Es müsste niemand einsam sein

Maria Kaißling
 

So ist also das vollständige und erfüllte ­Leben nicht irgend eine geschmeidige ­Anpassung, die wir ein für alle mal erlangen …; sie ist vielleicht eine fortwährende Errungenschaft, den Mächten ins Gesicht, die uns am Kreuz der Wirklichkeit auseinanderreißen.

Eugen Rosenstock-Huessy
 

Immer wieder rund um die Feiertage, die viele Menschen gerne im Familienkreis genießen, haben die Mitarbeitenden bei der Telefonseelsorge besonders viele Anrufe entgegenzunehmen, zuzuhören und zu trösten. „?insamkeit ist das größte Problem“, sagt eine Mitarbeiterin. Die Anrufer leben allein, die meisten haben keine Freunde, viele sind geschieden, einige sind verwitwet. Sie haben keinen Menschen, mit dem sie einen Feiertag gut und gerne verbringen können. „Junger Mann, ich gebe Ihnen 50 Mark, wenn Sie mir mal eine halbe Stunde zu­hören“, so hörte sich einer meiner ­Bekannten plötzlich aus ­einem Fenster heraus angesprochen.

­Ungläubig, verwundert schaute er nach oben, und schon fuhr der Mann am Fenster fort: „Ich gebe ­Ihnen auch 100 Mark. Ich muss ganz dringend mit jemandem reden!“ Der ältere, alleinlebende Herr ­hatte seit Wochen mit niemandem mehr gesprochen. Verwandte am Ort oder Freunde hatte er keine.

Die Einsamkeit liegt im Trend der Zeit. In Städten wie Frankfurt am Main, München und vor allem auch Berlin wächst der Anteil der Single-Haushalte ständig. Darunter auch der Anteil an Seniorenhaushalten. Alleinstehende, ob verwitwet oder geschieden, über 60-Jährige und unter 35-Jährige gehören dazu. Ganz gewiss: etliche leben gern ­allein und gestalten ihre Fernbeziehungen. Doch viele erleiden ihr Alleinleben, leiden an ihren leeren Wohnungen und dem Sich-selbst-Überlassensein, sind trostlos, weil sie wissen: Ich fehle niemandem. Eine sportlich-gepflegte Endvierzigerin erzählt mit tief traurigem Ausdruck, dass sie vor einigen Monaten die dritte längere Partnerschaft abgebrochen habe. Sie klagt: „Seit 15 Jahren ­mache ich die schönsten Bildungsreisen, ich kann es mir leisten. Dabei schließe ich immer interessante Bekanntschaften zu Männern und Frauen. Ich bin ja kontaktfreudig. Aber eine richtige ­Beziehung wäre mir lieber. Jemand, mit dem ich gemeinsam Abenteuer erleben und den normalen Alltag teilen kann. Das ist der Kick, den ich wirklich suche.“
 

Das fehlende Gegenüber

Auf einen ersten Blick sind diese „Einpersonenhaushaltsvorstände“ aktiv, oft erfolgreich im Beruf, sozial vielfältig vernetzt, sie scheinen ein ausbalanciertes Leben zu führen. Doch oft ergeht es ihnen, wie es meine Bekannte, eine Dozentin, formulierte: „Wenn ich nach Hause komme, mache ich als erstes den Fernseher an, damit noch eine menschliche Stimme in der Wohnung ist. Da ist eben sonst ­niemand, der sich freut, dass ich da bin.“

Auch dieser im Beruf erfolgreichen Frau war ihr Alleinsein im Privaten zur ungeliebten Last geworden, wie eine Falle, aus der sie nicht einfach aussteigen konnte. Sie konnte sehr genau auf den Punkt bringen, was das Alleinleben für sie bedeutet: kein Gegenüber zu haben, niemanden, der zu einem passt; keinen Menschen, der einen vertraut anspricht, der einen herausfordert oder aus eingeschliffenen, unguten Gewohnheiten auch einmal aufscheucht. Keinen, mit dem man Weinen und Lachen, Schmerzen, Ängste und auch Freuden teilen kann. Dauert dieser Zustand längere Zeit, kann er uns, Männer sowie Frauen, in eine tiefe innere Heimatlosigkeit stürzen, die sich oft genug in Depressionen krankhaft Ausdruck verschafft. Henry Nouwen, ein erfolgreicher Universitäts­gelehrter, kannte das aus eigenem Erleben: „Die Einsamkeit ist heutzutage eine der geläufigsten Ursachen menschlichen Leides. Nach der Aus­sage von Psychiatern und Psychotherapeuten ist sie das Leiden, über das die Patienten am häufigsten klagen. Sie ist nicht nur die eigentliche Ursache einer steigenden Selbstmordkurve, sondern auch des Alkoholmissbrauchs, des Drogenkonsums, etlicher psychosomatischer Symptome – wie Kopfschmerzen, Magenbeschwerden und Schmerzen in der Lendenwirbelgegend – und einer großen Zahl von Verkehrsunfällen. ... Die vielen kleinen Zurücksetzungen im Alltag – ein sarkastisches Lächeln, eine spöttische Bemerkung, eine glatte Absage oder ein erbittertes Schweigen – mögen alle recht harmlos sein und kaum unsere Beachtung verdienen, wenn sie nicht dauernd in uns die menschliche Grundangst weckten, völlig allein gelassen zu werden, mit nur noch der Finsternis als vertrautem Freund (Psalm 88, 19, Rev. Elberfelder). ... Diese menschliche Ur-Verlassenheit ist es, die uns bedroht und der wir uns nur so schwer stellen können. Zu oft sind wir geneigt, alles zu versuchen, was in unseren Kräften steht, um dem Gefühl der Einsamkeit zu entrinnen, und manchmal kommen wir auf die schlauesten Tricks, die uns davor bewahren sollen, an diese Gegebenheit auch nur zu denken.“ (aus: Der dreifache Weg, Freiburg, S. 18-20)

Wer lange und unfreiwillig allein lebt und an ­Beziehungen immer mehr verarmt, dem werden Sätze und Bilder wie F. Nietzsche sie in seinen ­Gedichten über seine Einsamkeit schreibt, aus der Seele sprechen:

Flieg, Vogel, schnarr dein Lied im Wüstenvogelton,

Versteck, du Narr, dein blutend Herz in Eis und Hohn.

Das heißt: Lass niemanden merken, dass dein Herz schmerzt, dass du Hilfe bräuchtest, dass du dich mit jeder Faser nach einem warmen Wort, ­einem freundlichen Blick, nach Beziehung sehnst. Lass niemanden merken, dass du die ersehnte ­Beziehung auch fürchtest, denn die Enttäuschungen lösen neuen Schmerz aus.
 

Das Ende der Flucht

Menschen, die mit spitzer Zunge ihre zynischen Kommentare und sarkastischen Bemerkungen verteilen, gehören nicht selten zu denen, die ihr Herz in ?is und Hohn verstecken, weil sie innerlich vereinsamt und heimatlos geworden sind.

Dieses Urgefühl des Alleingelassenseins kann auch keine Gemeinschaft aufheben.

Obwohl ich schon länger engagiert in einer ­Gemeinschaft lebte, habe ich mich oft in diesem Wüstenvogel-Lied wiedergefunden, bis ich eines Tages mit Psalm 102 eine persönliche Sternstunde erlebte. In den Bildern und Wendungen des Psalms fand ich einen Schlüssel, mit dem ich die Tür meiner inneren Einsamkeit und Verschlossenheit aufschließen konnte. Dort heißt es:

Ich bin wie eine Eule in der Einöde, wie ein Käuzchen in den Trümmern. Ich wache und klage, wie ein einsamer Vogel auf dem Dach (V. 7). Gott ­wendet sich zum Gebet der Verlassenen und v­erschmäht ihr Gebet nicht. ... Er hört das Seufzen der Gefangenen und macht die Kinder des Todes los ... dass sie seinen Namen verkünden (V. 18-22).

Auf welch glückliche Fährte hat mich dieser Psalm gesetzt! Im Unterschied zur bittersüßen Melodie von Nietzsches Wüstenvogel springt dem Verzagten und Klagenden im Psalm das Angebot von Beziehung, von Aufgehobensein, von Lebenssinn und von Beauftragung entgegen. Zwar sitzt auch hier ein klagender Vogel in einer verödeten Ruine. Aber sein Klagelied findet ein offenes mitfühlendes Ohr. Hier kann er sich ausklagen, sein Herz zeigen und ausschütten, ohne Spott und Hohn fürchten zu müssen. Gott verspottet und verachtet uns nicht, nie. Er wendet sich den Verlassenen zu und er befreit aus der abgründigen Einsamkeit. Ließe er es dabei bewenden, blieben sie allerdings in ihren beklagenswerten, verödeten Trümmern. Doch, so versichert uns der Psalmdichter weiter: Gott überlässt sie nicht orientierungslos der neuen Freiheit, sondern gibt ihnen eine Richtung und stellt sie in ein anspruchsvolles Beziehungsgefüge: Sie verkünden seinen Namen, mehren sein Lob und dienen ihm zusammen mit vielen anderen.

Wer wir auch sind: Witwen, Waisen, alte Verlassene, vereinsamte Kinder, Kranke, nie Verheiratete, wieder Alleinlebende, freiwillige oder unfreiwillige Singles: Wir dürfen wie der einsame Vogel auf dem Dach unsere Herzensklagen zum Herzen Gottes bringen; er hört zu, er antwortet, er ist und bleibt da. Er umarmt uns durch die Wirklichkeit. Unsere Wirklichkeit, das, was uns einsam macht, kann sehr unterschiedlich sein. Ebenso verschieden sind dann auch unsere Reaktionen: Der eine flieht und versteckt sich. Computerspielen, der Dauereinsatz eines Workaholics oder die unzäh­ligen Möglichkeiten der Spaßgesellschaft – sie können als Fluchtwege dienen, als Verstecke vor Beziehungen und den Mühen und Herausforderungen, die diese mit sich bringen. Ein erster Schritt aus dieser Fluchtbewegung heraus heißt darum: nicht weiter in diese Richtung laufen, ­innehalten, stehen bleiben. Und dann hinschauen und sich fragen: Wovor renne ich weg? Was hat mich so verletzt, getroffen, gekränkt, dass ich die tiefere oder verbindlichere Gemeinschaft mit Menschen lieber meide?
 

Der Götze Einsamkeit

Das Alleinsein kann auch zu einem Götzen werden. Man kann sich so daran gewöhnen, dass ­jeder, der an diese Gewöhnung rührt, zur unliebsamen Störung wird. Hier braucht der Einsame ­jemanden, der ihn aufscheucht und zur Beziehung ermutigt.

Für eine engagierte Frau, ich nenne sie Ute, war dieses Erlebnis ein Augenöffner: jedes Mal, wenn sich Ute und ihre Freundin Judith trafen, fiel ­unweigerlich der Satz „ich bin immer so allein“. Dabei lebte und arbeitete Ute mitten in einer ­rasant wachsenden Gemeinde. Ihre jahrelangen Gebete um Erweckung waren sichtbar erhört – und sie in vielerlei Hinsicht eine sehr gefragte Frau. Doch sobald ihre verschiedenen Aktivitäten und Dienste hinter ihr lagen und sie sich in ihrer Wohnung hätte regenerieren können, überfiel sie diese innere Leere und Öde mit voller Wucht. Sie gab so vielen Halt und Orientierung, aber sie selbst blieb leer und unerfüllt. Eines Tages zog ­eine alleinstehende Lehrerin mit zwei Kindern im Grundschulalter eine Etage tiefer ins Haus ein. ­Judith freute sich für Ute und meinte: „?ensch, das ist doch eine gute Gelegenheit! Lade diese Frau ab und zu zum Essen ein! Such’ die Beziehung zu ihr und den Kindern, dann bist du nicht mehr so alleine!“ Zu ihrem Erstaunen wehrte Ute vehement ab: „Wie stellst du dir das vor? Ich hätte mit Einkaufen und Kochen noch mehr zu tun. Außerdem machen Kinder immer solche Unordnung. Und wenn sie dann gegangen sind, stehe ich allein mit dem Abwasch da!“ „Aber dann“, antwortete Judith, „will ich bei unseren Begegnungen dieses Ich-bin-immer-so-allein auch nicht mehr hören!“ Ute fühlte sich verletzt und unverstanden. Wie verblüfft war sie dann, als die Lehrerin schon am nächsten Tag auf sie zukam und sie zu sich einlud.

Zur Überwindung der Einsamkeit und der inneren Heimatlosigkeit gibt es keine Patentrezepte, aber unterschiedliche gute Erfahrungen. Wie man auf andere zugeht, ist sicher auch vom jeweiligen Temperament mitbestimmt. Doch die private ­Lebenssituation und Lebensgestaltung des engagierten Christen, kurz, sein inneres und äußeres Zuhause spielen eine wesentliche Rolle. Wie ­jemand sein Zuhause gestaltet, formt, belebt, darin drückt sich seine Seele aus. So ist es nicht gleichgültig, wie viel Zeit ich mir für mein ­Zuhause nehme. Und auch: hat meine Wohnung etwas Einladendes? Können Fremde und Gäste darin aufatmen? Und wie steht es um mein geistiges Zuhause? Lese ich z. B. nur zweckgerichtete Literatur? Gibt es auch Lieder und Gedichte, ­geistiges und kulturelles, das zweckfrei ist und mein Gemüt nähren und pflegen kann?

Zum Zuhause gehören auch Freunde. Mit wem verbringe ich meine Freizeit? Pflege ich, so gut ich kann, Beziehungen zu genügend Menschen außerhalb meines beruflichen Umfeldes? Können sie Freunde werden, kann ich ihnen Freund oder Freundin werden? Das sind einfache Fragen, die sich jeder Einsame immer wieder stellen kann, je nach Alter und Lebenssituation.

 

Verbundenheit und Freude

Alle Menschen suchen Glück und Freude. Freude heißt auf englisch JOY.

J - Jesus first

O - others second

Y  - yourself third

Alle drei zusammen schaffen Freude fürs Leben.

Mir selbst hilft immer mal wieder diese Vorstellung: Jesus und ich nehmen den anderen in unsere Mitte. Ebenso gilt, dass Jesus und der andere ihre Hände mir hinstrecken, um mich in ihr Miteinander (mit Freud und Leid) einzubeziehen. Dieses Geschehen ist nicht statisch, sondern gleicht einem frei fließenden Hin und Her ­zwischen den beteiligten Personen. Wer sich darauf einlässt, wird sich am Miteinander freuen. Probieren Sie es doch mal aus!

Andere erleben, wie sich ihre gefürchtete Einsamkeit löst, wenn sie anfangen, konkret für zwei bis drei Menschen zu sorgen: für sie regelmäßig und verbindlich beten, an sie denken, ihnen schreiben, Kontakt zu ihnen halten, sie besuchen, Zeit mit ihnen verbringen. In unserem „Haus der Hoffnung“ in Greifswald wohnen auch Studenten aus Afrika und Asien. Tausende Kilometer von ihrem Zuhause entfernt bedürfen sie unserer besonderen aufmerksamen Fürsorge, „Familienanschluss“, ­jemanden, der ihre Sorgen und Ängste um ihre fernen Familien mitträgt. Dabei bleibt keiner auf der Strecke. Nicht umsonst heißt eine geistliche Wahrheit: „Ich werde gehalten durch die, die ich halte.“

Vieles bleibt in diesen Ausführungen nur angedeutet; doch jedem bleibt es unbenommen, selbst einiges zu entdecken und mit einem anderen ­gemeinsam zu entfalten. Allerdings braucht man dazu auch eine Portion Mut und Entschlossenheit; denn Mühen und Konflikte bleiben nicht aus. J­edoch haben wir eine großartige Zusicherung: Wo zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind, da bin ich dabei, sagt Jesus (Mt 18, 20).

Das Schlusswort hat eine alte, mündlich überlieferte Weisheitsgeschichte, die jedem Alleinlebenden ins Stammbuch geschrieben sei:

Ein Weiser bat Gott darum, einmal Himmel und Hölle sehen zu dürfen. Gott erlaubt es ihm und gibt ihm den Propheten Elia als Begleiter mit. Zuerst führt Elia den Weisen in einen großen Raum, in dessen Mitte auf einem Feuer ein Topf mit einem köstlichen Gericht steht. Rundum sitzen Leute mit Löffeln und langen in den Topf. Aber sie sehen alle blass und mager und elend aus: Die Stiele ihrer Löffel sind so lang, dass sie das herrliche Essen nicht in den Mund bringen können. Als die beiden Besucher wieder draußen sind, fragt der Weise den Propheten, welch seltsamer Ort das denn gewesen sei. Es war die Hölle. Darauf führt Elia den Weisen in einen zweiten Raum, der gleich aussieht. In seiner Mitte brennt auch ein Feuer und kocht ein köstliches Essen. Leute sitzen herum mit langen Löffeln in der Hand. Aber sie sind alle gut genährt, gesund und glücklich: Sie benutzen die langen Löffelstiele, um sich gegenseitig zu essen zu geben. Es war der Himmel.

Von

  • Maria Kaißling

    Religionspädagogin. Sie lebt in der OJC-Auspflanzung in Greifswald und ist vorwiegend als Seelsorgerin tätig.

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