich selbst so erlebt.
In diesem Jahr liegt es 60 Jahre zurück, dass die ­Fa­milie, in der ich aufgewachsen bin, ihre Heimat verloren hat, dass unser Leben bedroht war, dass wir ­wie Joseph und seine Familie aufbrechen und fliehen mussten. Mitten in all diesen schrecklichen ­Erlebnissen, mitten in all diesem Chaos und all diesen Verlusten, habe ich erlebt, was Treue heißt, was es heißt, sich aufeinander verlassen zu können. Ich habe Menschen um mich herum gehabt, die es möglich machten, dass ich als Kind, als jun­ger Mensch wieder Mut finden konnte und Kraft – ein Ver­trauen ins Leben, das mich bis heute prägt. Gerade das Eingebundensein in eine Familie war es, das in mir das Gefühl von innerer Freiheit wachsen ließ. Durch die Fami­lie, in der Familie lernte ich kennen, worauf es im Leben wirklich ankommt, was wirklich zählt. Ist dies nicht auch das, was der hl. Joseph ­seiner Familie, Jesus und Maria, ge­schenkt hat? – Schutz, Geborgenheit, Angenommensein!
Die erste und wichtigste Botschaft der Familie an das Kind lautet: „Du bist geliebt!“ Und: „Du wirst leben kön­nen!“ Diese Ermutigung zum Leben durch die Familie ist ein unersetzlicher Beitrag zur menschlichen Entwicklung und damit zur Bildung des Kindes. Wir wissen aus eige­ner Erfahrung, wie gut es tut, wenn jemand sagt: „Schön, dass du da bist.“ Dürften alle Kinder diese Erfahrung ma­chen, müssten wir uns nicht mit so schrecklichen Dingen wie Kinderhandel, Kindersoldaten oder Kindesmissbrauch auseinandersetzen. Willkommen zu sein und gebraucht zu werden, sind wichtige Türöffner zu einem gesunden Selbstbewusstsein und einem hoffnungsvollen Leben. Eltern packen – ob bewusst oder unbewusst – den Proviant für den Lebensrucksack ihrer Kinder, füllen ihn mit mehr oder weniger brauchbaren Lebens- und Grundwerten.
So wird die Familie zur ersten Schule des Lebens, des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe. Erziehung ist Wert­-Arbeit in doppelter Hinsicht: Sie ist wertvolle Arbeit für die Zukunft der Gesellschaft, und die Familie ist ein, wenn nicht der Ort, an dem Werte vermittelt und erlebt werden. Diese Aufgabe der Familie kann durch keinen Kindergar­ten, durch keine Schule, auch nicht durch eine Ganztags­schule, je ersetzt werden, sie kann immer nur ergänzt wer­den. Deshalb ist es unsere vorrangige Aufgabe, ­Familien zu schützen und zu stärken, sie in die Lage zu versetzen, ihren unersetzlichen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten. Hierbei ist auch zu denken an finanzielle Leistungen, an Beitragsentlastungen, an Dienstleistungen und an recht­liche Sicherungen. Die Familie muss nicht arbeitsweltge­recht, sondern die Arbeitswelt familiengerecht werden. Wir brauchen eine familienfreundliche und familienfördernde Gesellschaft. Eine kinderfreundliche Gesellschaft ist aber nicht nur eine Frage der äußeren Rahmen­bedingungen, sondern vor allem und in erster Linie der inneren Einstel­lung. Denn nur dort, wo das Herz für Kinder schlägt, bleibt eine Gesellschaft auch ­lebensfähig, ja überlebensfähig. (...)
 
Für den „Tag der Familie“ könnte kaum ein anderer besser Pate stehen als der hl. Joseph. Das ermutigende Zusam­menspiel des aufmerksamem Hörens, des Sich-angenom­men-und-geborgen-Wissens sowie des Immer-wieder-neu ­Aufbrechens, das uns das Leben des hl. Joseph vor Augen führt, darf auch konkret für unser Leben ein Vorbild sein: Ein Aufbruch, der aus dem Hören erwächst und in der Ge­borgenheit der Familie verankert ist, ein Aufbruch, der sich dem Wort Gottes verpflichtet und sich von seinem Geist begleitet weiß. Die Person des hl. Joseph und auch die Ge­stalt des Abraham gehen uns als „Männer des Hörens“ und als „Väter des Glaubens“ voran und weisen den richtigen Weg in die Zukunft.

Von

  • Robert Zollitsch

    war von 2003 bis 2013 Erzbischof von Freiburg. Zurzeit ist er Apostolischer Administrator des Erzbstums Freiburg.

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