Beziehung ist Begegnung

Zur Grundlegung einer biblisch-theologischen Anthropologie

Wolfgang Bittner / Samuel Pfeifer

 

Einige Vorüberlegungen:

Von dem biblischen Menschenbild zu sprechen, ist problematisch. So sehr die Bibel ein Buch ist, das vom Menschen spricht, so wenig entwirft sie ein einziges konkretes Bild: Man müsste von immer neuen Bildern sprechen, in denen Menschen in ihrem je besonderen Verhalten dargestellt werden. Es handelt sich dabei nicht um lehrmäßige Sätze über den Menschen, sondern um viele verschiedene Einzelbeobachtungen, die uns in den Geschichten der Bibel mitgeteilt werden. Als ob uns jemand bei der Hand nähme und ­immer wieder sagte: Sieh hier, sieh da ... so ist der Mensch.

Schon der Bericht von der Erschaffung des Menschen weist geheimnisvoll auf das Wesen des Menschen hin: „Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen nach unserem Bilde, uns ähnlich. ... Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, nach dem Bilde Gottes schuf er ihn; männlich und weiblich schuf er ihn (1. Mose 1, 26f.). Zwei wesentliche Aussagen über das Bild des Menschen sind damit gemacht, die sich auch weiterhin durch das biblische Zeugnis entfalten sollen. Einmal, dass der Mensch von Gott als polares Wesen, das heißt männlich und weiblich, geschaffen wurde, und dass er andererseits in diesem polaren Beziehungsverhältnis Bild Gottes sein soll, in dem Gott sich in diese Welt hinein abbildet.

Die Menschenschilderungen des Alten wie auch des Neuen Testaments verblüffen durch ihre Direktheit, mit der auch charakterliche „Schlagseiten“ nicht ­verschwiegen werden. Soweit wir sehen, ist das im Umfeld antiker Geschichtsschreibung einzigartig. Der Mensch kommt hier unverstellt in den Blick: mit ­seinem Zweifel und seinem Glauben, mit seiner Angst und seiner Leidenschaft. Die Bibel zeigt sich uns als ein Buch, das zutiefst vom Menschen weiß, von seinen Möglichkeiten und seinen Abgründen und endlich auch von seinem ewigen Umfangensein durch Gottes Liebe.
 

Vom Geheimnis des Menschen

Der Entwurf einer biblischen Anthropologie kann darum nicht anders als von diesem Geheimnis ausgehen.

 

a) Der Psalmbeter fragt staunend und jubelnd ­zugleich: „Was ist der Mensch, dass du seiner ­gedenkst?“ (Psalm 8, 5). Der Mensch wird von Gott gesehen. Das begleitet ihn von Anfang an. Dahinter steht zuerst die Überzeugung der biblischen Schriften, dass man den Menschen in seinem tiefsten ­Wesen nicht erkennen kann, wenn man ihn nicht ­unter diesem Aspekt sieht. Dahinter steht aber auch, dass man den Menschen so ganz als Menschen sehen lernt, in seiner Vielfalt, in seinem Widerspruch.

 

b) Die geistige Tradition unseres Abendlandes hat uns, weil sie sich aus griechisch-philosophischen Wurzeln speist, gelehrt, den Menschen gleichsam in zwei oder drei Teile zu gliedern als Leib und Seele bzw. als Leib, Seele und Geist. Diese Teilung hat unsere Geistesgeschichte zutiefst geprägt. Wir unterscheiden wie selbstverständlich zwischen leiblichen und seelischen Erkrankungen, obwohl die moderne Psychosomatik auf die Unzulänglichkeit dieser ­Unterscheidung längst aufmerksam macht. So manche Modelle gründen auf dieser Trennung des Menschen in Einzelteile: Der Mensch bzw. seine Seele als Maschine, deren verschobene Teile wieder zurecht­gerückt werden müssen, damit das einwandfreie Funktionieren weiter garantiert werden kann.

Der Bibel ist das jedoch zutiefst fremd. Der Mensch ist immer eine Einheit, die sich nicht in Teile zerlegen lässt. Der Mensch ist nur im Seziersaal in seine Teile zerlegbar. Aber dann lebt er nicht mehr! Lebendig ist der Mensch immer eine Ganzheit, eine wechselseitige und unauflösbare Bezogenheit seiner einzelnen Aspekte. Diese tief im altorientalischen und biblischen Menschenbild verwandte Anschauung gilt es neu zu lernen.
 

c) Hinter der Zertrennung des Menschen in seine einzelnen Teile steht das Ideal, vom Menschen alles wissen zu wollen und diese Erkenntnis dadurch zu erreichen, dass wir die je einzelnen Teile gründlich auseinandernehmen. Damit gewinnen wir tatsächlich eine reiche Detailkenntnis. Der Bibel aber geht es, soweit wir zu sehen vermögen, nie um jenes Alles der einzelnen Teile, sondern um das Ganze! An ­einem Beispiel kann uns das deutlich werden. Wenn Sie das Münster von Basel genauer kennenlernen möchten, könnte ich Sie um dieses Münster herumführen, Ihnen das Eingangsportal zeigen, die Krypta, den Kreuzgang, die Türme und so weiter. Auf diesem Weg werden wir von sehr verschiedenen Aspekten aus dieses Münster wahrnehmen, und zwar immer das ganze Münster. Von keinem Gesichtspunkt aus werden wir je einmal alles sehen, von jedem aber immer das Ganze. Alles könnten wir nur dann auf einmal sehen, wenn wir das gesamte Münster in seine Einzelteile zerlegten und nebeneinander legten.
 

Alles oder das Ganze?

Der Unterschied zwischen Allem und dem Ganzen ist grundlegender, als uns das zunächst scheinen mag. Wir Menschen können auf dem Weg unserer Wahrnehmung nie alles in einem Moment wahrnehmen, weil wir in unserer Wahrnehmung immer an einen speziellen Gesichtspunkt gebunden sind. Dafür aber nehmen wir von jedem Gesichtspunkt aus immer das Ganze wahr! Sobald wir daran gehen, dieses Ganze in seine Teile zu zerlegen, um auf diese Weise alles zu sehen, müssen wir das Ganze preisgeben. Wir können dann zwar alles sehen, aber nur um den Preis der Zerstörung der Ganzheit, der Lebendigkeit.

 ?d) Auch in den biblischen Texten tauchen die Begriffe Leib, Seele und Geist auf. Geht also auch die Bibel von einer Teilung des Menschen aus? Eine genauere Arbeit an der biblischen Anschauung vom Menschen bringt uns zu einer anderen Sicht. Mit Leib, mit Seele, mit Geist sind jeweils die Aspekte genannt, unter ­denen der Mensch als ganzer wahrgenommen wird. Ich kann den Menschen in seiner äußeren Erscheinung, also seiner Gestalt wahrnehmen, und nehme ihn dann als Leib wahr. Ist der Leib nur ein Teil des Menschen? Nein, der ganze Mensch ist Leib! Ich kann den Menschen unter dem Gesichtspunkt seiner ­Lebenskraft, seiner Lebendigkeit betrachten – und nehme ihn dann als Seele wahr. Der biblische Begriff Seele ist in den meisten Fällen einfach als Leben zu übersetzen. Je nachdem, ob diese Lebendigkeit voll verfügbar oder stark reduziert ist, kann die Bibel dann von einer lebendigen Seele oder von einer dürstenden Seele sprechen. Ist die Seele, ist die Lebendigkeit damit ein Teil des Menschen? Nein, der ganze Mensch ist Lebendigkeit, ist Seele! Und dasselbe gilt nun auch für all die anderen Begriffe, unter denen der Mensch angesehen werden kann: Er ist Geist, ist Herz, ist Erbarmen und so weiter.

Vielleicht kann man sich den Unterschied so ein­prägen: In der griechischen Weltanschauung hat der Mensch Leib, Seele und Geist als einzelne Teile. In der biblischen Anschauung ist der Mensch Leib, Seele und zwar jeweils als ganzer Mensch.
 

Gott - begreifbar in Mann und Frau

Der lebendige Gott ist es, der in der Schöpfung sein Bild hinterlassen will. Das bedeutet, dass er sich selbst erfahrbar machen will. Dieser Wille zum Selbstbild steht hinter der Erschaffung des Menschen. Gott, der Unbegreifliche, hat sich be-greifbar gemacht – im Mann und in der Frau, in ihrer gegenseitigen Bezogenheit. Darum haben wir es, wenn wir es mit dem Menschen zu tun haben, immer gleichzeitig mit Gott zu tun. Je tiefer wir uns dem Geheimnis des Menschen öffnen, uns ihm mit liebender Aufmerksamkeit wahrnehmend zuwenden, desto tiefer sollen wir gerade darin Gott in seinem Geheimnis erkennen. Jede Aussage über den Menschen als Bild Gottes wird damit zur Aussage über Gott selbst. Nicht weil Gott dem Menschen ähnlich ist, sondern weil der Mensch dem Bilde Gottes entspricht.

Oft setzt die Frage nach dem Menschen dort ein, wo die Frage nach Sünde und Erlösung gestellt wird. Dass der Mensch ein Sünder ist, darf jedoch niemals der erste Satz einer theologisch verantworteten ­Anthropologie werden. Zunächst ist der Mensch ­Geschöpf und damit Bild Gottes. Erst wenn der Mensch in seiner Schönheit, seiner dabei ständig auf Gottes Geheimnis hinweisenden Vielfalt gesehen wird, darf auch von seiner Sünde, von der vielfachen Störung eben dieser Schönheit und Vielfalt, ge­sprochen werden. Der zweite Glaubensartikel von Christus und seiner Erlösung folgt dem ersten Artikel von der Schöpfung. Wenn wir das sehen, dann gewinnen wir jenen dreifachen, auf die Dreieinigkeit Gottes bezogenen Ansatz einer biblisch-theologischen Anthropologie, der hier vorgestellt werden soll.
 

Gottes Gabe

Wir betrachten den Menschen zunächst von der Schöpfung her, um von dort die Vielfalt der Aspekte zu erkennen, unter denen der Mensch gesehen werden muss. Erst danach werden von Christus her ­Erlösung und Sünde zusammengesehen, das heißt, die Frage nach der Sünde wird von der Erlösung her gestellt, nicht umgekehrt.

 ?Die Erfüllung und Vollendung des biblischen Menschenbildes verwirklicht sich nach unserem Glaubensbekenntnis erst mit dem Heiligen Geist und mit Gottes Handeln in der Endzeit unserer Welt. Wird das nicht bedacht, gerät Christologie in die Gefahr verhängnisvollen Moralisierens. Was Gott durch seinen Heiligen Geist auf dem Weg durch die Geschichte mit uns Menschen erreichen wird, das wird nun vom Menschen erwartet, von seinem Glauben, seinem Ernstnehmen der Erlösung. Was Gottes Gabe ist, wird damit zur Aufgabe des Menschen. Aus der Verkündigung des Evangeliums als Botschaft des befreienden Geschenkes Gottes wird eine gesetzliche Botschaft, die das Entscheidende vom Menschen erwartet.

Die Konsequenzen sind größer, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Wer nicht mit dem ersten Glaubensartikel von der Schöpfung einsetzt, der fixiert den Menschen auf sein Sündersein und verliert so den Blick für den Reichtum der Schöpfung und des Menschseins. Wer den dritten Artikel vom Heiligen Geist und der von Gott geschenkten Vollendung nicht berücksichtigt, gerät in Gefahr, die Vollendung des Menschseins vom Menschen selbst zu erwarten. ­Beide Verkürzungen führen zu einer Überbewertung des zweiten Artikels und überfordern damit sozusagen die Christologie. Nur die trinitätstheologische Sicht des Menschen als von Gott geschaffenem, von Gott erlöstem und von Gott vollendetem Menschen kann uns helfen, die wahren Verhältnisse biblischer Theologie durchzuhalten.
 

Drei Grundsätze

Drei Grundsätze biblisch-theologischer Anthropologie sollen im folgenden bedacht werden:

Der Mensch ist ein Wesen der Beziehungen.

Er ist nie als isoliertes Wesen erkennbar. Als Angerufener gibt er Antwort und erkennt sich so selbst in ­seinen Beziehungen.

Der Mensch ist ein Wesen der Verdankung.

Er weiß darum, dass er in einem großen Zusammenhang des Lebens steht, aus dem heraus er sich empfängt.

Der Mensch ist ein Wesen der Verpflichtung. Aus ­Beziehung und Verdankung ergeben sich Verpflichtungen. Die Ethik, die Verpflichtungen innerhalb ­dieser Beziehungen, gehört grundlegend und unablösbar zum Menschsein hinzu.

Wenn wir uns diesen einzelnen Bereichen nun ­zuwenden, so bedenken wir, dass die drei Bereiche Beziehung, Verdankung und Verpflichtung kreis­förmig aufeinanderbezogen sind. Keines kann und darf ohne das andere sein.
 

Der Mensch als Wesen in Beziehung

Gott zeigt sein Bild nicht in einem Einzelwesen, ­genannt Mensch, sondern in zwei Wesen. Damit ­gehört zur Grundaussage des Menschen, dass er von Anfang an ein Wesen der Beziehung ist. Beziehung zu anderen Menschen, das Gespräch, der gemeinsame Weg, ist kein Luxus. Der isolierte Mensch ist kein ­Ideal. Erst in der bewusst aufgenommenen und aktiv gestalteten Beziehung werde ich, der ich bin. Beziehung selbst ist der Ort meines Selbstseins. Das Wesen des Menschen ist Beziehung, ist Gespräch, in dem ich ganz vorkomme und mich ganz mitteile. Aber Beziehungen bestehen nicht nur zwischen Menschen. Wir stehen auch in Beziehung zur Natur, zu unserer Geschichte und so weiter. Jede Beziehung bedarf bewusster Gestaltung, um unser Menschsein zur Reife zu bringen.

Wir versuchen nun, die verschiedenen Felder zu ­erkennen, auf denen unsere Beziehungen stattfinden.

 

Ich – zu anderen

Der große jüdische Philosoph Martin Buber hat uns nachhaltig darauf hingewiesen, dass die Begegnung der Ort ist, an dem wir zu Menschen werden: „Das Ich wird zum Ich erst am Du.“ Als Ort solch wahrhaftiger Begegnung benennt er das Gespräch, in dem sich ein Mensch dem anderen mitzuteilen lernt. ­Beziehungsfähigkeit bedeutet Fähigkeit wie auch ­Bereitschaft zur Selbst-Mitteilung.

Diese erste Grundthese menschlichen Lebens steht gegen das uralte Ideal der Selbstgenügsamkeit. Als Ziel erscheint mir ein Zustand, indem ich so vollkommen bin, dass ich niemanden mehr nötig habe. Unsere europäische Geistesgeschichte baut weitgehend auf diesem Ideal auf. „Cogito, ergo sum“, sagte Descartes in seinem berühmten Satz. „Ich stelle fest, dass ich denken und zweifeln kann, also ist mein Ich der feststehende Bezugspunkt, von dem aus ich alles beurteilen kann.“

 

Ich – zu meiner Familiengeschichte

­­Jeder Mensch ist, ob er will oder nicht, das Kind seiner Eltern. Jeder von uns gehört in eine lange und verzweigte Familiengeschichte! Ohne diese Geschichte kennenzulernen und sie wirklich zu bejahen, kann niemand sein Leben wahrhaft verstehen. Niemand kann sich von der Geschichte, in der er steht, lösen. Wir können uns nur mit ihr versöhnen.

 

Ich – zum anderen Geschlecht

So banal es klingt, so wenig selbstverständlich ist es doch: Den Menschen als solchen gibt es nicht, hat es noch nie gegeben. Es gibt nur Frauen und Männer. Biologisch sind alle Zellen im Körper eines Menschen weiblich oder männlich. Das bedeutet, dass wir unser jeweiliges Menschsein nur dort gewinnen, wo wir diese grundlegende Verschiedenheit akzeptieren. Zum Menschen werde ich, indem ich diese Fremdheit des anderen Geschlechtes immer tiefer verstehe und annehme.

Damit kein Missverständnis entsteht: Hier ist zunächst nicht an die Ehe gedacht, sondern an das Menschsein überhaupt. Auch der alleinstehende Mensch ist darauf angewiesen, Menschen des anderen Geschlechts wahrhaftig zu begegnen, um das ­Geheimnis seiner eigenen Identität zu erfahren. Darum geht es hier auch nicht einfach um Sexualität, sondern noch einmal zutiefst um ganzheitliche ­Begegnung. Aber auch unsere Gefühle, unser Denken, unsere Fähigkeit zum körperlichen Ausdruck sind je männlich oder weiblich.

 

Ich – zu mir selbst

Habe ich denn nicht immer schon eine Beziehung zu mir selbst? Man sollte diese Frage nicht so schnell ­bejahen, sondern sich auf einige Überraschungen ­gefasst machen. Der Beter des 103. Psalms führt offensichtlich ein Selbstgespräch: „Lobe den Herrn, meine Seele ... vergiss nicht ...“ Offensichtlich bin ich auch ­jemand in mir, zu dem ich aber dennoch du sagen kann, ja du sagen lernen muss! Und dieses Du, das doch ganz Ich ist, weiß so manches von mir, das ich nicht weiß, sondern von diesem Du zu lernen habe. Es gehört vielleicht zu den ganz großen Entdeckungen, wenn ein Mensch beginnt, dieser eigenen und doch so fremden Stimme in sich einmal aufmerksam zuzu­hören. In den biblischen Texten wird gerade das Gebet – also das Reden vor Gott – zum Ort, an dem ich mit mir selbst rede. Ein Ort der Identitätsfindung ist uns gegeben: das Selbstgespräch vor dem Angesicht Gottes!

 

Ichzur Natur

Die Natur als natürliche Lebensumgebung ist nur noch für einen kleinen Teil der Bevölkerung erfahrbar. Kinder erfahren nicht mehr, wie sehr unser ganzes Leben in einen natürlichen Verlauf eingebettet ist, ebenso ­wenig wie sie das langsame Altwerden der Großeltern als einen natürlichen Prozess wahrnehmen können. Was bedeutet das für unsere Gesellschaft? Das Ideal des jungen Menschen steht neben dem Ideal, zu jeder Jahreszeit sämtliche Gemüse- und Obstsorten zur Verfügung zu haben. Der Verlust der unmittelbaren Beziehung zur Natur rächt sich nachdrücklich am Menschen selbst. Die ungeheuren Umweltschäden, deren Folgen uns und vor allem die nächsten Generationen einholen werden, sind deutliche Sprache genug.

 

Ich – zu meinem Volk

So mancher meint, seine Familie akzeptiert zu haben, aber dass er zum deutschen Volk, zur österreichischen Nation, zur schweizerischen Eidgenossenschaft gehört... Und doch ist auch das nicht von uns zu ­lösen. Wie oft schäme ich mich für mein Volk – und bin doch ein Glied desselben! Seiner Geschichte, in der so Großartiges an Erbe und Auftrag liegt, verdanke ich mich! Aber auch seiner Schuld verdanke ich mich!

 

Ich – zu Gott

Am Ende steht der weiteste Kreis vor uns, der uns allen denk- und lebensnotwendig ist. Wer den nahen Beziehungskreis immer weiter übersteigt auf einen immer ferneren, der ist am Ende ­gezwungen – so kann man es religionsphilosophisch sagen – auf den absoluten und gleichzeitig personalen Horizont des Woher unserer je eigenen und gemeinsamen Existenz zu kommen. Das klingt kompliziert, ist aber, biblisch gesprochen, einfach: Es ist Gott selbst, der in Jesus Christus sein Leben für uns gegeben hat.

Es ist der Verlust der Transzendenz, der je eigenen und gemeinsamen Jenseitigkeit, der uns am empfindlichsten trifft. Wir können nicht leben ohne einen ­lebendigen und uns liebenden Gott im Himmel. Aus ihm und zu ihm leben wir, er kennt uns von Anbeginn, er trägt uns in Ewigkeit, er will uns begegnen in unserer Gegenwart!
 

?Die sieben hier skizzierten Beziehungsfelder sind am ehesten als Kreis zu denken, nicht in einer linearen Reihenfolge, bei der sich das eine aus dem anderen ­ergibt. Die kreisförmige Darstellung versucht darauf aufmerksam zu machen, dass jedes einzelne Beziehungsfeld mit allen anderen zusammenhängt, sie ­fördert beziehungsweise auch behindert.
 

Unverzichtbare Beziehungskreise

Es gibt letztlich keine Hierarchie der Beziehungs­felder. Gelungenes Menschsein ist das immer neu ­gewagte, manchmal geglückte und in allem zur Reife führende Zusammenspiel all jener Beziehungskreise, in denen wir leben. Ganzheit als Ziel unseres Menschseins würde bedeuten: Alle Teile stehen in gutem Wechselspiel zueinander. Alle Beziehungsfelder sind entwickelt und offen für immer weitere Entwicklungsmöglichkeiten.

Die Vorstellung der verschiedenen Beziehungsfelder als großen Kreis macht uns noch auf etwas anderes aufmerksam: Kein Beziehungsfeld kann durch ein anderes ersetzt werden! Ich kann eine fehlende ­Naturbeziehung nicht mit einer intakten Selbstbeziehung kompensieren. Genauso wenig kann eine fehlende Selbstbeziehung durch eine intensiv gelebte Gottesbeziehung aufgewogen werden.

Auf noch etwas ist an dieser Stelle hinzuweisen: Alle Beziehungskreise sind in unserer modernen Gesellschaft höchst umstritten. Denken wir an die Isola­tion, die Vorstellung vom Menschen als Neutrum, die Natur-Distanz, den Familien- und letztlich Geschichtsverlust, die damit verbundene Privatisierung und endlich den Gottesverlust. Wer in diesen Fragen auf Gott und sein biblisches Zeugnis hört, findet sich sogleich in Fragen der Tagespolitik, ob er will oder nicht. Das Evangelium weist uns auf die wesentlichen Fragen unseres Menschseins hin und macht uns sofort politisch. Das eine geht nicht ohne das andere.
 

Wesen der Verdankung

Ein Kind, das auf die Welt kommt, verdankt sich. Bei jedem von uns tragen diese Beziehungskreise verschiedene konkrete Namen. Es sind konkrete Menschen, Landschaften, Erlebnisse, Familiengeschichten, ja ganze Völker, die zusammen den unverwechselbaren Menschen prägen, der wir sind. Wie wenig sind wir aus uns selbst, wie sehr verdanken wir uns. Das kann uns glücklich machen. Es kann uns auch traurig machen – oder überraschen. Wer wir sind, das sind wir als Menschen, die Wesentlichstes von uns selbst anderen verdanken.
 

Wesen der Verpflichtung

Zur Verdankung tritt jedoch die Verpflichtung, die Verantwortung. Wem ich mich verdanke, dem bin ich verpflichtet! Der jüdische Philosoph Emanuel ­Levinas hat gegenüber Martin Buber sehr deutlich gemacht, dass die Kategorie der Begegnung allein nicht ausreichend ist, um das Geheimnis des Menschen zu erfassen. ­Einer Begegnung kann man sich auch entziehen. Oder man kann sie im Moment intensiv erleben und sich dann doch ganz einfach über die Verpflichtung, die in ihr liegen könnte, hinwegsetzen. Begegnung allein ist deshalb zu wenig. Die menschliche Urkategorie ist die Ver-Antwortung. Ich werde gefragt und habe Antwort zu geben – mit meinem ganzen Leben. Und damit bin ich das Wesen, das mit sich selbst antwortet, sich verpflichtet.

Descartes abstrahiert den Menschen von seinen ­Begegnungen und Beziehungen und damit auch von all seinen Verdankungen und Verpflichtungen.

­Eugen Rosenstock-Huessy, ein jüdisch-christlicher Denker, hat gegen den Satz von Descartes einen anderen, letztlich unauslotbaren Satz formuliert: „Respondeo, etsi mutabor“: Ich antworte, auch wenn ich (dadurch) verwandelt werde. Ich kann mir keinen anderen Satz denken, der das Anliegen treffender zum Ausdruck bringt: Beziehung ist Begegnung. Begegnung aber heißt immer, dass ich mich auf einen anderen Menschen einlasse. Mich einlassen bedeutet, dass ich bereit bin, mich verändern zu lassen. Veränderung heißt, dass ich mich nur dort wahrhaft finde, wo ich mich in eine Begegnung wage und damit hinein in eine Verwandlung, deren Tragweite ich zuvor nicht erkennen kann. Aus dieser Erkenntnis heraus ist zugespitzt zu formulieren: Ich bin verpflichtet – darum bin ich.
 

Erlösung und Sünde

Der Blick in unsere persönliche und gesellschaftliche Wirklichkeit zeigt uns die Realität dessen, was die ­Bibel Sünde nennt: Sünde, nicht einfach nur als die einzelne Tat eines einzelnen Menschen, sondern auch als Schuldverflochtenheit unserer Welt. Sie gleicht ­einem Bruch, der durch alles in unserer Schöpfung hindurchgeht, durch alles also, was Gott gut gemeint hat. Aus den Grundschätzen des biblischen Menschenbildes wurden die Grundprobleme unseres Menschseins.

Was bedeutet es, dass der Mensch Gottes Geschöpf und auch Sünder ist? 

Wenn ein Kind zur Welt kommt, sagen wir kaum: ­„O Schreck, wieder ein Sünder!“ Nein, wir stehen staunend vor dem Geheimnis des Lebens, wie es von Gott gemeint ist. Darum ist die Entfaltung der Begabungen, die Reifung des Charakters eine dem Geschöpfsein des Menschen entsprechende, notwendige und damit christliche Aufgabe. Wer den Menschen nur als Sünder erkennen kann und damit in der Vergebung gleichsam die einzige christliche Aufgabe sieht, verkennt, dass Gott zunächst der Schöpfer ist.

Es gibt jedoch auch ein umgekehrtes Missverständnis. Dann interpretiert man den Menschen nur von der Schöpfung her. So mag einem der Blick für das, was die Bibel Sünde nennt, abhanden kommen. Nur noch von Schwächen und Fehlern ist die Rede. Von der Erlösung Jesu Christi her wird uns anschaubar, was Schuld ist: Gott selbst muss in diesen Riss treten und in seinem Tod die Schuld auf sich nehmen. Das erkenne ich jedoch nicht, wenn ich nur mich und die Menschen um mich herum analysiere. Ich erkenne zwar Gestalt und Strukturen schuldhafter Verflochtenheit, nicht aber das Gewicht, das ihr zukommt. Wer den Menschen also nur als Geschöpf sieht und seine Schuldverfallenheit nur als eine Nebensache versteht, verkennt, dass Gott selbst unser Erlöser sein muss. Daran erkennen wir das Gewicht unserer Schuld, aber auch Gottes unergründliche und unbegründete Liebe zu uns.
 

Geist und Endzeit

Wäre die Heilung unseres jeweiligen Mann- und Frauseins allein unsere menschliche Aufgabe, so ­wäre das Christentum eine bloße Morallehre. Gerade darin aber unterscheidet sich die Botschaft der Bibel von der Botschaft anderer Religionen. Was wir als unsere eigene Aufgabe begreifen wollen, das hat Gott sich selbst zur Aufgabe gemacht. Darum spricht die Bibel von der Gabe des Geistes Gottes, der Neues schaffen kann, wo wir Menschen am Ende sind und sie spricht von der Neuschöpfung von Himmel und Erde am ­Ende der Welt. Erst darin wird die Gebrochenheit auch unseres Menschseins ganz aufgehoben sein und wir werden erkennen, was Gott mit unserem Menschsein gemeint hat. Auch hier treten wir in eine letztlich nicht auflösbare Spannung:

 

Wir leben mitten in einer gefallenen Welt. Und doch kommt uns bereits mit Gottes Geist die Kraft der kommenden Welt entgegen. Das ist unsere Aufgabe: nicht nur auf unsere Möglichkeiten zu setzen, sondern jetzt schon auf die Kraft des bereits hereinbrechenden Reiches Gottes hinzuvertrauen und zu leben. Wer als Christ nur auf menschliche Fähigkeiten allein setzt, der greift zu kurz. Wer in der Begrenzung ­seiner Fähigkeiten auch die Grenzen von Gottes Kraft zu sehen meint, der übersieht, dass Gottes Geist die Kraft der kommenden Welt Gottes ist.

Ist damit gesagt, dass jede Schwachheit in unserem Leib, in unseren Beziehungen, in den schuldhaften Verhältnissen unserer Wirtschaft und Politik grundsätzlich überwindbar ist? Es würde dann doch allein mein entschlossenes Vertrauen auf Gottes Geist nötig sein... Und dann wäre keine Heilung mehr unmöglich. Wer nun noch scheitert, so müsste man dann ­sagen, der scheitert nur, weil er nicht entschlossen ­genug vertraut. Das aber ist nicht die Botschaft der Bibel. Wer so argumentiert, der setzt voraus, dass Gottes endgültige Entmachtung alles Bösen jetzt schon in Erscheinung tritt, dass es nur noch am Menschen und seinem Glauben, seinem Gebet, seinem Gehorsam liegt, dass das auch wirklich geschieht.

Er macht aus den erbetenen und auch erfahrenen Zeichen von Gottes kommender Herrschaft bereits den gegenwärtigen Normalfall.

Und damit ist wohl das Kriterium benannt, das uns in dieser Frage weiter hilft: Wir erbitten die Überwindung alles Schuldhaften bereits jetzt als zeichenhafte Vorwegnahme dessen, was erst in der Zeit der Vollendung zum Normalfall wird. Wir tragen die Spuren dieser Weltzeit zutiefst immer noch an uns – auch wenn wir glauben und wissen, dass die kommende Weltzeit bereits angebrochen ist.

Diese Spannung zwischen dem Kommenden, das jetzt schon da ist, und dem Gegenwärtigen, in dem das Kommende noch nicht da ist, gilt es ernst zu nehmen. In ihr glauben, beten, kämpfen und leben wir.
 
Dieser Artikel ist ein gekürzter Auszug aus folgendem Buch:
W. Bittner und S. Pfeifer, Auf der Suche nach Gesundheit,
Kap. 4, Was ist der Mensch?
© SCM R. Brockhaus, Witten, 2008

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