"Dein Wort ist meinem Mund süßer als Honig..." (Ps 119, 103)

Zum spirituellen Übungsweg der Lebenswortgruppen

 
Renate Voswinkel und Lisa Neuhaus
 
 

Gottvertrauen einüben

Zur Entstehung der Lebenswortgruppen:

Die Frage, wie der Glaube im Alltag wirksam wird, beschäftigt viele Menschen innerhalb und außerhalb der Kirche. Die erleben ihren Alltag durch Pflichten vollgestopft und doch unerfüllt. Sie fragen sich, was ihnen fehlt. Der Anfang dieser Wahrnehmung und die Suche, die damit verbunden ist, führt sie auf spirituelle Übungswege. Unser Leben wird von einem bestimmten Geist bestimmt. Es lohnt sich zu fragen, was uns in der Tiefe bewegt und antreibt. Wir können entscheiden, wovon wir uns anregen und inspirieren lassen. Spiritualität ist Ausdruck eines bestimmten Geistes (spiritus). Christliche Spiritualität ist die Gestalt des Lebens aus der Kraft des Heiligen Geistes.

Jesus hat ihn der Gemeinde versprochen. Er wird als Tröster, als Geist der Wahrheit, als Beistand beschrieben, der als Feuer, als Wind, als Energie für die Menschen spürbar wird. Wie können wir uns mit dieser Energie verbinden? Wie können wir uns vom Heiligen Geist zur Gestaltung unseres Lebens anregen lassen?

Als Antwort auf diese Fragen entstanden die ­Lebenswortgruppen. Die Idee stammt von einem katholischen Laienorden namens „Foccolare“ (Herdfeuer). Der Orden lädt Menschen ein, sich regelmäßig zu treffen, um mit einem Satz aus der Bibel Gottvertrauen im Alltag einzuüben. Auch in unserer Kirche entstanden an vielen Orten solche Gruppen, die Einzelne auf ihrem geistlichen Übungsweg begleiten.
 

Ein Wort auf den Weg nehmen

Ziel und Inhalt der Lebenswortgruppen:

Das Leben aus der Kraft des Geistes Gottes ­bekommt Gestalt und Wirkung in alltäglichen Erfahrungen. Menschen treffen sich regelmäßig, bekommen für einen Monat ein biblisches Wort mit auf den Weg, beobachten, wie sich dieses Wort mit dem verbindet, was sie erleben, und tauschen sich beim nächsten Treffen darüber aus. Der Ablauf der Treffen ist immer gleich und braucht wenig Vorbereitung. Das alltägliche ­Erleben wird so mit dem Zuspruch und dem ­Anspruch des biblischen Wortes verbunden und verändert Erfahrungen nachhaltig.
 

Segen spüren

Erfahrungen und Wirkungen:

Die geistliche Übung ist gefährdet, wenn die Herausforderungen des Alltags und die persönlichen Wünsche mehr Macht bekommen als die Wahrnehmung der liebevollen Aufmerksamkeit Gottes. Die Lebenswortgruppen unterstützen die Einübung in das Leben mit Gott durch eine verbindliche Verabredung und eine innere Verpflichtung. Es braucht Entschiedenheit und ein feines Gespür für die Wirkungen. Dazu hilft die Gemeinschaft. Der Austausch ermöglicht die Erfahrung, dass es immer wieder einen neuen Anfang gibt. Darin steckt die Entdeckung, dass sich Segen als Wachstumskraft ausbreitet und auch für andere Menschen spürbar wird.
 

Anschluss an Gottes Kraft finden

Lebenswortgruppe nach der Tradition der Foccolare:

Eine Gruppe trifft sich regelmäßig (monatlich) für eine Stunde. Sie verabredet sich zunächst für ein Jahr. Verbindliche Anwesenheit bei den Treffen (wer nicht kommt, entschuldigt sich, am besten bei dem für die Vorbereitung zuständigen Mitglied). Einhaltung der abgesprochenen Praxis. Beten für einander, ggf. auch für bestimmte Anliegen.

 

Für das Treffen der Gruppe hat sich 

folgender Ablauf bewährt:

 

Lied (z. B. ein Taizé-Lied)

Rückblick: der/die Vorbereitende liest/spricht das Lebenswort der zurückliegenden Zeit und eröffnet eine Austauschrunde dazu. Er behält dabei die Uhr im Blick. Der/die Vorbereitende stellt ­einen neuen Text vor (EIN Bibelvers, nur ausnahmsweise aus dem Kontext vorlesen).

Die Gruppe gibt ein Echo dazu:

Einzelne wiederholen das eine Wort, das ihnen am stärksten hängen geblieben ist.

Kurzes Gespräch zum Text, ggf. Festlegung auf das eigentliche Lebenswort.

Zeit zum Beten: das kann in der Stille sein, einzelne können aber auch Anliegen, Namen u. ä. nennen.

Vaterunser oder Lied

Abendmahl (Brot, Wein und Becher mitbringen).

Segen
 

Mit dem Wort im Alltag umgehen

Das Wort geht mit mir, z. B. aufgeschrieben in der Wohnung, in der Tasche oder ähnlich, wo ich ­immer wieder darauf stoße – und einmal am Tag beschäftige ich mich damit (morgens ist es am ­besten, klappt aber vielleicht nicht bei allen).

Dreimal halblaut sprechen, darüber meditieren (möglichst praktisch: wie geht das Wort mit dem zusammen, was ich heute vor mir bzw. hinter mir habe).

Danach beten (mit Nennung der Namen der ­anderen in der Gruppe).

Besonders wirkungsvoll ist es natürlich, wenn ich mich dreimal am Tag – morgens, mittags, abends – auf das Wort besinne.

Beim Austausch in der Gruppe können dann alle möglichen Erfahrungen mit dem Lebenswort Thema sein, auch die Erfahrung von Vergesslichkeit, der Schwierigkeiten mit der Verbindlichkeit und im Umgang mit der Zeit – aber auch Erfahrungen, wo mir das Wort eine Hilfe war, wo es mir plötzlich einfiel, was es mir erschlossen hat, wie es mir fremd geblieben ist, warum es mir nicht geholfen hat usw.

Sinn des Austauschs ist nicht gegenseitige Kontrolle, sondern Hilfe zum Üben und das Teilen von geistlichen Erfahrungen, über die wir oft so schwer sprechen können.

Eine geistliche Ordnung ist kein Gefängnis und kein System, das mir dauernd Schuldgefühle macht und meine Defizite zum Bewusstsein bringt. Sie ist ein Raum, in den ich eintrete und den ich gestalte. Der Umgang mit einem Bibelwort ist kein Zwang zum Frommsein, sondern ein Weg, nicht vom Brot allein zu leben und Anschluss an Gottes Kraft zu finden. Nicht jedes Wort wird für mich zur Kraftquelle werden. Aber oft reicht schon ein Krümel.

Noch ein letzter Hinweis zum Umgang mit dem Lebenswort: Die Kollegin, von der ich diese ­Praxis kenne, gibt die Empfehlung, an einem ­Wochentag Sabbat auch von dieser Übung zu ­halten. Also sechs Mal üben, einmal nicht. Ursprünglich erschienen in: Impuls Gemeinde, Heft 2/2008, Quellen der Kraft, © Zentrum Verkündigung der EKHN

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