Furchtbare Isolation und fruchtbare Einsamkeit

Rudolf M. Böhm

Furchtbare Isolation

Im Hebräischen ist „Einsamkeit“ gleichbedeutend mit „Wüste“, „Öde“. „Wie oft waren sie widerspenstig gegen ihn in der Wüste, betrübten ihn in der Einöde (Einsamkeit)!“ (Ps 78, 40). Diese Einsamkeit bedeutet Isolierung, eine Trennung von der eigenen Quelle, als würde eine Pflanze von ­ihren Wurzeln abgeschnitten und zum Austrocknen verurteilt.

Das Wörterbuch definiert Einsamkeit als „Zustand der Verlassenheit, der Trennung, den das menschliche Wesen gegenüber anderen Personen oder der Gesellschaft empfindet.“

Das hebräische Wort für „Einsamkeit“ kommt von dem Wort „tohu“, wie in „tohu wabohu“ (Gen 1, 2), was „wüst“ oder „öde“ bedeutet. Tohu ist der Zustand des ursprünglichen Chaos, bevor der Geist weht, der die Schöpfung ordnet und ihr ­einen Sinn verleiht. Also wäre eine weitere Definition von Einsamkeit von seiner Quelle abgeschnitten, vom Geist getrennt sein.
 

Was ist Einsamkeit?

Einsamkeit ist ein Zustand des Daseins mit dem Gefühl einer Leere, einer Abwesenheit, die dazu führt, dass alles seinen Sinn verliert. „Wir leben in einer Zeit kommunikationsfreudiger Beziehungslosigkeit“, so beschrieb vor etwa 20 Jahren bereits ein Soziologe den Trend in unserer modernen westlichen Gesellschaft. Tatsächlich haben die Kommunikationsmittel, die wir von Tag zu Tag weiter entwickeln, die widersinnige Folge, dass sie uns immer mehr isolieren.

Vor einiger Zeit war ich im Zug unterwegs. Ein junger Mann stieg zu, der von seinem Handy aus einen nach dem anderen anrief und wie in einem festgelegten Ritual jedes Mal dasselbe sagte: „Hallo, was machst’n gerade? Ich sitz im Zug von da nach da. Ich komm’ gerade von der Arbeit! Bei mir läuft es so und so. Was machst’n am Wochenende? Dann folgte ein Gespräch über Veranstaltungen. O. k., bis dann!“ Ich hatte den Eindruck, als benutze er die anderen, um sich nicht zu langweilen. Ein wirkliches Interesse an den Angerufenen war nicht spürbar. Währenddessen ignorierte er seine tatsächliche Umwelt völlig; er war so mit sich beschäftigt, dass er nicht wahrnahm, wie sehr er mit seinen unentwegten Telefonaten die Nerven der anderen strapazierte.

Die Schöpfungsgeschichte ist die Geschichte jedes Menschen aller Zeiten. Es ist die Geschichte von dem, was am Anfang steht, das, was ihn ausmacht, was er ist. Eine der Erfahrungen, die der Mensch am „Anfang“ macht, ist seine Einsamkeit. Er ist „alleine“ im Garten. Wir können uns natürlich an der Stelle fragen: Wie kann er alleine sein, wenn er in diesem Garten von Tieren und Pflanzen aller Art umgeben ist? – Er ist alleine, weil er merkt, dass er nicht wie der Stein oder die Eidechse ist. „Er schuf sie als Abbild Gottes“, so steht es am Anfang der Bibel im Buch Genesis. Das heißt, der Mensch wird durch seine Beziehung zu Gott, nicht durch einen Vergleich mit den anderen Dingen und Geschöpfen im Garten definiert. Die Erfahrung seiner „Einsamkeit“ wird in diesem Sinne etwas sehr Positives. Er ist nicht ein „Etwas“ wie der Stein, wie die Blume, er ist ein „Jemand“. Er ist ein „Ich“, ein „Subjekt“. Der Mensch macht eine anfängliche Erfahrung seiner Einzigartigkeit, seiner Würde.
 

Wie kommt es zu Gemeinschaft?

Der Mensch „am Anfang“ macht die Erfahrung, dass er kein Gebrauchsgegenstand ist, mit dem man etwas bezweckt. Seine „Einsamkeit“ deutet hin auf seine Freiheit. Wer einen Menschen als Mittel zum Zweck benutzt, verletzt seine Würde und Freiheit. So macht der Mensch des Anfangs die erste Erfahrung seiner Würde: Seinen Wert bezieht er nicht daraus, dass er etwas bringt, etwas leistet, sondern allein aus seinem Sein – einfach, weil er ist.

Der Mensch macht aber auch in einem zweiten Sinn eine Erfahrung seiner Einsamkeit. Er hat ­eine Sehnsucht nach einem anderen „Ich“. „Als Mann und Frau schuf er sie…“

Eva wird ihm als Hilfe an die Seite gegeben; nicht damit sie ihm hilft, Teller zu spülen und seine Wäsche zu waschen, sondern um ihm zu helfen, ein „ganzer“ Mensch zu sein. Der Mensch findet sich selbst, findet seine Erfüllung in der Beziehung zum anderen „Ich“, das er als Geschenk annimmt und dem er sich selbst als Geschenk gibt. Der Mensch ist aus Liebe geschaffen worden und um zu lieben, und er kann das Glück nicht anders finden, als wenn er liebt und geliebt wird. Der Mensch kann nicht leben, ohne zu lieben. Jedoch nicht indem er das geliebte Gegenüber zum ­Objekt macht. Er findet sich selbst, indem er das Geschenk des Anderen annimmt und sich selbst schenkt. In dem Maß, in dem er liebt, bewahrt er seine „Einsamkeit“. Das scheint ein Paradox zu sein, ist es aber nicht, wie uns die Erfahrung zeigt: Die Liebe löst nicht das „Ich“ auf, sondern schafft es, dass wir uns überhaupt erst durch dieses Sich-schenken-in-der-Liebe finden.
 

Was trennt mich vom andern?

Durch die Sünde „am Anfang“ wird der Mensch wirklich „allein“. Er lebt in Feindschaft und wird in einen Zustand der Angst versetzt: „Ich ­versteckte mich, denn ich hatte Angst.“ Er lebt nicht mehr eine Logik des Sich-Schenkens, sondern eine Logik des Nutzens, die bedeutet, dass er auch Angst haben muss, selbst benutzt zu werden. Er ist isoliert, ausgegrenzt: von sich selbst, von anderen Menschen, von Gott. In seiner Hinwendung zum anderen bleibt er auf sich bezogen und frustriert, weil nur eine den anderen „frei-gebende“ und ihm gegenüber „frei-giebige“ Liebe ihn wahrhaft erfüllen kann. Einsamkeit „am Anfang“ ­bedeutet also die Erfahrung, dass ich nicht ein Objekt, sondern ein „Ich“ bin, das niemals als Mittel zum Zweck der Ziele anderer benutzt werden darf.  Es ist die Erfahrung, dass ich mich nur in einer Beziehung der Liebe, des gegenseitigen Sich- Schenkens, finden kann.
 

Einsamkeit in der Seelsorge

In der Seelsorge lerne ich immer wieder Menschen kennen, die über lange Zeit den Anspruch hatten, alles mit sich selbst ausmachen zu müssen. Keiner hat ihnen angesehen, dass sie in Not sind. Solche Menschen können im Alltag durchaus kommunikativ sein, sich großer Beliebtheit erfreuen, doch innerlich leben sie in einem Gefängnis. Ihr Innerstes halten sie unzugänglich und fest unter Verschluss. Dahinter steckt in der Regel Selbstschutz und Stolz. Man möchte mit seinen Schwächen nicht gesehen werden. So wichtig und gut es ist, seine eigene Person zu schützen, einen starken Willen zu haben, der dem eigenen Leben Richtung gibt, so sehr wirkt eine sich verschließende, stolze Selbstliebe zerstörerisch auf jede Beziehung, die ein Mensch eingeht. Egoisten sind immer einsame Menschen, auch wenn sie es, von außen betrachtet, weit bringen können. Ausdruck von Stolz ist das Denken: „Ich kann mich nur ­sehen lassen, wenn es mir gut geht oder ich etwas Ansehnliches vorzuweisen habe.“

Hinter dem souveränen Auftritt eines Menschen versteckt sich oft ein Wunsch nach Liebe und ­Anerkennung. Ein Mensch, der sich überlegen gibt, signalisiert, dass er schon alles hat und die anderen nicht braucht. Er erntet Bewunderung, aber keine Zuneigung. Wer sich nach allen Seiten absichert, versucht, sich unangreifbar zu machen. Doch jeder Mensch möchte gerade um seiner selbst willen geliebt werden. Auch das, was ich dem anderen vorenthalte bzw. vor ihm verstecke – meine Unsicherheit, meine Verletzlichkeit, meine Armut – will ebenso geliebt werden. Aber meine Bedürftigkeit kann nicht von der Liebe berührt werden, wenn sie versteckt gehalten wird. Vielleicht liebt mich der andere ja nur wegen meiner guten Seiten, befürchte ich und bleibe einsam. ­Eine Stimme in mir sagt: „Wenn du die Wahrheit über mich wüsstest, dann würdest du mich nicht lieben. Du liebst den Menschen, der ich deiner Ansicht nach bin. Aber du liebst nicht mein wahres Ich, weil du mein wahres Ich nicht kennst.“ Ein großer Teil der Beziehungsprobleme des Menschen liegt in der Angst begründet, abgewiesen und abgelehnt zu werden, wenn jemand ihm zu nahe kommt.

In all dem drückt sich unsere innere Zerrissenheit aus. Wir wollen einerseits unser Herz dem anderen öffnen und verschließen uns andererseits allzu oft in uns selbst. Wir sehnen uns nach Nähe und tun gleichzeitig alles, um sie zu verhindern. Ein Beispiel: Eine eifersüchtige Frau versucht ihren Verlobten zu kontrollieren, weil sie Angst hat, verlassen zu werden. Obwohl sie ihn für sich gewinnen möchte, tut sie alles, um die Beziehung zu zerstören. Er wiederum setzt sich gegen ihre Vorwürfe zur Wehr, rechtfertigt, erklärt, begründet, aber nichts davon führt zu einer besseren Verständigung und Entspannung. Die beiden laufen verzweifelt hintereinander her und sobald sie sich treffen, scheitern sie an ihren gegenseitigen Ängsten.

Dieses In–sich–selbst–verschlossen-Sein, dieses Abschotten von den Mitmenschen und ihren Rechten und insbesondere auch das Sich-Absondern von Gott ist die Wurzel dessen, was wir „Sünde“ nennen.

Die Heilige Schrift berichtet uns vom Paradies, in dem die ersten Menschen ein Leben in vollkommenem Glück, ohne Leid, ohne Böses lebten, ­solange sie sich an das Verbot, nicht vom Baum der Erkenntnis zu essen, hielten. Der Widersacher Gottes, der Teufel, erschien in Gestalt einer Schlange und verführte Adam und Eva, dieses Gebot Gottes zu missachten. Sein Lockmittel war: „Ihr werdet sein wie Gott“ (Gen 3, 5).

Das ist die große Versuchung des Menschen: Mehr sein zu wollen, als er ist, das eigene Ich zu vergrößern. Der Widersacher versuchte den Menschen an seiner schwächsten Stelle, dieser gab nach und am Ende musste er das Paradies verlassen. Wir tragen die Spuren des Paradieses noch in uns, unsere Sehnsucht nach Glück, nach Liebe, Freundschaft, nach Leben. Und zugleich tragen wir auch in uns die Zeichen des verlorenen Paradieses, die Neigung zum Egoismus, die Ver­suchung, uns selbst immer und überall in den Mittelpunkt zu stellen.
 

Wie findet man da wieder heraus?

Für jeden Menschen, der mit dem Leben verbunden werden oder bleiben möchte, ist es wichtig, von Zeit zu Zeit eine Begleitung in Anspruch zu nehmen. Sein Herz zu öffnen und sich begleiten zu lassen, erfordert selbstverständlich Demut. Es ist wichtig, mit jemandem in aller Aufrichtigkeit und Wahrheit über das zu sprechen, was man ­erlebt. Unser Beweggrund sollte sein, unser Leben und unsere Entscheidungen ins Licht Gottes zu stellen. Nur so kann sich unser Leben entfalten.

Sich seiner Begrenztheit und Schwäche bewusst sein, losgehen und um Hilfe bitten, erfordert ­Demut. Jesus will, dass wir uns in unseren Nöten nicht vergraben, sondern uns Ihm und konkret auch einem anderen Menschen, der uns sein Evangelium zusprechen kann, öffnen. Jede Not ist eine Gelegenheit, um glauben zu lernen, dass Jesus absolute Gewalt über alle geschaffenen Realitäten – äußere und innere – hat. Entscheidend ist, dass sich alles verwandelt, wenn ich mich in seinen Blick stelle und mich liebend von ihm anschauen lasse.

Alles, was mir geschieht, lässt Gott zu aus einem bestimmten Grund, den ich nicht unbedingt kennen muss. Wenn es schwere Dinge sind, lässt er sie zu, weil sie etwas Gutes für mich bewirken sollen, mir helfen können, im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe zu wachsen. „Es kann mir nichts geschehen, was du nicht hast ersehen und was mir heilsam ist“, so dichtete Paul Fleming in seinem Lied In allen meinen Taten (EG 368).

Eine Frau erzählt mir, dass ihr der Schmerz über den Abbruch einer früheren Beziehung immer noch nachgeht. Obwohl schon viele Jahre vergangen sind, nimmt die schmerzliche Erinnerung sie zeitweise so in Beschlag, dass sie nichts anderes mehr denken kann. Dabei sagt sie Sätze wie: „Ich wollte danach noch einmal von ihm angesprochen werden.“ Ich frage zurück, was sie dabei fühle. Sie sagt: „Als ob etwas gestorben sei.“ Und fährt fort: „Wenn ich wenigstens ein Grab hätte..., doch es gibt ihn ja noch, nur will er nichts mehr mit mir zu tun haben.“ Sie fühlt sich „abgeschnitten und ausgeschlossen... Am Ende bleibe ich zurück mit dem Gefühl: Ich bin allein!“ Später erzählt sie mir von einem Traum, den sie immer wieder träumt: „Ich suche und suche und da taucht jemand auf, den ich nicht erkennen kann. Wir sprechen miteinander, doch in allem bleibt eine unüberbrückbare Distanz.“ Als ich zurückfrage, was sie denn suche, antwortet sie: „Einen Zufluchtsort, ein Heim, wo ich hingehöre, wo alles gut ist – eine ­gesicherte Basis.“

Dieser Zufluchtsort entspricht der Sehnsucht, die jeder von uns tief in sich verspürt und die uns ­ruhelos macht. Wenn wir die Unruhe in uns spüren oder diese innere Leere, sind wir mit etwas in Berührung gekommen, das uns auf eine andere Spur setzen will. Dieses Gefühl hat einen Verursacher, Gott! Der Kirchenvater Augustinus sagte es so: „Du, Gott, hast uns auf dich hin geschaffen, und ruhelos ist unser Herz, bis es ruht in dir.“ Das zeigt auch folgende Geschichte: Ein Einsiedler schöpfte Wasser aus seiner Zisterne, als ein Fremder hinzutrat und fragte: „Wozu hältst du dich in der Wüste auf?“ Der Eremit erwiderte: „Schau in den Brunnen. Was siehst du dort?“ Angestrengt blickte der Fremde in die Tiefe und antwortete: „Ich sehe nichts.“ Sie setzten sich nieder. Nach ­einer Weile wiederholte der Eremit, der Fremde möge noch einmal in den Brunnen schauen. Er tat es, und freudig rief er aus: „Ich sehe mein eigenes Gesicht!“ Der Eremit erklärte: „Während ich Wasser schöpfte, war Unrast in der Zisterne. Nur in der Ruhe kann man sehen, wer und was man ist.“

Gott redet zu uns; er spricht uns an in diesen A­ugenblicken, wenn wir diese Unruhe in uns spüren. Diese Gefühle sollen uns helfen, damit wir uns wieder auf das Wesentliche besinnen, wieder näher zu Gott kommen. Unsere innere Unruhe wird dann Frieden finden, wenn wir uns auf den Gedanken einlassen, dass wir geschaffen und ­geliebt sind von Gott, unserem Schöpfer. Er spricht zu dir und zu mir: Komm, ich möchte, dass du lebst. Es soll die Welt nicht ohne dich ­geben! Diese Sehnsucht, die wir durch unsere ­Ruhelosigkeit spüren, ist nur das Echo der Sehnsucht Gottes nach uns! Sie ist ein Echo der Liebe, die Gott für uns empfindet.
 

Ort der Gottesbegegnung

Die wahre Einsamkeit ist ein Segen. Wie wir ­bereits gehört haben, kann „Wüste“ die Einsamkeit der Trennung und der Isolation bedeuten. Aber das im Hebräischen am häufigsten benutzte Wort ist „Midbar“, das von „Dawar“, d. h. „Wort“, kommt. Bei den Wüstenvätern ist auf geistlicher Ebene die Wüste der einzige Ort ohne Täuschung. Hier offenbart sich das Wort Gottes, wie es beim Propheten Hosea heißt: Darum siehe, ich will sie locken und will sie in die Wüste führen und freundlich mit ihr reden. Dann will ich ihr von dorther ihre Weinberge geben und das Tal Achor zum Tor der Hoffnung machen. Und dorthin wird sie willig folgen wie zur Zeit ihrer Jugend, als sie aus Ägyptenland zog. Alsdann, spricht der HERR, wirst du mich nennen ‚mein Mann‘ und nicht mehr ‚mein Baal‘ (Hos 2, 16–18). Die Liebe zur Einsamkeit zeugt vom Wunsch nach Vereinigung mit Gott, denn er ist es, der uns in das Verborgene des Brautgemachs hinzieht. „Für Liebende braucht es die Einsamkeit, ein Herz zu Herz, das dauert Nacht und Tag.“ (Theresa von Lisieux)

Wir haben Angst vor der Einsamkeit, so wie wir Angst vor der Leere haben, Angst, vor dem „Nichts“ zu stehen, und wir fliehen die Einsamkeit, ohne zu verstehen, dass sie ein Durchgang ist. In der Tat machen wir die Erfahrung, dass wir, sobald wir sie annehmen, nicht mehr einsam sind. Wir werden dann hineingeführt in die Gegenwart dessen, der die Liebe ist. Wir brauchen keine Angst haben, uns der Leere zu stellen, denn nur wenn wir in uns selbst hinabsteigen, finden wir uns wieder in seiner Gegenwart. Schmerzvolle Erfahrungen der Einsamkeit sind immer auch eine Gelegenheit, im Glauben und im Vertrauen auf Gott zu wachsen. Jenseits der Trennung steht die Auferstehung. Hier erfüllt sich das Versprechen Jesu: „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“

Wir sind eingeladen, den Weg des Glaubens zu ­gehen, um uns mit der Realität der unsichtbaren Welt zu verbinden. Jesus sagt, „das Reich Gottes ist mitten unter uns“; es steht uns zu, über den ­Augenschein hinauszugehen und zu leben, als würden wir das Unsichtbare sehen. Da wird die Einsamkeit zu einem bevorzugten Augenblick, um dem Reich Gottes gegenwärtig zu sein. Wir sind weder dazu bestimmt, in das ursprüngliche Chaos zurückzukehren, noch sind wir für das Nichts programmiert, sondern wir können die Fülle des Lebens, die uns erwartet, schon heute verkosten.
 

Liebe und Gebet

„Dass die Menschen unglücklich sind, hat nur ­eine Wurzel: Sie können nicht still in einem Zimmer sein“ (Blaise Pascal). Zeiten der Wüste sind unerlässlich, um die Qualität unserer Beziehungen zu prüfen. Gläubige wissen, dass sie nicht ­allein sind, dass ohnehin all ihre Mühe zur Erfolglosigkeit verurteilt ist, ohne die Kraft Gottes, die allem Bemühen vorausgeht. Wer diesen Glauben teilt, gewinnt Zugang zu einer unerschöpflichen Quelle ständiger Erneuerung. Denn: Wir können nur das verschenken, was wir zuvor empfangen haben. Das gilt auch für die Liebe.

Wer also sein Herz im Gebet dem Herrn öffnet, der lässt sich von seiner Liebe beschenken und ­damit von einer Kraft erfüllen, die alle mensch­liche Schwäche übersteigt. Je mehr das Gebet zur ­Alltagsform des Umgangs mit Gott geworden ist, je mehr es mir selbstverständlich ist, im persön­lichen Zwiegespräch mit Ihm meine Freuden und Sorgen, Nöte und Hoffnungen zu artikulieren, ­desto mehr lasse ich zu, dass Gott mein Leben führt und in die richtigen Bahnen lenkt, mir Kraft gibt, wo es nötig ist, mich warnt, wo es gefährlich wird, mir Liebe ins Herz gibt, wo ich zum Egoismus neige, und nicht zuletzt mich ermutigt, aufzustehen, wenn ich auf die Nase gefallen bin.

In besonderer Weise geschieht das im Abendmahl, in dem wir die liebende Hingabe Christi am Kreuz für uns feiern. Hingebende Liebe ist die Höchstform jeder menschlichen Liebe. Mich im Abendmahl von der Hingabe Jesu beschenken zu lassen, ermöglicht mir und verpflichtet mich ­zugleich dazu, mich daran zu orientieren und so gut ich kann, dieser Liebe nachzueifern und sie ­weiterzuschenken.
 

Vom Geheimnis der Beichte

Die Beichte ist in diesem Zusammenhang von ­besonderer Bedeutung. In der Lossprechung sagt mir Christus zu, dass er mir alle Schuld und Sünde vergibt, dass ich ganz neu anfangen kann, ­gestärkt durch seine Liebe. Kann man sich etwas Schöneres vorstellen? Unter uns Menschen ist Vergebung und Versöhnung ein schwieriges Unterfangen. Manchmal scheint es ganz und gar ­unmöglich zu sein, dass bestimmte Menschen sich versöhnen. Gott ist da anders. Er wartet mit offenen Armen auf jeden und ist bereit, immer wieder zu vergeben, nicht nur einmal. Das Einzige, was von unserer Seite nötig ist, ist aufrichtige Reue. Dieses Sakrament ist ein großes Geschenk der Güte Gottes, die unserer Schwäche zu Hilfe kommt. Er weiß, dass bei allem guten Willen „das Fleisch schwach ist“. Die Beichte durchbricht Sackgassen, eröffnet neue Wege und gibt Kraft, diese Wege zu gehen. Gebet, Abendmahl und Beichte, das sind entscheidende Hilfen auf dem Weg der Liebe, Hilfen, ohne die wir kaum aus den Fallen der Isolation und Selbstgefangenschaft ­herausfinden.

Von

  • Rudolf M. J. Böhm

    Sozialpädagoge, gehört mit seiner Frau Renate zur OJC-Auspflanzung in Greifswald, wo er u.a. als Seelsorger aktiv ist.

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