Aus seinem Leben (wirklich) etwas machen

Salomo: Von der Herausforderung, man(n) selbst zu werden

 
Predigt von Klaus Sperr
 

Welch eine Herausforderung! Salomo steht als Teenager vor einer großen Zukunft. Er soll König von Israel werden. Er muss seine Zukunft und die seines Volkes gestalten. An Wissen fehlte es ihm nicht. Seine Schriften lassen auf umfangreiche Kenntnisse schließen. Botanik, Zoologie, Architektur, Gartenbaukunst, Philosophie, Literatur … alles findet sich bei ihm. Und die Sammlung seiner Sprichwörter lassen einen jungen, kritisch denkenden Zeitgenossen erkennen. Aber ist das schon Bildung? Es geht nicht um Schul- sondern um Lebensbildung, nicht um gesellschaftliche Konditionierung, sondern ­darum, dass meine Gestalt herausgebildet wird. Um mein Leben als Mensch bewältigen zu können, ­genügt es nicht, erfolgreicher zu denken und zu handeln – ich muss mich auf den Weg machen, ­eine Persönlichkeit zu werden.
 
Und genau das waren die Schuhe, in die Salomo zu treten hatte. Nicht die Nachfolge eines überaus ­erfolgreichen Königs, sondern eine eigene Persönlichkeit werden. David hatte ihm dieses Vermächtnis mit auf den Weg gegeben. In 1Kön 2, 1-4 lesen wir: „Als die Tage Davids zum Sterben herankamen, da gebot er Salomo, seinem Sohn: Ich gehe den Weg alles Irdischen. Sei also stark und werde zu einem Mann.“ Da lag der Knackpunkt: Werde ein Mann und du selbst! Damit „du alles gedeihlich ausrichtest und der Herr sein Wort erfülle“.
 
Bis heute hat das Vermächtnis von David nichts an seiner Aktualität verloren, wohl aber an Zuspitzung deutlich gewonnen. Wir leben in einer Zeit, in der die Aufgabe des Erwachsenwerdens alles andere als leicht ist. Achtzehn Jahre alt wird man von alleine. Das bringt die Natur so mit sich. Aber damit geht es ja erst richtig los. Ich las neulich auf einem T-Shirt: „Endlich 18 – jetzt muss ich nur noch erwachsen werden!“ Genau so ist es. Und es geschieht wahrlich nicht automatisch. Die Zahl der volljährigen Riesenbabys in unserer Gesellschaft steigt dramatisch.
Babys lassen sich versorgen. Sie machen andere für ihr Wohlbefinden verantwortlich. Und das zu Recht! Doch Erwachsen werden heißt: ich nehme Verantwortung wahr, für mich und für andere. Genau das war die Herausforderung an Salomo. Nicht einfach regieren, sondern Verantwortung wahrnehmen – für sich und für andere!
Dazu helfen drei Fragen: 1. nach meinen Rahmenbedingungen: da geht es um meine Geschichte. 2. nach dem, worauf es wirklich ankommt: da geht es um meine Mitte. 3. nach meinen inneren Realitäten: da geht es um meine Erfüllung.
 

Erkenne ich meine Rahmenbedingungen?

Niemand von uns wird in ein Nichts geboren, wir werden in Familien und in Familiengeschichten hinein geboren. Das war auch bei Salomo der Fall. Sein Vater David hatte Israel politisch und wirtschaftlich gefestigt. Unter ihm kehrten Frieden und Wohlstand ein. In seiner Zeit wurde Jerusalem zur Hauptstadt. Damit hatte er seinem Sohn allerbeste Voraussetzungen als König hinterlassen.
Ich weiß, das ist nicht immer gut. Manche Schuhe, in die ich treten muss, sind groß und unbequem, manche Mitgift eine böse drückende Last. Und doch ist auch dies ein Teil meiner Geschichte, ob ich will oder nicht. Allerdings eine Geschichte, mit der ich mich versöhnen muss. Ich soll sie nicht einfach gutheißen, aber doch auch im Bösen das Gute entdecken wollen. Weil zu meiner Lebensgeschichte nicht nur Menschen, sondern auch Gott gehört. Und weil er aus allem Bösen auch Gutes erwachsen lassen kann und will.
Wer in seinem Schmerz, in Hass oder Neid oder was auch immer verharrt, der verkennt seine Rahmen­bedingungen. Erkennen im biblischen Denken meint sehen und lieben – und das trotz aller Fragwürdigkeit. Wer im Alten verharrt, bleibt im Alten gebunden. Er ist nicht frei für Neues. Aber bei allen Rahmenbedingungen unseres Lebens gilt: Ich darf auch aus dem Rahmen ausbrechen. Niemand ist gezwungen, die Geschichte einfach zu wiederholen. Mit meinem Leben kann ein neues Kapitel beginnen – und genau das ist Geschichte!
 
David war ein ganzer Mann. Er wusste von seinen Vorfahren, den Patriarchen Israels, dass es nicht genügt, seinen Kindern nur eine Erbschaft zu hinter­lassen. Er wusste um das Doppel von Erstgeburtsrecht und Segen. Zur Lebensbildung reicht ein Erstgeburtsrecht, also Erbschaft im Sinne von Hab und Gut, nicht aus. Zum materiellen Erbe muss ein ideelles Erbe kommen, eben ein Segen. Ein göttlicher Horizont, der es einer nächsten Generation erlaubt, über die vorhergehende hinauszuwachsen.
Solch ein Segenswort steht in Psalm 37, 3: „Habe deine Lust am Herrn, er wird dir geben, was dein Herz begehrt.“ Fromme Menschen sind es gewohnt zu fragen: Gott – wozu hast du Lust? David wollte seinem Sohn – und allen Söhnen dieser Erde – ein anderes Signal geben. In Wirklichkeit fragt Gott uns: Mensch – wozu hast du denn Lust? Was ist dein ­Begehren, deine Sehnsucht?
Wir Menschen sind als Ebenbilder Gottes geschaffen. Wir haben eine Seele. Das ist der innere Ort ­unserer Bedürftigkeit und unserer Sehnsucht, vor allem nach Gottesbegegnung, aber auch nach Ewigkeit. Gerade uns Männern sei gesagt, dass es im Leben nicht um Quantität, sondern um Qualität geht. Kurzfristiger Erfolg stellt uns nicht zufrieden. Die Lust des Lebens sehnt sich nach einer Art Lebenswerk. Bei Salomo war das der Tempelbau. Jeder ist gerufen, diesen ewigen Segen zu entdecken und zu entfalten – genau das bedeutet Leben!
 
Salomo war König Israels mit den besten Voraussetzungen. Er hatte geradezu optimale Rahmenbedingungen. Aber das allein genügt nicht. Damals nicht und heute nicht. Salomo ist auch ein mahnendes Beispiel. Er wurde auch zu dem König Israels, der am wenigsten aus alledem gemacht hat! Nach ihm wurde das Reich geteilt und das Elend seines Volkes nahm seinen Lauf. Bis ins Exil! Salomo hatte eine einseitige Erbschaft hinterlassen. Es fehlte ihm an einem ewigen Segen, der an die nächste Generation hätte übergehen können.
 

Erkenne ich, worauf es wirklich ankommt?

Die Antwort auf die Frage nach meinem ewigen ­Segen, nach dem was ich mit meinem Leben möchte, bestimmt, worauf es in meinem Leben wirklich ankommt.
In 1Kön 3 erfährt man etwas von dem, worauf es im Leben nicht ankommt. Salomo war ein gewiefter Politiker. Wie so viele Männer ging er in seinem Beruf erfolgreich auf. Dazu gehörte eine gewisse Uneindeutigkeit wie eine politische Heirat mit einer heidnischen Frau oder auch das Opfer in einem der Höhenheiligtümer. Das war nicht hilfreich. Aber es scheint Gott nicht auf ein makelloses Leben anzukommen. Diese grundlegende Episode im Leben des Salomo zeigt in doppelter Weise, worauf es wirklich ankommt. Zum einen auf das richtige Angebot: „Da erschien ihm der Herr im Traum. Erbitte von mir, was du willst!, sagte Gott zu ihm“ (V. 5). Das fällt uns Männern doch einigermaßen schwer, wenn wir hören: es kommt nicht so sehr auf unsere Leistungsfähigkeit und Erfolgsbilanz an. Wesentlich ist hier zunächst einmal, dass ich Gottes Großzügigkeit für wahr nehmen kann. Dazu gesellt sich dann bei Salomo die richtige Antwort: „Gib mir ein Herz, das auf dich hört“ (V. 9). Klingt einfach und ist es doch nicht!
Aber darauf kommt es im Leben an: auf ein ­hörendes Herz. Es geht nicht um ein Machen, sondern um ein Empfangen, nicht nur für mich privat, sondern für meinen Lebensauftrag. Jesus meint genau dies, wenn er sagt „Betet allezeit!“ Nicht permanent die Augen schließen und die Hände falten oder gar in den Schoß legen, sondern immer auf Sendung sein. Immer – in Aktion und Rekreation, privat wie beruflich – einen Alltag leben in Gottes Gegenwart.
Die entscheidende Frage ist nicht die nach meiner persönlichen Leistungsbilanz. Im Kern jedes Lebens geht es immer wieder um die eine Frage: Wer ist Gott? Wer ist er für mich? Jetzt und hier und in meiner ganz konkreten Situation? Wer um alles in der Welt hat bei mir tatsächlich das letzte Wort? Das ist die Mitte meines Lebens – alles kreist immer wieder um diese Frage. Egal, ob ich das wahrhaben möchte oder nicht!
 

Erkenne ich meine Realitäten?

Salomo war der König mit den besten Voraus­setzungen. Gottes großzügiges Angebot und Salomos weise Antwort zeigen dies. Aber er war eben auch der, der am wenigsten daraus gemacht hat. Männer scheitern nicht so sehr an ihren Gaben oder Aufgaben. In der Regel scheitern sie an sich selbst, an ihren inneren Realitäten, bei denen sie geneigt sind, sie zu unterschätzen oder zu unterdrücken.
Salomo war kein aalglatter und blitzsauberer Superstar. Alles Erreichte in seinem Leben kann nicht über seine inneren Realitäten hinwegtäuschen, die am Ende seine Lebensbilanz deutlich trüben.
 
Drei seiner Realitäten seien hier genannt: Bei Salomo findet sich immer wieder eine enorme Grausamkeit gegenüber seinen Gegnern. Es genügte ihm offenbar nicht, sie zu besiegen; er wollte sie auch demütigen und quälen. Er verbannte Priester und tötete in seinem familiären Umfeld (1Kön 2).
Hinter dieser Grausamkeit steckt Angst. Vor seinen Gegnern, den Konkurrenten aus dem eigenen Lager, vor dem Verlust seiner Macht. Angst ist kein guter Ratgeber. Und einen Gegner, den man nur bekämpft, kann man zwar besiegen, aber man gewinnt dabei nicht wirklich. Gewinnen könnte man, wo man sich mit seinem Gegner auseinandersetzt. Das heißt zum einen lernen, sich in gesunder Weise abzugrenzen. Und zum anderen, den Wert seines Gegners schätzen zu lernen. Jede Auseinandersetzung sagt auch etwas über mich, wer ich bin und wie ich wirke. Wer aber nur in Abwehr und Bekämpfung verharrt, wird seiner inneren Realität erliegen.
Ein weiteres auffallendes Merkmal Salomos war sein prunkvoller Lebensstil. Luxus an sich ist weder gut noch böse. Salomos Luxus war aber nur auf Kosten anderer möglich. Er musste dazu sein eigenes Volk (für das er Verantwortung trug!) mit gnadenloser Steuerpolitik beherrschen. (1Kön 5). Neben Grausamkeit ist Maßlosigkeit ein weiterer gefährlicher Stolperstein für Männer aller Zeiten. „Der Gierige kann nicht genießen“, so schreibt Anselm Grün einmal. Er erlebt Glück – oder Reichtum oder Erfolg oder was auch immer – aber er wird nicht satt davon. Er kann dieses Glück nicht einmal schätzen. Der Maßlose kennt sein Maß nicht. Hingegen gilt was Gerhard Engelsberger so formulierte: „Menschen, die ihr Maß gefunden haben, sind ein Segen für ihre Umgebung.“
Wer sein eigenes Maß buchstabieren lernt, erfährt es als Alphabet der Freiheit. Wer in der Maßlosigkeit verharrt, wird einsam und beherrschend. Er ist selbst und macht andere unfrei.
Die gleiche Maßlosigkeit kennzeichnet eine weitere innere Realität Salomos. Er hatte 700 Frauen und unzählige Nebenfrauen. Ganz abgesehen von dieser recht eigenwilligen Unterscheidung bedeutet dies knapp zwei Jahre am Stück Hochzeitstage, ganz zu schweigen von 700 Flitterwochen. Der Kerl war ­eigentlich permanent mit Hochzeiten und flittern beschäftigt (1Kön 11). Hinter diesen absurden Zahlen steckt Salomos offensichtliche Unfähigkeit zu menschlicher Bindung. Sich auf eine Person einlassen, sie lieben zu lernen, mit ihr zu wachsen und so zu reifen, schien ihm ein Fremdwort. Da bleibt Liebe ausschließlich Eigenliebe. Und die Bezogenheit ­einer Ehe ausschließlich Selbstbezogenheit. Salomo war getrieben von Einsamkeit. Darum musste es nach Frau 699 auch noch die 700 sein. Und auch die konnte ihm nicht helfen. Salomo hätte die innere Realität seiner Unfähigkeit erkennen und sich auf den Weg machen müssen, auf dem man lernt, Treue und Verlässlichkeit zu schätzen. Der verzweifelte Versuch, seine Einsamkeit durch ein immer mehr zu stillen, hat immer stetiger einen ungeborgenen Menschen aus ihm gemacht.
 
Salomo hat in seinem ganzen Leben kaum gelernt, seine Schwächen zu erkennen und die Wahrheit ­seiner Abgründe wahrzunehmen. Damit ist er auch an seinen Chancen achtlos vorübergegangen. Erst am Ende seines Lebens schreibt er das Buch des Predigers. Eine Art literarisches Resümee seines Lebens. Es kommt eine tiefe Erkenntnis über sein Leben, ­gepaart mit einer gewissen Trauer über seine verpassten Chancen zum Ausdruck. Ganz klar: er hätte wesentlich mehr aus seinem Leben machen können!
Gerade in unseren inneren Realitäten werden wir gesucht und erwartet. Der Gott Jesu ist in unseren Abgründen daheim und eben dort zu finden! Und unser Schöpfer denkt nie betriebswirtschaftlich über seine Geschöpfe. Es geht ihm nicht um Gewinnmaximierung oder um das stetige Minimieren der Defizite. Nein, bei Gott geht es nicht darum, die Schwächen zu eliminieren, damit nur Stärken übrig bleiben. Er sucht die Heiligung meiner inneren Realität, indem ich sie meinem Gott immer wieder hinhalte und mich ihm „all inclusive“ zur Verfügung stelle. Gerade aus Schwächen können Stärken erwachsen und so – und nur so – werden wir erwachsen. Und so – und nur so – wird sich mein Leben erfüllen.
 
Beste Voraussetzungen allein machen noch kein erfülltes Leben. Und auch unser Einsatz und unsere Stärke und unser Wille genügen da nicht. Der Name Salomo bedeutet Gedeihen, Wohlergehen, Friede. Damit genau das entstehen kann, braucht es das, was der Prophet Nathan bei Salomos Geburt zum Ausdruck bringt. Der nannte ihn Jedidja – Geliebter des Herrn. Wer darum weiß, als Basis seines Lebens, der kann in den Rahmenbedingungen seines Lebens einen Segen entdecken und sich seinen inneren ­Realitäten so stellen, so dass sie dem Leben dienen.
So wird man stark und zum Mann. Und so richtet man sein Leben gedeihlich aus und der Traum Gottes mit meinem Leben geht in Erfüllung! Mit einem hörenden Herzen macht man wirklich was aus seinem Leben!
 

Von

  • Klaus Sperr

    evang. Pastor und Seelsorger, verantwortlich für die Liturgie des Alltags in der OJC-Kommunität.

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